Passa al contenuto principale

Meine Tochter, die Nailfluencerin 💅🏻

Ich hielt Nageldesign für billig, bis meine Tochter mich eines Besseren belehrte. Ihr im Kinderzimmer betriebenes Nagelstudio ist ein feministischer Ort.

Zuerst erschienen am 1. November 2025 auf Spiegel.de (Si apre in una nuova finestra)

Wie lang sind vier Millimeter? Und wo genau beginnen die, wenn man die Länge eines Fingernagels misst – an der Fingerkuppe? Ist es geschummelt, wenn man die zusammendrückt? Misst man nur den weißen Rand?

Die Lebenszeit, die ich in den vergangenen Jahren verschwendet habe, um mit meiner Tochter über derlei Fragen zu diskutieren, ist unwiederbringlich verloren. Inzwischen prangen an ihren Fingern Acrylplatten, so lang und breit, dass ihr der Opa schon vorschlug, damit das Gemüsebeet umzugraben.

Noch überraschender: Auch ich trage mittlerweile Kunstnägel. Modelliert in einem Hobby-Nagelstudio, das noch vor Kurzem ein Kinderzimmer war.

Nageldesign Leo-French

Den Wunsch, künstliche Nägel zu tragen, entwickelte meine Tochter mit zehn, elf Jahren. Wo er herkam – keine Ahnung. Ich trug selbst immer gern Nagellack, aber Kunstnägel hatten für mich, Kind der Achtziger und Teenie der Neunziger, etwas beinahe Nuttiges, mindestens aber Prolliges. Wer nicht im Gewerbe arbeitete, trug »so was« nur zum Karneval. Und dort sprangen die Drogerie-Plastiknägel spätestens beim energischen Gestikulieren zu »YMCA« über die Tanzfläche.

Mit kindgerechten Klebenägeln aus dem Ein-Euro-Shop begann auch meine Tochter. Wir erlaubten es ihr zunächst nur für besondere Gelegenheiten. Gut hielten die Dinger nicht, weswegen sich das Kind heimlich Nagelkleber aus dem Drogeriemarkt holte und nachhalf. Ihre Naturnägel haben sich davon bis heute nicht erholt, auch weil immer mehr »besondere Gelegenheiten« erfunden wurden. Oktoberfest in München, das Nachbarsmädchen wird heute Zehndreiviertel, Sonne scheint.

Weil die Nägel so oft den Abgang machten, verließ das Kind das Haus bald nicht mehr ohne ein Fläschchen Kleber in der Hosentasche. Unvergessen der Besuch in einem Pariser Lokal, als der Zeigefingernagel unter den Tisch der Nachbarn flog. Wie fragt man auf Französisch, ob man da kurz drunter krabbeln und suchen darf? Zu jedem Geburtstag äußerte meine Tochter den immer sehnlicheren Wunsch: eine echte Maniküre! Im Nagelstudio! Ich sagte: »Mit 14 darfst du.« Konnte ja niemand damit rechnen, dass sie einen Wimpernschlag später 14 ist.

»Wer sich keinen großen Luxus leisten kann, dem ist der kleine umso wichtiger.«

Autorin Marlen Hobrack in ihrem Buch »Klassenbeste«

Argomento Texte

0 commenti

Vuoi essere la prima persona a commentare?
Abbonati a Barbara Vorsamer e avvia una conversazione.
Sostieni