Hallo,
vor einigen Wochen habe ich hier über Beziehungen mit großem Altersunterschied (Si apre in una nuova finestra) geschrieben. Einige von euch haben mir geantwortet, unter anderem Theresa Bäuerlein.
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Wenn ihr sie noch nicht kennt: Theresa ist Redakteurin für Sinn und Konsum beim Magazin Krautreporter (Si apre in una nuova finestra), das sie auch mitgegründet hat. Den Job liebt sie - den Stress nicht so. Der Gedanke, dass es doch anders gehen muss, war der Impuls für ihren eigenen Newsletter "Wie du nicht den Verstand verlierst". (Si apre in una nuova finestra)Jeden Mittwoch schreibt sie nun einen Text für Menschen, die wie sie nicht nur funktionieren wollen. Oft geht es um Aufmerksamkeit, um Resilienz und darum, warum unser Gehirn so tickt, wie es eben tickt. Immer sorgfältig recherchiert, immer mit hilfreichen Tipps für deinen Alltag. Hier kannst du Theresas Newsletter abonnieren (Si apre in una nuova finestra), ich empfehle ihn dir sehr.
Hier geht es jetzt weiter mit ihren Gedanken zu Altersunterschieden. Von mir hört ihr nächste Woche wieder.
Liebe Grüße,
Barbara
Meine Mutter lernte meinen Vater in der Regionalbahn kennen. Es war Anfang der Sechziger, sie ging damals zur Dolmetscherschule und übte während der Fahrt mit ihren englischen Arbeitsblättern. Mein Vater kannte sie schon vom Sehen und war in sie verliebt, hatte aber noch nie ein Wort zu ihr gesagt. Bevor meine Mutter ausstieg, bot er ihr eine englische Zeitschrift an. Meine Mutter blätterte sie auf dem Bahnsteig durch. Zwischen den Seiten fand sie seine Visitenkarte. Auf die Rückseite hatte er mit grünem Kugelschreiber geschrieben: "Ich liebe Sie."
Ich finde meinen Vater in dieser Geschichte wahnsinnig galant. Dass meine Mutter bei der Begegnung im Zug 17 Jahre alt war und mein Vater 31, kam mir nie komisch vor. Vielleicht, weil ich sie als Paar nicht anders kannte und meine Eltern immer als gleichberechtigt erlebt habe.
"Es waren andere Zeiten damals"
Der Altersunterschied fiel mir erst richtig auf, als meine Nichte neulich 16 wurde. Sie geht zur Schule und hat sich zum Geburtstag künstliche Fingernägel mit niedlichen Fischmotiven gewünscht. Ich müsste schwer schlucken, wenn sie einen 14 Jahre älteren Mann daten würde.
"Es waren andere Zeiten damals", sagt meine Mutter. "Man war mit 17 viel erwachsener als heute." Die Beobachtung, dass sich der Übergang ins Erwachsensein immer weiter nach hinten verschiebt, haben Forschende schon zur Jahrtausendwende beschrieben (Si apre in una nuova finestra). Der Grund ist nicht, dass junge Menschen fauler oder unreifer wären, sondern weil Studium, Jobsuche und Mieten, die man sich erst mal leisten können muss, den Weg ins Erwachsenenleben verlängert haben.
Dass ältere Personen deutlich jüngere daten, finde ich nicht schlimm, solange dabei niemand Machtverhältnisse ausnutzt. Was mich eigentlich irritiert: Warum ist es fast immer der Mann, der älter ist?
Im Durchschnitt beträgt dieser Unterschied 4,2 Jahre, wie eine Analyse aus 130 Ländern ergab (Si apre in una nuova finestra). Die Daten zeigen auch: In Regionen mit mehr Gleichstellung werden Altersunterschiede beim Dating kleiner. Man kann sagen: Je patriarchaler eine Gesellschaft, desto wahrscheinlicher ist es, dass Frauen mit älteren Partnern zusammen sind. Wenn in einer Gesellschaft fast immer die Männer in Beziehungen älter sind, ist das also kein neutraler Fakt.
In meiner Beziehung ist es umgekehrt. Ich bin vier Jahre älter als mein Mann. Als wir uns vor anderthalb Jahrzehrzehnten kennenlernten, war er 25 und ich 29. "Eigentlich ist der mir zu jung", dachte ich, als wir uns kennenlernten. Umgekehrt wäre mir der Gedanke nie gekommen. Dabei ist es vielleicht gar keine schlechte Idee, wenn Frauen jüngere Männer daten. Das ist mir klar geworden, als ich vor ein paar Monaten Frauen mit jüngeren Partnern interviewt (Si apre in una nuova finestra) habe. Sie sagten mir: Bei jüngeren Partnern sei eher Augenhöhe da. Ältere Männer verhielten sich oft autoritärer.
Wenn Frauen extra jünger daten müssen, um gleichberechtigt behandelt zu werden – was sagt das dann über den Normalfall?
Jill Ciment war 17, als ihr Kunstlehrer sie küsste, der 47-jährige verheiratete Arnold Mesches. Sie verliebten sich, er trennte sich von seiner Frau und heiratete Ciment. Erst nach seinem Tod vier Jahrzehnte später brachte die #metoo-Bewegung die renommierte Künstlerin dazu, den Beginn ihrer Ehe in einem neuen Licht zu sehen. In ihrem 2024 erschienen Buch "Consent" fragt sich Ciment, ob sie zu jung war, um der Beziehung wirklich zustimmen zu können. Sie kommt zu keiner klaren Antwort.
Charmante Männer, Lustmolche oder Täter?
In einem Interview mit dem US-Radiosender NPR denkt sie darüber nach (Si apre in una nuova finestra), wie die Gesellschaft ihre Geschichte je nach Jahrzehnt anders erzählen würde. 1970, meinte sie, hätte man Mesches als charmanten, reifen Mann gesehen, und sie als das coolste Mädchen in der Nachbarschaft. In den Neunzigern hätte man ihn einen Casanova genannt, vielleicht einen Lustmolch – aber vor allem Ciment die Schuld für die Affäre gegeben, weil es reichte, wenn eine Frau sexuell existierte, um sie zu verurteilen. Heute würde man vielleicht bei Mesches von "Täter" und von Ciment als "Opfer" reden.
"Die Sprache hat sich verändert", sagt Ciment. "Und mit der Sprache verändert sich, was wir überhaupt sehen können." Sie sieht sich heute nicht als Opfer. Ihre Ehe war glücklich. Aber sie sagt auch: Wenn sie heute beobachten würde, wie ein 47-jähriger Mann eine 17-jährige anmacht, würde sie eingreifen.
Meine Mutter sagt: "Mir wurde als junges Mädchen vermittelt, dass der Mann älter sein müsse, um eine Familie zu ernähren. Und auch, weil er die Frau 'führen' sollte, wie es damals selbstverständlich war und ja auch der gültigen Gesetzgebung entsprach! Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen."
Ich weiß nicht, wie sie mit 17 war. Ich habe sie erst mit 38 kennengelernt, als ich auf die Welt kam. Aber ich bin mir sicher: Sie hat sich nicht lange führen lassen.
Ein schönes Wochenende wünscht
Theresa
PS: Wenn ihr öfter von mir lesen wollt, abonniert meinen Newsletter "Wie du nicht den Verstand verlierst" (Si apre in una nuova finestra). Wenn ihr Barbara vermisst: Sie hat dort vorgestern eine Gastausgabe über das Fracking ihres Verstandes (Si apre in una nuova finestra) geschrieben.