Gerade weil die US-Regierung so viel Unwahres behauptet, spielt das Smartphone eine umso größere Rolle. Es gibt nun einen Kampf um visuelle Deutungshoheit.
Selbst die New York Times schreibt mittlerweile in ihrem Leitartikel: “Die Trump-Regierung lügt uns ins Gesicht” (Si apre in una nuova finestra). Es geht natürlich darum: Der Krankenpfleger Alex Pretti hatte nur sein Smartphone in der Hand, als Grenzschutz-Beamte brutal auf ihn losgehen. Und ihn schließlich erschießen. Die Aufnahmen sind so schrecklich, dass sich schnell Entsetzen und Betroffenheit weltweit ausbreitete.
Kommunikativ zeigt sich hier auch die Macht von Bildern – speziell in einer vernetzten Öffentlichkeit. Sie emotionalisieren Menschen, sie können oft schneller als Worte ein Unrecht begreifbar machen. Natürlich können Fotos und Videos auch manipuliert oder in einen falschen Kontext gerückt werden (dazu komme ich noch). Aber im Fall von Alex Pretti hat die Trump-Regierung ein kommunikatives und inhaltliches Problem: Sie nutzen nun Worte, um den Erschossenen Alex Pretti zu diskreditieren, ihn als angeblich gefährlich darzustellen. Doch häufig wirken Bilder eindrucksvoller als Worte. Und man sieht eben auf den Videos dieser Tötung, dass der Demonstrant Pretti nur ein Smartphone in der Hand hielt. Hier ist das Bild die stärkere Botschaft.
Es findet ein Rennen um Bildmaterial von Konfliktsituationen statt – einerseits versuchen Medien mit dem raschen Auswerten der Fotos und Videos Klarheit zu schaffen. Andererseits kann es auch vorkommen, dass zum Beispiel die Trump-Regierung isoliert einzelne Aufnahmen nutzt, diese aber im starken Kontrast zur detaillierten (Si apre in una nuova finestra)Analyse aller vorhandenen Videos stehen. Im Fall von Renée Good war das so. Das Trump-Lager streute genau die Videos, die den falschen Eindruck erweckten, die Frau habe den ICE-Agenten überfahren. Dem widerspricht die genaue Video-Analyse (Si apre in una nuova finestra) aus mehreren Perspektiven. Bei Bildmaterial kann es auch mehrere Probleme oder Hürden geben: Tatsächlich ist es so, dass Videos aus einer ungünstigen Perspektive einen verzerrten Eindruck vermitteln können und dass grobkörnige Aufnahmen oft täuschen. Und hinzu kommt, dass mittels KI Aufnahmen sehr leicht nachbearbeitet oder zur Gänze erfunden werden können. Genau deshalb ist also enorm wichtig, dass Medien sämtliches Material analysieren und Sekunde für Sekunde versuchen, den Vorfall zu rekonstruieren.
Es gibt also einen Kampf um visuelle Deutungshoheit. Bei Renée Good wurde mit isolierten Bildern versucht, eine Täter-Opfer-Umkehr zu betreiben. Im Fall von Alex Pretti hat die US-Regierung anscheinend bisher kein Bildmaterial, mit dem sie ihre Behauptungen untermauern könnten.
Dass nun so viel hilfreiches Bildmaterial vorhanden ist, kann auch daran liegen, dass es speziell im Bundesstaat Minnesota Trainings für Freiwillige gibt. So gab es in den vergangenen 12 Monaten Trainings von tausenden Menschen, wie sie ICE legal beobachten können (Si apre in una nuova finestra). Davon berichtet Robert F. Worth in “The Atlantic”. Und auch für Menschen außerhalb von Minnesota gibt es Schulungen (Si apre in una nuova finestra), wie sie das Vorgehen von ICE dokumentieren können.
Bemerkenswert an den Tötungen von Alex Pretti und Renée Good ist meines Erachtens auch: Die ICE-Männer oder Grenzschutzbeamte können ja sehen, dass sie gefilmt werden – es scheint sie nicht so einzuschränken, dass sie de-eskalieren oder auf Gewalt verzichten würden. In meinen Augen deutet das darauf hin, wie sehr sich diese Männer politisch geschützt fühlen (oder auch, wie sehr in ihren Reihen ein aggressives Vorgehen normalisiert ist). Hier hat das Mitfilmen keine oder nicht genügend abschreckende Wirkung. Sehr wohl aber ermöglichen diese Aufnahmen, Menschen wachzurütteln. Auf Social Media zum Beispiel melden sich jetzt auch US-Bürger:innen zu Wort, die üblicherweise Hühner-Content (Si apre in una nuova finestra) oder Eltern-Videos (Si apre in una nuova finestra) posten
Und das ist faszinierend: Obwohl Trump und seine Leute so sehr auf die Macht von Medien achten, unterschätzen sie meines Erachtens derzeit die Macht von Bildern.
Smartphones können in der aktuellen Situation auch ein Instrument der Machtkritik sein. Indem sie reale Vorfälle festhalten. “Die Realität ist das, was nicht verschwindet, selbst wenn man aufhört, daran zu glauben”, schrieb der Autor Philip K. Dick (Si apre in una nuova finestra). Die Erzählung der Trump-Regierung baut im Wesentlichen darauf auf, dass ein relevanter Teil der US-Bevölkerung nicht die Realität ernsthaft erkennen versucht – sondern den Anschuldigungen und Feindbildern vertraut, die Trump und seine Leute kommunizieren. Doch diese Regierung hat durchaus das Problem, dass ihnen die Realität vielfach widerspricht: Und manchmal können Handykameras Realität sehr eindrucksvoll einfangen und digitale Kanäle diese Videos zugänglich machen. Manchmal ist es verdammt schwer, die Realität auszublenden.
Diese Form der Machtkritik ist insbesondere in Ländern notwendig, in denen die Regierung oft unwahr kommuniziert. Und die Trump-Regierung kommuniziert auffällig unwahr. Die Realität scheint sie oft wenig zu kümmern, das reicht von Unterstellungen gegenüber Erschossenen bis hin zu manipulativen Bildern. Erst neulich hat das Weiße Haus sogar ein stark manipuliertes Foto (Si apre in una nuova finestra) einer verhafteten Frau verbreitet. Solche Posts zeigen der Öffentlichkeit auch, wo sie ihr Vertrauen lieber nicht investieren sollte.
Und ein letzter Punkt noch:
Es ist wichtig, dass Menschen auf sich selbst und ihre Emotionen achten, wie sehr sie dieser Vorfall oder die Bilder davon mitnehmen. Das starke Teilen dieser Videos verdeutlicht den Ernst der Lage, sorgt für Aufklärung. Jedoch kann es enorm belastend sein, wenn Menschen durch ihren Feed scrollen und in einer Tour reale Szenen sehen, wie jemand erschossen wird. Auf manchen Plattformen, leider nicht allen, kann man abschalten, dass die App automatisch Videos abspielt.
>> Hier gibt es eine Übersicht (Si apre in una nuova finestra), wie man Autoplay auf einigen Plattformen ausschalten oder verringern kann.
Derzeit kann man sehr gut erkennen, wie sehr die Algorithmen vieler Plattformen darauf getrimmt sind, Menschen weitere ähnliche Inhalte anzuzeigen, nachdem sie ein Video beispielsweise bis zu Ende geschaut haben. Das kann dazu führen, dass Menschen im Feed nun extrem viele Beiträge zur Erschießung von Alex Pretti eingeblendet bekommen – weil sie zum Beispiel schockiert bei einem dieser Videos hängen blieben.
Es ist deshalb sinnvoll, sehr auf sich zu achten. Auch in sich hineinzuspüren: Wie geht es mir, wenn ich solche Beiträge sehe? Wenn man merkt, solche Aufnahmen belasten einen oder man will nicht einfach ungefragt damit konfrontiert werden, kann man die Autoplay-Funktion in manchen Apps ausschalten – oder auch gezielt Social-Media-Apps an Tagen meiden, an denen das Thema besonders viral diskutiert wird. Diese Achtsamkeit dafür, wie es einem beim Scrollen durch den Feed geht, ist generell eine wichtige Kompetenz auf Social Media.
Heutige Social-Media-Plattformen bevorzugen Video-Content – ein emotional besonders starkes Medium. Man kann aber auch tiefgehend und aktuell informiert sein, indem man gut recherchierte Texte (Si apre in una nuova finestra) oder Podcasts (Si apre in una nuova finestra) oder Radiosendungen (Si apre in una nuova finestra) konsumiert. Hierbei betrachtet zum Beispiel jemand anders für einen das Bildmaterial und ordnet es dann in Worten ein. Also selbst wenn die Realität manchmal erdrückend ist, muss man sie nicht vermeiden, sondern kann überlegen, über welches Medium man sich ihr zuwenden möchte.
Danke an alle, die bis hierhin gelesen haben - ich melde mich wieder in zwei Wochen!
Schönen Gruß
Ingrid Brodnig