Eine Genossenschaft für unabhängige AT-Proto-Infrastruktur in Europa

Der Kurznachrichtendienst Bluesky (Si apre in una nuova finestra) ist mit über 37 Millionen User:innen (Si apre in una nuova finestra) die größte und erfolgsversprechendste offene Alternative zu Elon Musks X-Hölle und Mark Zuckerbergs Threads. Ich habe großen Respekt davor, was Mastodon-Gründer Eugen Rochko und viele andere mit vergleichsweise geringen finanziellen Mitteln aufgebaut haben. Sie haben großartige Pionierarbeit geleistet. Aber Mastodon & Co sind dabei gescheitert, eine echte Alternative für die Mainstream-User:innen zu werden. Dafür gibt es technische, finanzielle und kulturelle Gründe, aus denen wir lernen sollten.
Viele im Fediverse wollen auch gar nicht Mainstream werden, sondern haben es sich in ihrer kleinen Nische gemütlich gemacht. Das ist auch völlig in Ordnung. Immerhin sind bei Mastodon lose verbundene Gemeinschaften mit rund 800.000 monatlich aktiven User:innen (MAU) weltweit entstanden. Bei Bluesky ist es aber ein Vielfaches davon. Wer sich im Fediverse wohlfühlt, soll dort aktiv bleiben. Dank Bridgy.Fed (Si apre in una nuova finestra) kann man auch vom Fediverse mit der ATmosphäre kommunizieren und umgekehrt. Bluesky und Mastodon, das Fediverse und die ATmosphäre sollten sich nicht als Rivalen begreifen, sondern als Partner:innen im Kampf gegen die großen Tech-Oligarchen - Verbündete mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Wobei das Fediverse definitiv massiv davon profitieren würden, wenn es von ActivityPub zu dem technisch vielerlei Hinsicht überlegenem AT-Protokoll wechseln würde.
Dezentralisierung für den Mainstream
Das Bluesky zugrundeliegende AT-Protokoll (Si apre in una nuova finestra) ermöglicht den Aufbau eines offenen und föderierten sozialen Netzwerks mit Checks & Balances, das nicht von einem einzelnen Milliardär oder Konzern kontrolliert werden kann. Es bietet zugleich eine User-Experience, die genauso gut oder sogar besser ist wie bei zentralisierten Social Media Apps.
Im Gegensatz zum ActivityPub-Protokoll von Mastodon begrenzt es die Macht der einzelnen Server-Admins und gibt stattdessen uns User:innen mehr Kontrolle über unser Social Media-Erlebnis. Die Entwickler:innen des AT-Protokolls haben aus den Schwächen von ActivityPub gelernt - AT-Proto ist AP technisch in vielerlei Hinsicht überlegen. ActivityPub funktioniert gut für kleine lokale Communities, aber es eignet sich weniger gut für ein globales Netzwerk mit Hunderten Millionen Nutzer:innen. Es ist zwar technisch möglich, damit große Plattformen wie Threads zu betreiben, aber die funktionieren dann genauso wie zentralisierte Plattformen. Das zeigt sich auch bei Donald Trumps Mastodon-Instanz Truth Social.
Auf Mastodon wird die Benutzererfahrung maßgeblich davon geprägt, auf welchem Server (Instanz) man sich befindet. Bei Bluesky hingegen merkt man meistens nicht einmal, wenn ein Account auf einem anderen Personal Data Server (PDS) gehostet ist. Die Server-zu-Kommunikation bei Mastodon hat zu niedrige Skalierungsgrenzen. Man kann auch nicht einfach ohne Kooperation des bisherigen Server-Betreibers auf eine andere Instanz umziehen. Bei AT-Proto kann man das, eine Zustimmung des bisherigen Serverbetreibers ist dafür nicht nötig. Dabei lässt sich sogar die gesamte bisherige Posting-Historie mitnehmen und man kann sein bisheriges Custom-Handle behalten - das ist beides bei Mastodon nicht vorgesehen.
AT-Proto und Bluesky entstanden ursprünglich aus einem Forschungsprojekt von Twitter. Der damalige Twitter-CEO Jack Dorsey und sein Technik-Chef Parag Agrawal beauftragten ein kleines, unabhängiges Team aus Software-Expert:innen, ein offenes und dezentrales Protokoll für Twitter zu entwickeln. Daher wurde das AT-Protokoll von Anfang an für ein globales soziales Netzwerk mit mehr als 500 Millionen User:innen konzipiert. Der Arbeitstitel des Projektes lautete: Bluesky.

Noch wird AT-Proto von einer Firma dominiert
Doch derzeit wird fast die gesamte Infrastruktur noch von Jay Grabers Public Benefit-Unternehmen Bluesky betrieben und befindet sich größtenteils in Rechenzentren an der West- und Ostküste der USA. Es gibt zwar bereits Feed-Generatoren, Labeler und Client-Apps von Drittanbietern und Tausende Personal Data Server (PDS) sowie ein paar eher experimentelle alternative App-Views und Relays, die nicht von Bluesky Social PBC betrieben werden. Doch die allermeisten Bluesky-User:innen nutzen überwiegend die Infrastruktur von Bluesky Social PBC.
Angesichts der unübersehbaren autokratischen Tendenzen der Regierung von Donald Trump und JD Vance halte ich es für riskant, dass sich fast die gesamte technische Infrastruktur derzeit in den USA befindet und damit deren Gerichtsbarkeit unterliegt. Würde die Trump-Regierung von einem Tag auf den anderen Bluesky vom Netz nehmen, hätten wir kein Zugriff mehr auf unsere Daten.
Zwar kann bei Bluesky jede:r Nutzer:in seine User-Daten selbst hosten (Si apre in una nuova finestra), das erfordert nur wenig Rechenleistung. Dafür reicht sogar ein Raspberry Pi aus, der mit einem Router verbunden ist. Doch bisher tun das nur ein paar Tausend der über 37 Millionen Bluesky-User:innen. Es ist eher etwas für Nerds und noch nicht so einfach wie es sein sollte, mit seinem gesamten Repository (Si apre in una nuova finestra) auf ein anderes PDS umzuziehen und damit mehr Kontrolle über die eigenen Daten zu gewinnen.
Ich gehe davon aus, dass die meisten Bluesky-Nutzer:innen es einfacher und bequemer finden werden, dafür einen professionellen, sicheren und nachhaltigen Hosting-Anbieter zu nutzen. Gemeinsam mit anderen möchte ich deshalb eine Genossenschaft gründen, die vom Unternehmen Bluesky Social PBC (Si apre in una nuova finestra) unabhängige AT-Proto-Infrastruktur in der Europäischen Union 🇪🇺 betreibt.
In einem ersten Schritt wollen wir mit dem Aufbau unabhängiger PDSes in der EU zu beginnen, auf denen Bluesky-Accounts sicher und kostengünstig gehostet werden können und die energieffizient mit 100 Prozent Ökostrom betrieben werden. Später, wenn wir mehr Mitglieder gewonnen haben, könnten wir weitere Teile der Infrastruktur selbst betreiben. Dabei streben wir eine Zusammenarbeit sowohl mit der Initiative Free Our Feeds (Si apre in una nuova finestra), dem Unternehmen Bluesky-PBC, unabhängigen AT-Proto-Entwickler:innen und den Betreibern von Drittanbieter-Clients an.
Weitere Angebote der Genossenschaft könnten unter anderem ein deutschsprachiger Support-Service für Selbsthoster sein, ein eigener Moderationsservice (Labeler) oder ein eigener Bluesky-Feed nur für Mitglieder oder Abonennt:innen. Außerdem könnte die Genossenschaft unabhängige AT-Proto-Entwickler:innen fördern.
Darüberhinaus sollte sich die Genossenschaft in der EU und auf nationaler Ebene für eine bessere Regulierung von Social Media Plattformen einsetzen. Der Digital Service Act und der Digital Market Act (DMA) der EU weist in die richtige Richtung, hat aber einige Schwächen. Es ist zu befürchten, dass die EU-Kommission vor Donald Trump in die Knie geht, um einen Handelskrieg mit den USA und US-Strafzölle auf europäische Autos zu vermeiden. Um so wichtiger ist hier zivilgesellschaftlicher Druck. Unser Ziel ist es, Social Media von Milliardären und Autokraten zurückzuholen.