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Jetzt wird gebaut

Bild: EW ESS

Liebe Leserinnen und Leser,

am Mittwoch stand Sachsen-Anhalts Energieminister Armin Willingmann auf einer Industriebrache in Klostermansfeld, einer Gemeinde mit 3.000 Einwohnern im Landkreis Mansfeld-Südharz, und griff zum Spaten. Auf 15 Hektar versiegelter Fläche entsteht dort Deutschlands größter Batteriespeicher. In Berlin-Marzahn weihte das Cleantech-Startup Ucaneo gestern die erste deutsche Anlage ein, die CO2 aus der Luft filtert und dauerhaft im Untergrund speichert. Und seit heute Morgen steht bei Cleanthinking ein Gespräch über flüssiges Salz, das Industriebetrieben den Gaskessel ersetzt.

Letzte Woche endete dieses Briefing mit dem Satz, die Hitze habe vorgeführt, was das Warten kostet. Diese Woche liefert die Gegenbewegung: Es wird gebaut.

Dampf aus flüssigem Salz, Regelenergie inklusive

Die Energiewende hat eine vergessene Hälfte. 75 Prozent der industriellen Prozesswärme in der EU stammen noch aus fossilen Quellen, Strom deckt gerade vier Prozent, so das Fraunhofer ISI. „Industriebetriebe brauchen typischerweise zwei Drittel ihrer Energie als Wärme und nur ein Drittel als Strom", sagt Tim de Haas, Chief Commercial Officer der norwegischen Kyoto Group, im Gespräch mit Cleanthinking. Beim Strom ist die Dekarbonisierung weit gekommen, die Wärme holt erst jetzt auf.

Die Antwort der Norweger heißt Heatcube: Flüssiges Salz wird mit Strom auf über 415 Grad erhitzt und gibt die Energie als Prozessdampf bei 150 bis 300 Grad wieder ab. Heizen, Speichern, Übertragen, alles im selben Medium, ohne Zwischensystem. Weil die Schmelze fließt, kann die Anlage gleichzeitig laden und entladen.

Die größte Anlage steht beim Lebensmittelproduzenten KALL Ingredients in Ungarn: 56 Megawattstunden Speicherkapazität, nach Unternehmensangaben der größte elektrifizierte thermische Industriespeicher Europas, finanziert und betrieben von Kyoto Group, der Kunde kauft nur den Dampf.

Der eigentliche Präzedenzfall steht aber in Aalborg. Dort hat Netzbetreiber Energinet den Heatcube als weltweit ersten Salzschmelze-Speicher für den Regelenergiemarkt zugelassen, Reaktionszeit unter drei Sekunden. Ein Wärmespeicher, der Dampf liefert und nebenbei das Stromnetz stabilisiert: Genau diese Doppelrolle honoriert auch die EU. In der milliardenschweren Pilotauktion zur Elektrifizierung von Prozesswärme gilt eine Kapazitätsgrenze, damit Anlagen nicht in Knappheitsstunden Strom ziehen. Projekte mit Speicher sind davon ausgenommen, weil sie laden, wenn Strom im Überfluss da ist.

„Wenn du Dampf brauchst, speichere die Energie in Form von Wärme." (Tim de Haas, Chief Commercial Officer, Kyoto Group)

Der vollständige Beitrag ist heute Morgen (Si apre in una nuova finestra) bei Cleanthinking erschienen.

Ein Gigawatt auf der Brache

Was das Salz für den Dampf ist, ist die Batterie für das Netz. In Klostermansfeld baut der Schweizer Betreiber BW ESS jetzt 1.000 Megawatt Leistung und bis zu 5.700 Megawattstunden Kapazität, den größten in Bau befindlichen Batteriespeicher Deutschlands. Mehr als 1.100 Batteriecontainer entstehen auf einer versiegelten Industriebrache, keine Flächenkonkurrenz zur Landwirtschaft, dafür reichlich Lob, auch in den Business-Netzwerken.

Die Standortwahl ist der Kern des Projekts. Das Umspannwerk Zirkelschacht ist ein zentraler Netzknoten und liegt an der Trasse des SuedOstLink, der ab 2027 Windstrom aus Sachsen-Anhalt nach Bayern transportieren soll. Der Speicher speist direkt in die Höchstspannungsebene ein, kann Erzeugungsspitzen puffern, bevor sie die Leitung überlasten, und Lücken füllen, wenn sie ausgelastet ist. Genehmigt wurde das Ganze ohne eigenen Bebauungsplan, im Einvernehmen mit einer Gemeinde, die erstmals die volle Gewerbesteuer eines Energieprojekts behält.

Leserinnen und Leser dieses Briefings kennen das Lehrbuchargument aus der Vorwoche: Tagsüber drückt die Photovoltaik die Preise, abends setzen Gaskraftwerke den Takt, wer dazwischen speichert, verdient Geld und stabilisiert das Netz. Klostermansfeld ist die bislang größte deutsche Antwort darauf. Und der Andrang ist enorm: Bei den vier Übertragungsnetzbetreibern liegen Anschlussanfragen für über 500 Gigawatt Speicherleistung, gebraucht werden bis 2035 etwa 55 bis 100. Der Engpass ist nicht Kapital, sondern der Netzanschluss.

Die vollständige Einordnung zum Projekt gibt es bei Cleanthinking. [https://www.cleanthinking.de/klostermansfeld-europas-groesster-speicher/ (Si apre in una nuova finestra)]

Der Massenmarkt zieht ein

Dieselbe Logik skaliert nach unten, bis in die Mietwohnung. Auf der Energiemesse The smarter E in München, 2.650 Aussteller, rund 105.000 Fachbesucher aus 163 Ländern, gab es kaum noch Einzelgeräte zu sehen, sondern Komplettsysteme aus Photovoltaik, Speicher, Wallbox und Wärmepumpe, gesteuert von KI. Heimspeicher kosten im Schnitt noch rund 315 Euro pro Kilowattstunde, ein Drittel weniger als 2023.

Bild: Solar Promotion

Volkswagen bringt das bidirektionale Laden in den Volumenmarkt: 360.000 Fahrzeuge in Deutschland sind technisch startklar, die Wallbox von The Mobility House kostet 1.000 bis 2.000 Euro statt des Doppelten bis Fünffachen bisheriger Pilotlösungen. Und Octopus Energy steckt Mietern einen Speicher von der Größe eines Getränkekastens in die Steckdose. Die größere Variante fürs Eigenheim kostet einmalig 1.999 Euro, dafür gibt es zehn Jahre lang null Euro Stromkosten auf die ersten 2.000 Kilowattstunden im Jahr.

„Überall, wo Speicher ins Netz kommt, fallen die Strompreise." (Herbert Diess, Verwaltungsratschef, The Mobility House)

Je mehr Haushalte mitmachen, desto stärker sinken die Kosten für alle, auch für jene ohne eigene Anlage. Wie die neue Energiewelt den Massenmarkt erobert, steht bei Cleanthinking (Si apre in una nuova finestra).

Sogar die CO2-Entnahme läuft jetzt flexibel

Auch das dritte Bauprojekt dieser Woche folgt dem Muster. Die Ucaneo-Anlage in Berlin-Marzahn filtert 150 Tonnen CO2 pro Jahr aus der Luft, mit Strom statt Wärme: Ein enzymbasiertes Lösungsmittel bindet das Gas, elektrische Spannung setzt es wieder frei. Den Strombezug können die Berliner flexibel in Stunden mit viel Wind- und Solarstrom legen. Das CO2 wird nach Dänemark transportiert und dauerhaft in Gesteinsformationen gespeichert.

Bild: Ucaneo

Beim Preis nennt das Unternehmen unter 300 Euro pro Tonne, Marktführer Climeworks liegt laut Schätzungen bei 600 bis 800 Dollar. Siemens standardisiert die Automatisierung, für 2027 ist eine Folgeanlage mit zehnfacher Kapazität geplant. Eine Flanke bleibt offen: An der Seed-Runde war Aramco Ventures beteiligt, und wer die Entnahme-Zertifikate am Ende nutzen darf, beantwortet das Unternehmen bislang nicht öffentlich.

Was hinter dem Verfahren steckt und wie es sich von Climeworks unterscheidet, gibt es bei Cleanthinking (Si apre in una nuova finestra).

Und der Kulturkampf? Läuft ins Leere

Während gebaut wird, sucht die Debatte ihr Thema. In Frankreich hat Marine Le Pen die Klimaanlage zum Wahlkampfversprechen gemacht, als „gesunden Menschenverstand" gegen angebliche Verzichtsprediger. Die Kulisse dazu ist bitter: Das RKI schätzt mehr als 800 hitzebedingte Sterbefälle in Deutschland bis zum 21. Juni, die große Juniwelle noch nicht mitgezählt. Die Kölner Leitstelle zählte auf dem Höhepunkt 1.136 Einsätze an einem einzigen Tag, normal sind rund 500.

In Deutschland hat Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge die importierte Kulturkampf-Vorlage nicht abgewehrt, sondern umgedreht: fünf Milliarden Euro für Klimaanlagen plus Solar in Kitas, Schulen, Kliniken und Pflegeheimen. Der wunde Punkt liegt woanders.

KI-generiert

Das passende Förderprogramm AnpaSo liegt seit Januar auf Eis, wer heute einen Antrag stellen will, kann das nicht. Warum der Kulturkampf beendet ist, bevor er hierzulande richtig begonnen hat, steht im Kommentar bei Cleanthinking (Si apre in una nuova finestra).

Schluss

415 Grad heißes Salz in Ungarn. 1.100 Batteriecontainer im Mansfelder Land. Ein Speicher im Getränkekastenformat hinter der Wohnungstür. Während die Debatte noch klärt, wer beim Thema Hitze zuerst recht hatte, wird die Antwort längst betoniert, verkabelt und eingesteckt. Es gewinnt, wer einfach baut.

In diesem Sinne,

Ihr Martin Jendrischik

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