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Erinnerungskultur auf Augenhöhe

… und warum die Forderung nach einem Pflichtbesuch in KZ-Gedenkstätten mindestens schwierig ist. - 25. Mai 2025

Auf einer Bühne sitzen drei Menschen: Die Journalistin Nora Hespers, die ein Mikrofon vor ihren Mund hält, EVZ-Projektleiter Jens Schley und Leon Walter, der an der MEMO-Studie als Wissenschaftlter mitgearbeitet hat. Im Hintergrund ist auf einer LED-Leinwand das Logo Gedenkanstoß zu sehen. Darunter in großen schwarzen Buchstaben: Der Nationalsozialismus, der Fußball und die Aufarbeitung.
Beim "Gedenkanstoß" im Fußballmuseum in Dortmund am 19. Mai 2025 ging es um NS-Aufarbeitung im Fußball. © EVZ/Sarah Jabs, www.sarahjabs.de

Diese Woche schreit nach einer neuen Newsletterausgabe. Und vielleicht fang ich einfach mit dem Montag an. Dem Montagabend um genau zu sein. Denn da fand im Fußballmuseum in Dortmund die Auftaktveranstaltung der EVZ-Reihe “Gedenkanstoß” statt. Es ging um Erinnerungskultur im Fußball und mit welchen Projekten vor allem Fans und Fanprojekte, aber auch Vereine versuchen, die Erinnerungsarbeit mit dem Sport zu verbinden.

Die aktuelle MEMO-Studie (Si apre in una nuova finestra) des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld im Auftrag der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) (Si apre in una nuova finestra) hat Ende April für einige Schlagzeilen gesorgt. Wir befinden uns an einem “erinnerungskulturellen Kipp-Punkt”. Das heißt: Erstmals ist eine knappe Mehrheit der Befragten der Meinung, wir sollten einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen. Das ist ein bedrückendes Ergebnis. Aber es ist wenig verwunderlich, denn - und das schreibe ich gerade aus Berlin mit Blick auf den Deutschen Bundestag - Erinnerungskultur ist an manchen Stellen ohnehin längst nicht mehr als eine abzuleistende Performance ohne jegliche tiefere Bedeutung.

Screenshot aus der MEMO-Studie:
Eine große, handschriftliche Zahl: 38,1%
Darunter folgender Text:
38,1 Prozent der Befragten stimmten der Forderung nach einem "Schlussstrich" unter die NS-Zeit zu. Dagegen lehnten 37,2 Prozent der Befragten diese Forderung ab und waren damit zahlenmäßig zum ersten Mal seit Beginn der MEMO-Studienreihe in der Minderheit. (Quelle: Gedenkanstoß-Studie 2025, S. 58) (Si apre in una nuova finestra)
Zitat aus der Gedenkanstoß-Studie von 2025

Das ließ sich nicht nur am 29. Januar 2025 erkennen, als die CDU mit Hilfe der Stimmen der AfD eine menschenfeindliche und rassitsische Gesetzgebung auf den Weg bringen wollte. Das ließ sich auch sehr gut bei der Beerdigung von Margot Friedländer feststellen und der Selfie-Flut mit einer Shoa-Überlebenden, deren Persönlichkeit weniger im Zentrum stand als vielmehr das aktuelle politische Engagement der Selfieposter*innen. Es ging also mehr um Selbstinszenierung als darum, Margot Friedländer zu gedenken, deren gesamte Existenz ohnehin auf nur einzelne Sätze reduziert wird. Und so wenig ich den Menschen, die diese Posts verfasst haben, ihre Betroffenheit und Trauer absprechen möchte, so sehr möchte ich sie dazu auffordern, das vielleicht doch nochmal zu reflektieren. Und mit diesem Wunsch bin ich nicht allein.

KZ-Gedenkstättenbesuchspflicht

Das Perfide: Menschen wähnen sich mit solchen Fotos auf der guten Seite. Nach dem Motto: Ich habe Margot Friedländer getroffen, sie war nett zu mir, ein versöhnlicher Geist, ich gehöre bereits zu den Guten und Aufgeklärten. Seht her, hier ist das Foto als Beweis. Wenn es doch nur so einfach wäre. Aber aus dieser Gewissheit, bereits zu den Guten und Aufgeklärten zu gehören, entspringt am Ende auch die Forderung nach einer Pflicht zum Besuch einer KZ-Gedenkstätte, oder um ein schönes, langes, deutsches Wort dafür zu nehmen: KZ-Gedenkstättenbesuchspflicht. Toll, was deutsche Sprache kann, nicht wahr?

Dabei weiß Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sehr wohl, dass KZ-Gedenkstätten vor allem einen Endpunkt der nationalsozialistischen Terror- und Gewaltherrschaft darstellen: "Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und der Judenmord haben ja nicht in Auschwitz begonnen", wird sie zitiert (Si apre in una nuova finestra). Es habe mit einer schleichenden Entrechtung, Entmenschlichung, Enteignung begonnen. Schule und Gesellschaft müssten Empathie vermitteln.

Screenshot aus der MEMO-Studie
"Dass viele Befragte angeben, sich intensiv mit der Geschichte des Nationalsozalismus beschäftigt zu haben und zugleich an Wissensfragen scheitern, deutet unter anderem auf Leerstellen in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit hin. Was für mich in der Studie noch zu kurz kommt, ist die Frage, welche Erkenntnisse die Menschen aus ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema für sich persönlich ziehen."
Dr. Stephanie Bohra/Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leitung Bildung der Stiftung Topographie des Terrors (Si apre in una nuova finestra)
Screenshot aus der MEMO-Studie

Ich glaube, sie ist kurz davor es zu verstehen. Aber vielleicht lässt sich an dieser Stelle noch ein bisschen nachhelfen. Und damit komme ich zurück zur “Gedenkanstoß”-Veranstaltung in Dortmund Anfang der Woche. Da haben sich nämlich auch Projekte vorgestellt, die genau das machen: Sie bieten Fahrten zu KZ-Gedenkstätten an - und bereiten diese sowohl vor als auch nach. Und da liegt ein entscheidender Punkt. Denn die Spuren der Verfolgung beginnen in der Regel vor der eigenen Haustür. Und - da möchte ich Frau Prien gerne freundlich, aber bestimmt widersprechen: Die Entrechtung, Entmenschlichung und Enteignung haben keinesfalls schleichend begonnen. Also wirklich gar nicht. Sie standen von Beginn an klar und deutlich im Parteiprogramm der NSDAP. Und - aufgemerkt, liebe CDU - die Abschaffung der deutschen Staatsbürgerschaft für Jüdinnen*Juden stand von Anfang an, also ab 1923, im Parteiprogramm der NSDAP.

Es begann vor der eigenen Haustür

Daran ist nichts, aber auch wirklich gar nichts schleichend. Und auch Antisemitismus - und zwar religiös geprägter und verbreiteter Antisemitismus - waren bereits in der Gesellschaft weit verbreitet. Ebenso wie rassistische Vorurteile, die Verfolgung von Sinti*zze, Romnja und Jenischen (es wurden in der Weimarer Republik bereits entsprechende Akten über Menschen angelegt, die diesen Communities angehörten). Auch sogenannte “Asoziale” wurden diskriminiert, Alkoholiker, Menschen mit Behinderungen - es war alles da. Entmenschlichung und Diskriminierung waren bereits Teil der Gesellschaft. Das war die Basis auf der die Nazis ihre Mordmaschinerie errichtet hat. Und das nicht erst mit dem Bau von Konzentrationslagern. Es begann mit der gnadenlosen Verfolgung, Zerschlagung und teilweisen Vernichtung der politischen Opposition. Und gleichzeitig mit dem aktiven und radikalen Ausschluss von Jüdinnen*Juden aus der Gesellschaft.*

Dieser Ausschluss von Jüdinnen*Juden wurde - ohne Not und jeglichen Zwang - bereits zu Beginn der NS-Herrschaft auch in Sportvereinen aktiv vorgenommen. Außerdem zerschlug die NSDAP die Arbeitersportvereine, enteignete deren Grundstücke und Sportstätten, bereicherte sich am Vereinsvermögen. Für dieses Wissen braucht es keinen Besuch in einer KZ-Gedenkstätte. Dieses Wissen kann ich vor meiner Haustür finden. Auf Stolpersteinen lesen, da, wo bereits Aufarbeitung stattgefunden hat, in der Vereinschronik. Und so gehört für Unternehmen wie “What matters (Si apre in una nuova finestra)”, die Gedenkstättenfahrten für Unternehmen, aber auch Sportvereine anbieten, die Spurensuche vor Ort zur Vorbereitung solcher Fahrten. Denn es ist nicht nur wichtig, den Menschen vor Augen zu führen, wo es endete, sondern auch, wo es begann. Ein Angebot, das sogar sehr viel niedrigschwelliger ist als ein Gedenkstättenbesuch.

Ein Stolperstein vor dem Eingang des Hotels in Berlin, in dem ich am Wochenende übernachtet habe: Hier wohnte Alexander Westermayer, Jg. 1894, im Widerstand Europäische Union, verhaftet 9.9.1943, hingerichtet 19.6.1944, Brandenburg-Görden (Si apre in una nuova finestra)
An dem Tag, an dem mein Großvater Theo Hespers in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, wurde Alexander Westermayer in Berlin verhaftet. Dieser Stolperstein liegt vor dem Eingang des Hotels, in dem ich an diesem Wochenende übernachtet habe.

Gleichzeitig lädt es Menschen ein, sich aktiv zu beteiligen. Die Geschichte selbst zu entdecken. Denn auch das ist ein Ergebnis der MEMO-Studie: Viele Menschen würden sich gerne mit dem Thema auseinandersetzen, wissen aber nicht so richtig, wo sie damit anfangen sollen. Ein schönes Projekt ist so zum Beispiel aus einer Initiative der Fans des VfL Osnabrück in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Augustaschacht entstanden. Darin wird das Thema der NS-Zwangsarbeit bearbeitet. Denn an einigen Stellen, an denen heute Fußballplätze sind, waren während des Nationalsozialismus Lager für Zwangsarbeiter*innen. Das interaktive Projekt “Orte des Jubels - Orte des Unrechts (Si apre in una nuova finestra)” macht diese Orte sichtbar und erlebbar. Und lädt gleichzeitig Fußballfans dazu ein, vor Ort in ihren eigenen Vereinen auf Spurensuche zu gehen.

Orte des rechten Terrors in der Gegenwart

Was mich aber an der Forderung nach einer KZ-Gedenkstättenbesuchspflicht noch stört, ist der Habitus, in dem diese Forderung vorgetragen wird. Ausgerechnet von einer Regierung, die gerade die Errungenschaften und Lehren mit Füßen tritt, die wir ursprünglich mal aus der bodenlos grausamen Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus gezogen haben. Die Rassismus und Diskriminierung vorantreibt, Menschenrechte aushöhlt und Grausamkeiten gegen Minderheiten, Kinder und sozial Benachteiligte rechtfertigt mit einer angeblichen Bedrohung des deutschen Wohlstands.

Denn in derselben Woche, in der Karin Prien die KZ-Gedenkstättenbesuchspflicht fordert, veröffentlicht die Tagesschau diese Statistik: “Menschen in Deutschland - Jeder Vierte hat Einwanderungsgeschichte (Si apre in una nuova finestra)”. Mal davon abgesehen, dass hier Menschen nicht mitgezählt werden, bei denen nur ein Elternteil eine Zuwanderungsgeschichte hat: 31% dieser Menschen sind in Deutschland, weil sie vor Krieg oder politischer Verfolgung geflüchtet sind oder aus anderen Gründen internationalen Schutz erhalten. Ich denke nicht, dass wir diese Menschen in KZ-Gedenkstätten schleppen müssen, um ihnen zu erklären, wo staatliche Verfolgung endet. Zumal das durchaus zu retraumatisierende Erlebnissen führen kann. Und ich glaube auch nicht, dass es in Deutschland viele Lehrerinnen und Lehrer gibt, die gut auf Schülerinnen und Schüler vorbereitet sind, die eine eigene Fluchtgeschichte mitbringen. No front ans Lehrpersonal! Ich weiß, es gibt unter euch viele super engagierte Menschen. Aber in Deutschland haben wir vor allem einen Fokus auf uns selbst. Und wir wissen oft nicht einmal, welche Geschichten Kinder haben, die eine Zuwanderungsgeschichte haben - oder deren Eltern eine solche Geschichte mitbringen. Und viel zu selten spielen die Perspektiven dieser Kinder im Geschichtsunterricht eine Rolle.

Und bei einer Veranstaltung in Berlin, die ich am Freitagabend besucht habe und die sich maßgeblich auch an eine migrantische Commuity gerichtet hat, wurde mir das nochmal besonders deutlich. Denn da kam folgende Frage auf: Warum müssen eigentlich deutsche Schüler*innen nicht Gedenkstätten des deutschen, rassistischen Terrors der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart besuchen? Warum fahren wir nicht nach Solingen, Mölln, Rostock, Hoyerswerda, Halle?

Erinnerungsweltmeister auf den Boden holen

Das ist eine spannende Bemerkung. Denn sie beschäftigt sich mit der Frage nach Täterschaft. Und der Frage danach, ob diese Erinnerungskultur in Deutschland das erreicht, was sie erreichen soll. Nämlich dass Deutsche nicht mehr aus rassistischen, antisemitischen, sozialrassistischen, ableistischen, trans- und homofeindlichen, sprich menschenfeindlichen Motiven Gewalt ausüben und morden. Denn eigentlich ist es doch das, was wir wollen. Gute Menschen sein, die anderen eben nicht Gewalt antun. Und doch wird diese Gewalt Tag für Tag reproduziert, in Gesetze gegossen, in Schlagzeilen reproduziert, von Politikern verkündet. Was also ist das Ziel dieser KZ-Gedenkstättenbesuchspflicht? Wer soll hier was lernen? Denn diese Forderung wird ja gestellt mit dem Blick auf eine Gesellschaft, in der zunehmend Menschen mit Zuwanderungsgeschichte leben.

Vielleicht - und das legen die jüngsten Statistiken nahe - geht die Gewalt gar nicht maßgeblich von dieser Gruppe aus. Vielleicht geht die Gewalt doch nach wie vor - und im verstärkten Maße - von den Deutschen aus? Und so wichtig Besuche in einer KZ-Gedenkstätte sind, so sehr ich mir wünsche, dass alle Schüler*innen, die das möchten, die Möglichkeit bekommen, eine Gedenkstätte zu besuchen (will das Bundesbildungsministerium das eigentlich finanzieren?), so sehr wünsche ich mir, dass wir von unserem hohen Ross als vorgebliche “Erinnerungsweltmeister” herunterkommen und heute Betroffenen von rechtsextremer und menschenfeindlicher Gewalt auf Augenhöhe begegnen. Und ihnen zuhören, wenn sie von ihren eigenen Geschichten erzählen.

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P.S. Wer unbedingt KZ-Gedenkstättenbesuche zur Pflicht machen will, sollte vielleicht auch für eine entsprechende Finanzierung dieser Orte sorgen, die in einigen Bundesländern vor dem Aus stehen

P.P.S. Gerade habe ich das Buch “Traumaland” von Asal Dardan zu Ende gelesen und kann es nur von Herzen empfehlen. Auch vor dem Hintergrund der Kontinuitäten rechtsextremer und faschistischer Gewalt

*Eigentlich müssten hier noch weitere Gruppen genannt werden, wie etwa die Verfolgung von trans Menschen, Homosexuellen, Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, etc. Ich nenne hier zunächst die größten Gruppen

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