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Israel, Palästina und die Medien

Hanan Badr ist Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Uni Salzburg und forscht zu Medien, globalen Ungleichheiten und dekolonialen Perspektiven aus dem globalen Süden. Im Interview mit uns erklärt sie, was in der medialen Berichterstattung über Israel und Palästina schiefläuft, wieso deutschsprachige Medien nicht von „Genozid“ sprechen und wie nationale Interessen bei der Berichterstattung eine Rolle spielen.

Die Chefredaktion: Wie bewerten Sie die mediale Berichterstattung über Gaza?

Hanan Badr: Die Berichterstattung über Gaza in den deutschsprachigen Medien weicht von der globalen internationalen Berichterstattung ab. Studien zeigen, dass palästinensische Quellen kaum zu Wort kommen. Zivilgesellschaftliche Akteur:innen vor Ort oder Augenzeug:innen selbst werden, trotz ihrer Verfügbarkeit in den sozialen Medien, kaum zitiert. Studien zeigen auch, es werden mehrheitlich politische Eliten aus nicht betroffenen Staaten zitiert – Deutschland, Europa, USA, EU und andere europäische Länder, aber auch israelische Quellen, vor allem die Regierung und IDF. (Anm.: IDF steht für Israeli Defence Forces, also das israelische Militär)

Allerdings gibt es auch einzelne Stimmen, die sich um eine nuancierte Berichterstattung bemühen. Zum Beispiel die ORF-Auslandsberichterstattung, durch einzelne Korrespondenten wie Karim El-Gawhary, der jetzt bald nicht mehr länger beim ORF arbeiten wird. Oder jemanden wie Golineh Atai im ZDF oder Sophie von der Tann vom ARD. Allerdings arbeiten auch diese Journalist:innen unter restriktiven Rahmenbedingungen, da Israel keine Auslandskorrespondenten in Gaza zulässt.

Fallen Ihnen Unterschiede in der westlichen Berichterstattung über andere Krisengebiete auf? Was könnte der Grund für die Unterschiede sein?

Ja, die Invasion Russlands in die Ukraine ist seit 2022 zum Beispiel sehr präsent in der Öffentlichkeit, zumal mehrheitlich Überlebende, Opfer und allgemein ukrainische Stimmen zu Wort kommen.

Das fehlt in der westlichen Berichterstattung über den Krieg in Nahost: Es kommen kaum palästinensische, rationale Stimmen vor. Und wenn sie vorkommen, dann ist es oft eine reine „Victimhood-Geschichte“. Aber es kommen auch zu wenig jüdische, antizionistische Stimmen vor. Denn es gibt Friedensaktivist:innen, die für den Frieden und Palästinenser:innen protestieren und die Wörter wie Apartheid, Staat oder Genozid nutzen.

Inwiefern spielen nationale und europäische Interessen für die Berichterstattung über den Krieg eine Rolle?

Die Forschung weist darauf hin, dass in der Berichterstattung über globale Konflikte nationale Interessen mit hineinspielen – Europas Sicherheit ist da ein großer Faktor. Wir sehen, dass da natürlich die europäischen Interessen im Vordergrund stehen. Wir nennen das auch „Securitized Coverage“, also eine sicherheitsorientierte Berichterstattung. Zur deutschen Gaza-Berichterstattung gibt es beispielsweise eine Studie von Autor und Islamwissenschaftler Fabian Goldmann. Diese argumentiert, dass Kritik an Israel und Antisemitismus vermischt werden, was Israels Einhaltung des internationalen Rechts erschwert.

Wie beurteilen Sie die Auswahl von Quellen, Begriffen und Bildern in der Berichterstattung zu diesem Thema?

In der Berichterstattung über den Krieg in Nahost herrschen lang etablierte Bilder. Begriffe, die man immer wieder liest, sind „der Krisenherd“, „die Nachbarn, die nicht zusammenleben können“ oder „Abrahams Enkelkinder, die sich nicht leiden können“. Das Thema wird oft als „religiöser Konflikt“ dargestellt, was oft den territorialen Kern dieses Konflikts überschattet und übersieht. Denn der Konflikt umfasst aus meiner Sicht zentrale territoriale, politische und ressourcenbezogene Dimensionen. Die Palästinenser:innen wollen ihren eigenen souveränen Staat haben. So wäre dies auch in der Zwei-Staaten-Lösung schon lange geregelt.

Die Fragen, die hier auftauchen, sind: Warum wurde bislang keine politische Lösung erreicht? und woran liegt das? Und warum braucht eine Bevölkerung die Erlaubnis anderer Länder, um einen eigenen Staat zu gründen? Diese Fragen sollten auch in der Medienberichterstattung abgehandelt werden, aber kommen nie so richtig vor. Es ist natürlich ein historisch alteingesessener Konflikt, der mittlerweile für den/die Durchschnittsösterreicher:in unübersichtlich ist. Aber anstatt hier den Kern dieses Konflikts zu benennen, wird medial mit Sensationalismus gearbeitet und die Lage als unlösbar komplex dargestellt.

Wie wirkt sich diese Berichterstattung auf das Medienvertrauen und die Glaubwürdigkeit aus?

Wir beobachten einen Verlust an Medienvertrauen. Es gibt Umfragen, die zeigen, dass die öffentlich-rechtlichen Medien, für die wir ja auch Gebühren zahlen, an Glaubwürdigkeit verlieren. Die Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen zeigt etwa, dass das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk 2024 auf einem Tiefstwert lag und dass ausgerechnet der Gaza-Berichterstattung nur 27 Prozent der Befragten vertrauen, deutlich weniger als der Berichterstattung über den Ukrainekrieg. Das heißt, wir finanzieren Medien, die wir nicht mehr als glaubwürdige Akteure sehen. Gerade bei Auslandsthemen, bei Themen, die unserem Alltag eher fern sind, müssen wir uns auf eine adäquate und ausgewogene Berichterstattung seitens der Redaktionen verlassen können. Es gibt übrigens auch viele Diskussionen und Spaltungen innerhalb der Redaktionen, wo man sagt: „Was traut man sich und was traut man sich nicht.“ Einige Journalist:innen haben Angst um Kapital und Karriere.

Kann Berichterstattung Rassismus gegenüber muslimischen und auch jüdischen Personen verstärken?

In der Berichterstattung sehe ich das Potenzial, antipalästinensischen Rassismus, antimuslimischen Rassismus und auch Antisemitismus zu bestärken. Das passiert, indem zum Beispiel Terrorismus mit dem Islam gleichgesetzt wird oder auch die Verurteilungsbemühungen seitens der muslimischen Bevölkerung gegenüber dem 7. Oktober oder anderen Terroranschlägen nicht oft genug benannt werden. Was ich auch sehe, ist eine Gleichsetzung von Jüd:innen und Zionist:innen. Hier entsteht auch Potenzial für antisemitische und antijüdische Hasstiraden von Leuten, die das nicht richtig einordnen können und selbst nicht nuancieren können.

Auch gibt es ein Framing des „Palästinensers als Terrorist“, welches aufgrund häufig übernommener Berichterstattung von Politik- und Militärquellen durchsickert. Da sehe ich keine differenzierte oder kritische Berichterstattung. Obwohl die Aufgabe des Journalismus eigentlich wäre, eine Watchdog-Funktion und eine Überprüfungsfunktion zu haben und nicht einfach die PR-Kommunikationsstrategien staatlicher Akteure zu reproduzieren.

Ein Beispiel: Unbeteiligte Zivilistinnen, die nichts mit Terrorismus zu tun haben, werden hier als Kollateralschaden dargestellt. Mich stört zum Beispiel die Aussage: „Vor allem Frauen und Kinder sind gestorben.“ Diese finde ich gegenüber den palästinensischen Männern sehr diskriminierend – denn auch sie verdienen es nicht, einfach so getötet zu werden.

Wie kann man berichten, ohne Antisemitismus oder antimuslimischen Rassismus zu reproduzieren?

Ich denke, es sollte wirklich der politische Kern benannt werden. Es geht um Selbstbestimmung, Ressourcen, Wasser, Grenzen, Mobilität und um das Recht der Palästinenser:innen auf einen eigenen Staat.

Der Konflikt begann nicht mit dem 7. Oktober, als die Hamas bei einem Festival und in umliegenden Orten rund 1.200 Menschen tötete und etwa 250 verschleppte, sondern bereits vor langer Zeit.

In einem friedensorientierten Journalismus sollte mehr kontextualisiert werden und das auch auf eine versöhnliche Art und Weise. Es gibt ja auch christliche und sogar jüdische Palästinenser:innen, wenn auch wenige. Das kommt in der Berichterstattung kaum bis überhaupt nicht vor. Es müssen weniger polarisierte Narrative wie „Araber versus Juden“, „Holocaust versus Nakba“ (Anmerkung: Die Nakba bezeichnet die Vertreibung der Palästinenser:innen mit der Staatsgründung Israels) gesponnen werden. Auch muss die Machtasymmetrie angesprochen werden, dass weitaus mehr Palästinenser:innen getötet werden als Israelis (laut Statista). Es ist nicht akzeptabel, dass irgendein Leben vergeudet wird, unabhängig von der Zugehörigkeit.

Es müssen mehr Fragen darüber abgehandelt werden, wie eine zukunftsorientierte Koexistenz geschaffen wird. Wie kann man das im Rahmen der weltweiten humanitären Regeln unter Einhaltung des internationalen Rechts und der Genfer Konvention schaffen? Ich denke, wenn das die Basis einer informierten Berichterstattung ist, wäre das natürlich ein Anfang.

Eine Analyse von Autor Fabian Goldmann von rund 5.000 Schlagzeilen zeigt, dass deutsche Leitmedien den Begriff „Genozid“ lange vermieden. Unter welchen Kriterien kann oder sollte ein Medium von Genozid sprechen?

Das Wort Genozid wird sehr vorsichtig bis kaum benutzt. Ich kann die rechtlichen Einwände bzw. das Abwarten des Urteils seitens des Internationalen Gerichtshofes verstehen. „Genozid“ ist ein juristischer Begriff. Es ist daher auch ein rechtliches Tool, das natürlich auch rechtlicher Expertise und Recherche von Belegen und Beweisen bedarf. Aber mittlerweile haben mehrfach etablierte Autoritäten, wie etwa aus der Wissenschaft der Internationale Verband der Genozid-Forscher (IAGS), den Begriff Genozid für die israelische Kriegsführung in Gaza genutzt. https://genocidescholars.org/wp-content/uploads/2025/08/IAGS-Resolution-on-Gaza-FINAL.pdf (Si apre in una nuova finestra).

Und es gibt mehrere zivilgesellschaftliche Akteur:innen mit globaler Anerkennung wie Amnesty International oder Human Rights Watch, die das Wort Genozid nutzen. Daher kann ich mir vorstellen, dass es möglich ist, das Wort mit einer entsprechenden Einordnung zu benutzen. Ich verstehe aber auch den Hintergrund für die Limitierung im deutschsprachigen Kontext, weil hier die legalen Implikationen berücksichtigt werden. Meine Aussagen beziehen sich auf die kommunikationswissenschaftliche Analyse medialer Berichterstattung und auf die Positionen international anerkannter Institutionen und Expert:innen.

Was muss sich in der Berichterstattung verbessern oder ändern?

Es braucht ein Basiswissen, was die Hintergründe dieses Konflikts angeht. Es braucht erst einmal ein Bewusstsein und eine Sensibilisierung des deutschsprachigen Publikums für die Nakba genauso wie für den Holocaust. Damit die Menschen in Europa wissen: Okay, irgendwann einmal in der Geschichte haben Palästinenser:innen ihr Land verloren und sind vertrieben worden. Der Oscar-nominierte Film Palestine 36 z. B. zeigt eine unterbelichtete historische Dimension. Übrigens sollte es aus meiner Sicht Palästina (oder die besetzten palästinensischen Gebiete laut UN) und Palästinenser:innen heißen und nicht nur Gaza und Westbank. Denn es erinnert uns daran, dass es ein territorial getrenntes palästinensisches Volk gibt.

Man muss sich medial nicht pro-israelisch oder pro-palästinensisch positionieren, sondern eigentlich pro Mensch, pro internationales Recht, pro eine globale Ordnung, in der wir auf Fairness und Gerechtigkeit hoffen können. Denn wenn wir erlauben, dass Machtasymmetrien die Schwächeren zertreten, dann „good luck in Europe“. Dann könnte jeder beliebige Autokrat auch bis nach Österreich, bis nach Wien marschieren. Es geht um die Zukunft einer Welt, die wir als fair und inklusiv betrachten. Das geht weit über Palästina hinaus. Wir müssen für die Zukunft einer globalen Ordnung einstehen, die wir als gerecht empfinden und in der wir auch unsere Kinder mit gutem Gewissen zurücklassen können. Es braucht eine moralisch orientierte Berichterstattung.

Haben Sie Sorge, für dieses Interview kritisiert zu werden? Wurden Sie in der Vergangenheit bei dem Thema schon kritisiert?

Bislang wurde ich nicht kritisiert, da ich denke, die Expertise und das Fachwissen zu diesem Thema zu besitzen. Das Thema spaltet enorm, und mehrere Kolleginnen in der Wissenschaft und im Journalismus – vor allem jene mit Migrationshintergrund oder in prekären Stellen – sprechen von Selbstzensur oder Ängsten, ihrer Karriere zu schaden, wenn sie offen reden.

Story der Woche

Weil es schon mehr als genug schlechte Nachrichten gibt, haben wir auf Wiens Straßen herumgefragt, welche guten Nachrichten es zu erzählen gibt. Es tat ehrlich so gut, auch mal Positives zu hören. Unsere guten Nachrichten aus der Redaktion sind übrigens, dass unsere neue Kollegin Antonia bald beginnt und wir gerade einen Team-Tag planen zum gemeinsamen Kennenlernen. Schreibt uns auch gerne eure Good News. Zur Inspo unsere Straßenumfrage:

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