Warum die AfD und rechte Machtübernahme passieren werden und wir auch sonst keine Kämpfe gewinnen – ein paar etwas andere Gründe, zu suchen bei uns selbst.

Ausgehend von weiteren erhellenden Erlebnissen mit „Linken“ und „Antifaschist*innen“ in meiner kleinen Stadt ist es dringend nötig, weiterhin laute und lauter werdende Kritik auch an uns Linken zu üben, denn wir verbocken es gerade so richtig. Davor die Augen zu verschließen, ist eine Option, aber die falsche. Wir haben aktuell so viele Probleme, so viele Kämpfe zu führen und wenn wir dabei immer nur die anderen als die Schuldigen für Niederlagen und Rückschritte ausmachen, verkennen wir unsere eigene Verantwortung an den Dingen, die auch bei uns falsch laufen. Wenn wir also „aufstehen, die Krone richten und weitermachen“ wollen, müssen wir auch sehr genau auf uns selbst schauen und ein paar Dinge anerkennen, um sie (hoffentlich) zu ändern.
Aktions-Tourismus und Event-Aktivismus
Das Konsumieren von Aktionen als Event - das wir wohl gemerkt mit besten Absichten selbst gefördert haben - fällt Akteur*innen inzwischen gehörig auf die Füße. Ob es um antifaschistisches Arbeiten, Antimilitarismus oder Klimathemen geht, spielt keine Rolle. Sobald es um Aktionen geht, die Mobilisierung benötigen, weil die Art der Aktion überhaupt nur eine gewisse Wirkung und (mediale) Wahrnehmbarkeit entfaltet, wenn wir viele sind, stecken wir mittendrin in den Problemen des Event-Aktivismus. Berichte aus z.B. dem Rheinland erzählen immer wieder und immer häufiger Folgendes: inzwischen ist kein Wald- oder Dorfspaziergang mehr möglich, ohne dass innerhalb von Minuten nach der Ankündigung immer dieselben Fragen bei den Organisator*innen ankommen.
Wird es Shuttles von [ergänzt hier jeden erdenklichen Ort] geben?
Wo kann man parken? Wie nah kann ich ran fahren?
Wird es Kaffee und Kuchen geben? Getränke und Sitzgelegenheiten?
Wann ist der Spaziergang fertig und wo findet dann das gemütliche Beisammensein statt, damit ich direkt dahin kommen kann?
Klar, man kann grundsätzlich auch fragen, warum überhaupt noch Wald- und Dorfspaziergänge? Nun, der Hambi ist noch bedroht und außerdem Bewegungsgeschichte und die ist immer wichtig. Das gilt auch für Lützi und die Anti-Kohle-Kämpfe an sich. Das Ausmaß der Zerstörung live zu sehen, macht was und ist nicht zu unterschätzen. Menschen brauchen solche Was-um-alles-in-der-Welt-Momente, wenn es darum geht, sie langfristig zu etwas zu mobilisieren, sich zu organisieren und zu engagieren. Sie brauchen solche Eindrücke, damit sie verstehen, warum wir kämpfen müssen gegen den ganzen Scheiß. Nicht zu vergessen die geplante Rheinwasser-Transportleitung, um Seenlandschaften zu phantasieren. Sich das alles mal live anzusehen, ist auch im Sinne von eventuellen Aktionsplanungen und autonomen Kleingruppen-Ideen ratsam. Es gibt inzwischen Wasserschützer*innen-Trainings usw. – mit dem Wissen muss ja etwas passieren, was im besten Fall hoffentlich auch irgendwie wirksam ist und über Petitionen hinausgeht. Es gibt also viele Gründe, warum Ortskenntnisse nicht nur im Rheinland relevant sind für Revolutionär*innen, Aktivist*innen und solche, die es sein/werden wollen.
Dieser Text dreht sich aber um die oben genannten Fragen und das, was dahintersteckt, nicht nur im Rheinland. Es geht um den Konsum von Aktionen als Events und wir alle wissen ja hoffentlich, dass Konsum eine der Stützen des Endgegners Kapitalismus ist. Und hier sind wir selbst, nach Konsum fragend, ihn einfordernd und die Möglichkeit zum Konsum einer perfekten Aktion quasi zur Bedingung für die Teilnahme an dieser machend. Nein, es handelt sich hier nicht um organisatorische Fragen, sondern um Fragen von Konsument*innen. Organisation wäre es, wenn gefragt würde, wobei kann ich helfen, braucht es noch xy, um diese Aktion möglich, größer, inklusiver…. zu machen usw. Konkret könnte das z.B. so aussehen: ich fahre von A los, über B und F. Wer mitfahren möchte, meldet sich. Ich bringe 10 Klappstühle mit und das, was beim containern zu viel für mich allein ist. Hier als sharepic alle Infos gesammelt zum Teilen: der Spaziergang ist x km lang, eher ebenes Gelände, denkt an Wasser und vielleicht einen kleinen Snack für unterwegs. DAS wäre Organisation. Zu erwarten, dass es organisiert und angeboten wird, ist Konsum!
zu wenige für zu viel
Ob Widersetzen, Kollapscamp oder Ende Gelände, das, was die Handvoll Menschen, die sich verantwortlich immer wieder in den Strukturen hinter diesen glitzernden Namen und größeren Aktionen wiederfinden und das auf die Beine stellen, organisieren und an den Start bringen sollen, übersteigt inzwischen jedes Maß: Anmeldung und Organisation der Aktion an sich reichen schon lange nicht mehr. Mitfahrbörse, Bettenbörse, Awareness, LegalTeam, Gesa-Support, Küfa, Camp, Programm, Party, Mobi jeglicher Art (wie, nur flyer? Zum selbst drucken? Keine Sticker? Macht ihr eine Präsentation?), Ansprechstrukturen lange nach der Aktion, Pressearbeit, parlamentarische Beobachtung, Kinderbetreuung, Aktionstrainings vorher, Barrierefreiheit und safe space und das alles umsonst...Das sind alles extrem wichtige Dinge, darum geht es hier gar nicht. Der Punkt ist, dass allein die Suche nach Menschen, die sich dafür verantwortlich fühlen und es übernehmen, das an den Start zu bringen, inzwischen bereits eine riesige Aufgabe an sich ist und das im Endeffekt zu wenige Menschen zu viele Dinge übernehmen, damit alles irgendwie verfügbar ist. Wenn etwas aus Gründen fehlender Kapazitäten und Menschen nicht organisiert werden kann, wenn etwas nicht perfekt in der Umsetzung ist, hagelt es Kritik, die oft ungerecht ist und von Menschen kommt, die ihrerseits das alles erwarten, aber nichts dazu beitragen. Da ist es dann nichts mehr mit „wir müssen auf unsere Kapazitäten achten, Pausen, so wichtig, Arbeitsteilung, gemeinsame Verantwortungsübernahme, gegenseitige Hilfe und Solidarität, Grenzen setzen und respektieren, Selbstorganisation“. Da zählen nur noch eigene Ansprüche und die Erwartung eines perfekten Events, fix und fertig für den eigenen (kostenlosen) Konsum. Aktionsplanung ist mittlerweile mehr Eventmanagement (unbezahlt in Vollzeit), als politische Arbeit. Das ist ein Problem. Wir haben dieses Problem selbst geschaffen, mit den ursprünglich besten Absichten. The road to hell is paved with good intentions. Wir haben ein Biest geschaffen - Aktions-Tourismus und Event-Aktivismus – und wir bekommen die Geister, die wir riefen nicht mehr zurück in die Flasche. Events und Tourismus dienen der Unterhaltung, nicht der Arbeit, erst recht nicht der politischen. Wie bei den netten Früchten der imperialen Lebensweise (billiges Essen, billige Energie, billigen Urlaub…) gilt inzwischen auch für Aktionen: wenn etwas erstmal selbstverständlich ist und als normal betrachtet wird, wird es nicht mehr wertgeschätzt, sondern erwartet. Dann wird sein Fehlen nicht mehr akzeptiert, sondern kritisiert.
Kommen wir da wieder raus? Ja, wenn die zu wenigen aufhören zu versuchen, allen Ansprüchen, Wünschen und Forderungen gerecht zu werden (was sowieso unmöglich ist) und wenn politische Aktionen nicht mehr als Events umgesetzt werden müssen, sondern wieder als Einladungen zur Beteiligung und Gestaltung verstanden werden. Ebenso müssen wir alle selbst aufhören, diese Ansprüche zu stellen und Erwartungen zu formulieren, umso mehr, wenn wir keine entsprechenden Aufgaben zur Erfüllung dieser Dinge übernehmen können. Stattdessen braucht es ehrliche Kommunikation und Transparenz über das, was geht, unter welchen Bedingungen es geht und über das, was NICHT geht, ohne Entschuldigungen, ohne Rechtfertigungsdruck, ohne Schuldgefühle. Es braucht direkte und konkrete Ansprache und Aufforderung zur Selbstorganisation, bei ausreichenden Kapazitäten verbunden mit dem Angebot zu einem Skillshare oder dem Verweis auf Seiten, die entsprechende Dokumente und How to’s bereits sammeln und zur Verfügung stellen, statt schlechtes Gewissen und Entschuldigungen, wenn wir nicht liefern können.
Konsequenzen, die bereits zum Problem geworden sind
Es gibt sie bereits, die Konsequenzen dessen, wir bemerken sie. Wir reagieren aber bisher eben wie oben beschrieben: entschuldigen, schuldig fühlen, doch noch eine Aufgabe mehr übernehmen…Das ist ein Teufelskreis und wir können das ganz sicher nicht gewinnen, denn natürlich greifen zusätzlich all die anderen äußeren Ursachen, die es uns schwer machen, weiterhin so zu tun, als wäre es 2018 oder 2019 und als könnten wir durch Masse und Support der Gesellschaft inkl. der Parteien gewinnen.
Wir wundern uns, warum trotz immer mehr offensichtlicher Gründe, Demos und Aktionen im Endeffekt zu so wenig langfristiger Organisierung führen, warum Strukturen ihre Arbeit einstellen müssen, Ortsgruppen verschwinden, es sich immer nur um Mobi zum nächsten Event dreht (erinnert mich inzwischen an Wahlkampf von einer Legislaturperiode zur nächsten…), in der Zwischenzeit aber oft keine Arbeit vor Ort erfolgt und es immer dieselben 5 Leute sind, die ausgebrannt alles versuchen, bis wir auch sie an burn out & Co. verlieren. Das passiert auch deshalb, weil wir es Menschen abnehmen, sich selbst zu organisieren, um etwas auf die Beine stellen. Weil wir es tun, als Gesamtpaket. Weil wir Dienstleistungen anbieten und Produkte verkaufen, statt politische Arbeit zu machen. Weil wir es aufgrund unseres Festhaltens an inzwischen nicht mehr geeigneten und zu wenigen Aktionsformen tun müssen, da ohne viele Teilnehmer*innen die gesamte Aktion (auch medial) völlig verpufft. Weil auch Aktivismus und Protest inzwischen den kapitalistischen Regeln unterliegen: immer mehr, immer höher, immer weiter, wenn es überhaupt noch irgendwie wahrgenommen werden soll. Wahrnehmung steht über Wirksamkeit bzw. wird damit verwechselt – ein fataler Fehler, da inzwischen Wahrnehmung das Risiko an Repression erhöht und es außerdem nicht mehr ausschließlich darum gehen kann, durch die richtigen Argumente, Bilder und Narrative Mehrheiten zu gewinnen in der Hoffnung, dass unsere Forderungen dann schon von irgendwem erfüllt werden (müssen). Been there, done that, failed. Wir haben die Grenzen dessen erreicht, auch wenn es schwer ist, sich das einzugestehen. Statt darüber nachzudenken, wie wir vielleicht doch mal wieder ein paar Menschen oder wenigstens so viele wie beim letzten Mal mobilisieren können, sollten wir überlegen, wie wir Aktionen starten, die tatsächlich wirksam sind und dafür weniger Menschen und Kapazitäten jeglicher Art benötigen. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir es schaffen, dabei zu bleiben, ohne auszubrennen und ohne frustriert angesichts der (Un-)Wirksamkeit all unserer Arbeit selbst aufzugeben.
Wenn es inzwischen – und damit komme ich auf meine alltäglichen Kleinstadterlebnisse zurück – erforderlich ist, überregional bis hin zu Social Media Plattformen Mobi zu machen, um ein paar Menschen zu überreden, den Info-Stand der Rechten auf dem Marktplatz meiner 20000-Einwohner*innen-Stadt zu stören, läuft so ziemlich alles falsch. Und der Erfolg bleibt trotzdem nach wie vor aus, weil es kurzfristige Reaktionen benötigt, die wiederum eine gewisse grundsätzliche Organisierung erfordern, damit es 20 Menschen gibt, die ich anrufen kann, wenn ich die Nazis sehe und ich sicher sein kann, dass 4 dabei sein werden, die innerhalb von 1 Std. vor Ort sind. Angesichts dessen, was auf uns zukommt, und zwar sehr bald, wird politische Arbeit in Form von Aktionen und Interventionen immer häufiger genauso aussehen müssen – kurzfristig in der Lage sein, etwas zu tun, schnell reagieren zu können. Dazu braucht es Organisierung vorab und Commitment. Es braucht Verantwortungsübernahme und Handlungsfähigkeit auch in kleinen Gruppen und in diesem Zusammenhang Aktionsformate, die mit wenigen Leuten durchführbar sind und eine Wirkung erzielen. Wir werden keine Zeit mehr haben für glitzernde, wochenlange Mobilisierung und wir werden auch nicht überall Menschen haben, die seit Jahren wissen, wie es geht und denen alle anderen dann nur noch hinterlaufen müssen. Die Zahl der Orte, an denen es Aktionen braucht, überrollt uns. Wie oft können wir eine Ende Gelände - Massenaktion oder Widersetzen pro Jahr organisieren? Sicher nicht ansatzweise ausreichend, weil es im Prinzip täglich in 10 Städten Ende Gelände und in 37 weiteren Widersetzen heißen müsste. Das können wir nicht schaffen, erst recht nicht in den Dimensionen, in denen diese Events aktuell stattfinden (müssen).
Wir müssen mehr Menschen haben, die selbst in der Lage sind, auch im kleinen Kreis zu agieren, weil sie entsprechende Fähigkeiten erlernt haben, weil sie keine Angst davor haben, es nicht perfekt zu machen und weil es keine Erwartungen an ein rundum-sorglos-Paket gibt. Wir müssen Wirksamkeit als Maßstab ansetzen, nicht Masse und (mediale) Wahrnehmung. Das ist etwas, was wir in der Hand haben und da eine Lösung zu finden, sollte oberste Priorität haben, denn in einigen Punkten sind wir uns selbst ein weiterer Stein, der uns im Weg liegt. Solidarisches Preppen meint übrigens auch genau das: Menschen und Strukturen handlungsfähig und selbstständig machen, um schnell agieren und reagieren zu können. Menschen einen Teil ihrer Angst nehmen und ihnen stattdessen die Gewissheit vermitteln, dass weniger sehr oft mehr sein kann, dass es ganz sicher mehr ist, als nichts zu tun in Ermangelung eines vororganisierten Großevents. In diesem Bereich bieten solidarisches Preppen und Mutual Aid – Ansätze (Si apre in una nuova finestra) sehr viel Potential. Es ist an der Zeit, das auszuprobieren auch im Feld des Aktivismus und mit Blick auf Aktionen.