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Nachrichten aus dem Klimakollaps

Meine kleine (vermeintliche) Auszeit von Horrormeldungen und täglichen Kollapsupdates war (natürlich) zum Scheitern verurteilt und das mit Ansage und von Anfang an, denn ein (DAS) Merkmal des Kollapses ist, dass er zum ständigen Begleiter wird. Ob im Zug, in Utrecht, Gent oder Paris – der Kollaps in Form von Hitze war immer da und gerade drei Tage in Paris haben mich an den Rand des eigenen Zusammenbruchs gebracht.

Welcome to burning Paris

hochauflösendes Satelitenbild von Paris im Hitzestress
fast ausschließlich Variationen von rot

Wenn die Bahn (nicht die Deutsche Bahn) täglich eine E-Mail schickt, kostenlose Stornierung oder Verschiebung der Reise anbietet und die, die doch verrückt genug sind, in den Zug zu steigen, um nach Paris zu fahren, daran erinnert, Wasser in riesigen Mengen mitzunehmen, ist die Lage offensichtlich ernst. Utrecht und Gent waren heiß, aber diese Städte sind vergleichsweise grün, haben Wasser und massenhaft Radfahrer*innen und das macht unfassbar viel aus. Schwitzen ist nämlich nicht gleich schwitzen.

Angekommen in Paris wartete eine Wand aus Hitze, wie ich sie selbst in Ägypten, dem Irak oder Jordanien noch nie erlebt habe, obwohl ich dort körperlich gearbeitet habe, während Paris eigentlich Freizeit ist. Ein Vermeiden dieser Hitze, ein Entkommen war nicht möglich und das ist das, was Hitze so brutal und grausam macht. Das ist der Unterschied zwischen nervigem Schwitzen und gefährlichem Hitzekollaps. Der beinhaltet neben extremer körperlicher Belastung auch eine enorme psychische Ausnahmesituation, die die körperlichen Auswirkungen der Hitze im wahrsten Sinne des Wortes zusätzlich befeuert. Rot sehen, wird sprichwörtliche Realität. Ich habe meine Zeit in Paris größtenteils draußen verbracht, weil ich mich schon morgens für einen Platz in der 1. Reihe bei Patti Smith angestellt oder zu Fuß die Stadt erkundet habe und das war sicher mehr als grenzwertig, aber meine eigene Entscheidung. Es war beängstigend, Paris voller Menschen zu sehen, die alle einzeln hintereinander so eng an Hauswänden gelaufen sind, um eventuell hin und wieder etwas Schatten von einem Dachvorsprung oder einer Dachrinne zu bekommen, was natürlich völlig sinnlos und Ausdruck totaler Verzweiflung ist. Aber es ist ein mehr als eindrückliches Bild und auch ich habe mich so bewegt, gehetzt und vor allem auch mit den Nerven am Ende. Geholfen hat das alles nichts, denn die Fassaden, das Glas der (Schau-)Fenster und der schmelzende Asphalt beschießen Dich aus jedem Winkel mit Hitze. Ich habe durch die Sohlen meiner Turnschuhe gefühlt, wie die Hitze eindringt und in mir nach oben steigt. Am 1. Abend stand das Konzert kurz vorm Abbruch, weil die Hitze natürlich auch an einer fast 80jährigen Künstlerin nicht spurlos vorbeigeht und dafür gesorgt hat, dass nachmittags ein Arzt eine Infusion gelegt hat. Inhaltlich sorgte die Hitze dafür, dass die Show noch wütender und politischer wurde, als sie es ohnehin schon ist. Am Tag meiner Abreise hatte ich Glück, weil mein Zug einer der letzten war, der noch rausgekommen ist, ehe zahlreiche Strecken erstmal wegen eines Waldbrandes gesperrt wurden.

P.S. Die Anarchist*innen haben Recht  😉

Das war also mein Urlaubsbericht…und was machen deutsche linke Bewegungen natürlich auch nach meiner Abwesenheit für eine Woche weiterhin? Nichts! Die – wie hat es ein Genosse so treffend ausgedrückt – Befriedungsmaschine Bewegungsmanagement läuft unbeirrt weiter. Widersetzen z.B. verkündet „Unsere Blockaden waren erfolgreich. Wir machen weiter.“

Was Wahlkampf in den Abschnitten zwischen all den Wahlen in der Parteipolitik, sind Vernetzungscalls, Strategiediskussionen & Auswertungscalls für Bewegungen. Es geht um Ankündigungen, leere Versprechungen, große Reden und Mobilisierung - an die Wahlurnen oder zur nächsten symbolischen „Massenaktion“. Bewegungsakteur*innen kopieren das System, dass sie stürzen wollten, als sie noch linksradikal sein wollten. Anarchistische Kritik bzw. Analyse von linken Bewegungen trifft mitten ins Schwarze. Während man vor Jahren noch trefflich darüber hat diskutieren können, wo es welche Ausnahmen gibt oder geben könnte, wo sich in diesem Handeln eine gewisse Relevanz und Notwendigkeit wiederfindet, ist diese Analyse jetzt gemessen an der Realität zum Fakt und zur unumstößlichen Tatsache geworden bezogen auf die (3) Akteur*innen, die noch in irgendeiner Weise sichtbar und zahlenmäßig relevant sind. Nach Trauer, Wut und verzweifeltem Bemühen innerhalb dieser Bewegungsakteur*innen etwas anzustoßen, habe ich für meinen Teil aus diesem Wahnsinn (Wiederholung von Aktion X in der Hoffnung auf einen anderen Ausgang dieser Aktion) Konsequenzen gezogen. Meine Kapazitäten jeglicher Art, meine Kraft, Nerven und Emotionen, meine Fähigkeiten, Erfahrungen und mein Wissen fließt nicht mehr in diese Bewegungssimulationen, die sich selbst nicht ernst nehmen und Kritik als persönliche Angriffe verstehen.

Viel mehr will ich diese Woche gar nicht schreiben. Ich will wenigstens versuchen, ein bisschen „Urlaubsstimmung“ rüber zu retten in die nächste Woche. Da geht es nochmal für drei Tage nach Rom und ich bin mir sicher, den Kollaps treffe ich dort auch, ebenso wie meine Wut und Enttäuschung über das, was von Bewegungen in Deutschland noch übrig ist. Da fällt mir gerade noch was Philosophisches zum Ende ein: vielleicht sollten wir unseren Blickwinkel auf Enttäuschungen ändern und sie positiv sehen. Getäuscht zu werden, ist in der Regel schließlich nichts, was wünschenswert ist und ENTtäuschung somit doch eigentlich irgendwie was Gutes…

P.S. Patti war großartig

Patti Smith, live, Utrecht, 8.7.2026

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