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5 Fakten über Archetypen

Alte Weise, Königin, Zauberer, Dummling, Drache. Märchen wimmeln nur so vor Archetypen, denn Märchen und Mythen sind das natürliche Habitat dieser faszinierenden Wesen.

Ich habe den Eindruck, der Begriff des "Archetyps" wird immer populärer und ist schon fast in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen. Immer wieder begegnen mir Auflistungen von Archetypen für alle möglichen Bereiche, bspw. "Sales Archetypes" im Business, "Weibliche Archetypen" in Frauenkreisen, "Archetypen des Hochsensiblen" usw.. Der Begriff wird zunehmend genutzt, um eine Sammlung verschiedenster Charaktertypologien zu beschreiben, in die man sich nach Herzenslust einordnen kann. Das kann als Spielwiese durchaus hilfreich sein, um sich selbst besser zu erforschen. Man sollte dabei jedoch immer im Blick haben, dass die menschliche Psyche ein wunderbar komplexes System ist und es sich zu Recht verbittet, in ein einziges Bild oder eine einzige Kategorie gepresst zu werden.

 Eigentlich meint der Begriff, den Carl Gustav Jung im Rahmen seiner analytischen Psychologie prägte, auch etwas anderes.

Er bezeichnet allgemein-menschliche, strukturgebende Kräfte, die innerhalb jeder menschlichen Psyche wirken und unsere Wahrnehmung, Motivation, unser Erleben und Handeln prägen und färben.

 Ich glaube, die Beschäftigung mit Archetypen kann unglaublich hilfreich sein bei der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und zur Mobilisierung neuer Kräfte.

Deshalb möchte ich im Folgenden fünf Fakten über Archetypen mit dir teilen, die ich als sehr hilfreich dabei erachte. Denn spätestens wenn du Geschichten über die geheimnisvolle Baba Yaga hörst, wirst du spüren: Echten Archetypen sollte man sich stets respektvoll nähern.

Archetypen organisieren unsere Erinnerungen, Eindrücke und Gefühle zu inneren Bildern von uns selbst und der Welt und erfüllen sie mit Bedeutung. Wenn wir uns mit Themen, Symbolen oder Bildern beschäftigen, die uns tief berühren und faszinieren, die uns regelrecht in ihren Bann ziehen, dann kann es sein, dass es sich dabei um Inhalte handelt, die etwas archetypisches in uns anrühren. In der analytischen Psychologie wird davon ausgegangen, dass diese Strukturelemente angeboren und in allen Menschen angelegt sind.

 Es geht bei diesem Konzept also nicht darum, herauszufinden, welcher Archetyp du "bist".

 Das würde der Komplexität der menschlichen Psyche nicht gerecht, denn wir alle tragen alle Archetypen in uns. Wir können uns jedoch darin unterscheiden, wie stark diese zu einem gegebenen Zeitpunkt in uns ausgeprägt sind und wie gut wir Zugang zu diesen Kräften haben. Spannend ist dann die Frage, wie diese Kräfte in uns ausbalanciert sind, in welcher Beziehung sie zueinander stehen und wie sie sich auf unser Erleben und Handeln auswirken.

 Wenn wir von Archetypen als vom inneren König, vom inneren Kind, vom inneren Trickster etc. sprechen bedeutet das nicht, dass es in dir tatsächlich ein Wesen gibt, das ein König, ein Kind oder ein Trickster wäre.

 Vielmehr sind diese Bilder Metaphern für Kräfte, für erlebte Erfahrungen die wir ohne diese Bilder, ohne diese Metaphern nur schwer und umständlich beschreiben könnten.

 Wenn wir von der "inneren Königin” sprechen meinen wir vielmehr "königliche" Wesensanteile, wie bspw. Souveränität, Führungsstärke und Gerechtigkeitssinn. Oder "kindliche" Anteile wie Neugier, Verspieltheit und Offenheit etc.

C.G. Jung beschrieb selbst einige Archetypen wie den Mutterarchetyp, den Kindarchetyp oder den Trickster [1]. Viele andere Psychoanalytiker und Autoren fügten weitere hinzu, wie beispielsweise Robert Moore den König, Magier, Krieger und Liebhaber [2]. Jean Shinoda Bolen deutet in “goddesses in Everywoman” die Göttinen des griechischem Olymp als archetypische Kräfte, die das Erleben von Frauen prägen [3].

 Archetypen sind in ihrer Natur jedoch nicht eindeutig zu fassen, sie können immer nur indirekt symbolisch und künstlerisch beschrieben werden.

 Die Kunst, Geschichten, Märchen und Mythen, aber auch unsere Träume finden in jedem Zeitalter immer wieder neue Ausdrucksformen für archetypische Kräfte.

Archetypische Kräfte dienen grundsätzlich der Entfaltung unserer Lebendigkeit und unseres Wesens und sind somit konstruktive Kräfte.

Dennoch können Archetypen auch Schattenseiten haben und destruktiv werden, insbesondere wenn wir sie unterdrücken und sie in unreifer Form, unreflektiert und fernab von bewusster Kontrolle ein unbewusstes Eigenleben führen.

Ebenso destruktiv kann es werden, wenn ein archetypisches Muster übernimmt und wir dieses unreflektiert und ungezügelt ausagieren. Das bringt mich zum nächsten wichtigen Punkt im Umgang mit Archetypen. 

Wenn wir, beispielsweise durch Lebensereignisse oder eine Psychotherapie, an archetypische Kräfte in uns rühren, kann sich das im ersten Moment unglaublich überwältigend anfühlen.

 Die freigesetzten Kräfte äußern sich nicht selten durch einen Schub an Inspiration, Energie, Motivation oder ein ganz neues Selbstbild.

 Es ist jedoch wichtig, sich nicht mit einem Archetyp zu identifizieren, sich diesen Kräften nie gänzlich hinzugeben, sondern immer eine innere Ausgeglichenheit verschiedenster Kräfte anzustreben. Archetypische Kräfte verhalten sich ein wenig, wie elektrischer Strom: Wenn er gut kanalisiert durch ein geeignetes Gerät fließt, ist er produktiv nutzbar. Steht aber das ganze Gerät unter Strom, kommt es zum Kurzschluss. Bei der Arbeit mit Archetypen sollten wir daher immer für eine gute Erdung sorgen. 

“So kann man zusammenfassend sagen, dass es sich bei den Archetypen um anthropologische Konstanten des Erlebens, des Abbildens, des Verarbeitens und des Verhaltens handelt. Sie sind sozusagen Ausdruck der Menschenart, des Menschen”

- Verena Kast

Ich persönlich finde das Konzept der Archetypen unglaublich faszinierend und hilfreich, sowohl in meiner Coaching-Arbeit, als auch bei der Erarbeitung und Deutung von Märchen.

Es gibt noch unglaublich viel Spannendes zum Konzept der Archetypen zu erzählen und ich werde hier immer mal wieder über dieses Thema schreiben. Aktuell arbeite ich an einem Text über die Archetypen "Anima" und "Animus" und wie wir sie in heutiger Zeit mit neuem Blick betrachten können.

Was interessiert dich an dem Thema Archetypen besonders? Schreib es gerne in die Kommentare.

Deine Melanie

Quellen

[1] Jung, C.G (2014). Archetypen. dtv

[2] Moore, R., Gilette, D., Dahlke, R. (2014). König, Krieger, Magier, Liebhaber: Initiation in das wahre männliche Selbst durch kraftvolle Archetypen. Aurinia Verlag

[3] Shinoda Bolen, J. (2021) Goddesses in every woman. Upfront Books

[4] Kast, V. (2016) Die Dynamik der Symbole: Grundlagen der Jung'schen Psychotherapie. Patmos

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