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Wie läuft eine Tantra-Massage? Teil 3

Du liest: TheKindSerpent - Sexuelle Kultur mit Herz und Verstand - Blog
Das Finale, der Ausklang und die Wirkung der Tantra-Massage

“Möchtest du auch innen massiert werden?”

Diese Frage lässt viele Frauen überrascht die Augen aufschlagen. Womöglich ist es das erste Mal, dass sie jemand um Erlaubnis bittet. Seit mich das in meiner Ausbildung jemand so bewusst gefragt hat, bin ich empört darüber, dass jemals jemand auf die Idee kam, in einen anderen Körper einzudringen, ohne das zumindest vorher anzukündigen und auf Feedback zu warten.

Auf diese explizite Rückversicherung verzichte ich nur, wenn sich eine Frau schon derart vor Lust räkelt und öffnet, dass sie mir wahrscheinlich den Kopf abbeißen würde, wenn ich sie mit Worten aus ihrer erotischen Trance reiße - oder mich für zu dämlich hielte, das zu erkennen.

Aber auch dann klopfe ich erstmal höflich an die Pforte, um ihr Zeit zu geben, womöglich doch “nein” zu sagen oder “warte noch”.

“Ja, bitte.” sagt B., nachdem sie einen Moment in sich hinein gefühlt hat. Ich versichere ihr, dass sie es sich jederzeit anders überlegen darf, lege sanft einen Finger an ihren Eingang, während die andere ihren Venushügel bedeckt - und warte.

Nur weil die Yoni-Trägerin zustimmt, heißt das noch lange nicht, dass ihre Vagina auch einverstanden ist (das gilt übrigens auch umgekehrt). Hier braucht es ein sehr feines Gespür, aber die Meinung der Vagina ist spürbar. Deshalb verweile ich und finde heraus, wie die Stimmung hier ist. Vielleicht lehnt die Vagina eine Massage ab: Die Tür bleibt zu (zumindest jetzt gerade). Vielleicht lässt sie mich ganz langsam ein, Millimeter für Millimeter. Vielleicht knabbert sie längst gierig an meinem Finger und versucht, mich hinein zu saugen.

Aber selbst dann schiebe ich niemals einfach meinen Finger hinein, sondern lasse meinen Arm locker und meinen Finger in ihrem Tempo “einschmelzen”, wie es in meiner Ausbildung genannt wurde. Dann halte ich wieder inne. Wann haben wir schon Gelegenheit, uns daran zu gewöhnen, dass da jetzt jemand in unserem Körper ist, an einer unserer empfindlichsten Stellen?

Dieser Moment ist mir sehr wichtig. Ich möchte der Frau und ihrer Vagina die Gelegenheit geben, meine Gegenwart und meinen Respekt vor ihrem Innenraum zu spüren. Und ich möchte mir die Zeit geben, das Vertrauen, ja, die Ehre zu würdigen, die mir hier zuteil wird.

Dann erhöhe ich langsam den Druck und massiere gleichmäßig im Uhrzeigersinn die Wände der Vagina, um sie vollständig spürbar zu machen. Wenn ich wieder oben angekommen bin, lege ich einen Finger auf die G-Fläche, die jetzt saftig angeschwollen ist und leicht pulsiert.

Ready for Take-off.

Langsam wird B.s Vulva immer weicher und wärmer, entfaltet sich wie eine Blüte. Ihre Vagina pulsiert, kontrahiert und öffnet sich immer weiter.

B.s Entspannung und gesteigerte Aufmerksamkeit in Kombination mit Erwartungslosigkeit und Aufgeschlossenheit sind übrigens die besten Voraussetzungen, dabei orgasmische und ekstatische Zustände zu erleben. Auch die Länge der ganz-körperlichen und genitalen Vorbereitung sowie die vertiefte Atmung fördern Orgasmen, die vollständiger und intensiver sind als das, was wir normalerweise erleben.

Ekstase ist allerdings nicht auf Orgasmen angewiesen. Sie geht über die Freuden hinaus, die wir mit unseren Genitalien erleben können.

Früher hätte man es „Verzückung“ genannt, man könnte auch Glückseligkeit, Wonne, Transzendenz, Spiritualität oder Bliss dazu sagen.

Ein psychischer Ausnahmezustand, in dem einfach mal alles gut ist. Zeit existiert nicht. Stattdessen breitet sich angenehme Leere aus – und intensivstes Gewahrsein.

Frauen in Ekstase sind ein Naturereignis, das mich immer noch jedesmal von den Socken haut.

Ganz allmählich werden meine Bewegungen an der G-Fläche kräftiger, bis ich anscheinend den richtigen Druck und Rhythmus gefunden habe. Mein anderer Daumen kreist ebenso gleichmäßig um B.s Klitoris. Jetzt ist Ausdauer angesagt: Während meiner Ausbildung haben wir für diesen Teil der Massage eigens trainiert, um die Arm- und Fingermuskulatur zu stärken. Es hat sich gelohnt.

Etwas in B. scheint umzuschalten: Der verletzliche und etwas unsichere Teil tritt zurück und macht Platz für die Version von B., die sich ihrer Kraft voll bewusst ist. Fragen und Zweifel verstummen und ich meine ihr innerliches “Fuck yes!” zu hören: “Fuck yes. Das ist alles meins. Die Lust, das Beben, die Saftigkeit, das Leben. Alles meins. Und ich kann so viel davon haben wie ich will.”

In solchen Momenten fühlt es sich für mich so an, als ob alles verschwindet außer dem Massagelager, das leuchtend im Raum zu schweben beginnt. Nichts ist mehr wichtig außer der schieren Lebendigkeit, die keinen weiteren Zweck erfüllt, als lebendig zu sein. Fuck, yes.

B.s Orgasmus rollt langsam an, rollt, rollt, rollt und entlädt sich mit einem langgezogenen, sonoren Seufzer. Meine Bewegungen werden langsamer, bis meine Hände auf- und in B. ruhen. Stille.

Dann lacht sie. Genauso enthemmt wie sie eben gekommen ist, lacht sie, bis ihr die Tränen kommen. Ich lache mit, während ich ihre Yoni noch immer von innen und außen halte, wie immer fasziniert davon, dass sich solche Momente gleichzeitig absolut außergewöhnlich und gleichzeitig völlig selbstverständlich anfühlen.

B. hebt kurz den Kopf und schaut mir etwas überrascht, aber fröhlich in die Augen. Dann lässt sie sich wieder aufs Kissen sinken und sinkt ruhig in sich selbst hinein.

Phase 4: Das Schließen

Wir kommen allmählich zum Ende.

Ich nehme mir Zeit, mich elegant und behutsam aus dem Kontakt mit ihr wieder zu lösen. Extrem behutsam gleite ich aus ihr heraus und halte ihre Vulva noch einige Zeit, verabschiede mich wortlos.

Noch ein paar zärtliche Streichungen über ihren Körper, ihr Becken schaukeln, ihr Herz halten. Ich lege warme Waschlappen auf Herz und Schoß. Dann wasche ich damit ihren ganzen Körper, in aller Ruhe.

Zum Schluss drehe ich sie auf die Seite, decke sie zu und lege mich hinter sie. Sie ist jetzt in einem sehr besonderen Zustand, aufgeweicht und ein bisschen weggetreten. Da darf man nichts übereilen.

Nach ein paar Minuten schleiche ich mich vorsichtig aus dem Raum und lasse sie eine Weile allein. Wir nennen das „Nachspüren“: Ein wichtiger Teil der Massage, in dem sich noch einiges entfalten kann.

Irgendwann hole ich sie dann ganz sanft von dort zurück, wo sie verweilt hat. Das dauert vermutlich ein bisschen. Dann gebe ich B. Zeit zu duschen, wenn sie möchte und sich anzuziehen.

Später sitzen wir wieder auf den Stühlen, auf denen wir begonnen haben. Jetzt darf gesagt werden, was gesagt werden will. Vielleicht verabschieden wir uns auch einfach.

Und aller Wahrscheinlichkeit nach beginnt jetzt für sie nochmal eine ganz andere Reise.

Nachglühen

Tantra-Massagen können eine eindrucksvolle Wirkung entfalten, und das über längere Zeit hinweg.

B. fühlt sich angenehm schwerelos und gleichzeitig getragen. Ihr Hirn funktioniert nicht ganz so geradlinig wie sonst, ein Lächeln spielt auf ihren Lippen und vieles, was vorher so übel wichtig schien, ist jetzt gar nicht mehr so dringend. Ihre Sinne sind sensibilisiert, alles ist ein bisschen intensiver. Der Rest ihres Tages verläuft vermutlich ein bisschen anders als die meisten.

Denn die Tantra-Massage ist nicht nur eine exquisite Massage, die den Körper richtig gut behandelt: Sie will unter die Haut, tiefer noch als die Muskulatur, bis ins Herz.

Tantra-Massage komprimiert außerdem einen existenziellen menschlichen Erfahrungsbereich, der in unserer heutigen Lebensweise viel zu kurz kommt: Das Saftige, Begehrliche, den ganz-körperlichen Genuss. Den Kitzel der schieren Lebendigkeit.

So kommen zu den üblichen Effekten einer guten Massage die einer wirklich ganzheitlich sinnlichen Erfahrung und vielleicht eines Orgasmus. Dabei spielen das umfassende Angenommen-Sein, die Geborgenheit und Fürsorge eine zentrale Rolle.

Für viele ist die Tantra-Massage eine Art Kurzurlaub, dessen Wirkung wochen-, manchmal monatelang anhält. Einigen unserer Gäst*innen helfen die Massagen bei Depressionen oder Schlafstörungen. Regelmäßige Klient*innen berichten, dass sie in ihrem Leben insgesamt viel gelassener und glücklicher sind.

Neurophysiologisch befindet sich B. jetzt in einem Zustand, der einem MDMA-Trip sehr ähnlich ist: Ihr Körper ist voller Dopamin, Oxytocin, Prolactin und Endorphine. Ihr Vagus-Nerv und ihr Endocannabinoid-System sind zufrieden und glücklich, ihr ganzes Autonomes Nervensystem in einem gelösten und entspannten Zustand. Sie fühlt sich sicher, verbunden und offen. In ihrem Hirn herrschen jetzt die Alpha-Wellen und erzeugen einen Zustand von Wachheit, Engagement und einem weniger linearen Zeitgefühl.

So ein Erlebnis wirkt oft wie ein ganz-körperliches, geistiges und emotionales Reset. Als würde das Betriebssystem komplett herunter- und dann wieder hochfahren.

Unser „Normalzustand“ ist ja eher ein angespannter: Wir sind überreizt, latent überfordert, unablässig beschäftigt, geschäftig, busy. Der Stresslevel, der mittlerweile als Normalität anerkannt ist und in dem die meisten noch behaupten würden, dass es ihnen gut geht, reicht allerdings aus, um unser Nervensystem zu aktivieren.

Die Folge sind verminderte Denkfähigkeit, eingeschränkte soziale Kompetenz, erhöhte Wachsamkeit, ein unablässig plappernder Geist, aber vor allem: Orientierungslosigkeit. Wir verlieren den Kontakt zu uns selbst, treten aus dem inneren Dialog heraus, den man Interozeption nennt. Das bedeutet, sich selbst von innen heraus zu fühlen und auf die subtilen Botschaften des eigenen Körpers zu lauschen.

Der Körper kann nicht „abwesend“, in Vergangenheit oder Zukunft sein. Er ist immer ganz im Hier und Jetzt, in der sinnlich spürbaren Wirklichkeit. Wie oft sind wir wirklich in der Gegenwart? Bei und in uns selbst?

Es lohnt sich, diesen Ort hin und wieder zu besuchen. Diese Art der Zentrierung macht uns stark, wach und integer. Hier tanken wir Kraft. Sex und Sinnlichkeit sind herausragende Gebiete, um genau das zu üben – und wo könnte es sich mehr lohnen?

Tantra-Massage kann ein Anhalts-Punkt sein: Ein Punkt in unserem Leben, wo wir anhalten, bewusst aus dem Alltag aussteigen, um unser Zentrum und unsere Balance wiederzufinden – uns zu rekalibrieren. In diesem super-satten und freudvollen Zustand wird es möglich, unser Leben aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten und womöglich einige Änderungen vorzunehmen.

Er kann auch als Referenzpunkt für unser weiteres Leben dienen: So kann sich Leben eben auch anfühlen. Wir sind permanent beschäftigt, aber das Wesentliche kommt immer zu kurz – warum eigentlich?

Warum sich nicht öfter wirklich richtig gut fühlen?

P.S.: Hier soll ein exklusiver Blog mit hochwertigen Texten entstehen. Dafür brauche ich Hilfe: Mit deiner Mitgliedschaft kannst du mir etwas freie Zeit verschaffen, um in Ruhe nachzudenken und zu schreiben. Vielen Dank!

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