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Oktober // Waris Dirie

Seit ich Mutter einer Tochter bin, erlebe ich meinen eigenen Körper anders. Ich weiß, dass ich der Anfang der Welterfahrung meines Kindes bin, und, dass die einzige Erfahrung, die sich den Worten entzieht, die man nicht überreden, beschönigen oder übertönen kann, die Erfahrung des Körpers und durch den Körper ist. Ich weiß, dass der Umgang mit meinem eigenen Körper, mit meinem Erleben von Weiblichkeit und Intimität, nicht die einzige, aber die stärkste Botschaft für meine Tochter sein wird, wenn es darum geht, wie sie sich selbst erlebt. Er wird ein tief verborgener Anfang sein, ein Same, den sie vielleicht selbst entfalten, eine Geschichte, die sie eines Tages weiterschreiben wird. Das klingt nach großer Verantwortung - und vermutlich ist es das auch.

Ich glaube nämlich, dass es leichter ist, fremde Stimmen in sich hineinzulassen und sich lenken zu lassen, wenn man sich selbst nicht kennt - in jedem Lebensbereich.

Wenn ich jetzt in einem Kreis vieler Frauen die Frage stellen könnte, wie mit ihnen über ihren Körper, über das Erwachsenwerden, über ihre wunderbare und faszinierende Physiologie gesprochen wurde, wie viele von uns würden bestätigen, dass uns so wenig Zeit, so wenig Raum gewidmet wurde? Ein tiefer Schmerz hängt über diesem Schweigen darüber, dass niemand uns darin begleitet hat. Weder unsere Mütter, noch unsere Großmütter. Hier, auf der Oberfläche eines satten, selbstzufriedenen Europas, und ebenso anderswo, auf anderen Kontinenten.

Ich weiß, vieles verändert sich. Mein Kind wächst in einer Welt auf, in der Schule, Literatur und Kultur bereits eine neue Sprache gefunden haben - eine, die da ist, die begleitet. Ich schätze und freue mich über diese Veränderungen, und doch bleibt es nur ein kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit.

Der Ausschnitt außerhalb der sogenannten Tradition - jener Tradition, die sich, wie sich zeigt, als die größte Gefahr für Mädchen und Frauen weltweit erweist. Im Namen der Tradition, der vermeintlichen Bewahrung, im Namen ungeschriebener Abkommen, im Namen von Clanstrukturen und Hierarchien – schweigen Mütter.

Sie schweigen, weil sie nicht wissen, dass es anders geht.

Sie schweigen, weil sie dasselbe durchlebt haben.

Sie schweigen aus Angst.

Sie schweigen, weil niemand ihnen je gesagt hat, dass Schweigen nicht die einzige Möglichkeit ist.

Sie schweigen, weil sie sich kleiner fühlen, minderwertiger.

Ihre Welt ist klein.

Die Welt der Verletzten ist klein, aber übervoll von Missbrauch.

Und diese Welt wird oft von einem Mann regiert, oder von einem ganzen männlichen Clan. Durch ihr Schweigen stützen Frauen die Traditionen und Systeme, die letztlich gegen sie gerichtet sind. Eine Binsenweisheit, gewiss - ich sage nichts Neues.

Als ich für die Oktoberseite des Kalenders Follow Women das Porträt von Waris Dirie zeichnete, kannte ich ihre Geschichte gut - aus Filmen, Interviews und vor allem aus ihrem autobiografischen Buch Wüstenblume. Noch mehr aber faszinierte mich ihre Stiftung gleichen Namens, die sie gemeinsam mit ihrer polnischen Freundin Joanna gegründet hat. Mich berührte auf eine seltsam sentimentale Weise, dass diese bekannte Aktivistin, dieses ehemalige Model, das weltweit gegen die Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung kämpft, ausgerechnet eine polnische Stadt Danzig an der Ostsee zu ihrem Lebensmittelpunkt gewählt hat.

In einem Interview erzählt sie, dass sie sich manchmal, wenn sie frühmorgens am Strand entlangläuft, fühle, als liefe sie über den Sand Somalias – jenes Landes, aus dem sie als kleines Mädchen floh, nach der grausamen Beschneidung und vor der Zwangsverheiratung, die ihr bevorstand.

Heute, auf Grundlage ihrer eigenen traumatischen Kindheitserfahrungen, hat sie eine entschiedene, aktivistische Haltung entwickelt - als künftige UN-Botschafterin im Kampf gegen FGM (Female Genital Mutilation). Sie hat es geschafft, die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf diesen grausamen Ritual zu lenken, der kleine Mädchen verstümmelt – seit Jahrhunderten geschützt durch das Schweigen, das ihn zur heiligen Tradition erklärt, und in Wahrheit nichts anderes ist als ein barbarischer Akt der Macht und innerer Kontrolle. Was mich früher in den Seiten ihrer Autobiografie schockierte, wurde für mich zu einer wiederkehrenden Geschichte - zu einer, die ich mit vielen Stimmen hörte, als ich nach Berlin zog und die Erfahrungen von Frauen aus so vielen Kulturen kennenlernte. Ihr gemeinsamer Nenner, unabhängig vom Herkunftsort, war das kollektive Erleben der Instrumentalisierung des weiblichen Körpers und der vielfältigen Formen von Übergriffen - Erfahrungen, bei denen mir manchmal mein eigener Körper wehtut.

Ein Körper, der mir gehört.

Ein Körper, auf den meine Tochter blickt.

Sie schaut mich an - mich, die sich selbst erlebt.

Darum geht es für mich in der Mutterschaft. Darum geht es für mich - im Muttersein einer Tochter.

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