Wie mich der bloße Aufenthalt auf Datingplattformen mehr und mehr in jemanden verwandelt hat, der ich nicht sein will.
Meike Stoverock

Ich habe aktuell alle meine Datingprofile gelöscht. Wieder einmal, muss ich sagen, denn von Zeit zu Zeit gehe ich in den Entzug. Oder Detox, wie die jungen Leute heute sagen. Das tut mir gut, bringt mich zur Ruhe, ist wie ein Reset meiner Individualität.
Denn je mehr Zeit ich auf Datingplattformen verbringe, desto stärker beobachte ich an mir selbst Empfindungen, Haltungen, Verhaltensweisen, die ich unsympathisch an Menschen finde. Es ist mir nicht wichtig, stets und ständig einen guten Eindruck zu machen, und erst recht nicht, von allen gemocht zu werden. Aber ein respektvoller Mensch wollte ich immer sein: freundlich Fremden gegenüber, ohne Misstrauensvorschuss, jemand, der nicht seine emotionale Schieflage an anderen auslässt.
Zugegeben: es hat viel Zeit und mehrere Therapien gebraucht, um trotz meiner psychischen Erkrankungen an diesen Punkt zu kommen, aber ich denke doch, dass ich zumindest einen Gutteil dieses Selbstanspruchs erfüllen kann. Auch im Datingkontext. Mein Buch “Female Choice”, meine Beschäftigung mit den evolutionären Mustern menschlicher Sexualität und mit Incel-Dynamiken hat eher zu mehr Empathie für Menschen im Allgemeinen und Männern im Speziellen geführt. Respektlosigkeit mir gegenüber habe ich natürlich nie toleriert, aber solange die Männer mich freundlich, persönlich und vor allem: NACH Lektüre meines Profiltextes anschrieben, sah ich keinen Grund, unhöflich zu sein.
Dating hat für mich nie bedeutet, regelmäßig Dates mit Männern zu haben. Als introvertierte Einsiedlerin brauche ich gute Gründe, um mich mit jemandem zu treffen. Ich will bei einem Onlinekontakt zumindest schon herausfinden, ob Ebenbürtigkeit im Sinne intellektueller und emotionaler Intelligenz besteht. Auch so etwas wie grundsätzliche Verfügbarkeit - zeitlich und emotional - will ich vorher klären. Denn was bringt ein Date, wenn ich mich entweder nach unten beugen muss, um mit einem Mann “auf Augenhöhe” zu sein, oder wenn sich herausstellt, dass er maximal alle paar Wochen Zeit hat, emotionale Altlasten mit sich herumschleppt oder demnächst nach Kuala Lumpur auswandern will? Gar nichts. Verschwendete Lebenszeit.
Ich mache es also nicht wie die meisten anderen Menschen, nämlich nach einem Match und ein paar Zeilen Smalltalk ein Date zu verabreden, sondern erst nach zwei, drei Tagen Chat, der mir ein gutes Gefühl bereitet und meine Neugier weckt, ziehe ich ein Treffen in Erwägung. Dieser Fokus auf den Chat bedeutet automatisch, dass ich nicht öfter als ein oder zweimal im Jahr Männer treffe.
Gleichzeitig ist mir seit “Female Choice” extrem wichtig, dass sich meine Libido angesprochen fühlt. Und die reagiert auf Ottonormalverbraucher praktisch gar nicht. Eine Optik, die mich aufgrund der Fotos zumindest erahnen lässt, dass ich einen Mann begehren kann, ist mir heute wichtiger als früher. Da wir anziehend finden, was wir aus der Kindheit wiedererkennen, und mein Vater ein sehr charismatischer und wie ich finde auch attraktiver Mann war, ist die Hürde hier ebenfalls hoch, auch wenn ich als mittlerweile alte Schachtel dem Anspruch an klassische Attraktivität selbst nicht mehr so gerecht werde wie mit Anfang 30. Aber es ist wie es ist und deshalb finde ich die meisten Männer optisch unattraktiv.
Erfahrungen habe ich mit allen bekannteren Datingplattformen und -Apps: Tinder, OKCupid, Bumble, Joyclub, Feeld, Hinge. Von “normalen” Kennenlernplattformen bis zu solchen für Dates mit sexuellem Fokus war also alles dabei.
Mit diesen hohen Standards ist Dating für mich noch nie sonderlich spaßig gewesen, eher gepflegte Langeweile. Tat mir weder Gutes noch Schlechtes, lief nebenbei, Desinteresse war der Standard, Begeisterung für einen Mann die Ausnahme.
Doch je öfter ich Körbe verteilte, desto mehr baute sich bei mir eine grundsätzliche Genervtheit, ja, Aggression fast, auf. Jedes einzelne Mal, wenn
ein Mann mein Profil nicht gelesen hatte, bevor er mich anschrieb,
ein Mann mir offenkundig nicht ebenbürtig war,
ich ihn unansehnlich fand (weil Übergewicht, zu klein, Gesicht wie ein auseinanderlaufender Hefeteig),
ein Mann jenen eklatanten Mangel an Individualität aufwies,
mir ganz allgemein die soziale Inkompatibilität zwischen Männern und Frauen bewusst wurde,
wurde ich genervter. Wo ich früher einen verwunderten (Si apre in una nuova finestra), ratlosen (Si apre in una nuova finestra), immer aber milden und humorvollen (Si apre in una nuova finestra) Blick auf männliches Verhalten geworfen hatte, war nur noch Verachtung. Verachtung für die Unansehnlichkeit, für das kommunikative und emotionale Unvermögen. Das Gros der Männer kam mir vor als ob es “doesn’t even know how to Mensch”.
Diese Genervtheit bekam nach dem Bekanntwerden der Fälle von Gisèle Pelicot und Collien Fernandez/Christian Ulmen eine ganz neue Qualität. Alle Empathie war ausradiert, der Humor ohnehin. Ich spürte, dass meine Geduld mit dieser geballten menschlichen, ethischen und kommunikativen Inkompetenz am Ende war.
Die Männer schienen ja noch nicht einmal zu wissen, dass Respekt weniger mit der Form einer Nachricht als vielmehr der Haltung dahinter zu tun hat. Jemanden anzuschreiben, ohne dessen Profil gelesen zu haben, einzig auf die Optik der Fotos zu reagieren, erachte ich als respektlos. Wer losschnattert, ohne zunächst zu schauen, ob man selbst überhaupt zu deren Vorstellungen passt, agiert respektlos. Eine Nachricht, die sich nicht auf den Menschen hinter den Fotos bezieht, sagt “Ich beschäftige mich nur mit dir, wenn du bereit bist, mir deine Körperöffnungen zur Verfügung zu stellen.”
Geht’s eigentlich noch?
Es ist mir egal, ob eine Nachricht nach allen Knigge-Regeln formuliert ist. Wer mit der ersten Nachricht signalisiert, dass ihn an mir zuvorderst die Verfügbarkeit meiner Körperöffnungen interessiert, agiert respektlos, denn der sieht mich als Ressource, nicht als Mensch. Wer sich in einer Konversation komplett passiv verhält, wer nur hermetische Antworten gibt, der ist kommunikativ inkompetent. Wer im Gespräch offenbart, dass er glaubt, Frauen würden (Sex-)Partner genauso auswählen wie Männer, zeigt, dass er Sexualität und Androzentrismus nicht reflektiert. Und wer auch online nicht mehr zuwege bringt als Catcalling, also einzeilige Nachrichten mit Kommentaren zum Aussehen einer Frau, der ist sowieso für jede Form romantischer und sexueller Interaktion verloren.
Nach fast 40 Jahren intergeschlechtlichen Miteinanders habe ich das Recht, von dem immer gleichen männlichen Verhalten genervt zu sein. Ich selbst habe mich in dieser Zeit weiterentwickelt. Habe viel über mich gelernt, meine Stärken und Schwächen, weiß, wo ich menschliche Defizite habe, agiere und reagiere heute anders als am Beginn meiner Pubertät. Und auch die Welt hat sich weiterentwickelt. Vor fast 40 Jahren gab es kein Internet, man hat eine Person angesprochen oder ihr Liebesbriefe geschickt, ohne etwas über ihre Persönlichkeit zu wissen. Ging halt nicht anders. Das Internet hat die Möglichkeiten dramatisch erweitert. Heute ist es möglich, sich einer Person erst zu nähern, wenn man eine Ahnung hat, wie sie tickt, wer sie ist und vor allem: was sie sucht.
Nur die Männer, die haben sich nicht weiterentwickelt. Verhaltensweisen wie die erwähnten, die Reduktion auf meine Optik, der Unwille, sich mit mir als Person auseinanderzusetzen, die unbeholfene Kommunikation - all das erlebe ich seit fast 40 Jahren. Ich habe immer in meiner Alterskohorte plus zehn Jahre gedatet, und das Verhalten ist mir zu allen Zeiten begegnet: bei 15-jährigen Jungen und Männern mit Mitte 50. Aus der Zeit vor der Erfindung des Internets und danach. Und irgendwann ist die Geduld damit einfach aufgebraucht. Als Feministin erlaube ich mir diese Empfindungen, als Frau in einer androzentrischen, patriarchalen Zivilisation weiß ich, dass sie ihre Daseinsberechtigung haben.
Als Mensch finde ich sie schwierig. Wer mich als gottlose Atheistin kennt, mag überrascht sein, dass ich an die universelle, spirituelle Polarität des Weiblichen und Männlichen glaube. Ich bin überzeugt davon, dass es in den, ich nenne es mal Hauptgeschlechtern, denn ich weiß, dass Geschlecht mehr sein kann als eindeutige, binäre Körperlichkeit, dass es also in diesen Hauptgeschlechtern eine Komplementarität und einen übergeordneten Sinn gibt. Die nach Gauß’scher Verteilung erkennbaren Geschlechterunterschiede sind Teil eines großen Ganzen. Ohne Wertung, ohne Hierarchisierung. Und ich habe den männlichen Anteil an diesem großen Ganzen immer geliebt, begehrt und respektiert.
Ich habe Männer auch nie aufgrund ihres Geschlechts als Bedrohung empfunden, weil ich immer genug Ego, Selbstbewusstsein, Wasauchimmer hatte, um überzeugt zu sein, es mit jedem Mann aufnehmen zu können. Als Fünfzehnjährige allein durch den nächtlichen Parkweg? Count me in. Immer natürlich mit dem Blick auf die Gebüsche links und rechts des Weges und schlüsselgespickter Faust in der Jackentasche, aber dennoch: ich hatte keine Angst. Eher ein pubertär-selbstüberschätzendes “Komm mir dumm und ich schlitz’ dir das Gesicht mit meiner Schlüsselfaust auf.”
Was ich sagen will: ungeachtet meiner persönlichen Erfahrungen war ich immer im Frieden mit Männern. Ich habe die problematischen Aspekte eines hohen Testosteronspiegels zwar erkannt, aber immer nur auf individueller Ebene darauf reagiert. Eben, wenn mir jemand dumm kam.
Als heterosexuelle Singlefrau war ich also grundsätzlich immer bereit, einem Mann offen zu begegnen. Offen, respektvoll und mit Empathie. Im Moment kann ich das nicht. Mir schwoll schon der Kamm, wenn ich nur sah, dass ich eine neue Nachricht im Postfach hatte. Weil ich wusste, dass sie nichts als Ausschuss enthält noch bevor ich sie öffnete. Das ist simple Wahrscheinlichkeitslehre nach fast 40 Jahren Interesse am männlichen Geschlecht.
Ich will so nicht sein. Ich will meine Milde spüren, wenn ich jemandem einen Korb gebe. Weil meine Empathie mir sagt, dass dieser Mann ganz ähnliche Bedürfnisse hat wie ich. Nach Hautkontakt und Bestätigung, Aufmerksamkeit und Nähe. Wir sind uns einig in dem, wonach wir uns sehnen. Diese Einigkeit ist mir immer ein gesundes Fundament für eine wohlmeinende, konstruktive Haltung gewesen. Eine Haltung, die mich zu einem reiferen Menschen, einer gesunden Stimme gemacht hat.
Im Moment aber will ich alle Männer nur in einen Sack stopfen und feste mit dem Knüppel draufschlagen; es trifft immer den Richtigen. Oder zumindest einen Richtigen. Das ist auf menschlicher und erst recht auf romantischer Ebene eine ganz schlechte Ausgangslage. Sie führt zu ruppigen Antworten oder zu gar keiner. Und das wiederum führt zu mehr Frust bei den Männern. Mit anderen Worten: es erweitert Klüfte. Genau das will ich nicht, wollte ich nie.
Mein Ansinnen mit “Female Choice” war, die Empathie zwischen den Geschlechtern zu fördern. Dazu beizutragen, dass Männer und Frauen verstehen, warum das jeweils andere Geschlecht so handelt wie es handelt, und einander liebevoller begegnen.
Im Moment kann ich diesem Anspruch selbst nicht gerecht werden. Und deshalb habe ich meine Datingprofile gelöscht. Wie ich mich kenne, werde ich früher oder später wieder zurückkehren, aber dafür muss ich erst meine innere Gelassenheit wiederfinden. Das Vertrauen darin, dass Männer grundsätzlich lernfähig und lernwillig sind.
Im Moment habe ich da berechtigte Zweifel.
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