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Alpha, Beta, #NotAllMen

Über unsere Ohnmacht gegenüber von emotional unreifen Männern dominierten Zivilisationsstrukturen und ihre bizarre Vorstellung von Führungsqualität

Zunächst: Ich hasse den Begriff „Betamännchen“, weil das gesamte Konzept männlicher Führungsqualitäten von Incelgruppen derart aus seinem einst rein biologischen Kontext herausgelöst und so lange durchgekaut und verdreht wurde, bis ich es nicht mehr erkannte. Aber weil viele Männer sicher in solchen Kategorien denken und es hier um diese Menschen geht, verwende ich den Begriff trotzdem. Die Anführungszeichen denken Sie sich bitte jedesmal dazu.

Auslöser dieses Textes war – natürlich – die Enthüllung von Collien Fernandes im Spiegel (Si apre in una nuova finestra). Fernandes, einstige VIVA-Moderatorin, war über Jahre hinweg das Opfer von Deepfake-Pornografie im Netz. Über Jahre versuchte sie, die Täter zu finden, drehte mit dem ZDF eine Dokumentation über das Thema, versuchte – zumeist vergeblich – eine Löschung der Beiträge zu erwirken. Kürzlich fand sie heraus, dass die Person hinter all den Demütigungen ihr einstiger Ehemann war: Christian Ulmen, einstiger MTV-Querschläger vom Dienst, später Schauspieler mit eigenem Tatort, Moderator, Werbegesicht. Laut Spiegel-Recherche hat Ulmen die Taten sowohl Frau Fernandes als auch seinem eigenen Anwalt gegenüber zugegeben, seine Schuld also eingestanden.

Ulmen habe mit KI und Stimmsoftware die Identität seiner Frau gekapert, in ihrem Namen mit anderen Männern Sexchats geführt, Bilder und Filme verschickt. Fernandes gibt an, er habe ihr gesagt, die Idee, seine Frau an andere Männer „auszuleihen“ habe ihn erregt. In den Filmen und Texten wird die KI-Figur Fernandes außerdem von einer großen Gruppe Männern vergewaltigt. Dass alles gegen ihren Willen geschieht, wird mehrmals in der Geschichte betont. Fernandes hat Ulmen in Spanien, ihrem letzten gemeinsamen Wohnort angezeigt.

Das Entsetzen über den Fall in in meiner sozialen Blase riesig, größer noch als bei den Enthüllungen von Gisèle Pelicot, die über Jahre immer wieder von ihrem Ehemann mit Drogen betäubt und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten und bei diesen gefilmt wurde. Und stärker als früher wird nach Reaktionen von männlicher Seite gerufen - zurecht natürlich, denn Taten passieren meist in einem Umfeld, das sie begünstigt. Überwiegend männliche Netzwerke, die Tätern Rückhalt geben, verschleiern, wegsehen, womöglich sogar mitmachen.

Stärker als bei zurückliegenden Fällen wird angesichts solcher Netzwerke auf die völlige Unsinnigkeit einer NotAllMen-Haltung hingewiesen. Mag auch nur ein einzelner Mann Taten begehen, so bieten doch seine Bro- und Buddynetzwerke, seine “Lockerroom”-Kumpels, seine sich ihm anbiedernden Fußsoldaten das Umfeld, auf dem er sie - mitunter jahrelang - ungestört begehen kann. Wenn Frauen, die die Schnauze voll haben von männlicher Gewalt, Männer ganz allgemein ansprechen, dann ist das nicht Sippenhaft oder Verallgemeinerung, sondern nimmt diese Netzwerke endlich mit in die Verantwortung.

Was nun dieses albern verzerrte Konzept von Alpha- und Betamännchen damit zu tun hat? Ich glaube, alles.

★ BLOG ★

In der Causa Ulmen zeigt sich ein Element überdeutlich: die Idee des Täters, so viel Macht zu haben, dass man nicht nur (s)eine Frau, sondern als "Verleiher" auch noch andere Männer kontrollieren kann. Das ist eine Fixierung auf Hierarchie und die eigene Position in ihr, wie sie nur schwache Männer - Betamännchen - zeigen.

Es sind vor allem selbstunsichere – schwache – Männer, die so von Macht und Hierarchien besessen sind, dass sie Gelegenheiten zur Festigung oder Steigerung ihrer eigenen Position schaffen oder nutzen. Dominanzgesten und Machtdemonstrationen sind für sie Werkzeuge, um ihre eigene Unsicherheit nach außen zu kaschieren, nach innen zu besänftigen. Innen drin fühlen sie sich und ihren Einfluss ständig bedroht – das ist das Gegenteil einer sogenannten Alphapersönlichkeit, spiegelt vielmehr eine Incelpersönlichkeit mit variablen Anteilen von Narzissmus und geringem Selbstwertgefühl wider. Nichts schreit so sehr „Schwach“ wie leichte Kränkbarkeit, Angst vor Machtlosigkeit, zwanghaftes Kontrollverhalten und der tiefsitzende Unwille, sich diesen Ausprägungen zu stellen.

Solche Persönlichkeitszüge bilden sich meist im Laufe der ersten zehn Lebensjahre heraus. Das sogenannte Innere Kind und all seine subjektiven Empfindungen sind ein integraler Bestandteil der menschlichen Gehirnentwicklung in der (frühen) Kindheit. Wir alle haben ein Inneres Kind, wir alle sind unfähig, in so jungen Jahren irgendwie auf seine Ausprägung Einfluss zu nehmen. In welcher Art es sich in unserer erwachsenen Persönlichkeit schlussendlich manifestiert, hängt sowohl von angeborenen Faktoren (Stichwort Gene, pränatales Testosteron) als auch der Fähigkeiten und Reife unserer elterlichen Bezugspersonen und unseren Erfahrungen in dieser Zeit ab.

Ein Mann, der (s)eine Frau an andere Männer „ausleiht“, kompensiert die Unsicherheiten seines Inneren Kindes ebenso wie diejenigen, die dieses „Angebot“ nutzen. Sie haben ihre Machtlosigkeit in einen sexuellen Fetisch übersetzt, an dem – wie erwähnt – nicht grundsätzlich etwas Schlimmes ist, solange eine Frau einwilligen kann und eingewilligt hat. Wenn Kompensation zu einem sexuellen Fetisch führt, kann männliche Unreife aber für alle Umstehenden gefährlich werden, denn der Sexualtrieb und alle Hormone und Neurotransmitter, die er mit sich bringt, sind unglaublich stark. Bisweilen so stark, dass das gesamte kulturelle Konstrukt aus Selbstbeherrschung, Aufklärung und Bildung ins Wanken gerät.

Niemandem ist weniger zu trauen als einem Mensch in sexueller Erregung.

★ BUCH ★

Männliche Hierarchien speisen sich zuvorderst aus Männern, die ihrem Inneren Kind nie entwachsen sind. “Betamännchen”.

Wo Männer männlichen Arschlöchern und/oder Gewalttäter beispringen, wo sie deren Taten begünstigen, verharmlosen und/oder bejubeln, da geht es seltener um überzeugten Frauenhass, sondern öfter um Unterwürfigkeit. In dem an Männer gerichteten Projekt „Dadhugs for your soul“ heißt es (Si apre in una nuova finestra):

„Men who want to control women are often deeply submissive to male authority. [When men rush to support eachother in misogynistic comments online] it’s a performance for other men, especially the ones they see as higher up on the ladder of autority than them. It’s a loyalty display from the weakest baboons in the pack. It’s was never about women, it’s always men begging other men to let them belong.“

Das Problem liegt darin, dass das allgemeine Verständnis von Alpha und Beta eher den Markern einer von Männern gemachten, hierarchischen Zivilisation folgt. Steht jemand oben in der Gesellschaft? Hat er Geld und Einfluss? Hat er einen athletischen Körperbau und ein allgemein als attraktiv empfundene Körpersymmetrie? Dann ist er Alpha, no questions asked. Ein Mann kann aber – als Künstler, CEO, Spitzenpolitiker – ganz oben stehen und trotzdem kein Alpha sein. Eine Persönlichkeit aus dem Spektrum der Dunklen Triade (Si apre in una nuova finestra) und ein (oft ererbtes, nicht erarbeitetes) Vermögen reichen im Zweifelsfall schon aus, um an eine solche Spitzenposition zu kommen.

Alpha und Beta sind meines Erachtens aber zuvorderst eine Frage von Selbstsicherheit und einer mentalen Stärke, die sich sowohl in Reife als auch in Selbstreflektion und einem soliden moralischen Kompass zeigt. Ich habe mehr Männer mit Führungsqualitäten und ohne Spitzenposition kennengelernt als Männer mit Spitzenpositionen ohne solche Qualitäten.

Aber wer oben steht, egal ob er eine starke oder schwache Persönlichkeit ist, kann sich mit einhundertprozentiger Sicherheit darauf verlassen, in kürzester Zeit von unterwürfigen, eilfertigen, unreifen Männern umgeben zu sein. Männern, die zu Steigbügelhaltern seiner Unmoral werden. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ein Mann nur fantasiert oder auch nach diesen Fantasien handelt. Allerdings nur ein juristischer, kein moralischer. “Die Gedanken sind frei” zählt für mich nur so lange, wie eine Tat nicht lediglich durch einen Mangel an Gelegenheiten verhindert wird.

  • Du machst (d)eine Frau durch Verabreichung von Alkohol oder Drogen oder durch Verheimlichung gezielt entscheidungsunfähig? Du bist ein potentieller Täter.

  • Du hältst es für akzeptabel oder sogar sexy, ohne Wissen der/deiner Frau zu handeln? Du bist ein potentieller Täter.

  • Du glaubst, eine digitale Impersonifizierung ist harmlos, weil der Körper der Frau unangetastet bleibt? Du bist ein potentieller Täter.

  • Du glaubst, in Fällen (nur) digitaler Umsetzung, ist die Einwilligung der Frau nicht nötig? Du bist ein potentieller Täter.

  • Du glaubst, Demütigung, Vertrauensbruch, der völlige Verlust der Kontrolle über die eigene Darstellung seien kein Schaden? Du bist ein potentieller Täter.

Buddy-Netzwerke schaffen Gelegenheiten für die Umsetzung solcher gefährlichen Haltungen. Und genau deshalb spielt es für viele Opfer und solche, die sich mit ihnen solidarisieren, mittlerweile nur noch eine sehr untergeordnete Rolle, ob jemand sich einer konkreten Tat schuldig gemacht hat oder Taten “nur” mit seiner Haltung begünstigt hat. Ich glaube, dass diese Sichtweise moralisch richtig ist.

★ Social Media ★
(Si apre in una nuova finestra)

Einem potentiellen Täter sollte eine anständige Gesellschaft die gleiche Haltung entgegenbringen wie einem tatsächlichen: Misstrauen. Unser Anspruch an Männer muss dahingehend steigen, dass wir ihnen endlich moralische Festigung und emotionale/psychische Reife abverlangen. Erst und nur dann steht ihnen ein Platz in einer übergeordneten Position zu.

Ich werfe niemandem sein Inneres Kind vor, aber ich erwarte von jeder erwachsenen Person, dass sie sicherstellt, dass andere nicht darunter leiden.

Die Kompensation unserer (früh-)kindlichen Prägung hat unangenehm viele Gesichter und in einer unreifen Gesellschaft, in der Psychologie immer nur dann zu Rate gezogen wird, wenn es um Krankheiten und Straftaten geht, ist sie nicht leicht zu erkennen.

Auch sogenannte Allies - Männer, die weiblichen Opfern ihre Solidarität aussprechen, die ihre Reichweite in den Sozialen Medien dafür nutzen, um über strukturelle Ungerechtigkeit aufzulären - kompensieren die Unsicherheitsgefühle ihres Inneren Kindes. Wie gesagt: Das Konzept des Inneren Kindes ist geschlechtlos, es gilt für jeden Mensch, und jeder Mensch kompensiert.

Aber an diesem Punkt geraten wir als gerechtigkeitsinteressierte Menschen in eine Sackgasse. Schon eine ganze Weile beobachte ich in den sozialen Medien, dass Beiträge und Accounts, die sich gegen Ungerechtigkeit im Allgemeinen und Misogynie im Besonderen stark machen, vor allem von zwei Gruppen gesehen, geliket und verbreitet werden: von Frauen und Männern, die in unserer auf von Männern erfundenen Alpha-Markern basierenden Welt strukturell ohne Macht und ohne Multiplikationsfaktor sind.

In meinem neuen Buch, das im Januar `27 im Tropen Verlag erscheinen wird, befasse ich mich auch mit dem Potential von Revolutionen „von unten“. Der Frage, inwieweit eigentlich vom gemeinen Volk ohne herausragende Macht ausgehende Bewegungen etwas an ungerechten Strukturen ändern können. Meine Recherchen haben mich mit einer mageren bis niederschmetternden Erkenntnis zurückgelassen: keine Volksrevolution - nicht einmal die Französische, in deren Verlauf die Massen den Hochstehenden sogar die Köpfe abgeschnitten haben - hat jemals wirklich etwas an der der Zivilisation inhärenten Ungerechtigkeit geändert.

An jenen Strukturen, die nicht versehentlich ungerecht sind, die weibliches Denken und Erleben nicht versehentlich in eine ignorierbare Position gebracht haben, die dem männlichen Sexualtrieb nicht versehentlich einen riesigen, dem weiblichen dafür nur einen winzig kleinen Spielraum gegeben haben. Die Ungerechtigkeit und die Möglichkeit für Männer, Frauen – virtuell und physisch – Gewalt anzutun, sind der Zivilisation inhärent. Diese Erkenntnis hinterlässt mich sehr müde, mich immer wieder mit den Folgen dieser strukturellen Aufteilung der Welt zu befassen und mich in den Kanon der zu recht wütenden und verzweifelten Menschen einzureihen.

Die Solidarität von Männern ist solange bedeutungslos, wie Hierarchien vor allem von rücksichtslosen, psychisch unreifen Erben und Männern der Dunklen Triade dominiert werden. Solange Menschen, die Kontakt zu ihrer Gefühlswelt haben, die sich gegen jede Prägung bemühen, reif und anständig zu handeln, die andere nicht gefährden und in sich wachsen wollen, ohne hierarchische Macht bleiben.

Und vielleicht ist es das, was mich bei dem Fall Fernandes/Ulmen so sehr quält, viel mehr als die Tat an sich: dass sich wieder nichts an den Strukturen ändern wird. Egal, wie spanische Gerichte in dem Fall urteilen werden, egal, ob die Forderung der deutschen Justizministerin, das Herstellen und Verbreiten von (pornografischen) Deepfakes unter Strafe zu stellen, umgesetzt wird, wird sich doch an dem grundsätzlichen Problem, dass Schuld und Unschuld, Täterschaft und „Boys will be boys“ nicht durch ein moralisch solides Gesellschaftsfundament, sondern nur durch eine hauchfeine, durch juristische Winkelzüge verhandelbare Grenze getrennt sind, nichts ändern.

(Artikelbild (Si apre in una nuova finestra))

Argomento Feminismus & Patriarchat

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