Unter Fachleuten* gibt es die Theorie, dass Schriftsteller bloß gescheiterte Rock’n’Roller sind. Mucker, ohne die nötige Konsequenz, ein Instrument zu lernen. Und tatsächlich haben Musik und Literatur viele Parallelen. Beide beanspruchen sie eine gewisse Mystik für sich. Sind eingehüllt von romantischen Stereotypen. Ein Bild, das man hat, wenn man es nicht besser weiß. Beide sind Rückzugsort für die Einsamkeit, selbst gewählte oder von außen auferlegte. Und beide können sie der Aufwind sein, sowohl vor als auch hinter der Kunst. Beide schieben sie die einen hoch auf ein Podest, während sie die anderen in schlammiger Erde verbuddeln. (Und bei beiden sind die Kriterien für die eine oder andere Richtung nie so ganz klar.) Natürlich gibt es Ausnahmen, die gibt es immer, aber überall dort, wo Menschen in Musik und Literatur es ernst meinen, sieht man diese Parallelen. Und wie nah diese Kunstformen beieinander liegen, davon erzähle ich euch heute, und den Anfang machen
Live-Konzerte
Ich hab eine literarische To-do-Liste. Eine Art künstlerische Bucket-List, eine Reihe von beruflichen Ambitionen, man braucht ja Ziele. Auf dieser Liste stehen Dinge wie: Lesetour im Nightliner, Autorenporträts von Katja Kuhl, oder Ersten Romanentwurf in Los Angeles schreiben. Und ganz weit oben steht: Lesung in Frankfurt. Weil die Stadt Frankfurt und ich, wir haben eine Verbindung, über die Kunst, über die Musik. Warum das so ist, das würde hier den Rahmen sprengen, aber als kleine Einführung empfehle ich euch mein Buch RAW (Si apre in una nuova finestra). Hier wird schnell deutlich, warum Frankfurt.
Auf jeden Fall steht das da so auf meiner Liste: Lesung in Frankfurt. Und eben diesen Punkt, den kann ich in ein paar Tagen von der Liste streichen, denn am Mittwoch, den 13. Mai, lese ich im Café Mutz in Alt-Niederursel aus Gorbach. Dem für mich so wichtigen Buch, das sich der Frage widmet, ob die Menschen den Ort machen, oder der Ort die Menschen. Weitere Infos zu diesem Termin findet ihr hier (Si apre in una nuova finestra).
Ein paar Tage später dann, am Samstag, den 16. Mai, lese ich im Rahmen der Wuppertaler Literatur Biennale. Das Festival stellt sich diesmal dem Thema Wut, und ganz ehrlich, wenn ich eines kann, dann Wut. Das sah die Organisation ähnlich, darum luden sie mich ein, am 16.05. um 19 Uhr im LOCH vorbeizukommen. Mit Claudia Cosmo gebe ich dort einen ersten Einblick in einen noch unfertigen Roman, der näher am Thema nicht sein könnte. Wenn ihr mehr darüber erfahren wollt, kommt vorbei, Karten gibt es hier (Si apre in una nuova finestra).
EP
Was letzten Monat im Wust der Leipziger Buchmessen-Notizen völlig unterging, ist die Erscheinung meiner Goslar-Kolumnen in Buchform. Vom 15. August bis zum 15. Dezember 2025 nämlich war ich als Wortwerker (Stadtschreiber ohne städtischen Auftrag) in Goslar unterwegs, hab dort geliebt und gelitten, getrunken und geschimpft, hab die Polizei gesucht und die Zeit vergessen, und einmal, nach einer Veranstaltung, auch die Beherrschung verloren, zumindest textlich. Und wie sich all das angefühlt hat, das könnt ihr euch ab sofort in gedruckter Form drauf bringen.

Auf 62 Seiten hab ich diese für mich, meine Arbeit und meine künstlerische Entwicklung so wichtige Zeit festgehalten, auf dass ihr darin blättern, euch amüsieren und mit mir fühlen könnt. Und wenn ihr jetzt denkt: „Geil, das muss ich haben“, bekommt ihr das Buch gegen eine Spende unter info@stiftung-kloster-neuwerk.de (Si apre in una nuova finestra). Aber das Ding ist limitiert, also beeilt euch, wer zuerst kommt, und so.
Inspiration
Eine weitere Gemeinsamkeit von Literatur und Musik ist, dass beide in einem Resonanzraum entstehen. Sprich es braucht einen Funken, ein Raunen, oder anders: Inspiration. Etwas, das dich veranlasst, dich hinzusetzen (oder wie Hemingway hinzustellen) und Dinge zu erschaffen, die so vorher nicht da waren, und die nur du selber genau so erschaffen kannst, mit deinen Erfahrungen an den Menschen und der Welt. Und Lukas Hoffmanns Roman Wassermann fühlt sich wie genau so etwas an.
(Si apre in una nuova finestra)Es geht um Luk, einen jungen Mann, der für ein Auslandssemester von Hamburg nach Barcelona kommt, eigentlich vor seiner sterbenden Mutter flieht, und der auf eben dieser Flucht dann mitten im katalanischen Unabhängigkeitskampf landet. Und dieser Roman, Wassermann, der liest sich, als wäre er auf einer einsamen Insel geschrieben worden, irgendwo in der Sonne, vor der spanischen Küste vielleicht, oder auch vor der portugiesischen, im Atlantik, am letzen Punkt vor Amerika. Vollgestellt mit Sätzen wie: „Als ich draußen auf die Straße trete, spiele ich einen Moment mit dem Gedanken, mich vor ein Auto zu werfen oder in der nächsten Station vor eine Bahn. Wie schrecklich egoistisch das wäre. Irgendeinem Fremden mein Elend anzuhängen. Hier, mein Körper, zerschmettere ihn.“ Dieses Buch, die Geschichte und die Form, für die sich Lukas Hoffmann hier entscheiden hat, hat mich an Dinge erinnert, die für mich und meine Arbeit an der Kunst eigentlich sehr wichtig sind. Dinge, die man aber gerne mal vergisst, wenn man kopfüber drinsteckt. Und Wassermann hat mich da rausgezogen, abgeklopft und mich neben sich gestellt. Dann haben wir zusammen auf die schlammige Erde gesehen, aus der er mich gezogen hat, haben den Kopf geschüttelt – und sind beide hineingesprungen. Er kopfüber, ich mit ner fetten Arschbombe: klatsch.
Inspiration Vol. 2
Und weil ich mit dem Rock’n’Roll angefangen hab, hör ich auch mit ihm auf, und zwar mit Thomas Csorbas „The Big Time“. Warum? Weil wäre Wassermann ein Countrysong, er würde sich genau so anfühlen: junger Mann im Auto fährt und fährt und fährt, so weit weg, wie er nur kann. Ein Lied zum Reinlegen, und ein Video, bei dem ich wünschte, ich hätte daneben gesessen und könnte mich an all die Orte erinnern, an denen wir gewesen sind.
https://www.youtube.com/watch?v=IVmJm8FOOc8 (Si apre in una nuova finestra)Ich glaub, ich hab Fernweh. (Spoiler: Bald nicht mehr.)
Mit freundlichen Grüßen ,
Hank Zerbolesch
*mein Freund Jörg