Sind Insekten und andere kleine Tiere im Winter wirklich weg? Was machen sie, und wie kann man sie vielleicht doch entdecken? Ein Naturspaziergang.

Es ist Dezember, und wenn es faktisch noch kein offizieller Winter ist, finde ich es schon eher wintermäßig als herbstlich. Die letzten Tage war es aber mild, die Temperaturen liegen momentan bei ein paar Grad über null, die Sonne scheint immer mal wieder durch die kahlen Baumkronen, ich bin auf dem Land und hab meine Kameras dabei. Ich mache mich auf den Weg durch den Wald und schaue mal, was ich so entdecke. Gerechnet habe ich mit Pilzen, Flechten und Moosen, aber dann hab ich doch mehr gefunden, als gedacht.
Ab in den Wald!


Ich scanne das Totholz am Wegrand. Mein Blick fällt zuerst auf die Pilze, die an Totholz und Baumstümpfen wachsen. Baumpilze wie das Judasohr (Auricularia auricula-judae) oder verschiedene Porlinge trotzen dem Winter und bieten für viele Tiere Unterschlupf oder Nahrung. Die Fruchtkörper zersetzen das Holz langsam und schaffen dabei feuchte Mikrohabitate, in denen sich kleine Tiere aufhalten können.


Gerade habe ich an einem großen, Moos überwachsenen Baumstamm diese kleine Szene entdeckt:

Während ich versuche, mich noch flacher auf den Boden zu legen, um eine andere Perspektive auszuprobieren, drücke ich versehentlich auf den Kameraauslöser. Ich öffne das Bild und will den verwackelten Zufallsshot gerade löschen, da bemerke ich, dass einer der Zweige irgendwie “seltsam” aussieht:

Oha, denke ich, das ist definitiv kein Zweig. Mit bloßem Auge erkenne ich ihn kaum, erst durch meine Makrolinse fiel mir diese “Anomalie” auf. Also untersuche ich die Szene genauer und entdecke diesen kleinen Racker hier:

Ein kleiner Tausendfüßer (vermutlich Polydesmus sp.) sitzt hier eingebettet zwischen Fichtennadeln, Moosen und Algen und harrt in der Kälte aus. Tausendfüßer ernähren sich von zerfallendem Pflanzenmaterial und tragen damit zur Humusbildung bei. Deshalb findet man sie eben auch so oft in solchen Totholzszenarien. Anders als die Hundertfüßer, die räuberisch unterwegs sind, zerkleinern Tausis Laub, Holzreste und andere organische Stoffe, die dann von Bakterien und Pilzen weiter abgebaut werden können.
Mein Tausendfüßer hier bewegt sich nicht, da er, wie alle kleinen Tierchen, wechselwarm ist. Wechselwarme Tiere, also solche, deren Körpertemperatur von der Umgebungstemperatur abhängt, können bei Kälte ihren Stoffwechsel herunterfahren. Das spart Energie, macht sie aber auch träge. An diesem milden Dezembertag reicht die Wärme aus, damit der Tausendfüßer aktiv wird, doch er kriecht nur gaaaaaanz langsam über das feuchte Holz. Bei Temperaturen unter null Grad würde er sich gar nicht mehr bewegen und in eine Art Kältestarre fallen, aus der er bei steigenden Temperaturen wieder erwacht.
Jetzt bin ich natürlich neugierig und scanne den Stamm weiter ab. Und tatsächlich, immer wieder finde ich kleine Tiere.

Ein paar Zentimeter weiter finde ich mehrere Asseln. Diese Krebstiere (ja, Asseln gehören zu den Krebsen und damit zu einer Gruppe, die sonst hauptsächlich im Wasser lebt) haben sich an das Leben an Land angepasst. Sie benötigen allerdings weiterhin Feuchtigkeit, weshalb sie unter Laub, Steinen oder in morschem Holz leben. Im Winter suchen Asseln frostfreie Verstecke auf und können sich zu größeren Gruppen zusammenfinden. Diese Ansammlungen helfen, die Feuchtigkeit zu halten und minimale Wärme zu speichern.

Die Kellerassel (Porcellio scaber) und Mauerasseln (Oniscus asellus), mit die häufigste Arten in deutschen Wäldern und Gärten, überleben Temperaturen bis etwa minus zwei Grad. Darunter beginnt das Wasser in ihrem Körper zu gefrieren, was tödlich wäre. Deshalb ziehen sich Asseln im Winter tief in geschützte Bereiche zurück, wo die Temperatur stabiler bleibt – beispielsweise tief in Komposthaufen, Laubhaufen oder in verrottenden Baumstämmen, wo die Zersetzungsaktivität Wärme produziert. An diesem sonnigen Dezembertag sind sie nahe der Oberfläche aktiv und fressen an verrottenden Blättern.

Nacktschnecken und Gehäuseschnecken haben unterschiedliche Strategien, um den Winter zu überstehen. Viele Nacktschneckenarten sterben im Herbst, nachdem sie Eier gelegt haben, die dann im Frühjahr schlüpfen. Einige Arten überdauern jedoch als erwachsene Tiere in frostfreien Verstecken, so auch diese Kollegin hier. Häuschenschnecken hingegen können sich in ihr Haus zurückziehen und die Öffnung mit einer Schleimschicht, dem Epiphragma, verschließen. So geschützt überstehen sie Kälteperioden ganz gut.
Die Schnecke, die ich beobachte, hat wohl die milde Witterung genutzt, um nach Nahrung zu suchen. Pilze und Algen stehen auf dem Speiseplan vieler Schneckenarten, und die feuchten Bedingungen an diesem Tag bieten gute Voraussetzungen. Schnecken sind wie Asseln auf Feuchtigkeit angewiesen, da sie über ihre Haut Wasser verlieren und Schleim produzieren müssen, um sich fortzubewegen.
Ich laufe weiter durch den Winterwald, hier und da kann ich einen Blick auf angrenzende Weiden und Koppeln werfen, auf denen sich Pferde sonnen.

Die eigentliche Überraschung des Tages finde ich auf der Oberfläche eines Baumstumpfes; Tiere, die ich schon immer fotografieren wollte, was aber gar nicht so einfach ist.

Eigentlich hatte ich es bei diesem Baumstumpf auf einen bestimmten Pilz abgesehen, der hier wächst: Die Geweihförmige Holzkeule (Xylaria hypoxylon). So sieht sie von nahem aus:


Als ich das letzte Foto durch den Sucher betrachte, fällt mir was auf …. entdeckst du den Hinweis auf ein Tier auf dem oberen Bild?
Schau mal, was ich da eingekringelt habe:

Ich puste auf den Baumstumpf und schon bricht überall hektische Bewegung aus. Endlich habe ich sie mal vor der Linse: Kugelspringer!

Natürlich habe ich nicht die richtige Ausrüstung dabei. Ich bräuchte einen Blitz, damit ich die Blende stärker schließen und mehr scharf kriegen kann bei der kleinen Distanz (es ist sehr dunkel da in der Ecke). Ich bräuchte ein Stativ, um ein sogenanntes Fokusstacking zu machen, um den ganzen Körper scharf zu kriegen. Hab ich alles nicht dabei, ich ärgere mich kurz, mach aber das Beste draus.


Kugelspringer gehören zu den Springschwänzen (Collembola), einer Gruppe, die lange zu den Insekten gezählt wurde, heute aber als eigene Klasse der Sechsfüßer (Hexapoda) innerhalb des Stammes der Gliederfüßer (Arthropoda) gilt. Sie messen oft weniger als einen Millimeter und bleiben deshalb meist unbemerkt, obwohl sie in enormen Mengen überall um uns herum vorkommen. Forscherinnen und Forscher schätzen, dass sich in einem Quadratmeter Waldboden bis zu 100.000 Springschwänze tummeln können.
Kugelspringer haben eine rundliche (und in meinen Augen echt niedliche) Körperform und können sich mit ihrer Sprunggabel, einem Anhang am Hinterleib, in die Luft katapultieren. Diese Fähigkeit dient der Flucht vor Fressfeinden. Im Winter bleiben viele Springschwanzarten aktiv, solange die Temperaturen über dem Gefrierpunkt liegen. Manche Arten, wie die Schneeflöhe, bewegen sich sogar auf Schneeoberflächen und fallen dort als dunkle, hüpfende Punkte auf. Hast du das schon einmal gesehen?
Die Kugelspringer, die ich beobachte, fressen vermutlich an Pilzhyphen, Bakterien oder zersetztem Pflanzenmaterial. Sie spielen eine Rolle im Nährstoffkreislauf des Waldbodens, indem sie organisches Material zerkleinern und Pilzsporen verbreiten.




Überlebensstrategien in der Kälte
Die Tiere, die ich an diesem Dezembertag beobachte, nutzen unterschiedliche Strategien, um mit dem Winter umzugehen. Wechselwarme Organismen können ihre Körpertemperatur im Gegensatz zu Vögeln und Säugetieren kaum regulieren. Wenn die Außentemperatur sinkt, werden auch ihre Körper kalt und der Stoffwechsel verlangsamt sich aber auch extrem. Das reduziert den Energiebedarf, was gut ist, schränkt aber auch die Bewegungsfähigkeit ein, was so mittel ist.

Viele Gliederfüßer überwintern in bestimmten Entwicklungsstadien. Manche Käfer verbringen den Winter als Larve im Holz, geschützt vor Frost. Schmetterlinge überwintern je nach Art als Ei, Raupe, Puppe oder sogar erwachsenes Tier. Die Zitronenfalter etwa, die zu den wenigen Schmetterlingen gehören, die als Imagines (also Erwachsene) überwintern, produzieren körpereigene Frostschutzmittel wie Glycerin, die verhindern, dass ihre Körperflüssigkeiten gefrieren.
Andere kleine Tiere suchen geschützte Mikrohabitate auf, in denen stabilere Bedingungen herrschen. Unter der Rinde von Bäumen, im Inneren von Baumstümpfen, tief in der Laubschicht oder im Boden bleiben die Temperaturen selbst bei strengem Frost oft über null Grad. Frostfreie Verstecke ermöglichen es vielen wirbellosen Tieren, den Winter zu überdauern und im Frühjahr wieder aktiv zu werden.
Zeit, mal rauszugehen
Wenn du dich für die kleinen Bewohnerinnen und Bewohner des Waldes interessierst, kannst du also auch im Winter erfolgreich auf Suche gehen. Die besten Chancen bieten milde, feuchte Tage nach einer Kälteperiode, dann kommen Tiere aus ihren Verstecken, um nach Nahrung zu suchen oder neue Unterschlupfmöglichkeiten zu erkunden. Ein Blick unter Steine, Rinde und Laub lohnt sich fast immer, und wenn du eine Lupe mitbringst, entdeckst du noch kleinere Lebewesen, die dem bloßen Auge entgehen. Du brauchst aber auch etwas Geduld, beziehungsweise doch etwas mehr als in den warmen Monaten, da sich die kleinen Lebewesen eben so langsam oder gar nicht bewegen, dass man sie nicht durch herumfliegen oder tippeln bemerkt. Ich muss einen Baumstumpf auch sehr lange anstarren, bis ich plötzlich merke, dass dieser kleine Krümel aber komisch aussieht, oder dass dieser kleine Zweig sich plötzlich bewegt.





Also würde ich sagen: Raus mit dir in den Wald, in einen Park, in einen Garten oder ein wildes Eckchen in deiner Nachbarschaft und viel Spaß beim Erkunden!
Bis zum nächsten Mal
Jasmin
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