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ZDF goes Schule: Aufklärung in Brandenburg

Oranienburg, 26.01.2026, 8 Uhr morgens. Frühstück mit den beiden ZDF-Verantwortlichen. Ich komme zehn Minuten zu spät – die Glatteis-Anreise mitten in der Nacht hat ihre Spuren hinterlassen. Nach kurzem Smalltalk geht es gleich ans Eingemachte: der Ablauf der Veranstaltung an der Schule.

Gymnasium in AfD-Hochburg

Um 9 Uhr sollen wir da sein. Ein Gymnasium in Oranienburg, mitten in Brandenburg. Die AfD ist hier stärkste Kraft mit 28,5 Prozent bei der letzten Kommunalwahl 2024. Mir ist ein wenig mulmig zumute, als wir uns auf den Weg machen.

Doch die Lehrkräfte sind alle ausgesprochen freundlich. Es ist eine sehr moderne Schule. An der Wand des Gebäudes prangt groß das Logo Schule ohne Rassismus. Schule mit Courage. (Si apre in una nuova finestra) Eine offene und diskriminierungssensible Schule also. Ich nehme mir vor, im Laufe des Tages auch auf das Label Schule der Vielfalt (Si apre in una nuova finestra) hinzuweisen.

Meine Scanner laufen auf Hochtouren. Sehr schnell fällt mir auf, dass niemand der Lehrkräfte, die uns bisher begrüßt haben, gendersensible Sprache verwendet. Es wird durchgehend die Doppelnennung „Schülerinnen und Schüler" genutzt.

Wir werden durch die Schule geführt. Auf die Turnhalle scheinen sie besonders stolz zu sein – wir machen ein Foto. Dann geht es zurück zum Veranstaltungsraum in der Mensa, die sich langsam füllt.

„Verbotene Liebe": Der Film

Die Schüler*innen haben sich freiwillig gemeldet, die neueste Folge der ZDF-Dokumentation „Verbotene Liebe" (Si apre in una nuova finestra) anzuschauen und darüber in den Austausch zu kommen. Zum dritten Mal durfte ich an dieser Dokureihe teilnehmen. Die Lehrkräfte erzählen uns, dass sie das Thema auch im Geschichtsunterricht behandelt haben. Das vor uns sitzende Publikum sollte also bereits wissen, was Begriffe wie „queer" bedeuten – bei einigen wurde sogar der Paragraph 175 (Si apre in una nuova finestra) im Unterricht thematisiert. Insgesamt sollen 150 bis 200 Schüler*innen an der heutigen Veranstaltung teilnehmen.

Kurze Einführung durch eine Lehrkraft, dann geht der Film los. Ich sehe ihn selbst zum ersten Mal komplett und bin sehr gespannt.

Fragen, die zählen

Nach dem Film stehen wir Rede und Antwort: Annette Harlfinger, Redakteurin des ZDF, Fabio Mauro von der Produktionsfirma Februar Film und ich als Protagonistin des Films. Die Schüler*innen sind sehr interessiert an den Dreharbeiten und fragen nach den geschichtlichen Ereignissen – insbesondere, warum queere Menschen auch nach der NS-Zeit bis in die 1990er-Jahre von den Strafverfolgungsbehörden verfolgt wurden.

Ich weise auf die moralischen Vorstellungen der Kirche hin, die häufig großen Einfluss auf Gesetzgebung und Sexualmoral der Gesellschaft hatten. So wurde dieses Thema auch von politischen Kräften gerne unter den Teppich gekehrt. Es dauerte bis 2023, bis am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, auch an die queeren Opfer des NS-Regimes erinnert wurde (Si apre in una nuova finestra).

An dieser Stelle kommt die Aktivistin in mir raus: Ich weise darauf hin, dass die queere Community bis heute die einzige Opfergruppe aus der NS-Zeit ist, die nicht im Grundgesetz geschützt ist. Deshalb brauchen wir unbedingt ein Grundgesetz für alle (Si apre in una nuova finestra).

Nach der Veranstaltung

Nach der Veranstaltung kommen einzelne Schüler*innen auf mich zu und stellen Fragen, die sie sich in der großen Runde nicht getraut haben zu fragen. Ich merke, wie klug und empathisch die Fragen gestellt werden, und fange an, diese Schule und das Bildungssystem an diesem speziellen Ort zu bewundern. Mir wird aber auch langsam klar, dass das hier wohl eine Vorzeigeschule ist.

Zum Abschluss kommt noch eine Person auf mich zu und sagt:

„Danke, dass ihr die Personen im Film alle richtig gegendert und ohne Deadname erwähnt habt."

Ja, wenn man mit Menschen redet, anstatt über sie, dann ist auch das Endergebnis qualitativ sehenswert. Ich bedanke mich und wende mich der Runde mit den Lehrkräften zu. Zunächst lausche ich den Gesprächen. Es fällt der Begriff „Vorzeigeschule", als ich mich einbringe und auf das Label „Schule ohne Rassismus" zu sprechen komme. Ich frage, ob sie das Label „Schule der Vielfalt" kennen würden. Die Lehrkraft, die hier alles organisiert hat, zückt sofort ihr Handy und notiert sich meine Empfehlungen. Sie bedankt sich sehr für diesen Tipp.

Zufrieden habe ich mein Thema platziert. Ich verabschiede mich mit einem Lächeln und den Worten: „Bis nächstes Jahr!" Wer weiß, ob es einen vierten Teil der Doku geben wird, denke ich mir. Wer weiß, ob wir dann evtl. wieder hier eingeladen werden. Ich bin immer Fan davon wenn sich erfolgreiche Formate langfristig etablieren…

Die Frage nach der Reichweite

Wir fahren gemeinsam mit der S-Bahn nach Berlin-Mitte und reflektieren. Der Verdacht der Vorzeigeschule erhärtet sich. Was ist „ZDF goes Schule" eigentlich? Eine Weiterentwicklung von „Terra X goes Schule". Als Schule müsse man sich wohl „bewerben", um teilnehmen zu können, dann wird eine Schule ausgewählt – und natürlich wählt man die Prestige-Projekte aus.

Ich frage mich: Was soll dieses Bewerbungssystem? Und wie würde so ein Projekt wohl an einer Brennpunktschule ankommen? An den Orten, die uns nicht sowieso schon „zujubeln", sondern dort, wo Aufklärung wirklich gebraucht wird?

Diese Frage bleibt mir im Kopf. Eine Frage, die gestellt werden muss.

Link ZDFMediathek
https://www.zdf.de/video/dokus/verbotene-liebe-in-der-ns-diktatur-100/zdfinfo-verbotene-liebe-queere-ueberlebende-der-ns-diktatur-100 (Si apre in una nuova finestra)
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