und warum Faulheit das Produktivste sein kann, was Du für Deine Arbeit tun kannst.
Wann war Dir eigentlich mal wieder so richtig langweilig? Wenn Du Dich daran nicht mehr erinnern kannst, dann bist Du nicht allein. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Du kennst sicher Sätze wie “Wer rastet, der rostet” oder “Stillstand bedeutet Tod” oder auch gerne “Schlafen kannst Du, wenn Du tot bist”. Erstaunlich, dass Müßiggang in unserer Welt immer etwas mit unserer Endlichkeit zutun hat. Dabei ist doch eigentlich das Gegenteil der Fall.
Die Sängerin Elen singt in ihrem Song “Liegen ist Frieden”: “Ich hab noch nie gehört, dass jemand liegend ganz plötzlich tot umfiel”. Ich auch nicht und dennoch ist Ausruhen und Nichtstun für uns etwas, das wir eher naserümpfend betrachten. Unproduktiv. Faul. Unverschämt, sich einfach hier nen lauen Lenz zu machen, während wir uns alle abrackern.
Dabei ist das eine gigantische Fehlannahme.
Abbruch bedeutet Aufbau
Um kreativ zu sein, brauchen wir Langeweile. Das hat mehrere Gründe. Zum Einen, braucht unser Gehirn Pausen, in denen es sich neu vernetzten kann, Gelerntes verarbeitet und ins System aufnehmen kann. Vielleicht kennst Du das, wenn Du eine kniffelige Aufgabe zu lösen versuchst oder wenn Du ein Instrument spielst, Du an einer besonders komplexen Stelle des Songs immer wieder hängen bleibst und es nicht klappen will, dann ist eine gute Möglichkeit, es für den Tag einfach gut sein zu lassen und es am nächsten Tag nochmal zu versuchen. Meistens klappt es dann deutlich besser. Dein Gehirn hatte Möglichkeit, das Gelernte zu verarbeiten und Du kannst am nächsten Tag abrufen, was Du vorher noch nicht konntest.
Durch Dauerreize und -beschallung geben wir unserem Gehirn aber heute kaum noch die Gelegenheit sich auszuruhen. Dabei ruht es auch nie komplett und das ist gut so, es kümmert sich schließlich darum, dass Deine Vitalfunktionen weiterlaufen. Und das macht es relativ verlässlich.
Aber unser Gehirn hat auch mal eine Pause verdient. Ständig blinkt irgendwas, bimmelt, schallt, leuchet, brummt, hier eine Pushnachricht, da ein Anruf, hier eine Mail die reinkommt und von Social Media brauche ich hier gar nicht erst anzufangen.
In jeder freien Minute beschäftigen wir uns und damit unser Gehirn. Egal, ob in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit, beim Arzt im Wartezimmer, vorm Schlafengehen, direkt nach dem Aufwachen. In der Regel hängen wir am Smartphone. Wir müssen immer so aussehen, als hätten wir was zutun. Busy sein ist chic. Dabei ist es ein eher seltener Anblick, wenn irgendwo jemand sitzt und einfach mal nichts tut. Nicht selten erfüllt er uns sogar mit Unbehagen, mindestens aber mit Verwunderung.
Ein weiterer Grund ist, dass Langweile zu Unzufriedenheit führt. Diese Unzufriedenheit bringt uns wiederum in Bewegung. Wir können das bei kleinen Kindern beobachten. Kinder haben schneller Langweile, weil sie seltener To Do Listen abzuarbeiten haben. Haben sie Langeweile, quengeln sie und suchen etwas, dass sie interessiert. Aber die Idee, was das sein könnte, braucht oft ein bisschen Zeit.
Aber auch Kindern wird Langweile, die sie selbst in Aktion bringt, kaum mehr ermöglicht. Denn das Quengeln ist nervig und schwupps ist da das nächste Tablet in der Nähe, auf dem PawPatrol und Peppa Wutz für die nächsten 15 Minuten für Ruhe sorgt.
Die Lösung liegt im Müßiggang
Dabei ist Langeweile dringend notwendig. Not macht erfinderisch, heißt es. Und für unser Gehirn ist Langeweile quasi ein Notstand-Signal. Also bringt es uns dazu, nach einer Lösung für unser “Problem” zu suchen.
Oder es reagiert damit, Dir eine Lösung für ein Problem zu liefern, nach der Du schon seit Ewigkeiten gesucht hast, sie Dir aber nicht kam, weil Du die ganze Zeit abgelenkt und mit etwas anderem beschäftigt warst.
Astrid Lindgren sagte einmal “Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.”
Vor sich hinzuschauen ist etwas sehr Wohltuendes. Aber mach das mal! Du wirst sehen, wie schwierig das ist. Da entsteht Widerstand. Du wirst krabbelig, unruhig, Du fängst an rumzuzappeln. Kombiniert mit einer “reizvollen” Umgebung, ist es fast nicht möglich, den Kopf ruhig zu stellen. Deshalb schauen Zen-Mönche auch für mehrere Stunde vor eine weiße Wand - im Kopf selbst ist schon genug los, die tanzenden Gedanken zur Ruhe zu bringen gelingt im Zirkuszelt weniger als in einem weißen Raum. In Bezug auf Meditation heißt es übrigens auch Meditation-ÜBUNG - allerdings ist Meditation etwas anderes als Langeweile, aber dazu vielleicht einmal in einem anderen Beitrag mehr.
Elektroschocks gegen Langeweile?
Der Harvard Professor Arthur C. Brooks hat in einem wunderbaren Statement eine kleine Lobeshymne auf die Langeweile veröffentlicht. Das Video "You need to be bored" (Si apre in una nuova finestra) findest Du hier.
Wie schwer es allerdings ist, Langeweile auszuhalten, wird deutlich, wenn man sich das Experiment ansieht, das Dr. Brooks hier nennt: Probanden werden für 15 Minuten in einen Raum gebracht, in dem es nichts zutun gibt. Nur ein Elektro-Teaser steht zur Verfügung. Du darfst nun raten, was passiert ist.
Es ist kaum zu glauben, aber ja: Menschen sind eher bereit, sich Schmerzen zu zufügen, als mit sich selbst allein zu sein und sich im wahrsten Sinne des Wortes auszuhalten.
Dabei ist Langeweile ist sehr viel mehr als nur “ungefüllte” Zeit. Langeweile kann helfen, Emotionen zu verarbeiten, wir lassen Gedanken fließen, die ansonsten einfach “stecken bleiben”, wir reflektieren und spüren nach. Ganz ohne App, ganz ohne KI. Das macht unser Inneres ganz von alleine. Irre, oder?
Komm, geh´ Dich langweilen
Wer wirklich produktiv sein will, der sollte Zeiten einplanen, in denen er “einfach vor sich hin schaut”. Wie gut hältst Du die Stille aus, die Deine Gedanken sehr laut werden lässt? Warum möchtest Du Deinen Gedanken nicht zu hören? Vielleicht liefern sie Dir Antworten auf bereits lang gestellte Fragen. Vielleicht stellen sie aber auch Fragen, auf die Du (noch) keine Antwort hast. In jedem Fall ist Langeweile etwas, das ab sofort einen festen Platz in Deinem Terminkalender haben darf. Klingt paradox, wird Dich in Deiner Kreativität aber einen ganzen Schritt weiterbringen.
Wer immer nur “hustlet” ist zwar beschäftigt, aber keineswegs produktiv. In der Langweile spürst Du, was wichtig ist. In der Langweile wird Dir der Weg geebnet, auf dem Du weitergehen kannst. In der Langweile lernst Du mehr über Dich, als in jedem Selbsthilfe-Podcast. Und das ist alles andere als langweilig.