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Katowice kann nichts dafür

✶ Teil 2 einer Reportageskizze rund um die polnische Stadt Katowice ✶ Shopping-Surrealismus mit Geistermilch-Geschmack ✶ Authentizitäts-Safari ✶ Spazierengehen mit Guy Debord, Mark Fisher, Price Waterhouse Coopers u.a.✶
Historische Neonreklame in der Innenstadt von Katowice: Mit der Märchenfigur "Der gestiefelte Kater" warb vor rund 100 Jahren ein Geschäft für Kinderschuhe, heute steht eine verkleinerte Replik des Neonschilds vor dem Bahnhof von Katowice. Foto: April 2026 (c) Katja Kullmann

Dzień dobry, hier folgt Teil 2 meiner Katowice-Skizzen flüchtige Notizen, Reportage-Ansätze und essayistische Überlegungen, die ich kürzlich während meines ersten Besuchs in der polnischen Stadt Katowice angestellt habe.

Teil 1 ist hier zu lesen (Si apre in una nuova finestra) mehr zum Hintergrund der Reise steht im PS am Ende dieses Beitrags.

Dieser 2. Teil erzählt von meinem ersten Tag in Katowice und fällt recht lang aus (Lesezeit: ca. 25 Minuten), aber alles, was gleich folgt, gehört für mich (in meinem Kopf) zusammen, es geht also nicht anders. In 5 Kapitel habe ich es unterteilt, so dass man es auch peu à peu in einzelnen Häppchen lesen kann. (Die nächste Folge wird wieder kürzer, bis dahin wird es ohnehin ein Weilchen dauern.)

So oder so: Achtung, es geht los!

1.

Zuerst müssen wir durch die surrealistische Shopping-Schleuse

Witamy w Katowicach! Willkommen in Katowice! Nach sechseinhalb Stunden Bahnfahrt bin ich endlich da – allerdings: finde ich den Eingang nicht.

Bevor das Gruppen-Recherche-Programm beginnt, will ich die Stadt erst einmal für mich alleine haben, wenigstens 24 Stunden lang: nur Katowice und ich. Die Atmosphäre will ich schnuppern. Ein Gefühl für den Ort bekommen. Das soziale Klima erspüren – ja, DAS ist wahrscheinlich, was ich will.

Zu diesem Zweck bin ich schon einen Tag früher angereist und habe ein Zimmer in einem günstigen Innenstadthotel gebucht, nicht weit vom Bahnhof entfernt. Doch um dort hinzukommen, muss ich aus dem Bahnhof erst einmal herausfinden, und das ist gar nicht so leicht. Geblendet von einem Glitzern und Glimmern, LED-Lichtern, Werbebildschirmen, werde ich vom Gleisbereich in ein Supersale-Areal gesogen, dessen Ausmaße mir gewaltig erscheinen. So hell, so bunt, so aufgekratzt flimmert und blinkert es ringsum, dass einem schwindlig werden kann.

Augenscheinlich bin ich nicht die einzige, die den Ausgang sucht. Leicht verwirrt wirkend, tapsen auch andere Menschen mit ihrem Gepäck durch die Gänge, die Stirnen gerunzelt, die Blicke nach oben gerichtet, auf der Suche nach Wegweisern. Und wie ich mich so umschaue, kommt es mir plötzlich für ein paar surreale Sekunden so vor, als ob die lange Zugfahrt gar nicht stattgefunden, als ob ich mich keinen Meter von zu Hause weg bewegt hätte. Lauter alte Bekannte sehe ich, alle sind sie schon da: Adidas – Bershka – Bijou Brigitte – C&A – Calzedonia – Deichmann – Douglas – Flying Tiger Copenhagen – Intimissimi – Mister Minit – NanuNana – Nike – Pandora – Peek & Cloppenburg – Rituals – Sephora – The North Face – TK Maxx – Zara.

Eine „Co-Working-Zone“ soll es hier irgendwo geben, lese ich auf einem Schild, eine „Small Art Gallery“ und einen „Food Court“, womit vermutlich die Take-away-or-sit-down-Theken von Burger King, Costa Coffee, KFC, Lindt, McDonalds, Pizza Hut und Starbucks gemeint sind. Auch eine Filiale der mittlerweile europaweit agierenden Abenteuerfleischkette “Berlin Döner Kebap“ entdecke ich. Und Bowls- und Bagel-Angebote natürlich und alle paar Meter irgendwas mit Hafermilch, mit Chiasamen und „Cookie dough“-Geschmack, Plätzchenteigaroma.

Ganz wie bei uns daheim – denke ich.

Weltweit verteilte Einheitswaren zu weltweit vergleichbaren Einheitspreisen – denke ich.

IST DER SOZIALISMUS NICHT ABGESCHAFFT? – denke ich.

(Und dass das kein sonderlich origineller Gedanke ist, denke ich selbstverständlich auch gleich mit – wer hätte ihn nicht schon Tausende Male gedacht?)

250 Shops und 26 Restaurants, verteilt auf vier oberirdische und drei unterirdische Etagen: Das ist die Galeria Katowicka, eine der größten Shoppingmalls der Stadt. So geschickt ist sie gebaut, so geschmeidig schmiegt sie sich an die Bahnhofshalle, dass das Reisen und das Shoppen nahtlos ineinander übergehen. Zweimal ist dieses Bauwerk seit seiner Eröffnung im Jahr 2013 schon preisgekrönt worden, und zwar bei den „CEE Real Estate Quality Awards“ (wer auch immer die ausrichtet), einmal als „Bauwerk des Jahres“, einmal in der Kategorie „Retail Development”. Als eines der gestalterischen Highlights gilt eine digitale Reklamefläche an der Außenwand des Bahnhofs: ein Werbebildschirm mit einer Fläche von 153 qm – zweieinhalb mal so groß wie meine Berliner Mietwohnung.

Aber das alles kapiere ich erst ein paar Stunden später, am Laptop, im Hotel. Für den Moment versuche ich bloß, mich zu orientieren und die passiv-aggressive Regung in meinem Innern  (Puma, Rituals, TK Maxx – kauft eucht doch selber!) im Zaum zu halten.

Reg dich nicht künstlich auf – ermahne ich mich. Tu nicht so naiv, du weißt doch ganz genau, wo du hier gelandet bist, das ist nicht Katowice – noch nicht. Das ist bloß einer dieser pastellfarbenen Vorschaltorte, ein Nicht-Ort, wie es sie überall auf der Welt gibt und womöglich immer schon gegeben hat. Als Nicht-Orte bezeichnete der französische Anthropologe Marc Augé 1 Einkaufszentren, Flughäfen, Bahnhöfe, Messehallen, Orte, an denen sich kaum jemand freiwillig länger als nötig aufhält, Orte des Transits und der Zweckgebundenheit, Umschlagplätze, Schleusenräume, funktional, austauschbar, egal. Also stell dich nicht so an, sage ich mir, sieh einfach zu, dass du schnellstmöglich hier rauskommst.

So trabe ich mit meinem wahrscheinlich in Fernost unter wahrscheinlich menschenunwürdigen Bedingungen hergestellten Billigrollkoffer weiter durch die wahrscheinlich mit konsumlustfördernden Duftpartikeln versetzte Klimaanlagenluft, und mein Blick bleibt an einem der Reklamebildschirme kleben. RETRO STYLE! VINTAGE DAYS steht darauf. Abgebildet ist eine Frau im Sixtieslook der Nineties. Das heißt: Sie ist so angezogen, wie man die 1960er Jahre in den 1990er Jahren retrospektiv dargestellt hat. (Ich weiß, wovon ich rede, ich war damals, in den Nineties, live dabei.) Die Retro-Frau sitzt zwischen zwei altmodischen Koffern auf einem Röhrenfernseher und hält den Hörer eines Schnurtelefons in der Hand.

Eine Fotografie oder eine Illustration, echt oder fake?

Mit 98%iger Wahrscheinlichkeit ein KI-Bild, denke ich, krame mein Telefon heraus und fotografiere das Plakat.

Katowice, April 2026 (c) Katja Kullmann

Etwas ulkig kommt es mir vor, sozusagen schicksalsironisch, dass dieses Plakat da mitten in den Shoppinggang gepflanzt ist – als ob die Retro-Frau mir ein verschwörerisches Zeichen sendet – als ob dieses Katowice längst weiß, was ich von ihm will. Bin ich nicht genau deswegen hierhergekommen: um die Zukunft der Vergangenheit zu erkunden?

Oder geht es um die Vergangenheit der Zukunft?

Transformation lautet der Titel, das Thema des Rechercheprogamms, für das ich angereist bin. In der Tat hat dieses Katowice sich einiges vorgenommen: Von einer einst dampfenden, dann eingerosteten Alt-Industrie-Metropole will die Stadt sich zu einem sauberen und zukunftsfrohen Erfolgsstandort morphen. Und irgendwie scheint dieses Vintage-Werbedings genau davon zu erzählen.

Oder ist es bloß ein perverser Filter in meinem Kopf, der diese Verbindung herstellt?  Habe ich zu viele Bücher gelesen – oder zu viel Fantasie?

Es könnte etwas unfair oder sogar respektlos sein – gegenüber Katowice, meine ich –, dass ausgerechnet dieses bescheuerte Werbedings das erste Foto ist, das ich auf Katowicer Boden mache. RETRO STYLE! VINTAGE DAYS: Das ist überhaupt gar nicht Katowice-spezifisch, das könnte genausogut in Oslo wie in Glasgow hängen, in Rio wie in Riga, Radebeul oder Taipeh.

KATOWICE KANN NICHTS DAFÜR! – denke ich.

Und stecke das Telefon schnell wieder weg.

Und entdecke just in diesem Moment endlich Tageslicht, natürliches Licht, einen Ausgang, und ziehe meinen Koffer hinter mir her, aus der Geiselhaft der nach behavioristischen (verhaltenslenkenden) Gesichtspunkten gestalteten Shoppingarchitektur (man soll sich darin verlaufen!) hinaus in die Freiheit.

 

2.

Und wem laufen wir auf der Straße über den Weg? Papst Wojtyla und Susan Sontag (und beide tragen Zalando-Hosen!)

Draußen, auf der „Maja 3“, der Straße des 3. Mai (polnischer Nationalfeiertag) atme ich erleichtert auf. Das liegt nicht nur an der mildfrischen Luft (solides Frühlingswetter, um die 16 Grad), sondern vor allem an dem Eindruck, den diese Innenstadtmeile auf mich macht: Sie erscheint mir echt. Eine niedliche kleine Fußgängerzone mit Straßenbahnen und Sitzbänken am Rand – ein wuseliger Passantenstrom – mittelstädtisches Mittelschichtsgetriebe an einem mittelprächtigen Mittwochmittag – und vor allem: viele, wirklich auffällig viele junge Leute.

Eine junge Stadt – man weiß sofort, was mit dieser Beschreibung gemeint ist. Grüppchen von Teenagern oder Studierenden stehen plaudernd herum oder bummeln vorbei, in fröhlich kieksenden kleinen Trauben. Mittelalte Menschen mit Businesstaschen und/oder Telefonstöpseln in den Ohren eilen übers Trottoir, und auch diese Erwachsenen wirken, obwohl manche bestimmt schon um oder über 50 sind, irgendwie jung, agil und flott gekleidet, so wie man es inzwischen ja praktisch überall und sehr oft erlebt bei Best Agern.

Hier schlängelt sich eine Um-die-20-Jährige mit modischen XXL-Kopfhörern auf dem Schädel durch die Menge (was sie wohl für eine Musik hört, oder welchem Podcast sie gerade lauscht?); dort posieren drei Girls zu einem Gruppenselfie vor einem Boutiquenschaufenster; und da, an der Tram-Haltestelle, giggeln fünf Boys von etwa 15 Jahren vor sich hin, bestimmt Gymnasiasten, sie tragen Schuluniformen wie britische Oberschüler. Hoffentlich steht ihnen auch wirklich eine glänzende Zukunft bevor. Ich meine: Hoffentlich macht ihnen die KI keinen Strich durch die Rechnung, der White-Collar-Sektor soll demnächst ja weitgehend von Algorithmen übernommen werden. (Halt – denke ich. Warum schon wieder so negativ? Spielverderberin!)

Katowice, April 2026 (c) Katja Kullmann

Neben den jungen Leuten fallen mir zwei weitere Bevölkerungsgruppen auf. Zum einen Polizistinnen und Polizisten. Im Schneckentempo patrouillieren sie in blauweißen Streifenwagen durch die Fußgängerzone. (Schon allein auf dem zehnminütigen Fußweg zum Hotel werden mir vier solcher Streifenwagen begegnen.).

Zum anderen: Putzkolonnen, Frauen und Männer in organgefarbener Reinigungskluft, mit Müllpieken und Müllsäcken ausgestattet. Lautlos, diskret, fleißig klauben sie Papierfitzel, Zigarettenstummel, anderen Abfall vom Kopfsteinpflaster, alle 20, 30 Meter wieder leuchtet so ein orangefarbener Reinemachgtrupp im Passantenstrom auf. Es ist wirklich verblüffend sauber, in diesem Katowice, stelle ich fest, in anderen Städten geht es in den Bahnhofsgegenden deutlich grindiger zu.

An einem kleinen, offensichtlich in die Jahre gekommenen Laden für religiöses Merchandising komme ich vorbei, im Schaufenster Kaffeetassen und Sofakissen mit dem Antlitz von Johannes Paul II., Papst Wojtyla, außerdem die aktuelle Kommunions-Kollektion, Kerzen und Stoffblumen für die Nachwuchskatholikengeneration der Spring Season 2026. Ich mache ein Foto (weil: total polnisch).

Vor einem Gemüseladen stoppe ich erneut und fotografiere die üppige Auslage frischer, bauchiger Knoblauchzehen (weil: ziemlich polnisch).

Am Fenster eines Cafés, das vor jungerwachsenen Besuchern nur so zu bersten scheint, weist ein Plakat auf einen englischsprachigen Buchclub hin, ein gemeinschaftliches Reading von Susan-Sontag-Texten ist angekündigt. Könnte so auch in Berlin-Neukölln stattfinden – denke ich (und mache trotzdem auch davon ein Foto.)

Extrem weite Jeanshosen tragen fast alle jung wirkenden Menschen, die ich sehe, Wideleg Jeans, Bootcut Jeans, Boyfriend Jeans, Barrell Jeans – der global gültige Zalando-Look, was, bitteschön, hatte ich denn erwartet?

Kaum schießt diese rein rhetorische Überlegung durch mein Hirn, entdecke ich ein monströses Zalando-Banner an einem Altbau. Es verdeckt die Fenster von drei Stockwerken. Wer mag hinter dem Banner wohnen? Direkt daneben ein weiterer Altbau, dieser allerdings reichlich schammeriert, offensichtlich unsaniert, sozusagen noch im Ostblock-Zustand.

Gestern – heute – morgen – Transformation – denke ich.

Und halte auch diesen Anblick fest.

Katowice, April 2026 (c) Katja Kullmann

3.

Theoretisch kann man auch spazieren gehen – ein Bummel mit den Situationisten

Wir langweilen uns in der Stadt; ja, man muss wirklich ziemlich gelangweilt sein, um auf den Plakatwänden und auf den Straßen immer noch nach Geheimnissen zu suchen. (…) Die künstlichen Blumen der Sun Street. Das Castle Cellars Hotel, die Ocean Bar, das Come-and-go-Café  (…) – wobei die zeitgenössische Architektur das schlimmste Beispiel von allen darstellt. Reine Plastik-Kunst, die keine Geschichte erzählt und keine Bewegung erzeugt, kalt und ermüdend fürs Auge. (…) Wir alle sind aufgespannt zwischen einer Vergangenheit, die emotional noch lebendig ist, und einer Zukunft, die mausetot ist.2

Leider sind diese schönen Sätze nicht von mir. Ein Mann, der sich Gilles Ivain nannte (ein ukrainischstämmiger Franzose, der eigentlich Ivan Chtchetlov hieß), hat das geschrieben, im Jahr 1958, mit Blick auf Paris.

Bald 70 Jahre sind jene Zeilen also alt, trotzdem klingen sie aktuell, nicht wahr? Vermutlich deshalb fallen mir Ivains Sätze wieder einmal ein, nachdem ich das Hotel erreicht habe, während ich mich kurz ein wenig frisch mache und die ersten Katowice-Eindrücke auf mich wirken lasse. Vor allem der erste Satz aus dem obigen Zitat tanzt durch meinen Geist: „Wir langweilen uns in der Stadt.“

Mit dem Bücherwissen ist es ja immer so eine Sache. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es einen Menschen glücklich macht - oder ob es einen manchmal eher behindert, die Dinge erschwert, die Sicht verstellt. Könnte es sein, „dass man sich auch aus dem Leben herauslesen kann statt hinein? Dass das ständige Herunterbeten von Wissen auch nur eine Form von Sublimierung darstellt?“ Diese Fragen habe ich neulich in einem Zeitungsartikel (Si apre in una nuova finestra) gelesen, der allerdings wieder von etwas ganz anderem handelt – also lassen wir das besser.

Wobei ich an dieser Stelle aber doch einen kleinen Schlenker vorschlage, einen kurzen Ausflug in die Theorie. Über das städtische Spazierengehen gibt es nämlich einiges zu sagen. Eine Menge großer Männer haben sich über die vergangenen 150 Jahre Gedanken darüber gemacht, Marcel Proust, Georg Simmel, Walter Benjamin, Franz Hessel, Arthur Eloesser …

… und eben auch der oben zitierte Gilles Ivain. Er zählte zur Situationistischen Internationale, einem Künstler- und Intellektuellenzirkel, der sich 1957 in der französischen Hauptstadt zusammenfand und bis 1974 hielt, lose, unstrukturiert, mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern auch in anderen europäischen Ländern und politisch Pi mal Daumen „linker“ Orientierung. Die Wikipedia (Si apre in una nuova finestra) erklärt dazu:

Die Situationisten setzten sich für die Umsetzung der Versprechen der Kunst im Alltagsleben ein. Sie forderten unter anderem die Abschaffung der Ware, der Lohnarbeit, der Technokratie und der Hierarchien. Zudem entwickelten sie ein Konzept der „theoretischen und praktischen Herstellung von Situationen“, in denen das Leben selbst zum Kunstwerk werden sollte. (…) Situationistische Ideen (…) haben international in Kunst, Politik, Architektur und vor allem in der Popkultur Spuren, die sich bis in die Gegenwart ziehen, hinterlassen

Die Stadt (als solche) war den Situationistinnen und Situationisten der liebste Aktionsraum, und eine ihrer Spezialitäten war die Dérive – eine spezifische Methode des Spazierengehens, kurz gefasst: ein möglichst freies, unkalkuliertes Umherschweifen. Der erhoffte Effekt einer Dérive bestand darin, die unterschiedlichen Atmosphären, Stimmungen und Schwingungen eines Ortes aufzunehmen und aus jenen subjektiven Eindrücken (im Idealfall) gewisse Schlüsse ziehen zu können, über die Verhältnisse (Macht, Ohnmacht, Geld, kein Geld), die am betreffenden Ort herrschen.

Psychogeografie heißt die Theorie dahinter, die ihre Spuren in der Wissenschaft hinterlassen hat, in der Architektur, der Urbanismusforschung, der Soziologie, der Philosophie. Die US-amerikanischen Sozialwissenschaftler David Harvey und Richard Sennett, zum Beispiel, arbeiten damit. Auch der französische Stadtplaner und Philosoph Paul Virilo, Autor des 1992 veröffentlichten und bis heute oft zitierten gegenwartskritischen Essays RASENDER STILLSTAND, (Si apre in una nuova finestra) bediente sich psychogeografischer Methoden.

Der Autor und Filmemacher Guy Debord zählt, neben dem oben zitierten Gilles Ivain, zu den Gründungsköpfen der Situationisten. Auf dem folgenden Foto ist er inmitten seiner Kern-Clique zu sehen (im hellen Pullover).

Foto von 1959, Quelle: Österreichisches Filmmuseum

Die Dérive-Methode – das absichtlich-unabsichtliche, zugleich aber von Erkenntnisinteresse geleitete Herumstromern – umriss Debord 1958 wie folgt (recht frei von mir übersetzt und sehr stark gerafft):

Die Versuchsperson wird eingeladen, allein zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort zu kommen, den sie kennen mag oder auch nicht. Sie ist von lästigen Verpflichtungen befreit, da niemand auf sie wartet, betrachtet die Umgebung, lässt sich von den Reizen des Geländes und den Begegnungen leiten, auf die sie dort stößt

 

Die durchschnittliche Dauer einer Dérive beträgt einen Tag.

In jedem Fall hängt das räumliche Feld einer Dérive vom Ausgangspunkt ab, an dem die Versuchsperson startet. Das Feld kann präzise abgegrenzt oder vage sein – je nachdem, ob das Ziel darin besteht, ein Terrain zu erkunden oder sich emotional zu desorientieren.3

Et voilà: Ich bin allein an einen mir unbekannten Ort gekommen –habe vorerst keine feste Verabredung dort – habe gut 24 Stunden Zeit für meine Erkundungen – und bin an einem markanten Ausgangspunkt gestartet: im Shoppingbahnhof. Als Behelfs-Situationistin spaziere ich durch Katowice – so sieht es wohl aus.

Interessanterweise haben gerade in jüngster Zeit (seit der sogenannte Städtetourismus so richtig boomt und von Jahr zu Jahr mehr Orte über Overtourism stöhnen) verschiedene Denkerinnen und Autoren das Sichtreibenlassen im städtischen Raum als Kulturtechnik wieder entdeckt. Etwa die US-Amerikanerin Lauren Elkin, die 2018 mit ihrem Buch über „Flâneusen“ (Si apre in una nuova finestra), weibliche urbane Spaziergängerinnen, einen internationalen Bestseller landete. Oder die Autorinnen des 2019 im Verbrecher Verlag erschienenen Bandes „FLEXEN. Flâneusen* schreiben Städte“ (Si apre in una nuova finestra).

Oder der britische Autor und Filmemacher Iain Sinclair – ebenfalls ein Anhänger der Psychogeografie – der die Figur des Flaneurs (oder der Dérive-Person) als „stubborn creature, interested in noticing everything“ beschreibt.

Oder die Magdeburger Kulturwissenschaftlerin Sandra Maria Geschke, die „Räume als atmosphärische Gestimmtheiten“ versteht und über das heutige Flanieren schreibt:

In der flanerischen Sicht offenbart sich die Gewissheit darüber, dass alles eine Geschichte hat und auch die Gegenwart in der Zukunft Geschichte sein wird.4

Geschichte – Gegenwart – Zukunft: Da ist er wieder, dieser zeitlose Dreiklang.  Retro – Vintage – Future.

Wahrscheinlich ist das Schlendern durch welche Stadt auch immer gar nicht möglich, ohne dabei en passant den Wandel zu registrieren, den dieser oder jener Ort durchlaufen hat – oder aktuell durchläuft. Presslufthämmer, Kräne, Brachen, verwaiste Schrottimmobilien, von Bauzäunen umgeben, an denen Plakate kleben, die auf „Neueröffnungen“ verweisen: Keine Stadt ist statisch, immer wieder wird Altes abgerissen und Neues hingebaut.

Nur dass das „Neue“ neuerdings nicht (mehr) unbedingt „neu“ erscheint.

Von einer „schleichende Homogenisierung städtischer Lebenswelten“, schreibt die Urbanismus-Expertin Geschke.

„Überall sieht es heute irgendwie gleich aus“– seufzen Städtereisende auf der Suche nach einem unverwechselbaren Flair.

Spiegelglaslandschaften mit mehr oder minder geschickt verbundenen Business- und Freizeitarealen: That’s basically it, mehr „Neues“ ist kaum irgendwo zu erwarten, und das schon seit ungefähr 1986 – IST es nicht so? FÜHLT es sich nicht vielerorts so an?

Die zeitgenössische Form des Kapitalismus hat zwar die Langeweile abgeschafft, nicht jedoch die Gelangweilten. (…) Wir haben zum größten Teil die Erwartung aufgegeben, von Kultur überrascht zu werden – und das gilt für die ,experimentelle‘ Kultur so sehr wie die populäre. (…) Das Langweilige ist überall5

… notierte der hochgradig pessimistische britische Kulturwissenschaftler Mark Fisher im Jahr 2014 in seinem Blog, unter der Überschrift: „Niemand ist gelangweilt, alles ist langweilig“.

Ein nicht minder pessimistischer Brite, der gerade schon kurz erwähnte Iain Sinclair, hat einen wunderbar plastischen Begriff für diese trübe Stimmung gefunden, für die blank geputzte Ödnis, die der fortgeschrittene Kapitalismus vielerorts verbreitet: GHOST MILK – GEISTERMILCH6. So nennt Sinclair den Wischiwaschi-Vokabel-Brei, mit dem megalomane Bauprojekte wie „Olympia London 2012“ oder “Stuttgart 21” oder Monster-Shoppingmalls  oder steingewordene Realsatiren wie „Der Potsdamer Platz“ in Berlin oder andere „Investment“-getriebene städtebauliche Unternehmungen der Bevölkerung schmackhaft gemacht werden sollen – diffus „kulturell“ klingende, im Kern aber zutiefst technokratisch-bürokratische Floskeln, leere Versprechungen, computergenerierte Bilder („So wird es hier einmal aussehen, werte Bevölkerung, ein begrünter Patio, ergonomisch geformte Sitzbänke und - schauen Sie hier -: ein knallechter B.a.m.b.u.s.h.a.i.n. zum Verweilen!“)

Laut Sinclair sind die meisten Gegenwartsmenschen derartiger Geistermilch längst überdrüssig – weshalb sie in neu errichteten „Kulturarealen“, „Business Centern“ oder „Erlebnis-Promenaden“ oft nichts als „bedeutungslose weiße Flecken in der Landschaft“ erkennen können, tote Flächen, Zombie-Areale, die mit ihrem realen Anwohnerleben, ihren alltäglichen  Bedürfnissen und Sehnsüchten, so gut wie nichts zu tun haben.

Man muss keineswegs mit der Psychogeografie, dem ganzen komplizierten Zeug vertraut sein, um Städte – auch die eigene – wie eine Situationistin wahrzunehmen.

Mein Vater, zum Beispiel, der keinen Hochschulabschluss sein eigen nennt und seit bald 80 Jahren in der hessischen Kleinstadt lebt, in der er auch geboren wurde: Wenn ich ihn besuche und wir gemeinsam durch das Städtchen bummeln, sagt er ständig Sätze, die ihn als Spaziergänger mit psychogeografischen Neigungen ausweisen.

Er sagt z.B.: „Guck hier, da war früher der Schuster X und nebendran die Kneipe Y, in der der Beat-Sänger Z mal eine wilde Schlägerei angefangen hat, das stand in allen Zeitungen damals, das war ein legendäres Lokal, bis nach Rheinland-Pfalz bekannt, und jetzt: wieder nur so ein Handyshop, der hundertste in der Stadt.“

Oder er sagt: „Ich hab so oft Lust auf ein saftiges Rippchen mit Kraut, aber es gibt keins mehr, in der ganzen Stadt nicht, das ist doch verrückt, das Rippchen kommt doch von hier! Nur noch Burger und Döner und Cupcakes und diese lauwarmen Mischmaschschüsseln, wie heißen die noch mal?“ – „Bowls heißen die, Papa, Bowls.“

Mit einfachen Worten und anhand plastischer Beispiele erkennt und benennt mein Vater das, was in den Wissenschaften und der Politik als „sozioökonomischer Wandel“ bezeichnet wird – und sich nach und nach eben auch in den Lebensräumen niederschlägt.  (Oder verändern sich erst die Menschen und dann ihre Lebensräume?)

Was mein Vater dabei empfindet, ist nicht nur die Nostalgie oder Sentimentalität eines älteren Herrn, wie mir scheint, sondern einiges mehr, ein veritabler Verlust von etwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt, eine gewisse Gewalt auch, eine recht kühl daherkommende Entfremdung. Nicht mehr mit Geldscheinen soll er bezahlen, sondern gefälligst die neuesten Bezahl-Apps auf sein Smartphone laden, nicht mehr „einen kleinen Milchkaffee, bitte“, soll er sagen, sondern „für mich einen Regular Flat White“. Ein Postamt gibt es längst nicht mehr in seiner Nähe, stattdessen hat er jetzt stadtweit die Wahl zwischen einem Dutzend Beauty-Enhancement-Centern, „apparative Kosmetik“ mit topmoderner Laser-Präzision, auch für den Herrn. Es wird ihm, alles in allem, etwas aufgedrückt, im Konsumangebot wie im Stadtbild, etwas, nach dem er nicht gefragt hat und mit dem er nichts anfangen kann.

Sandra Maria Geschke, die Kulturwissenschaftlerin, unterscheidet zwischen dem „einheimischen“ und dem „nomadischen“ Flaneur:

Der einheimische Flaneur ist (…) affiziert von zahlreichen (Zeit)Aspekten zugleich. Er ist einerseits euphorisiert vom Wandel, der Veränderung und der rhythmischen Bewegung im Stadtbild. Andererseits stimmt es ihn nachdenklich, dass sich im Bestehenden immer auch das Abwesende symbolisch inkarniert und davon zeugt, dass auch zukünftig das Gegenwärtige vergangen sein wird.7

Mein Vater ist demnach ein einheimischer Flaneur.  (Hier ein Musikvorschlag zum Thema (Si apre in una nuova finestra)).

Während ich als Katowice-Besucherin eine nomadische Flaneurin bin. Und als solche schaue ich – laut Geschke – weniger ins Gestern als vielmehr ins Morgen. Da die nomadische Flaneurin keinen persönlichen Bezug zu dem Ort habe, durch den sie schlendert, sei ihr Blick tendenziell offener – sie entwickle quasi automatisch einen „social view on new beginnings“, eine offene Neugier auf die Zukunftsmöglichkeiten, die sich am besuchten Ort abzeichnen, sagt Geschke.

Aber: Was, wenn die Geistermilch alles verkleistert?

Wenn die Déja-vus einen rund um die Uhr und überall hin begleiten, weil alles immer schneller immer gleicher auszusehen scheint?

“T-Mobile, Zalando, Rituals auch hier?” 

Was, wenn die Klaustrophobie einsetzt?

Verändert das nicht einige bisherige Annahmen und Theorien vom Spazierengehen?

Ist ein „nomadisches Flanieren“ heute überhaupt noch möglich?

Oder ist die Gegenwart längst zu einer durchstandardisierten Gummizelle geworden, aus der es partout kein Entrinnen (mehr) gibt, keinen Abstand, keine Überraschung, keine freie Sicht, ganz egal, wohin man sich bewegt?

„Das Spektakel ist Kapital, das bis zu dem Punkt akkumuliert wurde, an dem es zu Bildern wird.. (…) Der Zuschauer fühlt sich nirgends heimisch, da das Spektakel überall ist“8

So steht es bei Guy Debord, dem Situationisten, und zwar schon 1967.

Tatsächlich waren die Situationisten überaus weit- und umsichtige Leute. Ihren Anhängern und Nachfolgern haben sie eine freundliche Warnung mit auf den Weg gegeben. Man sollte es mit dem Dérive-Prinzip auf keinen Fall übertreiben, mahnt Debord am Ende seiner „Theorie der Dérive“ – sonst werde man eventuell verrückt:

Eine fortwährende Dériver ist insofern gefährlich, als das Individuum, das zu weit gegangen ist (…) und ohne Abwehrmechanismen dasteht, von Explosion, Auflösung, Dissoziation und Desintegration bedroht ist.9

4.

Auf in die Authentizitäts-Safari!

Frisch geduscht und frohen Mutes verlasse ich das Hotel am frühen Nachmittag, um erneut loszuflanieren – diesmal richtig.

Das nicht-ge-fake-te, das originale Katowice will ich sehen und erleben. Es wird nicht allzu leicht, ahne ich nach dem Shoppingbahnhofschock, aber – trotzdem: Ein Jagdinstinkt bemächtigt sich meiner, die Reste des Echten will ich finden. Und würdigen. Deshalb nehme ich nicht den selben Weg zurück ins Zentrum, sondern wähle eine schattige Nebenstraße. Die mich – wie hübsch! – zu einem kleinen Flohmarkt führt, ein paar Ständen mit gebrauchten Büchern, ähnlich wie die antiquarischen Stände der Bouquinistes am Seine-Ufer in Paris. Malerisch sieht das aus, wie sich zwei schmale junge Männer mit dicken Brillen und Stoffbeuteln an den Schultern über die staubigen Bücher beugen, wie zwei ältere Händler unter einer gesteiften Markise miteinander plaudern. Nur der Hintergrund verdirbt das Foto, was ist denn das schon wieder für ein monströser Komplex?  SUPERSAM, lese ich – wieder eine Mall.

Schnaubend drehe ich mich um (ich schnaube nicht wirklich, claro; oder schnaube ich doch?) und blicke auf die andere Straßenseite und fotografiere das verwitterte Schild eines wohl schon länger geschlossenen Lokals namens Café Europa. (Ich achte darauf, dass das grellbunte Nagelstudio daneben nicht mit aufs Bild kommt).

Als nächstes fotografiere ich die hellblaue Fassadenverkleidung eines alten kommunistischen Kaufhauses – und nicht den Plexiglaspavillon und die E-Roller-Station auf dem Platz davor. Natürlich nicht!

Je weiter das einundzwanzigste Jahrhundert voranschritt, desto mehr gierten die Leute nach Zeug aus dem zwanzigsten, niemand fand die Gegenwart schön, auch ich nicht.10

… steht in dem kleinen Gegenwartsroman, den ich exakt ein Jahr vor dem Katowice-Trip veröffentlicht habe. Man soll sich nicht selbst zitieren, ich weiß. ABER WENN ICH NUN MAL RECHT HABE?

Jeder kann es unterscheiden, das echte Alte, das nachgemachte Alte und das Neue. Oft betätigt sich der reisende Gegenwartsmensch als Alltagsarchäologe. Man erkennt es etwa bei Instagram, wenn Leute eine Auswahl ihrer Urlaubsfotos posten. Auffällig oft sind nur sehr kleine Ausschnitte von Ort X oder Y zu sehen – hier eine rostige Milchkanne mit Trockenblumen (Provence, Toskana, Uckermark – unverkennbar!), da eine angeschlagene Statue von unten (und oben drüber: ganz viel blauer Himmel), oder dort: eine pittoresk bröckelnde Hausecke. Warum aber nur die Ecke, warum nicht das ganze Haus? Weil das grottige T-Mobile-Logo über dem 24-Stunden-Shop im Erdgeschoss nicht mit aufs Bild soll, darum!

Auch deshalb zoomen Instagram-Leute oft ganz nah an ihre Urlaubs-Quiche, ihre Paella, ihre gegrillten Sardinen heran, eventuell mit ein bisschen Kopfsteinpflaster, das unter dem Restauranttisch zu sehen ist, im Bild, als romantischer Unschärfehintergrund. Sie zoomen so nah auf die Teller, damit der Plastiksouvenirshop gegenüber nicht mit aufs Foto kommt; nicht das Lidl-Schild des spanisch geführten Supermarkts; nicht der dicke hellblaue Pfeil, der den Weg zum nächsten Primark-Shop weist. Man muss wirklich schon einige Anstrengungen unternehmen, heutzutage, um die Hässlichkeit der Gegenwart auszublenden.

Ich wandere weiter, fotografiere eine sanierte Lagerhalle, in der irgendwas mit Kunst zu passieren scheint und auf deren Scheiben in großen roten Lettern das Wort DESIGN steht. (Ein Geistermilch-Wort, schon klar – aber ich bin hier ja in dokumentarischer Mission.)

Sehr viel lieber fotografiere ich selbstverständlichen den morschen Plattenbaukomplex neben der “Design”-Halle, arg heruntergekommen, mit einem verwitterten Schild, das für Tanzkurse wirbt:

Katowice, April 2026 (c) Katja Kullmann

Ist das nicht rührend, irgendwie? Bei Instagram wird es anerkennende Herzchen regnen für dieses Motiv, das weiß ich schon jetzt. So wie ich auch weiß, dass etwas faul ist an dem, was ich hier tue. Lupenreiner Ruinen Porno ist das. Und auch darüber habe ich ja längst geschrieben, vor 15 Jahren schon:

Man kann abgerissene Plakatwände, Burger-Reste im Rinnstein und Sonderangebotsschilder – Alles muss raus! – ganz leicht so fotografieren, dass sie perfekte Motive für einen modernen Bildband ergäben, der in begrenzter Auflage in einer Art Edition erscheinen könnte, mit einem kleingedruckten, schwer verständlichen Einfühungs-Essay auf Englisch. ,Traumhafte Trümmer’ wäre ein Titel, der uns neugierig macht.  (…) Wir halten die Pressspahn-Einrichtungen sanierungsreifer Autobahnraststätten fest und fotografieren brach liegende Industrieanlagen im Sonnenuntergang. Wir sind fasziniert von Ruinen aller Art.11

Und jetzt, huch, schon wieder das Plakat mit der Nineties-Frau im Sixties-Look! (Seit ich es am Shoppingbahnhof fotografiert habe, scheint es mich quer durch die Stadt zu verfolgen.) „Jestem Vintage“ steht oben als Logo auf dem Plakat, „Ich bin Vintage“. Ja, genau, das bin ich: Ich drehe mich im Kreis, stecke fest, seit Jahren schon.

Ein paar Meter weiter gelange ich auf einen großen freien Platz. Das muss der Rynek sein, der altehrwrüdige Martkplatz der Stadt. Hier beginnt (Obacht, Geistermilch-Alarm again!) die „Kulturzone“ von Katowice, habe ich während der Reisevorbereitungen gelesen. Den Titel „Kulturzone“ trägt diese Gegend ganz offiziell, die Stadtverwaltung hat sich das ausgedacht, was irgendwie damit zusammenhängt, dass Katowice von der EU-Kommission zur „European City of Science 2024“ erklärt wurde. (Vielleicht verwechsele ich hier auch etwas, aber so ungefähr muss es gewesen sein.)

„Kulturzone“ also: Ich sehe das Gebäude des Schlesischen Theaters am einen Ende des Platzes (1907 erbaut) – und eine sozusagen topmoderne Art von Brunnen (flache Wasserflächen im Betonboden) direkt vor meinen Füßen. Und dazwischen fest installierter Sitzliegen aus hellem Holz. Auf denen allerdings niemand sitzt oder liegt. (Ähnlich designte Sitzliegen, wenn auch knallbunt, habe ich in Luzern in der Schweiz schon mal gesehen, vor dem Luzerner Kultur- und Kongresszentrum, fällt mir ein, und in Kopenhagen, vor dem 2008 eröffneten neuen Opernhaus, finden sich ebenfalls solche Liegen.)

Weiter hinten am Horizont, in ein, zwei Kilometer Entfernung, zeichnet sich etwas wirklich Interessantes ab – etwas, das wie ein überdimensioniertes UFO wirkt. Das muss er sein: der Spodek, die „Untertasse“, Katowices eigenwilligstes Bauwerk. Zu Sowjetzeiten, als Katowice noch „Stalinogrod“ hieß, wurde diese Mehrzweckhalle errichtet, ein Prachtstück des Brutalismus und der sozialistischen Moderne, ein Brocken aus fensterlosem Beton mit Raumfahrtästhetik, 1971 eröffnet. Stünde nur nicht dieser saublöde Wolkenkratzer daneben, denke ich, und spaziere näher an den Spodek heran.

Heute finden in dem Beton-UFO regelmäßig Mega-Events statt, oft musikalischer Natur, etwa die Techno-Party Mayday und die jährliche Metalmania (letztere schon seit 1986). Seit ein paar Jahren kommt hier auch die internationale Gaming-Szene zu Turnieren zusammen. Der Spodek ist unzweifelhaft ein Hotspot der Creative Industries in Katowice – und das freut mich jetzt aber doch für die Stadt, das ist selbstverständlich gut für eine Kommune, wenn es ihr gelingt, sich mit solchen Veranstaltungen einen gewissen Namen zu machen.

Auch an diesem Tag scheint im Spodek etwas Größeres los zu sein, ohne Zugangspass kommt man leider nicht hinein, die Vorbereitungen für den EEC laufen auf Hochtouren, erfahre ich – und irre mich kurz, verwechsle den EEC mit dem ESC, dem internationalen Schlagerwettbewerb. De facto handelt es sich um den „European Economic Congress“,  der zufällig parallel zu meinem Aufenthalt in Katowice stattfinden wird, und zwar mit folgendem Programm:

Recognised authorities, distinctive individuals, decision-making politicians. Managers of major companies and entrepreneurs. Experts, scientists and media people. More than a thousand panellists at the European Economic Congress constitute a competent and opinion-forming group.12

Hinter dem Spodek, am äußeren Rand der „Kulturzone“ , befinden sich das neue Gebäude des Symphonieorchesters des Polnischen Radio (NOSPR) und ein Kongresszentrum – Spiegelglas encore.

Und direkt neben dem Spodek, nunmehr auch direkt neben mir, ragt ein gigantischer Businnesturm in die Höhe, das Hochhaus, dessen Anblick mich schon von Weitem genervt hat. In den Londoner Docklands könnte es stehen, in Shanghai, Manhattan oder Frankfurt am Main.

Katowice, April 2026 (c) Katja Kullmann

Mein Blick wandert nach oben, bis zur Spitze des scharfkantigen Turms, dem mit Abstand höchsten Gebäude weit und breit. Und was sehe ich da? PWC – PRICE WATERHOUSE COOPERS. Das Logo einer der führenden Unternehmensberatungen der Welt. Erhaben wacht es über die Stadt, als ob es sich bei Katowice um einen Showroom handelt.

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Die Katowicer Stadtverwaltung arbeitet tatsächlich mit diversen Unternehmensberatungen zusammen, um den Transformations-Prozess zu beschleunigen. PPP nennt man dieses Prinzip: Public Private Partnership. Price Waterhouse Coopers ist seit 2009 in der Stadt, laut Eigenauskunft mit folgender Mission: „To build trust in society and solve important problems.

Was als nächstes passiert, ist wieder ein bisschen ulkig: Wie bestellt, wie abgesprochen (als ob Alexander Kluge Regie führt!) läuft ein weiterer alter Bekannter durchs Bild: der Flaschensammler! Es ist wirklich wahr! Mein erster Flaschensammler in Katowice! (Es werden noch einige folgen.) Er klappert die Mülleimer rund um den Spodek, zu Füßen von Price Waterhouse Coopers ab.

Ach ja, der Flaschensammler, diese noch relativ junge Sozialfigur – denke ich. So alt, so erschöpft wirkt er, dabei ist noch keine 30. Erst in den 2000er Jahren kam er ja zu Welt, vorher kannte man ihn nicht. Erst in der frühen Blütezeit des digitalisierten Neoliberalismus, als die Unternehmensberatungsbranche weltweit so richtig durchstartete, betrat der Flaschensammler die öffentliche Bühne, und seither sucht er Pfandware, sucht er sein Glück – im Grunde so ähnlich wie ich – denke ich – und bin auf einmal selber ganz erschöpft.

5.

Geisterstunde

Ein Glas Wein wäre vielleicht ganz schön. Auf dem Weg zurück zum Hotel, die Dämmerung setzt schon ein, komme ich durch die Maricka, das studentisch geprägte Ausgehviertel von Katowice. Gitarrenmusik hat mich gelockt, in einem der Gässchen spielt eine Liveband, 20, 30 Leute stehen und sitzen drumherum, wiegen die Köpfe und Hüften, klatschen, eine nette, sympathische Szene. Ich setze mich an den Rand, auf die Terrasse eines Lokals, bestelle einen Weißwein, zünde mir eine Zigarette an, höre der Musik zu (eine Art Bluesrock mit Indie-Sprengseln), beobachte wieder die Passanten (alle wirken sie lässig, fröhlich, entspannt, fast schon sommerlich gestimmt) und nehme mir vor, am nächsten Tag noch einmal neu zu starten. Nicht mehr so nörglerisch und besserwisserisch, so verkopft-verklemmt wie heute (es muss an der langen Bahnfahrt gelegen haben). Aufgeschlossen, lächelnd, relaxt werde ich durch die Straßen schlendern, so wie die Katowicer auch.

Irgendwann liege ich dann im Hotelbett, das Laptop an meiner Seite. Ich kann nicht einschlafen, bin irgendwie nervös. Ich rufe Youtube auf, die Specials, den Song „GHOST TOWN“ (Si apre in una nuova finestra) von 1981 – ein Stück Musik aus den eisigen Thatcher-Jahren, als ein erster großer Strukturwandel-Orkan durch die Bergbau- und Industrieregionen des Vereinigten Königreichs brauste und das städtische Leben dort bis auf Weiteres so gut wie platt machte.

Do you remember the good old days / before the ghost town? / We danced and sang and the music played / In a de boomtown (…) This place is coming like ghost town / No job to be found in this country / (…) The people getting angry – heißt es in dem Song.

Tolles Lied – passt aber nicht zum heutigen Katowice, stelle ich fest. Nicht angry, sondern selbstbewusst, um nicht zu sagen quirlig sind mir die meisten Passanten hier erschienen. Deprimiert oder gar verlassen wirkt dieses Katowice auf keinen Fall.

“GHOST TOWN”.

“GHOSTS OF MY LIFE” heißt das bekannteste Buch des pessimistischen Kulturwissenschaftlers Mark Fisher.

“GHOSTMILK” heißt der bekannteste Begriff des pessimistischen Psychogeografen Iain Sinclair.

Was macht der eigentlich gerade – denke ich. Und stoße im Netz auf einen älteren Text im britischen Guardian. Ein Literaturjournalist macht sich darin über Sinclairs kapitalismuskritische Gegenwartsverdossenheit lustig. Da steht:

Wie sähe Sinclairs Ideal denn aus? Bahnhöfe und Druckereien mit Windrädern, gewiss. Hafenarbeiter und Detektive, die in einfachen Cafés Seite an Seite sitzen. Mystiker, Sonderlinge und stille Pilger, die gemeinsam an Treidelpfaden entlangwandern. Die Stadtplanung würde von Andrei Tarkowski übernommen, Allen Ginsberg würde herumwerkeln, Apothekengutscheine verteilen und Protestlieder jodeln, und der ein oder andere Psychopath würde gelegentlich einen diskret Mord begehen.13

Ja, ja, schon gut – okay – denke ich.

Rückwärts ist eindeutig nicht die richtige Richtung.

Und ich will ja auch um Himmels Willen kein „Früher war alles besser“-Mensch sein!.

“Früher war alles besser” ist vom Teufel, man weiß ja, wer so denkt und redet! – denke ich.

Und dann schlafe ich irgendwann ein.

Katowice, April 2026 (c) Katja Kullmann

P.S: Die hier beschriebene Recherchereise nach Katowice fand im Rahmen eines polnisch-deutschen journalistischen Austauschprogramms statt. Organisiert war das Programm vom Institut für Reportage in Warschau (Si apre in una nuova finestra) und dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) (Si apre in una nuova finestra). 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus beiden Ländern waren eingeladen, die meisten mit journalistischem Schwerpunkt in den Sparten Print, TV, Radio, aber auch drei, vier Buchautoren und Schriftstellerinnen waren dabei. Großzügig finanziert war dieses binationale Projekt von der Körber Stiftung (Si apre in una nuova finestra), entwickelt und vor Ort geleitet hat es der TV-Journalist Peter Frey, ehemaliger Chefredakteur des ZDF (2010 -2022).

Quellen:

  1. Marc Augé: “Nicht-Orte”, übers. von Michael Bischoff, Beck’sche Reihe, C.H. Beck, München 2012

  2. Gilles Ivain: “Formula for a New City”, 1958; zitiert aus: Christopher Gray (ed): “Leaving the 20th century. The incomplete work of the Situationist International”, Freefall Publications Brüssel/London 1974, eigene Übersetzung

  3. Guy Debord: “Theory of the Dérive”, ursprünglich veröfffentlicht in “Internationale Situationniste” #2, 1958, übers. vom Französischen ins Englische von Ken Knabb, online hier zu finden (Si apre in una nuova finestra) (zuletzt aufgerufen am 26.05.2026), eigene Übersetzung

  4. Susanne Maria Geschke: “Doing Urban Space. Ganzheitliches Wohnen zwischen Raumbildung und Menschwerdung”, transcript Verlag, Bielefeld 2013

  5. Mark Fisher: “Niemand ist gelangweilt, alles ist langweilig", ursprünglich 2014 auf Fishers “K-Punk”-Blog veröffentlicht, übers. von Robert Zwarg, zitiert aus: Mark Fisher: “K-Punk. Ausgewählte Schriften 2004-2016”, Edition Tiamat, Berlin 2020

  6. Iain Sinclair: “Ghost Milk: Calling Time on the Grand Project”, Penguin, London 2012, eigene Übersetzung

  7. siehe 3.

  8. Guy Debord: “Society of the Spectacle”, ursprünglich 1967 erschienen, aus dem Französischen ins Englische übersetzt von Ken Knabb, Rebel Press, London 2005, eigene Übersetzung

  9. siehe 2.

  10. Katja Kullmann: “Stars. Roman”, Hanser Berlin, Berlin 2025

  11. Katja Kullmann: “Rasende Ruinen. Wie Detroit sich neu erfindet”, Suhrkamp, Berlin 2012

  12. Online hier zu finden (Si apre in una nuova finestra) (zuletzt aufgerufen am 26.05.2026)

  13. Robert Macfarlane: “Iain Sinclair’s struggles with the city of London”, The Guardian, 15.0.7.2011, online hier zu finden (Si apre in una nuova finestra) (zuletzt aufgerufen am 26.05.2026), eigene Übersetzung

Argomento Irrtum & Erkenntnis

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