Passa al contenuto principale

Ach, George!

Wo sind sie hin, die magischen Stories?

Eigentlich kannte ich die Antwort schon vorher. Als meine Freundin neulich auf unserer kleinen Weihnachtsfeier in illustrer Runde von ihrer tollen Lovestory schwärmte, machte ich den Fehler zu fragen: „Wo habt ihr euch eigentlich kennengelernt?“ „Auf Tinder“, antwortete sie strahlend, und ich verzog resigniert das Gesicht. „Lernt man sich heute denn gar nicht mehr an der roten Ampel, im Zug oder, ganz profan, in einer Bar kennen?“, hakte ich fast ein bisschen naiv nach. Papperlapapp, riefen meine Freundinnen, und eine lachte so laut über meinen altmodischen Vorschlag, dass ich mir wie eine Oma vorkam.

Ist Tinder jetzt das echte Leben, und bin ich die Letzte, die das irgendwie nicht realisieren will? Am Tag darauf versank ich in einer fernen Zeit, hing mit Baumkuchen auf dem Sofa rum, hörte Musik und sah mir das Video zu George Michaels „Last Christmas“ an. Zum ersten Mal, was ja fast schon peinlich ist. Eine Winterlandschaft in den Bergen, Freunde, die in Daunenanzügen fröhlich durch den Schnee zu einer Hütte stapfen, dann warmes Licht, Kerzen, Lachen, Wein und George, der inmitten seiner Freunde an einem langen Tisch sitzt, lässig, entspannt und ungeheuer gut gelaunt. Moment, ich spule mal schnell an die Stelle vor in Minute 2:18 bis 2:25. Denn da, genau da ist er! Einer dieser Augenblicke, von denen ich immer theatralisch behaupte, dass sie uns durch Tinder & Co. verloren gehen! Dieser Blick von George, wenn er über den Rand seines Weinglases die Frau ansieht, in die er heimlich verschossen ist (oder im Jahr davor verschossen war, ich bin mir da nicht so sicher). Auch wenn wir natürlich alle genau wissen, dass vermutlich keine Frau der Welt den lieben George in Wallungen gebracht hätte. Aber darum geht es hier ja nicht. Sondern darum, dass es eine Zeit gab, in der wir noch mit Blicken kommunizierten, in der die Liebe mit so magischen Momenten wie diesen begann. Und wenn schon nicht die große Liebe, dann doch wenigstens eine zarte Romanze/eine heiße Affäre/ein süßer Flirt. Oder, nun ja, vielleicht auch eine große Enttäuschung. Man hielt mitten im Satz inne, sprang raus aus der Szenerie, alles um einen herum verschwand für den Augenblick eines Wimpernschlages im Nebel, nur zwei Menschen existierten in diesem Moment auf dem Planeten, und das Nervensystem war elektrisiert. Und, große Güte, keiner von Beiden hatte auch nur die geringste Ahnung, ob der andere lieber Yoga macht oder Federball spielt, lieber auf Berge klettert oder am Meer rumliegt, wo er wohnt, an welchen Gott er glaubt oder ob er gern Fleisch isst. Und es war auch völlig

2 commenti

Vorresti vedere i commenti?
Abbonati a Katjas Notizen e partecipa alla conversazione.
Sostieni