Nach so viel Leben in ihrem Leben zieht sich unsere Autorin in ihr Schneckenhaus zurück.


820 Kilometer hin, 820 Kilometer wieder zurück. Dazwischen lagen 48 Stunden, die so reich waren an Freundschaften und Geschichten, an Gänsebratenessen, Quasseln ohne Punkt und Komma, an Tanzen, als gäbe es kein Morgen, Sichwiedersehen und Sichkennenlernen, Sichausfragen, umarmen, viel erfahren, manches vergessen, an Küsschen rechts, Küsschen links, an Worten, die über Tische flogen, Spiegelei mit Chili am Morgen und einem letzten Gläschen Vino am Abend, Lichterketten, die in der dunklen Nacht schaukelten, an ersten Schneeflocken, lachenden Tränen und Wehmut. Als wir am Morgen nach meiner Lesung zu unserem alljährlichen Tripp nach Potsdam und Hamburg über die A9 Richtung Norden bretterten, sagte ich zu meinem italienischen Schwaben: „Wenn wir übermorgen auf der anderen Seite wieder zurück fahren, werden wir so viel erlebt haben,“ Ich glaube, ich fügte sogar noch theatralisch hinzu: „Vielleicht werden wir nicht mehr dieselben sein.“ Hach, wie ich solche Gedanken liebe! Alles lag noch vor uns. In diesem Moment wusste ich nicht, dass ich Christina und Robert kennenlernen und all meine Vorurteile über Tinder & Co über Bord werfen würde. Ich wusste nicht, dass ich 6000 Schritte barfuß in High-Heels durch die Hamburger Nacht laufen würde. Ich wusste nicht, wie gut Koffeinplätzchen schmecken, vor allem, wenn man sie nicht teilen muss. Ich wusste nicht, dass ich dem Typen auf der Tanzfläche im „KlubK“ ins Wort fallen würde: „Entschuldige, ich kann mich leider nicht mit dir unterhalten. Ich möchte niemandem mehr ins Ohr brüllen. Ich finde das entsetzlich anstrengend.“ Dass ich mich abwenden würde, erstaunt über meine eigene Klarheit und zugleich beschämt über diese schroffe Abfuhr. Dass ich mich fragen würde, ob das jetzt cool und selbstbewusst gewesen war oder doch eher alt und mürrisch? Ich wusste nicht, dass ich in Potsdam meine Freundin von draußen durch das Küchenfenster beobachten würde, wie sie da so rumwirbelt, wieder ganz gesund und wunderschön, und ich mir heimlich eine Träne wegwischen würde. Und ich wusste damals auch nicht, dass ich nach zwei Tagen heimkehren und mich auf nichts so sehr freuen würde wie auf meinen Poncho und ein bisschen Stille. Obwohl wir nur ein Wochenende weg waren, hatte es Ähnlichkeit mit der Rückkehr aus dem All. Ich zog die Tür hinter mir zu, zündete eine Kerze an, sprang unter die heiße Dusche, marinierte meinen Körper in drei Tropfen Öl, schmiss Netflix an und mich aufs Sofa. Die Aussicht auf zwei Wochen ohne Termine, Verabredungen und Verpflichtungen fühlten sich auf einmal an wie ein riesengroßes Hach.
Das heißt, ein paar Termine hatte ich schon noch, aber selbst die hätte ich am liebsten