Passa al contenuto principale

Kleine Bilder überall

Über das British Museum heißt es bei Wikipedia, es sei mit acht Millionen Ausstellungsstücken eines der größten und bedeutendsten Museen der Welt. Es heißt auch, dass 2024 knapp sechs Millionen Menschen das Museum besucht haben. Wikipedia sagt nicht, wie es sich anfühlt, eine der sechs Millionen zu sein.

Das Geheimnis der vielen Besucher*innen ist möglicherweise mit dem freien Eintritt erklärbar. Wir gehen rein, wenn wir schon ein paar Stunden in London überbrücken müssen, schnell durch, und wenn es uns nicht gefällt, wieder raus. Draußen ist es heiß und drückend. Ungewöhnlich heiß, heißt es neuerdings. Ungewöhnlich heiß für die Jahreszeit, ungewöhnlich heiß für London. Vielleicht hoffen die Besucher*innen wie ich, im Inneren kühle eine Klimaanlage die empfindlichen Exponate, und uns. Doch das alte Gemäuer, um 1850 errichtet, ist nicht auf das 21. Jahrhundert vorbereitet. Drinnen ist es stickig warm. Das Museum beherbergt alte Steine, und die sind hitzebeständiger als Menschen. Nur Räume, in denen Gemälde untergebracht sind, sind klimatisiert, weil Farben und Stoffe empfindlich sind. Ich lasse mich durch das Museum schieben, verharre länger als nötig vor den Gemälden, drücke mich, muss irgendwann doch weiter. Wieder raus, wenn es nicht mehr gefällt, ist angesichts der Museumsgröße und der Menschenmenge schwierig.

Hier ist die große Geschichte zu Hause, und das ist interessant, keine Frage. Doch große Geschichte ist überall in Europa gleich: Ton, Steine, Scherben, Stoff, Pigmente. Geborgtes und Geklautes. Spuren von Frauen. Besucher*innen kämpfen sich durch, um etwas zu sehen, wovon sie schon so viel gehört haben – und sind manchmal enttäuscht.

Viel spannender sind die Provinzmuseen – das Zuhause der kleinen Bilder.

Ein Gebäude einer alten Fabrik von unten fotografiert, oben die Aufschrift Spinnerei.

Nordhorn, Juli 2020 © Kristina Klecko

In einem städtischen Museum einer niedersächsischen Kleinstadt höre ich 2020 beispielsweise erstmals von sogenannten “Ostarbeitern”. Ich bin mit meinem Begleiter allein in der riesigen Ausstellungshalle, draußen zieht ein Gewitter auf. Mein Blick wandert über bunte Stoffe, über Fotos von Frauen an Webstühlen und Spinnmaschinen, über Werbeanzeigen aus den 1960er Jahren, die Stadt war lange ein bedeutender Textilstandort, und bleibt am Gesicht einer Frau hängen, die meiner Mutter ähnlich sieht. Die Bildunterschrift verrät, es handle sich um eine “Ostarbeiterin”.

Ich wusste nicht, was das bedeutete. Die meisten Menschen, mit denen ich später darüber sprach, wussten nicht, was das bedeutete.

Als “Ostarbeiter” wurden im Zweiten Weltkrieg Menschen bezeichnet, die die Wehrmacht aus dem überfallenen Teil der Sowjetunion für Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt hatte. Sie wurden in Betrieben eingesetzt, in denen deutsche Arbeitskräfte kriegsbedingt fehlten, mussten einen blau-weißen Aufnäher mit den Buchstaben “OST” auf ihrer Kleidung tragen und waren in (betriebseigenen) Lagern untergebracht. Je nach Einsatzort, es konnte Steinbruch, Textilfabrik oder Privathaushalt sein, ging es den Menschen unterschiedlich schlecht.

“Die Rechte der Sowjetbürger bei der Arbeit wie in der Freizeit waren stark eingeschränkt: Sie erhielten einen geringeren Lohn, durften nur den notwendigsten Kontakt mit den Deutschen haben, sollten in Barackenlagern mit Stacheldraht untergebracht werden, keine Veranstaltungen besuchen oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen, der Ausgang sollte nur unter Bewachung möglich sein, eine körperliche Züchtigung durch das Wachpersonal war erlaubt.” Christine Glauning, „Ostarbeiter“ im Deutschen Reich, Stiftung Sächsische Gedenkstätten

Nach dem Krieg wurden die “Ostarbeiter” als Verräter*innen gebrandmarkt, erlebten in der eigenen Heimat, wenn sie überhaupt das Glück hatten, dort zu landen, statt einfach irgendwo in der Sowjetunion abgesetzt worden zu sein, lebenslang Diskriminierung. Manche sind in Deutschland geblieben.

Wie die Mutter der Schriftstellerin Natascha Wodin, die 1943 aus ihrer ukrainischen Heimat nach Deutschland verschleppt worden war.

“Je länger ich recherchierte, auf desto mehr Ungeheuerlichkeiten stieß ich, von denen bisher kaum jemand gehört zu haben schien. Nicht nur ich selbst war in vielem immer noch ahnungslos, auch von meinen deutschen Freunden, die ich für aufgeklärte, geschichtsbewusste Menschen halte, wusste niemand, wie viele Nazi-Langer es früher auf deutschem Reichsgebiet gegeben hatte. Die einen gingen von zwanzig aus andere von zweihundert, einige wenige schätzten zweitausend.” Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol

Wer einen Überblick über die Geschichte der sogenannten Ostarbeiter*innen bekommen möchte, findet mehr im Buch Für immer gezeichnet. Die Geschichte der “Ostarbeiter”. Die Publikation ist eine Kooperation der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial, die in Russland inzwischen verboten ist, und der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung, die Anfang 2025 in der Kleinen Anfrage der CDU/CSU an den Bundestag zur politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen Erwähnung fand. Im zugehörigen Interview-Archiv berichten ehemalige Zwangsarbeiter*innen, man habe sie frühmorgens in schweren Holzschuhen über die Steinpflaster aus den Unterkünften zur Arbeitsstelle geführt, unmöglich, dass die Deutschen diesen Lärm nicht gehört haben.

Ich möchte mich drücken und rhetorische Fragen formulieren, um nicht schreiben zu müssen, dass auch ich angesichts dieser Zahlen und Erzählungen mir nicht vorstellen kann, dass irgendjemand es nicht wusste.

“Nach einer Studie des Holocaust Memorial Museums in Washington belief sich die Zahl [der Lager] auf 42.500, die kleinen und die Nebenlager nicht mitgerechnet. 30.000 davon waren für Zwangsarbeiter. (…) Es war die alte Geschichte: Niemand hatte etwas gewusst. Obwohl das mit 42.500 und mehr Lagern überzogene Land ein einziger Gulag gewesen sein muss.” Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol

Ich schreibe das nicht um zu verurteilen, oder nachzutreten. Anders als viele Menschen, die heute genau wissen, wie sie damals gehandelt hätten, weiß ich es nicht. Was ich weiß: Das Foto der Frau am Webstuhl ist eins von vielen kleinen Bildern überall auf der Welt, die es verdienen, gesehen zu werden.

Und was ist vor deiner Haustür passiert?

Vielen Dank, dass du mitliest.

Kristina

Beischrift

Beischriften sind Gedanken, Zitate, Fotos und Notizen – Nebenschauplätze der Kurzessays, flüchtig und daher exklusiv für Abonnent*innen.💜 Melde dich kostenlos an, um die Kurzessays künftig mit der Beischrift zu erhalten.

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Argomento Alltag & Politik

0 commenti

Vuoi essere la prima persona a commentare?
Abbonati a Was mache ich denn da? (Kurzessays) e avvia una conversazione.
Sostieni