In kaum einem anderen Filmgenre liegen unerträglicher Trash und Qualitätsspannung so dicht beieinander wie Filme, in denen Tiere die Bösen sind. Zeit zu sortieren.
Was gibt es Besseres, als sich bei viel zu tiefen Frühlingstemperaturen mit einem heißen Kakao ein bisschen Wohlfühlunterhaltung reinzuziehen? Wohlfühlen heißt für mich in aller Regel: Gruseln. Und ein Genre, das für mich zuverlässig abliefert, ist Tierhorror. Vielleicht liegt es an meinem Dasein als Biologin, dass Tierhorror so eine eigentümliche Faszination auf mich ausübt. Die Idee, dass irgendetwas dem Mensch Einhalt gebieten kann.
Dummerweise hat die Tricktechnik immer mehr dazu geführt, dass in dem Genre praktisch nur noch Trash zu finden ist. Also, Trash, bei dem man ernstlich um seine Gehirnzellen fürchten muss, wenn man ihn sich ansieht. Aus dem Grund braucht die Welt dringend eine Orientierungshilfe, die solide Unterhaltung, echte Perlen und besagten Trash voneinander trennt. Hier kommt sie.
Die Klassiker
Unter Klassikern verstehe ich ältere Filme, in denen das Grauen noch nicht ruckzuck am Computer zusammengeklickt werden konnte, sondern echte Tiere und physische Modelle herhalten mussten.
Die Vögel von Alfred Hitchcock (1963)
Gott, ich liebe diesen Film, was sicher auch daran liegt, dass ich Alfred Hitchcock liebe und Tippi Hedren auch. Eine junge Frau verschlägt es im Zuge eines Flirts in die kleine Hafenstadt Bodega Bay, wo sie nicht nur dem Mann näherkommt, sondern auch erleben muss, wie aus heiterem Himmel Krähen, Möwen und Sperlinge über die Menschen herfallen. Hitchcock ist ja ein meisterhafter Geschichtenerzähler, weshalb “Die Vögel” - entstanden nach einem Roman von Daphe DuMaurier - in seinen ikonischen Szenen bis heute unerreicht ist. Hitchcock drehte überwiegend mit echten Vögeln, was bisweilen eine Beklemmung erzeugt, an die am Computer generierte Tiere nicht ansatzweise heranreichen.
Der Weiße Hai von Stephen Spielberg (1975)
Inspiriert von den Haiattacken an der Küste von New Jersey 1916 (Si apre in una nuova finestra) fühlte Spielberg sich berufen, dem Hai als Gefahr an sich ein unrühmliches Denkmal zu setzen. Der Film ist ein erzählerisches und tricktechnisches Meisterwerk und auch, wenn er eher nicht dazu beigetragen hat, das Verständnis für diese komplexe und faszinierende Tiergruppe zu fördern, liebe ich ihn heiß und innig. Zu den wenigen Traditionen in meinem Leben gehölrt es, jedes Jahr im Sommer einmal “Der Weiße Hai” anzuschauen.
Aber nicht nur das beeindruckende Haimodell machen den Film so sehenswert, sondern auch das Darsteller-Trio aus Robert Shaw als bärbeißigem Kapitän Quint, Roy Scheider als Polizeichef Brody und Richard Dreyfuss als Meeresbiologe Hooper erzeugen eine tolle Dynamik. Der Film wurde ärgerlicherweise 2004 neu und ganz schlimm synchonisiert. Ich empfehle die alte Synchronisation.
Moby Dick von John Huston (1956)
Die Geschichte des wahnsinnigen Kapitän Ahab, der sein Leben - und schlussendlich auch sein Schiff und seine Mannschaft - der Jagd nach dem weißen Wal Moby Dick opfert, ist weltberühmt. Die Romanvorlage von Hermann Melville ist inspiriert vom Untergang des Walfängers Essex nach einem Pottwalangriff 1820, den nur drei Schiffbrüchige überlebten, die die Ereignisse für die Nachwelt notierten.
Gregory Peck, der bis dahin eher weiche, intellektuelle Charaktere gespielt hatte, brilliert als Kapitän Ahab. Ohne jede Empathie für Mensch oder Kreatur ordnet er alles seinem Rachedurst unter, seitdem der weiße Wal ihm ein Bein geraubt hat. Und die Manschaft muss zuschauen, wie sie ihrem eigenen Untergang entgegenfährt. Eine Warnung sei allerdings ausgesprochen: Regisseur Huston hat für die Verfilmung auch authentische Waljagdaufnahmen verwendet. Wer sich diese Bilder nicht antun möchte, sollte um Moby Dick lieber einen Bogen machen.
Das Mittelfeld
Im Mittelfeld des Genres findet sich nicht viel. Offenbar spaltet sich Tierhorror in meiner Empfindung in “ganz toll” und “nicht der Rede wert”. In der Riege der soliden Unterhaltung, die vor allem von Geschichte und Darstellenden, weniger von spektakulären Tricks getragen wird, sind mir nur zwei Einträge eingefallen.
Cujo nach Stephen King (1983)
Der Bernhardiner Cujo des Automechaniker Cambers wird auf der Jagd nach einem Kaninchen von einer Fledermaus mit der Tollwut infiziert. Eigentlich ein gutmütiges Tier wird er nach und nach immer reizbarer und schließlich zu einer Gefahr für die Menschen seiner Umgebung. “Cujo” ist im Grunde ein Kammerspiel ohne Kammer, denn ein Großteil der Handlung sowohl im Roman als auch im Film besteht aus dem Überlebenskampf einer Frau und ihres kleinen Sohnes, die ihr defektes Auto für eine Reparatur zu Camber bringen.
Cujo hat seinem Besitzer bereits den Garaus gemacht, die Frau kann sich mit Mühe und Not in ihr Auto retten und ist nun dort gefangen. Sie kann es weder verlassen, um Hilfe zu rufen noch um für sich und ihren Sohn Nahrung und Wasser in der Gluthitze des Sommers zu besorgen. Aus der Enge heraus muss sie Lösungen ersinnen, sich und ihr Kind zu retten. Ein nervenaufreibender Kampf beginnt, Zug um Zug versuchen Frau und Hund, die Situation jeweils zu ihren Gunsten zu entscheiden.
Arachnophobia von Frank Marshall (1990)
Keine Liste über Tierhorror wäre ohne einen Eintrag über Spinnen vollständig, und hier ist er. “Arachnophobia” ist beste Popcorn-Unterhaltung mit der Betonung auf Unterhaltung, denn der Film hat neben dem Gruselschauer auch humorige Elemente. Jeff Daniels spielt einen Arzt, der mit seiner Familie aufs Land zieht und dort eine eigene Praxis eröffnet. Das gestaltet sich schwierig, denn die Dörfler bringen dem neuen Arzt kein Vertrauen entgegen. Außerdem hat die Überführung eines auf einer Expedition verstorbenen Tierfilmers einen unerfreulichen Gast mitgebracht: Eine tödlich giftige Spinne aus der Wildnis von Equador.
Der spinnenphobische Jungmediziner muzss zu allem Überfluss feststellen, dass sich die Spinne ausgerechnet auf seinem Grundstück niedergelassen und fortgepflanzt hat. Er muss sich also nicht nur dem Spinnentier, sondern auch seiner eigenen Angst entgegenstellen, um die kleine Ortschaft vor dem achtbeinigen Tod zu retten.
Die Perlen
Schön, dass Ihr bis hier weitergelesen habt, denn hier kommen die Geheimtipps. Filme, die durch die Geschichte, das Setting oder die Darstellenden einen so deutlichen Mehrwert erhalten, dass sie völlig zu Unrecht in der Trashecke liegen.
Orca von Michael Anderson (1977)
Ein Rachedrama von epischem Ausmaß. Kapitän Nolan macht sich auf, für ein Aquarium einen wilden Killerwal zu fangen. Schon bald gelingt es ihm, doch das gefangene Weibchen verliert an Deck sein ungeborenes Kalb und stirbt daraufhin. Der zugehörige Bulle sinnt auf blutige Rache und beginnt mit einer nevrvenaufreibenden Jagd auf Nolan. Hier sei eine Klammer aufgemacht, denn natürlich ist es Quatsch, das “Ein Mann sieht rot”-Motiv auf einen Killerwal zu erweitern. Orcas gehen keine stabilen Paarbeziehungen ein. Klammer zu.
Bis weit in die Arktis geht die Jagd und immer unklarer wird die Frage, wer wen jagt. Beide Männchen, der Mensch und der Wal, werden Teil einer Dynmik, in der sich Schmerz und Hass mischen. Im Packeis des Nordpolarmeeres kommt es schließlich zu einem ergreifenden Showdown.
Was den Film in meinen Augen so besonders macht, ist zum Einen der herzzerreißende Sounbdtrack von Ennio Morricone. Die Komposition liefert allen Stationen der Jagd ein aufwühlendes Fundament. Zum Anderen: Richard Harris als Kapitän Nolan. Richard Harris holt einfach aus allen Rollen das Maximum menschlicher Intensität heraus.
Ich habe den Film lange nicht mehr angeschaut, weil die Spannung und Tragik der Geschichte, die Originalschauplätze vor Neufundland und eben die Musik mich zu sehr mitnehmen. Aber Ihr könnt ja mal reinschauen.
Link, der Butler von Richard Franklin (1986)
Hier ist ein Affe, genauer: ein Orang-Utan, der Bösewicht.
Der Wissenschaftler Dr. Philipps lebt in seinem abgelegenen Haus mit drei Menschenaffen, zwei Schimpansen, Voodoo und Imp, und dem Orang-Utan Link, mit denen er Verhaltens- und Intelligenztests durchführt. Er stellt die Studentin Jane als Assisstentin ein. Mit Hilfe einer Symboltastatur kann Link sogar mit den Menschen kommunizieren, aber für die Forschungen des Professors ist er eher wertlos.
Philipps verschwindet. Jane geht davon aus, dass er nur Besorgungen im Dorf erledigt, und bleibt allein mit den Affen zurück. Nach und nach werden Voodoo und Link immer schwerer zu kontrollieren und nachdem die junge Frau eine Leiche findet, wird ihr klar, dass von Link eine tödlich Gefahr ausgeht.
Vor allem Terrence Stamp als Dr. Philipps, Elizabeth Shue als Jane und der echte Orang-Utan machen den Film sehr sehenswert.
A cold night’s death (1973)
Und noch einmal Affen. Dieser Film steht im Grunde nur wegen einer persönlichen Begebenheit in dieser Liste. Als mein Bruder und ich noch klein waren, viel zu klein für die Filme auf dieser Liste, erzählte mein Vater uns machmal Filme nach. Mein Vater war ein toller Erzähler, seinen Zusammenfassungen zuzuhören, war beinahe ebenso spannend, wie den Film tatsächlich zu schauen. Eines Tages erzählte er uns die Geschichte von diesem Film.
Zwei Wissenschaftler werden zu einer Forschungsstation am Nordpol geschickt, um den abgerissenen Funkkontakt zu einem Kollegen aufzuklären. In der Station werden mehrere Affen für Verhaltenstests gehalten. Sie finden die Station verlassen, nur die Affen sind quicklebendig. Sie stoßen auf mysteriöse Ungereimtheiten und bald ist nicht mehr klar, wer das Versuchstier und wer der Emperimentator ist.
Der Film lief nicht im Kino, sondern wurde nur für das Fernsehen gedreht. Er ist im englischen Original frei bei Youtube (Si apre in una nuova finestra) und Dailymotion (Si apre in una nuova finestra) anzusehen.
Der böse Geist von Jambuj (1981)
Der russische Film lief irgendwann in den 80er Jahren ein einziges Mal im ZDF-Tagesprogramm und er hat sich so sehr in mein Gehirn geschraubt, dass ich ihn 30 Jahre später nach erheblicher Recherchearbeit auf DVD erworben habe.
Tief in der sibirischen Taiga verschwindet ein Team von Geologen am Berg Jambuj. Ein Suchtrupp macht sich auf, sie zu finden. Weitab der Zivilisation treffen sie auf einen Stamm Ewenken, die ihnen erzählen, am Berg hause ein böser Geist, der die Geologen geholt habe. Dieser Geist entpuppt sich als Bär, ein Koloss von einem Tier, der nicht nur die Geologen, sondern auch die Mitglieder des Suchtrupps nach und nach zu sich holt.
Nicht nur die Bedrohung durch den Bären, sondern auch die schroffe Landschaft und die mystisch anmutende Stammesgemeinschaft der Ewenken erzeugen hier Spannung. Alles wirkt fremd, nichts ist vertraut und allein das erzeugt eine gewisse Beklemmung. Folklore trifft auf Survival, Spiritualität auf wilde Tiere.
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