von Stefanie Wirtl-Gutenbrunner
https://www.youtube.com/watch?v=U5R9dA9EeB8 (Si apre in una nuova finestra)
Der am 25. Juli 2024 unter dem Label „Juicy Money Records“ veröffentlichte Nummer-eins-Hit „Bauch Beine Po“ der deutschen Rapperin Shirin David löste bereits unmittelbar nach seiner Veröffentlichung kontroverse Reaktionen aus. Während die einen in dem Song die Inszenierung einer selbstbewussten und emanzipierten jungen Frau sahen, betrachteten andere ihn als Ausdruck problematischer Körperbilder und sogar als Form von Bodyshaming. Gerade diese gegensätzliche Rezeption macht den Song und insbesondere das dazugehörige Musikvideo zu einem interessanten Analysegegenstand. Im Folgenden soll daher untersucht werden, wie der Clip zu „Bauch Beine Po“ den weiblichen Körper zwischen Empowerment, Selbstinszenierung und gesellschaftlichem Schönheitsdruck darstellt.
Im ersten Schritt wird zunächst das Video selbst in seiner visuellen Gestaltung analysiert, bevor im weiteren Verlauf dieses Essays auf den Songtext, die Darstellung des weiblichen Körpers sowie die öffentliche Kritik eingegangen wird.
Im Musikvideo zu „Bauch Beine Po“ steht weniger die erzählerische Handlung im Mittelpunkt als vielmehr die visuelle Inszenierung von Körper, Bewegung, Fitnessästhetik und Weiblichkeit. Es handelt sich also um einen Performance-orientierten Videoclip, welcher durch Choreographie, Styling, Kameraführung und eine Ästhetik, die deutlich an Fitness- und Workout-Formate angelehnt ist, den weiblichen Körper in Szene setzt.
Bereits der Titel „Bauch Beine Po“, der an zahlreiche Workout-Programme erinnert, verweist unmittelbar auf die Welt der Fitnessszene und der Selbstoptimierung. Statt den menschlichen Körper als Ganzes zu betrachten, nennt uns der Titel längst spezielle Körperregionen, auf die der Fokus gelegt werden soll. Die Reduktion des Körpers wird visuell durch eine Art von attached camera verstärkt, da die Kamera eng an den betonten Körperregionen bleibt und diese besonders hervorhebt. Schon der Beginn des Clips greift diese Assoziation auf: Zunächst ist ausschließlich Shirin David zu sehen, deren Outfit deutlich an Fitnessvideos der 1980er und 1990er Jahre angelehnt ist. Die farblich aufeinander abgestimmten Blautöne von Kleidung und Hintergrund lassen ihre Figur besonders stark hervortreten und lenken den Blick gezielt auf den Körper der Künstlerin. Damit knüpft die visuelle Gestaltung bewusst an ein Bild von Weiblichkeit an, die stark über ihre Körperform definiert ist. Gleichzeitig entsteht jedoch ein bewusster Kontrast zwischen dem Bild und dem Songtext: Während die Ästhetik des Videos an vergangene Fitnesskulturen erinnert, greift Shirin David mit Begriffen wie „Iced Matcha Latte“ oder „Pilates“ auf eine moderne Sprache zurück. Dadurch verbindet der Clip vergangene und gegenwärtige Formen der Körperkultur miteinander. Optimierung erscheint somit nicht als neues Phänomen, sondern als ein gesellschaftliches Ideal, das sich über ein Jahrzehnt hinweg lediglich in seiner äußeren Form verändert hat.
Ab 00:00:13 treten passend zur Textzeile „Carmen, Tina und Angie“ weitere Figuren ins Bild. Auffällig dabei ist, dass trotz der Aufzählung von drei weiblichen Namen nur zwei weitere Frauen erscheinen, während der dritte Name durch einen Chihuahua verkörpert wird. Dieses close-up wirkt bewusst übertrieben und unterstreicht, dass das Video nicht rein realistisch zu sehen ist, sondern mit Ironie und Überspitzung arbeitet. Bereits zu Beginn wird somit deutlich, dass der gesellschaftliche Druck zur Körperoptimierung keine Neuheit ist. David betont, dass sich Schönheitsideale zwar äußerlich ändern, in ihrem Grundgedanken aber bestehen bleiben. Kurz darauf, ab 00:00:21, erscheinen zwei weitere Frauen im Bild. Passend zur Textzeile „Ich bin schlau, aber blond und supermegahot“ wird dabei hervorgehoben, dass sie die einzige Frau mit heller Hautfarbe und blonden Haaren im Bild ist.
Im anschließenden Refrain, der für viele Hörer*innen eine große Diskussion ausgelöst hat, auf welche ich später auch eingehen werde, unterstreichen die Bewegungen der Interpretin und ihrer Tänzerinnen den Songtext. Schon Zeilen wie „Auf und ab, wir laufen im Takt“ oder „… dann musst du pushen“ verdeutlichen eine Fitnesssprache, die auf Wiederholung und Rhythmus schließen lässt. Die passende Choreografie, welche synchron und kontrolliert wirkt, vermittelt den Zuseher*innen ein Gefühl von Disziplin und Training, welches von Nöten ist, um einen Körper wie ihren zu erhalten. Der Songtext im Refrain spannt den Bogen zum Titel „Bauch Beine Po“, der, wie bereits erwähnt, uns direkt in die Welt der Fitnessbranche eintauchen lässt. Die Bewegungen, welche die Damen auf der Bildfläche hier darstellen, spiegeln ebenso Workout-Clips wider. Eine wichtige Rolle im Refrain spielt der Anpassungsdruck. Es wird klar signalisiert, dass Attraktivität etwas ist, wofür man Leistung erbringen muss. Mit Zeilen wie „Geh ins Gymmie, werde skinny, …“ oder „Du willst ein’n Body? (Ja) dann musst du pushen (uh)“ wird hier klar vermittelt: Wer den „richtigen“ Körper will, muss hart dafür arbeiten. Zudem geht es hier nicht um den „perfekten“ Körper, den der/die Hörer*in sich für sich selbst wünscht, sondern es wird durch „Bist du ein Hottie (ja), werden sie gucken (uh)“ sofort klar, dass es nicht um das eigene Wohlbefinden, sondern um die Meinung anderer zum eigenen Körper geht. Der weibliche Körper wird somit zum Objekt eines Blicks, der ihn bewertet und nach bestimmten Schönheitsnormen einordnet. Dabei bleibt offen, ob es sich eher um einen male gaze handelt oder ob hier vor allem Frauen angesprochen werden, die sich selbst beobachten und vergleichen. Der Anpassungsdruck entsteht also genau hier, denn „Wir sind pretty im Bikini“ vermittelt uns zusätzlich noch, dass wir nicht nur fit sein sollen, sondern dies für die anderen auch sichtbar sein soll. Der Körper wird an Schönheitsnormen und gesellschaftliche Anerkennung gebunden.
Besonders auffällig ist die Kameraführung nach dem Refrain. Zwischen 00:00:45 und 00:01:02 wirkt das Bild deutlich lebendiger und unruhiger als zuvor, da die Kamera sich wesentlich stärker bewegt. Während zuvor eher ruhige und stabile Einstellungen dominieren, wechseln die Bildausschnitte nun deutlich häufiger. Zunächst wird Shirin David in nahen beziehungsweise halbnahen Einstellungen gezeigt, kurz darauf erscheinen sie und ihre Tänzerinnen wieder in der Halbtotalen. Durch diesen raschen Wechsel der Einstellungsgrößen entsteht ein klarer Kontrast zu der bislang vorherrschenden Inszenierung von Disziplin und körperlicher Beherrschung. Die Unruhe der zweiten Strophe kann so gedeutet werden, dass sie die Anstrengung und körperliche Belastung sichtbar macht, die mit Training und Selbstoptimierung verbunden ist. Der Körper erscheint hier nicht mehr nur als ästhetisches Ergebnis, sondern auch als anstrengende körperliche Arbeit. Auffällig ist zudem, dass Shirin David ab 00:00:45 die Haare immer wieder ins Gesicht fallen. Dadurch wirkt die Darstellung weniger geschniegelt und kontrolliert als in den vorangegangenen Szenen. Diese Bildwirkung lässt sich als bewusste Brechung der sonst glatten und perfektionierten Inszenierung lesen. Statt einer vollständig makellosen Sportästhetik entsteht nun ein körperlicher, dynamischerer Eindruck, der besser zur provokanten und selbstbewussten Inszenierung der Künstlerin passt.
Dass Shirin David bei 00:01:04 plötzlich wieder allein im Bild ist, lässt sich zudem als Distanzierung deuten. Nach den Gruppenszenen richtet sich der Blick erneut vollständig auf sie, wodurch ihre Rolle als eigentliche Zentralfigur des Clips betont wird. Auch fügt sich dadurch die Szene stimmig in die Ästhetik des Musikvideos ein, da es insgesamt stark auf die Darstellung von Shirin David selbst ausgerichtet ist. Darüber hinaus kann diese Szene auch so interpretiert werden, dass Schönheitsideale und Fitnessbilder zwar häufig gemeinschaftlich vermittelt und gesellschaftlich verbreitet werden, die konkrete Selbstoptimierung am Ende jedoch von jeder Person einzeln geleistet werden muss. Die Gruppe zuvor im Bild kann als gesellschaftliche Norm verstanden werden; das Alleinsein danach hingegen so, dass diese am einzelnen Körper umgesetzt werden muss. Der Druck wird also von anderen erzeugt, aber umgehen muss jede Frau damit alleine.
Wie bereits in der zweiten Strophe wird das Bild auch ab 00:01:05 erneut deutlich dynamischer. Die unruhigere Kameraführung wirkt dabei fast so, als würde sie selbst die Energie und körperliche Leistung sichtbar machen, die mit sportlicher Aktivität verbunden sind. Dadurch erscheint der Körper nicht nur als ästhetisch inszeniertes Objekt, sondern auch als etwas, das ständig in Bewegung ist und unter Strom steht.
Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang die Textzeile bei 00:01:27: „Das war noch nicht genug, push it, tiefer“. Diese vermittelt den Eindruck, dass das bisher Geleistete nicht ausreicht und immer noch mehr verlangt wird. Damit verstärkt der Song erneut die Vorstellung, dass körperliche Attraktivität und Fitness an ständige Leistungssteigerung geknüpft sind. Bewegung erscheint hier nicht als freiwilliger Ausdruck von Freude, sondern vielmehr als Pflicht.
Wie bereits kurz erwähnt, verändert sich schließlich ab 00:01:05 die gesamte visuelle Aufmachung des Clips. Nach den vorherigen Gruppenszenen tanzen die Damen nun liegend auf beleuchteten Boxen. Diese Veränderung bereitet zugleich die spätere Regenszene vor, die ab 00:01:38 einen weiteren Einschnitt darstellt. Der einsetzende Regen, unter dem Shirin David und ihre Tänzerinnen nass werden, wirkt wie ein Bruch mit der zuvor betonten glatten, kontrollierten und stereotypisierten Ästhetik. Diese Szene lässt sich jedoch auf unterschiedliche Weise deuten. Einerseits bleibt der weibliche Körper weiterhin ästhetisch in Szene gesetzt und verliert trotz der veränderten Bedingungen nichts von seiner Präsenz und Wirkung. Andererseits erscheint er nun deutlich belastbarer und angestrengter als zuvor. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die wechselnden Kameraeinstellungsgrößen, denn während Halbtotalen und Totalen die Szene weiterhin als choreografierte Performance zeigen, erzeugen nahe Einstellungen eine größere Intimität, da sie Shirin David körperlich und emotional näher an die Zuschauer*innen heranrücken. Gerade durch den Regen wird diese Wirkung zusätzlich intensiviert, weil die Kleidung enger am Körper anliegt und teilweise transparenter erscheint. Dadurch werden Körperkonturen stärker sichtbar, was die Szene nicht nur körperlicher und unmittelbarer, sondern auch sexualisierter wirken lässt. Der Regen wirkt dadurch wie ein Höhepunkt des Musikvideos, in dem sich die bisher gezeigten Elemente von Disziplin, Kontrolle und Schönheit mit Anstrengung, Schweiß und Belastung verbinden.
Es ist bereits deutlich geworden, dass der Song „Bauch Beine Po“ in zwei völlig gegensätzliche Richtungen interpretiert werden kann. Gerade deshalb ist es wichtig, die zahlreichen kritischen Stimmen und öffentlichen Reaktionen mit in diese Analyse einzubeziehen.
Allen voran wird Shirin David seit der Veröffentlichung von „Bauch Beine Po“ vorgeworfen, Bodyshaming zu betreiben. Insbesondere die wiederkehrenden Zeilen „Geh ins Gymmie, werde skinny, mach daraus eine Show / Wir sind pretty im Bikini, das ist Bauch, Beine, Po“ werden von vielen Zuhörer*innen kritisch betrachtet, da sie darin eine Bewerbung des Schlankheitsideals sowie eine Sexualisierung von Frauen sehen, die im Fitnessstudio Sport treiben (vgl. Ebenger, 2024). Auch Journalistin und Autorin Lisa Ludwig (2024) äußert sich enttäuscht über die Künstlerin und kritisiert insbesondere deren Vorbildfunktion: „[…] Weil damit an ihre Fans weitergegeben wird: Selbst Shirin [...], die wir vielleicht als Freundin wahrnehmen […] oder die so ein Vorbild für uns ist als starke Frau, die sich durchgesetzt hat im Rap... Wenn selbst die sagt, man muss jetzt wieder skinny sein, das macht natürlich was mit Leuten“ [sic].
Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich die deutsche Politikerin Caren Lay öffentlich gegen den Song positionierte und eine feministische „Empowerment“-Version des Songs veröffentlichte, welche innerhalb weniger Tage über Millionen von Klicks erzielte (vgl. Braungart, 2024).
Dennoch gibt es ebenso zahlreiche Stimmen, die sich positiv zu dem Song äußern. Häufig wird betont, dass „Bauch Beine Po“ viele Menschen dazu motiviere, das Fitnessstudio zu besuchen oder sich allgemein mehr sportlich zu betätigen (vgl. Ebenger, 2024).
Die Rapperin selbst soll den Song laut eigenen Angaben mit der Intention veröffentlicht haben, sich über die Oberflächlichkeit der Fitnessbranche lustig zu machen (vgl. Brückner, 2025).
Letztlich steht hier also Aussage gegen Aussage. Während sich die einen durch den Song kritisiert fühlen und darin problematische Schönheitsideale erkennen, empfinden andere ihn als motivierend und bestärkend. Gerade darin liegt die Mehrdeutigkeit des Songs: Es bleibt unklar, ob Shirin David tatsächlich zu einem bestimmten Körperideal aufrufen oder vielmehr die Grundstrukturen der Fitnessbranche überspitzt darstellen und kritisieren wollte. Auffällig ist dabei jedoch, dass der Songtext an mehreren Stellen eine andere Wirkung entfaltet als die visuelle Inszenierung des dazugehörigen Clips. Während der Text mit Formulierungen wie „Geh ins Gymmie, werde skinny“ oder „Dann musst du pushen“ sehr direkt mit Leistungsdruck, Disziplin und körperlicher Anpassung arbeitet, wirkt das Musikvideo insgesamt deutlich ästhetisierter und offener in seiner Aussage. Durch Choreografie, Kameraperspektiven und selbstbewusste Körperinszenierung vermittelt der Clip nicht ausschließlich Druck, sondern vor allem auch Stärke, Kontrolle und Präsenz. Genau aus diesem Widerspruch zwischen sprachlicher Eindeutigkeit und visueller Offenheit ergibt sich die besondere Interpretationsqualität des Songs.
Quellen
Braungart, Eva Maria: Caren Lay auf TikTok: Linken-Politikerin covert „Bauch, Beine, Po“ von Shirin David. URL: https://www.berliner-zeitung.de/article/bauch-beine-po-von-shirin-david-cover-von-linken-abgeordneter-caren-lay-2248619 (Si apre in una nuova finestra) (letzter Zugriff am 10.04.2026).
Brückner, Florian: Shirin David Bauch Beine Po: Song, Bedeutung & Kritik 2024. URL: https://deutschrap.co/nachrichten/shirin-david-bauch-beine-po-song-bedeutung-kritik-2024/20721/ (Si apre in una nuova finestra) (letzter Zugriff am 10.04.2026).
Ebenger, Michael: „Bauch, Beine, Po“: Shirin David sorgt für Bodyshaming-Diskussionen. URL: https://hiphop.de/magazin/news/bauch-beine-po-shirin-david-sorgt-fuer-bodyshaming-diskussionen-412164 (Si apre in una nuova finestra) (letzter Zugriff am 10.04.2026).