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TEXTE VOM VORHANDENSEIN

TEXTE VOM VORHANDENSEIN VON MARCO MICHALZIK. In der Mitte des Titelschriftzugs ist ein Porträt des Autors in schwarz-weiß zu sehen.

TEIL 45: VOM VERWECHSELN

 “Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner…

Die Bibel, Evangelium nach Johannes 20,14-16

wenn der auferstandene mit dem gärtner verwechselt wird und ich mich frage, warum mir das noch nie passiert ist…

vielleicht weil da frische grasflecken auf dem gewand waren, grüntöne feucht schimmernd vom tau auf den halmen am morgen und sogar ein bisschen danach riechend, wie bei jemandem,dem all das bewusst, aber egal gewesen ist, als er sich beim ersten sonnenlicht in der wiese wälzte.

vielleicht weil da erdspuren an den händen hingen und unter den nägeln, vom graben mit bloßen fingern im boden einer besonders geeigneten stelle, um eines dieser winzigen körner in die kühle dunkelheit des loches zu legen über deren sterben und aufgehen und frucht bringen so oft geredet wurde.

vielleicht weil da noch rindereste in den haarstränen hängen geblieben sind, als der kopf für ein paar sekunden an den stamm gelehnt einen ruhepunkt gefunden hatte und die arme zaghaft zärtlich die außenseite der wortlosen lebensjahre umschloßen.  

sehet die lilien auf dem feld, das himmelreich gleicht einem senfkron, wenn das weizenkorn nicht in die erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht, ich bin der weinstock und ihr seid die reben, an ihren früchten werdet ihr erkennen, ich habe mein schaf gefunden, das verloren war…

vielleicht weil ich in wahrheit wenige männer mitte 30 kenne, die achtsam sind für derlei dinge und sich trauen ihre freunde darauf aufmerksam zu machen, vielleicht mit ausnahme von samwise gamgee, gärtner aus einem volk, das nichts so sehr liebt, wie dinge, die wachsen.

vielleicht weil ich als schreibender ahne, dass die bilder selten zufällig sind, die einzug in den ausdruck finden und meistens mehr bedeuten als bloße beschreibung, nahelegen, dass der formulierende sie bereits eine weile mit sich herumgetragen hat, gesammelt wird schließlich nur, was für wichtig gehalten wird.

von anderen freunden ist der gärtner bereits vorher einmal für ein gespenst gehalten worden, beides scheint ihn nicht weiter gestört zu haben, aber als ihm eine hypebetrunkene menschenmenge die krone aufsetzen wollte, verwehrte er sich gegen königsmacht und triumphale thronambitionen.

in zeiten, in denen die mächtigen täglich mit unsagbarem drohen und ihren dummen worten leider meistens ähnlich kluge taten folgen, erinnere ich mich daran, dass der auferstandene im zweifel nicht wie ein könig, nicht wie soldat, nicht wie ein richter, nicht einmal wie ein priester oder prediger aussieht, sondern etwas an sich hat, dass zumindest auf den ersten blick verdächtig nach einem gärtner aussieht.

Herzliche Grüße aus Wien und bleib barmherzig

Marco

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