
TEIL 43: HAIKU AS PRAYER
„I write haiku as prayer.
Get them to you in small pieces.
Every beat of sound, every reach for the sun
another poem pulled from your smiley face“
- Jessica Care Moore, I catch the rain
Über diese Zeile der afro-amerikanischen Spoken Word-Poetin Jessica Care Moore bin ich vor einigen Tagen beim Hören ihres fantastischen Albums Black Tea: The Legend of Jessi James gestolpert.
Das Haiku ist eine Kurz-Gedichtform aus Japan . Traditionell besteht es aus drei Zeilen. Die erste Zeile hat fünf Silben, die zweite sieben Silben und die dritte wieder fünf. Sie wirken oft wie sehr präzise Snapshots, Momentaufnahmen einer Beobachtung, der Natur, eines Alltagsmoments. Der Blick mehr nach außen gerichtet als nach innen. Zum Beispiel:
Von Windblüten
Das Tiefblau eine Zeitlang
Ein Spiel von Schatten
-Sôjô
oder
Vom Haubentaucher
Der Schnee nur tropfenweise
Zum Teich hinabrinnt
-Getto
Im Nachwort des Reclam-Bandes zu japanischen Haikus wird dessen Aufgabe so beschrieben, dass ein Haiku den flüchtigen Augenblick eines Naturerlebnisses in wenige, treffende Worte fassen solle, um so um so auf das unbegreifliche Geheimnis hinzuweisen, das sich in ihm offenbart. Das gelingt aber nur, wenn angesichts der nur siebzehn Silben, über die das Haiku verfügt, jedes Wort gemieden wird, das der Stimmung des erlebten Augenblicks Abbruch tut. Darüber hinaus gibt es die Auffassung, dass die Haiku-Dichtung vornehmlich objektiv beschreibend zu verfahren habe und die Einmischung subjektiver Momente möglichst meiden solle.
Beat-Autoren wie Jack Kerouac haben allerdings sehr viel freier mit der Form, den Themen und der Silbenzahl experimentiert und argumentiert, dass die englische Sprache (ebenso wie die deutsche) eben völlig anders funktioniere als die japanische. Weiter sagt er über die Beschaffenheit eines Haiku:
„Above all, a Haiku must be very simple and free of all poetic trickery and make a little picture and yet be as airy and graceful as a Vivaldi Pastorella.”
Und die Dichterin ruth weiss erzählt, wie sie in San Francisco an mehreren Abenden mit Jack Kerouac zusammensaß und wie sie sich gegenseitig Haikus auf Servietten hin und herreichten und auf diese Art miteinander kommunizierten. Leider ist keine dieser lyrischen Brief-Servietten erhalten geblieben. Es war ein Spiel im Moment. Und von daher eigentlich sehr passend für die Kunst des Haiku-Schreibens.
Ich habe exemplarisch fünf Beispiele für Kerouacs besondere Form des „amerikanischen“ Haiku herausgesucht, um einen kleinen Eindruck von seinem Zugang zu bekommen und die Unterschiede zu den strengeren, traditionelleren Beispielen zu entdecken:
A raindrop from
the roof
Fell in my beer
//
The sound of silence
is all the instruction
You’ll get
//
In the sun
the butterfly wings
Like a church window
//
Early morning yellow flowers,
thinking about
the drunkards of Mexico
//
Glow worm
sleeping on this flower –
your light’s on
All das vorausgesetzt kehre ich zurück zur Zeile von Jessica Care Moore. I write haiku as prayer. Wie könnte das aussehen und was könnte das bedeuten?
Ein Ansatz für mich ist das Haiku-Schreiben, das kunstfertige Komponieren, das achtsame Beobachten, den poetischen Blick auf die Welt an sich bereits als Gebet begreifen. Auch wenn weder Gott explizit als Adressat genannt (oder gedacht oder impliziert) oder besondere religiöse Sprache oder Begrifflichkeiten erwähnt werden und am Ende kein Amen steht. Ich denke dabei an ein Zitat von Dorothee Sölle, das ich sehr mag und das ich an anderer Stelle in dieser Textreihe schon einmal ausführlich besprochen habe: „Ich benutze manchmal die beiden Wörter ‚beten‘ und ‚dichten‘ synonym, als sagten sie das Gleiche, so ein Versuch des Selbstausdrucks, auch des ausgedrückten Schmerzes. Es geht mir oft so, wenn ich Meldungen lese in der Zeitung oder in Briefen, die Leute mir schreiben, Meldungen des Entsetzens, etwas Grauenvolles, dann ist es manchmal so, als könnte ich nicht atmen. Und dann habe ich das Bedürfnis, irgendetwas damit zu tun, aber manchmal denke ich auch, ich will es Gott erzählen und deswegen schreib ich es auf, damit er es endlich mal hört.“ Oder wie es der Dichter und Mystiker Thomas Merton einmal ausdrückte „A tree worships god by being a tree.“ Sein Baumsein an sich ist schon Gebet. Genauso wie mein Menschsein, das sich in meinem Fall eben oft durchs Schreiben ausdrückt.
Diese besondere Form der Haiku-Dichtung erfordert einen aufmerksamen, achtsamen, empathischen Blick auf die Welt. Ein Wahrnehmen von scheinbar belanglosen Details, die sonst übersehen oder für selbstverständlich gehalten werden. Ein Blick, der in allem etwas Wertvolles entdecken kann, muss zwangsläufig zu einer Haltung führen, die die Natur wertschätzt und ihre Zerstörung und Ausbeutung betrauert und anprangert, genauso wie die Unterdrückung von Menschen oder Menschengruppen oder Minderheiten, die von anderen für zu weird, zu queer, zu fremd, zu anders, zu arm, zu faul, zu feminin, zu jung oder schlicht für weniger wichtig und weniger wertvoll gehalten und behandelt werden. Ein solcher Blick und das in Worte fassen davon ist für mich in jedem Fall ein wie auch immer geartetes Kyrie eleison.
Und auch wenn ich diesen Gedanken sehr mag und vertrete, kann, so denke ich, auch das konkretere Gebet möglicherweise einiges von der Dichtung lernen oder sich zumindest davon inspirieren lassen. Eine Haiku-Haltung beim Beten sozusagen. Zum Beispiel den achtsamen und empathischen Blick nach außen, der nicht bei sich selbst Halt macht und nur um sich und sein eigenes Leben und Empfinden kreist, sondern das Kleine, Unscheinbare und Übersehene wahrnimmt und darin Schönheit, Wert und sogar sich selbst erkennen kann. Oder wie es ein antiker Briefeschreiber in seinem ersten Brief an die christliche Gemeinde in Korinth einmal formulierte: Was für die Welt keine Bedeutung hat und von ihr verachtet wird, das hat Gott ausgewählt. Er hat also gerade das ausgewählt, was nichts zählt. So setzt er das außer Kraft, was etwas zählt (Die Bibel, 1. Brief an die Korinther1,28).
Oder den Fokus beim Beten auf das Wesentliche zu legen und alles andere wegzulassen. Nicht als Formel, sondern als Entlastung. Manchmal braucht es vielleicht nicht mehr als einige Silben. Oder vielleicht sind die auch in manchen Momenten ohnehin alles, was vorhanden oder noch übrig ist. Länge ist kein automatisches Qualitätsmerkmal. Das gilt für Gedichte wie für Gebete (und sicher auch noch für so manches anderes).
In Haiku-Haltung zu beten heißt vielleicht auch um jedes Wort, ja um jede Silbe zu ringen, um dem Kern dessen, was ich meine, und auszudrücken versuche möglichst nahe zu kommen. Nicht, weil ich glaube, die Wirksamkeit eines Gebets durch besonders präzise Formulierungen verstärken zu können, sondern weil ich merke, wie gut und wertvoll es für mich selbst ist, mich, meine Gedanken und Empfindungen auf diese Weise besser verstehen zu lernen.
Und überhaupt scheint mir ein poetischer, schöpferischer Ansatz fruchtbar für das Gebet zu sein angesichts eines kreativen Schöpferwesens, an das man sich so wendet. In einer Dokumentation über den Jazz-Musiker SUN RA, die ich kürzlich gesehen habe wird erzählt, dass er jeden Morgen ein Stück Musik komponierte und spielte, welches nur für den Creator bestimmt war und dass er niemals veröffentlichte oder danach noch einmal live performte. Sein Gedanke dabei war, dass ständig alle den Schöpfer um so viele Dinge bitten, aber kaum jemand daran denke dem Schöpfer seinerseits etwas zu schenken. Deshalb und aus Dankbarkeit für seine Gabe schenkte er ihm jeden Morgen ein Stück Musik.
https://www.pbs.org/wnet/americanmasters/how-sun-ra-gave-thanks/37474/ (Si apre in una nuova finestra)Zum Abschluss dieser kleinen Haiku-Gebetsexkursion möchte ich noch einige meiner eigenen Haikus mit dir teilen. Ich schreibe sie oft auf Zugfahrten oder als Startpunkt in einen Schreibprozess, um mich zu fokussieren und die Gedanken zu ordnen. Es gehört auf jeden Fall zu meinen Lieblingsachtsamkeitsübungen:
Gebetsanfangskrach
Ein Mensch auf Silbensuche
Amen wie atmen
//
Der Himmel der Stadt
Viereckig gezeichnete
Betonkonturen
//
Überforderung
Der Tag wie eine Liste
Vor dem Aufstehen
Und diese vier habe ich vor kurzem als kleine Reihe unter dem Titel Lichtverschmutzung veröffentlicht:
Die Summe des Lichts
Ist hier so grell, ich sehe
Keinen Himmel mehr
//
Kleine Lichtpunkte
Blocken die Sicht auf Sterne
durch ihre Schein-Welt
//
Himmel nicht sichtbar
Inmitten der Schein-Summe
Künstlicher Lichter
//
“Ihr seid Licht der Welt…”
So sehr, dass hier niemand mehr
Die Sonne erkennt
Und jetzt bist du an der Reihe! Schreibe dein eigenes Haiku und poste es in die Kommentare unter diesem Beitrag.
Wäre es nicht schön aus diesen Überlegungen einen Gemeinschafts-Moment zu kreieren und wie Jack Kerouac und ruth weiss über diese kleine Form-Spielerei miteinander schreibend ins Gespräch zu kommen?
Ob du dich an die traditionelle Form hältst oder damit eher frei hantierst, ob Gebet oder Beobachtung, ob Natur oder Alltag, all das entscheidest du. Ich freue mich auf deinen Blick auf die Welt, deine Worte und deinen Ausdruck.
Es gibt einen neuen Visualizer zum Titelstück unserer #poetrymeetsbeats-EP Die gerade Linie ist gottlos Pt.3:
https://www.youtube.com/watch?v=yqmXepb-8SQ&list=RDyqmXepb-8SQ&start_radio=1 (Si apre in una nuova finestra)“Habe ich nicht geebnet, stillgemacht meine Seele: Wie ein Entwöhntes an seiner Mutter, wie das Entwöhnte ist an mir meine Seele.”
(Psalm 131, Die Schrift, Martin Buber, Franz Rosenzweig)
Verfügbar auf allen Streaming-Portalen: https://album.link/s/1pWtZxKzN3CqTh69 (Si apre in una nuova finestra)... (Si apre in una nuova finestra)
Und auf Vinyl: https://elasticstage.com/manuelsteinh (Si apre in una nuova finestra)... (Si apre in una nuova finestra)
Herzliche Grüße aus Wien und bleib barmherzig