
LifeTeachUs (Si apre in una nuova finestra) – Das gemeinnützige Startup bringt gerade frischen Wind in die Schulen oder besser gesagt: Lebenswissen. Die Mission: Statt der vielen Ausfallstunden gibt es praxisnahe LifeLessons von Personen aus allen Bereichen des Lebens. Sie teilen ehrenamtlich persönliche Geschichten, geben Einblicke in ihre Berufswelten und können damit für junge Menschen eine Begegnung sein, die mit einem Funken Inspiration alles verändert. Das klingt alles super spannend. In Berlin treffe ich LifeTeachUs-Gründer Ludwig und frage ihn, wie er es geschafft hat, seine Idee umzusetzen.
Interview Florian Saeling Fotos Max Saeling
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Hast du in deiner Schulzeit selbst gemerkt, dass die Schule dich nicht genug auf‘s Leben vorbereitet?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, es hat in der zehnten Klasse angefangen, dass ich gedacht habe:
So richtig auf’s Leben vorbereitet fühle ich mich aber nicht.
Das war der Auslösermoment, in dem ich realisiert habe, dass die Schule doch eigentlich anders laufen sollte. Dann kam damals eine aus Syrien geflüchtete Frau zu uns in die Schule und hat uns eine halbe Stunde lang ihre Geschichte erzählt. Das hat unsere ganze Klasse verstummen lassen. Ich glaube, das hat uns alle bis heute geprägt. Bei mir hat es ausgelöst, dass ich mich im Sommer darauf einmal die Woche für die Kinder in einem Geflüchtetenheim engagiert habe.
Das hat die Welt nicht verändert, aber es hat mir etwas gezeigt: Wenn Menschen mit ihren Geschichten in die Schule kommen, dann kann das etwas am Verhalten verändern und ein Umdenken bewirken. Und wie cool wäre es, wenn wir Themen in die Schule bringen, die auf das Leben vorbereiten, von Menschen, die echte Erfahrungen mit diesen Themen haben?
Alle Menschen tragen spannende Geschichten in sich. Jede Story, die wir hören, könnte uns inspirieren und fürs‘ eigene Leben beeinflussen.
Das könnten ganz, ganz viele kleine Begegnungen in der Schule sein. Das war die allererste Idee, die aufkam und dann habe ich überlegt: Okay, wie könnte man so etwas realisieren? Wie könnte man es wirklich schaffen, dass Menschen von draußen in die Schule kommen, um solche Begegnungen zu ermöglichen?
Du hattest die Idee also schon in der Schulzeit? Wie alt warst du?
15 ungefähr. Es war erstmal nur eine Idee von ganz vielen Ideen in meinem Kopf. Ich hatte schon immer Lust auf‘s Gründen und fand diesen Gründergeist in Berlin spannend, mit dem viele junge Leute ohne eine besondere Ausbildung ganz tolle Projekte aufgebaut haben. Das hat mich total inspiriert.
Ich hatte ich einen ganzen Ordner voll mit Ideen für mögliche Gründungen. Die habe ich mir dann mal alle angeguckt und dachte damals, LifeTeachUs ist die, die man am schnellsten umsetzen kann. Mir hat dann jemand gesagt „Schreib das mal auf eine Seite runter“.
Das habe ich gemacht und mit damit losgezogen, erst zu meinem Schulleiter und dann einfach raus und habe allen Menschen davon erzählt und mir ganz, ganz viel Feedback eingeholt. Ich glaube, das war ein guter Start und ganz wichtig für die Idee, dass ich frühzeitig eine ehrliche Rückmeldung bekommen habe, was die Leute darüber denken. Dabei habe ich dann auch schnell festgestellt: Okay, ganz so leicht wird es vielleicht doch nicht.
Was war die größte Herausforderung?
Das Starten. Ich dachte für mich immer, ich hätte schon angefangen, indem ich es aufgeschrieben habe und damit los- gelaufen bin. Aber damit habe ich noch nicht eine Person in die Schule gebracht. Ich habe währenddessen auch studiert.
Am Ende meines Studiums habe ich mir dann gesagt: “Okay, jetzt alles oder nichts”.
Wenn ich wirklich diese Idee umsetzen will, dann mache ich das jetzt, weil ich habe nie wieder so wenig Verantwortung und es wird wahrscheinlich nie wieder so leicht sein wie jetzt.


Entscheidend war am Anfang, dass ich zwei Personen gefunden habe, die das mit mir zusammen gestartet haben. Zu dritt haben wir alle Fähigkeiten mitgebracht, die wir für das Projekt brauchten. Auch das Geld, was wir gebraucht haben, konnten wir immer durch drei teilen. Dann haben wir uns getraut, das ernst zu machen und auch auf Social Media und mit einer Website nach außen zu treten. Ab dem Punkt steht das einmal schwarz auf weiß, was man vorhat.
Ich glaube, ganz viele junge Menschen haben tolle Ideen im Kopf – aber wirklich auch nur im eigenen Kopf. Dort ist man sowohl einerseits der erfolgreichste Mensch, der diese Idee umsetzt und zum anderen denkt man am Abend vielleicht: „Oh Gott, das schaffe ich alles nie“. Das wechselt sich im Kopf immer wieder ab. Ich glaube, diese Angst, dass es dann doch nicht klappt, ist der Grund, warum viele gar nicht erst anfangen.
Wenn dich heute eine Schülerin fragen würde „Wie findet man den eigenen Weg?“, was würdest du ihr sagen?
Das Wichtigste ist zu starten. Ich glaube, dass ganz viele Menschen große Träume haben – auch die, die es nicht zugeben. Das muss nicht beruflich sein. Das kann ein Haus in Schweden sein oder auch ein Durchschnittsleben, von dem viele träumen. Ich glaube, das Wichtigste ist wirklich, aktiv zu werden und etwas anzufangen. Die längste Zeit hatte ich die Idee nur in meinem Kopf und habe nicht angefangen, weil ich eben diese Angst hatte, dass es schiefgeht oder ich merke, ich schaffe es doch nicht.
Aber nur, wenn du anfängst und auch lernst, was nicht funktioniert, geschehen auch neue Dinge und es öffnen sich neue Wege. Auf dem Weg lernst zum Beispiel Menschen kennen, die du sonst nie kennengelernt hättest und die dich vielleicht auf komplett neue Wege bringen.
Egal was man vorhat: Das alles Entscheidende ist, dass man den ersten Schritt macht – und der muss nicht gigantisch sein.
Wie hast du nach dem ersten Schritt weitergemacht?
Ich habe das Ganze immer querfinanziert, in dem ich selbstständig kleine Jobs gemacht habe, um mich über Wasser zu halten. Ich habe zum Beispiel LinkedIn-Beiträge für Unternehmen geschrieben und Brandings gemacht. Aber dann fingen die an, abzubrechen und sie haben auch sehr viel Zeit von mir eingenommen. Ich dachte, ich müsste mir langsam mal einen richtig festen Job suchen, weil ich hatte vielleicht noch Geld für drei Monate. Das habe ich dann als Chance gesehen und mir gesagt:
“Jetzt gehe ich mal All In – stecke all meine Energie und auch mein Geld nochmal in LifeTeachUs”

Das Problem war, dass wir am Anfang nicht wie in Startups üblich einen Angel-Investor suchen konnten, der viel Risiko eingeht und dafür Anteile bekommt, weil gemeinnützige Firmen keinen Gewinn ausschütten dürfen und das somit in der Regel kein Investment Case ist. Im Grunde ist es mehr Lotterie am Anfang, dass du jemanden findest, der genug Geld spendet und sagt „Das ist so eine tolle Idee. Ich möchte, dass ihr das macht und damit erfolgreich seid.“ Ich habe jahrelang versucht, Stiftungen zu überzeugen, die uns Startkapital geben, sodass wir das Ganze aufbauen können. Die haben immer gesagt: „Super Projekt, wir wollen gerne dabei sein, aber erst im nächsten Schritt“.
Viele Partner wollen erst dazukommen, wenn es läuft. An dem Punkt sind wir jetzt.
Ich habe alles in das Projekt gesteckt, was ich hatte, weil ich wusste, ich würde mich ein Leben lang ärgern, wenn ich es nicht einmal komplett probiert habe. Dann habe ich eine Doku von Christoph Schlingensief gefunden, in der er am Ende morgens um vier in einer Bar sitzt und erzählt, dass er einen Spruch gelesen hat:
„Sei realistisch. Plane ein Wunder.“
Und das klingt irgendwie erstmal kitschig, aber hat mich in dem Moment trotzdem abgeholt. Ich war gerade an einem Punkt, an dem ich nicht viel anderes übrig hatte als an Wunder zu glauben.
Dann habe ich diesen Spruch auf 20 große Plakate drucken lassen, habe mir eins über mein Bett gehangen und die restlichen 19 an Freunde and Familie verschenkt. Natürlich haben mich meine Eltern gefragt „Wie lange willst du das noch machen? Du hast jetzt drei Jahre nicht wirklich Geld verdient. Du hast so viel reingesteckt, das wird doch nichts“. Ich habe dann immer gesagt: „Dieses Jahr passiert ein Wunder, weil ich plane das fest ein“. Das klingt jetzt im Rückblick wie eine Marketingstory, aber es ist wirklich so gewesen.
Wir haben weiter Menschen gesucht, die Lust haben, in die Schule zu gehen. Die haben wir geschult und über die App in die Schule gebracht. Das hat alles noch nicht so gut funktioniert, aber es lief so in einem ganz leichten Stadium einfach weiter und weil wir drangeblieben sind und nicht aufgehört haben, haben jede Woche circa 20 weitere Menschen von uns erfahren, die sich mit uns in Schulen engagiert haben – und bei diesen Menschen waren zwei dabei, die dann dieses Wunder geschehen lassen haben. Sie waren so begeistert und haben uns gefragt, was wir brauchen. Ihnen habe ich ehrlich gesagt, dass wir Geld brauchen und dann sagte die Person zu mir: „Das kleinste Problem, das ihr haben solltet, ist die Finanzierung. Das ist richtig krasse Arbeit, die ihr euch vorgenommen habt. Ihr ergänzt das Bildungssystem. An Geld soll das nicht scheitern. Wie viel braucht ihr denn?“
So hatten wir plötzlich die ersten Großspender gefunden, die uns mit einer Anschubfinanzierung unterstützt haben. Das war total wertvoll, weil man für viele Förderanträge einen Eigenanteil braucht. Wenn man zum Beispiel 100.000 Euro haben möchte, muss man 20.000 Euro selbst einbringen. Und es gibt Menschen da draußen, für die das zwar auch viel Geld ist, aber die das gerne in solche Projekte stecken. Diese Menschen haben wir dann durch unsere Arbeit gefunden.
Ich bin nicht spirituell, aber da sage ich rückblickend: Das kommt schon sehr nah an ein Wunder, was ich fest eingeplant hatte – und seitdem sind schon richtig viele Wunder geschehen. Inzwischen sind wir ein größeres Team und sagen uns mindestens einmal pro Woche: „Unglaublich, was gerade passiert ist“.
Woran merkst du heute, dass du genau das Richtige machst?
Vor allem durch das Feedback, das wir von den Schüler:innen einholen. Da sehen wir, wie sie ihre LifeLesson fanden und das ist inspirierend, weil sie oftmals nicht schreiben „Ihr habt meine Freistunde weggenommen“, sondern uns ganze Listen mit Themen schreiben, die sie sich wünschen. Und immer, wenn ich einen Boost an Motivation brauche, gehe ich mit in die Schule und gucke mir vor Ort an, was das mit den Menschen macht.
Wir glauben fest daran, dass eine einzelne Begegnung für ein Leben prägen kann.
Zum Beispiel kann eine Stunde mit einer Pflegekraft zu mehr Wertschätzung der Pflegeberufe führen. Es kommen jetzt auch immer mehr Nachrichten von Menschen, die uns unterstützen wollen. Das finde ich eine total schöne Sache zu sehen, dass Menschen sich angeregt fühlen, ihre Energie mit uns zu teilen. Das ist ein Gemeinschaftsprojekt und das ist auch das große Ziel. Sonst hätten wir es nicht gemeinnützig gemacht.
Welche LifeLesson würdest du selbst gerne mal geschenkt bekommen?
Ich finde es immer total spannend, wenn Menschen Einblicke in ihre Lebenswege geben und aufzeigen, wie das Leben manchmal verläuft – gerne auch mit so einer privaten Komponente, dass man
für die Liebe in eine andere Stadt gegangen ist und dadurch einen neuen Job gefunden hat. Diese Stunden finde ich hochspannend, weil ich bin damals auch aus der Schule rausgekommen und dachte, ich muss ein Studium machen oder eine Ausbildung und werde das dann mein restliches Leben machen. Ich wollte eigentlich in die Botanik gehen, hatte aber totale Angst, dass ich das dann mein Leben lang machen muss – was ja kompletter Quatsch ist. Das wusste ich aber nicht besser, weil natürlich meine Eltern noch aus einer Generation sind, die mal etwas angefangen und das dann durchgezogen haben. Und wir lesen in unserem System jeden Tag die Stunden, die stattfinden und sagen uns ganz oft: „Ach, da wären wir auch gerne dabei“.
Welches Thema beschäftigt dich jetzt gerade am meisten?
Der Gedanke, dass ich älter werde. Den hatte ich vor kurzem zum ersten Mal im Kopf und ihn als etwas Gruseliges empfunden habe. Die letzten vier Jahre sind nicht einfach so an mir vorbeigegangen.
Ich gehe jetzt langsam Richtung Ende 20 zu und habe vor allen Dingen gemerkt, die Generation nach mir ist doch schon sehr unterschiedlich. Sie ist anders drauf, denkt anders und zu der gehöre ich leider nicht mehr. Das habe ich zum ersten Mal auf einem Konzert gemerkt, dass ich nicht mehr zu den jungen Leuten gehöre, aber auch nicht zu den Alten. Ich bin jetzt so ein Mittelding. Aber eigentlich will ich mir diese Offenheit bewahren, dass ich sie verstehe und da auch noch mithalten kann. Das hat mich sehr beschäftigt.
Auf der anderen Seite ist es so, dass ich auch ganz viele Themen habe, über die ich früher super viel nachgedacht hat, in denen ich jetzt viel selbstbewusster bin. Langsam verstehe ich, worin ich wirklich gut bin und worin nicht und kann das auch für mich nutzen. Also, es gibt schon auch Vorteile, aber ich bin mir noch nicht so sicher, ob ich mit dem Erwachsenwerden einverstanden bin.
Was wünschst du dir für deinen Weg?
Als Gründer ist es mein großer Traum, dass wir weiter in dem Tempo wachsen. Ich habe die Vision, dass wir langfristig hunderttausende User haben und wirklich Teil des deutschen Bildungssystems sind – dass wir als gesamte Gesellschaft junge Menschen auf‘s Leben vorbereiten.
Richtig gut. Danke, Ludwig!

Sei realistisch. Plane ein Wunder.
– Ludwig
(Si apre in una nuova finestra)