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Zwei Ponies

Steinmeiers Rede/Wickert Politthriller/In the Dark/Scorsese/Ottolenghi Beans

Die Älteren mögen sich noch an den vergangenen Sonntag erinnern. Es war der neunte November und der Bundespräsident hielt eine Rede. (Si apre in una nuova finestra)

Frank-Walter Steinmeier hatte sich etwas besonderes vorgenommen, nämlich über die Bedrohung durch die extreme Rechte zu sprechen. Damit drang er auch durch, aber nur zu einem Spektrum der Öffentlichkeit: rechtsdrehende Medien, die AfD und die Berliner Zeitung regen sich seitdem auf. Der Rest der Republik zuckt mit den Schultern. Jeder hat so seine Meinung zu Steinmeier und die überlagert leider alles, was der Mann sagt.

Aber sogar diese Warnung? Das Amt ist so kompliziert, äußert sich aus den bekannten historischen Gründen so gefiltert, katalysiert und schallgeschützt. Jedes Wort jeder Rede wird gewogen, geprüft und begutachtet – ein politischer TÜV verhindert, dass der erste Mann im Staat auf dumme Gedanken kommt und - frei nach Charles de Gaulle - im fortgeschrittenen Alter noch eine Karriere als Diktator beginnt. Manchmal frage ich mich, wie ein Bundespräsident es anstellen müsste, um aufgrund horrender Erkenntnisse einen wirklichen Alarmruf abzusetzen. Vermutlich klänge das genau so:

“Nie in der Geschichte unseres wiedervereinten Landes waren Demokratie und Freiheit so angegriffen. Bedroht durch einen russischen Aggressor, der unsere Friedensordnung zertrümmert hat, und gegen den wir uns schützen müssen. Und aktuell bedroht durch rechtsextreme Kräfte, die unsere Demokratie angreifen und an Zustimmung in der Bevölkerung gewinnen. Einfach abzuwarten, dass der Sturm vorbeizieht und solange in sichere Deckung zu gehen, das reicht nach meiner Überzeugung nicht. Zeit zu verlieren haben wir nicht. Wir müssen handeln.”

Die Nachrichten geben ihm recht, allein in der letzten Zeit: Die GSG9 stoppte jetzt einen potenziellen Täter, der im Darknet Mordaufträge gegen Politiker ausschrieb. Im Zuge der geplanten Entführung von Karl Lauterbach wurde das Büro eines AfD-Stadtrats in Ilmenau in Thüringen durchsucht.

Oft sind es ganze Gruppen, die Entführungen, Attentate und Morde planen. Viele Prominente, die sich gegen Rechtsradikalismus engagieren und alle jüdischen Gemeinden berichten von einer dramatisch verschärften Bedrohungslage. Sie schmieden Pläne, um Deutschland zu verlassen. Oft steht nur noch die Polizei zwischen rechtsradikalen Plänen und Todesopfern, aber so ein Erfolg ist ja immer auch Glückssache. Oft genug ging es schief. Man berichtet darüber, als würde es sich um eine Serie von Einzelfällen handeln, dabei ist das Muster erkennbar und bedrohlich. Davon sprach Steinmeier. Aber die Berichterstattung über Schloss Bellevue bleibt ganz auf den Sprecher, auf innerpolitikbetriebliche Aspekte fixiert. Man wartete darauf, dass der Bundespräsident das AfD-Verbot verlangt oder am besten gleich verhängt. Das war allerdings eine falsche Erwartung. Steinmeier ist ein vorsichtiger Mann und mit so einer Forderung würde der Bundespräsident den Vorgarten sowohl der Gerichte als auch des Parlaments umgraben, so etwas ist von ihm nicht zu erwarten. Was er stattdessen gemacht hat und weswegen sich die Rede nach zu hören lohnt, ist viel umfassender und wirksamer, nämlich eine Entfaltung des Bürgerbegriffs.

“Extremisten tragen Feindschaft in das soziale Leben und zerstören das Vertrauen in der Gesellschaft – bürgerliche Politik baut Vertrauen auf und stiftet Zusammenhalt. Extremisten setzen auf Spaltung – bürgerliche Politik arbeitet an demokratischen Bündnissen. Extremisten weichen aus, wenn es um machbare Lösungen geht – bürgerliche Politik ist darauf gerichtet, das Leben der Menschen zu verbessern. Extremisten hetzen gegen Europa – bürgerliche Politik bemüht sich, Europa zusammenzuhalten. Rechtsextremisten hängen einer völkisch-autoritären, im Kern menschenfeindlichen Ideologie an – bürgerliche Politik achtet das Individuum, seine Würde und Freiheit. Extremistisch und bürgerlich: Das geht nicht zusammen, das sind elementare Gegensätze.”

Er formuliert also Kriterien, mit denen sich bürgerliche Parteien abgrenzen können von der AfD - sie funktionieren übrigens auch bei der Beurteilung der Frage, ob man Vertreter dieser Truppe in eine Sendung einladen soll. Ob man sich solch einen Auftritt ansieht, oder eben umschaltet.

Die Frage, was diese Leute als nächstes vorhaben und wie man sie stoppen könnte, ist schwierig und Steinmeier hat sie uns nicht leichter gemacht. Unser Gehirn ersetzt solche schwierigen Fragen trickreich - Daniel Kahneman hat das beschrieben - durch Fragen, die wir leichter finden und darum lieber beantworten, zum Beispiel: Was halte ich so von Frank Walter Steinmeier. Leider geht es darum nicht.

Man kann sich den Bundespräsidenten anders wünschen, als Kennedy oder Obama, aber diese Auswahlmöglichkeit gibt es nun mal nicht. Mich erinnert das an eine Stelle in den Peanuts. Das kleine rothaarige Mädchen schwärmt Charlie Brown davon vor, wie schön es wäre, zusammen auszureiten. Charlie kommt also frustriert nach Hause, stellt sich vor die Hundehütte und macht Snoopy Vorwürfe: Warum bist du nicht zwei Ponies?

Wenn es schief läuft, (die einzig gute Nachricht für die SPD derzeit ist, dass Demoskopen keine Minuswerte messen, tiefer als einstellig geht’s also nicht ) ist Frank-Walter Steinmeier der letzte sozialdemokratische Bundespräsident dieser Republik. Man sollte hinhören.

Es sind keine Zeiten, in denen man gerne im Netz unterwegs ist, weder auf den Nachrichtenseiten noch in sozialen Netzwerken. Es ist zugleich verwirrend und repetitiv, dazu die billig gemachten, nervtötenden Anzeigen von Outbrain – eine lange, tägliche Pause vom digitalen Zirkus ist unbedingt angeraten – natürlich erst nach der Lektüre dieses Newsletters! Aber digital detox ist nicht gleichbedeutend mit der Tyrannei der Innerlichkeit, Schweigegelübde und Kräutertee. Gerade für die langen Nachmittage und Abende im Winter wurden ja Bücher erfunden – benötigen keinen Strom und erfreuen den Geist. Ich erfreue mich derzeit am neuen Politthriller von Ulrich Wickert.

Untersuchungsrichter Jacques Ricou und seine Freundin Margaux haben es mit einem komplexen Fall aus Korruption, Krypto-Geschäften und internationalen Dunkelmännern und -frauen zu tun. Wie immer basiert die unglaubliche Story auf echten französischen Skandalen, daneben gibt es stimmungsvolle Ausflüge ins Viertel Belleville, in die Normandie und diverse Bistros, Restaurants und Cafés. Besser kann man seine Lesezeit nicht verbringen, bis die Reisesaison wieder beginnt und man dem Richter nachreisen kann, ins Café de la Mairie an der Place Saint-Sulpice in Paris beispielsweise.

Zu meinen Lieblingspodcasts zählt die Serie In the Dark des New Yorkers – bei den Texten des Magazins habe ich derzeit ehrlich gesagt eine sentimentale Flaute, nichts begeistert mich mehr so richtig. Aber In the Dark ist etwas anderes, eine Ermittlung in hoffnungslosen, vergessenen und korrumpierten Kriminalfällen. In der aktuellen Staffel geht es um einen Fall aus dem Jahr 1986. Damals wurden die Leichen einer ganzen Familie in einem verschlossenen Herrenhaus entdeckt. Verurteilt wurde der Bruder, der, so legt es die Ermittlung nahe, seit vierzig Jahren unschuldig im Gefängnis sitzt.

https://www.newyorker.com/podcast/in-the-dark/trailer-blood-relatives (Si apre in una nuova finestra)

Wurde er Opfer des “Agatha Christie-Syndroms” (Si apre in una nuova finestra), das Ermittler dazu verleitet, besonders originellen Täter-Hypothesen Vorrang zu geben, naheliegenden Erklärungen aber zu misstrauen? Dieses Syndrom wird hier jedenfalls diskutiert. Juristisch gelöst wird der Fall nicht, man darf und soll selbst weiter denken.

Ist der Mensch gut oder böse? Bist Du, bin ich gut oder böse? Bei Martin Scorsese gibt es keine sanfte Einleitung, kein Abholen des Publikums und keinen Schonwaschgang, es geht voll auf die Zwölf.

https://www.youtube.com/watch?v=lAK0e5wsa64 (Si apre in una nuova finestra)

In einer tollen, vierteiligen Dokumentation derzeit zu sehen auf Apple TV kann man sich zu den Ursprüngen und Motiven seines einzigartigen Werks vorarbeiten. Schade, dass es keinen Nobelpreis für Filme gibt, Scorsese hätte ihn gleich mehrfach verdient. Ziemlich lustig ist es auch. Einmal geht es um die neue Angewohnheit von Robert de Niro, seinen Freund Martin grundlos anzurufen, abends, und ihm eine gute Nacht zu wünschen. Sie sehen sich allerdings nach wie vor jeden Tag und Scorsese fragt sich, was der Unsinn der abendlichen Anrufe plötzlich soll.

Jodie (Si apre in una nuova finestra) kommt natürlich auch vor, Ehrensache.

Zu meinen frühesten und eindrücklichsten Kindheitserinnerungen zählt eine Verwechslung: ich wollte in der Küche Tomatenmark essen, eine süße Sache, erwischte aber die bunte Tube mit Harissa. Echtes Erweckungserlebnis. Den guten, roten Stoff gibt es auch im Winter, daher könnte man mal dieses Rezept versuchen:

https://www.theguardian.com/food/2025/nov/03/harissa-recipes-stewy-chickpeas-squash-braised-chicken-apricots-samin-nosrat (Si apre in una nuova finestra)

Die fleischlose Variante kommt heute als Teil der nationalen Kampagne, um den Verzehr von Bohnen in UK bis 2028 zu verdoppeln. Warum auch nicht.

https://www.theguardian.com/food/2025/nov/05/magic-beans-the-protein-rich-superfood-in-a-potful-of-top-chefs-recipes (Si apre in una nuova finestra)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

PS: In der letzten Ausgabe habe ich den Namen des ohnehin schon komplett vergessenen Ophelia-Malers noch mal weiter verkehrt, falsch geschrieben und verwüstet, désolé. Also: Karl Friedrich Wilhelm Theodor Heyser hieß der Mann.

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