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Der Irrweg

Wozu die Brandmauer?/Stephan Anpalagan/Big Lebowski/ Rezept

Es ist bedrückend zu verfolgen, mit welcher Hingabe an der Zerstörung der politischen Brandmauer zwischen der extremen Rechten und dem Rest der politischen Parteien gearbeitet wird. Es vergeht kaum noch ein Tag, an dem nicht irgendjemand suggeriert, eine Kooperation mit der Höcke-und-Weidel-Truppe sei halb so wild, vielleicht doch eine gute Idee beziehungsweise es gäbe auch gar keine Alternative mehr dazu. Gern vorgetragen in dem leicht gruselnd-drohenden Ton Eduard Zimmermanns seliger Erinnerung – eines behaupteten sozioökonomischen Realismus. In Deutschland gilt ein Rechtsdrall als vernünftig und erwachsen, linke Alternativen sind dagegen immer utopische Spinnereien. Wenn von harten Reformen die Rede ist, verbergen sich dahinter Kürzungen von Sozialleistungen, aber sicher nicht das von Thomas Piketty empfohlene Erbe für alle, das Ende des Dienstwagenprivilegs oder gar ein konsequenter Entzug aus unserer fossilen Abhängigkeit.

In zu vielen Kommentaren geht man den Selbstbehauptungen der AfD auf den Leim und hält diese Extremisten für die Stimme der schweigenden Mehrheit. Längst handelt es sich nicht mehr nur um Randfiguren des Diskurses – um die urigen Nachbarn von Juli Zeh in der Uckermark oder völkische Veteranen, die das Geschäft der Blauen betreiben –, sondern um einst angesehene Publizisten, Polit-Rentner und politisch heimatlose, aber wohl situierte Bildungsbürgerinnen und -bürger. Alle starren nun auf die AfD, die allen alles verspricht: Geld ohne Ende, ein sorgenfreies Leben und das Ende der Allergien. Ihre wahren Pläne sind bekanntlich andere. Es geht ihnen nicht um bessere Busverbindungen auf dem Land oder die Sicherheit von Frauen vor Gewalt. Meinungsfreiheit interessiert sie nur, solange sie in der Opposition sind – die Praxis in Russland und den USA zeigt, was Rechtsradikale wirklich von der Freiheit der Andersdenkenden halten. JD Vance, der in München die Europäer hierzu kritisierte, steht für eine Regierung, die rigoros gegen Andersdenkende vorgeht. Die Anführer der extremen Rechten denken stets und überall zuerst an sich. Ungarn ist ein armes Land geblieben, während die Familie Orbán Milliarden angehäuft hat. Im Zweifel lügen sie wie gedruckt.

Deutschland hat da wieder mal seine ganz eigene Zeitzone: In den USA und in Russland kann man live verfolgen, wie starke, rechtsradikale Männer ihre Länder regieren. Macht nicht gerade Lust auf mehr davon. Während zig Länder den Beitritt in die EU ersehnten, wenden sich die Partner der USA von Trump und seiner Truppe ab. Putin trifft sich schon wieder mit Gerhard Schröder – vielleicht sein letzter Freund auf Erden, also muss es ernst sein. Die Regierungen dort sind auf dem absteigenden Ast; warum sollten ihre deutschen Fans ausgerechnet hier vor der Machtübernahme stehen? Über 70 Prozent der Wahlberechtigten lehnen die AfD ab. Alle Parteien schließen die parlamentarische Zusammenarbeit aus. Eine Stimme für die AfD ist eine verlorene Stimme.

Die Verantwortung dafür obliegt zuletzt den Wählerinnen und Wählern – einzelnen Menschen. Ich halte nichts von einer vorauseilenden Entschuldigung für das Kreuz bei dieser Partei, schon gar nicht mit Verweis auf regionale Schwierigkeiten. Überall gibt es Probleme, im armen Saarland mehr als genug, dennoch hat die AfD dort keine Chance, die Regierung zu stellen.

In einer parlamentarischen Demokratie ist der Wahlakt eine vornehme Handlung, die deine Identität als Bürgerin oder Bürger definiert. Es ist ein mächtiges Recht, mit dem auch eine Verantwortung einhergeht. Wer sich in der Kabine dafür entscheidet, dem Hass, einem putinfreundlichen Kurs und europafeindlicher Politik Macht auf Zeit zu verleihen, sollte auch Kritik daran ertragen können. Man kann nicht per Stimmabgabe der gemeinsamen Wertegemeinschaft den Teppich unter den Füßen wegziehen und sich dann beschweren, wenn man dafür angefeindet wird.

Ich verstehe, dass manche mit ihrer Stimmabgabe auch mal einen veritablen Machtwechsel verursachen möchten und stattdessen immer nur große Koalitionen bekommen. Lagerwechsel in der Exekutive, etwa von Schwarz-Gelb zu Rot-Grün, sind historische Tage und selten. Die Demokraten müssen schon auch Alternativen anbieten – aber für ein Kreuz bei der AfD gibt es keinen guten Grund. Dort ist die Lüge zuhause, und mit ihr verrät man – schon Montaigne wusste es – die öffentliche Vernunft.

In Deutschland ist das Thema anders gelagert als in Frankreich, wo die rechten Bewegungen auch schon schlimm genug sind. Deutschland hat den radikalen Rechten schon einmal eine Chance gegeben – und versprach der Welt dann: Nie wieder. Wer das heute revidiert, indem er oder sie die AfD wählt, verrät das historische Versprechen von 1945. All das sehenden Auges, bei vollem Magen und angesichts historisch einmaliger Informationsangebote. Die AfD ist ein peinlicher Irrweg der deutschen Politik und bleibt es auch bei hohen Umfragewerten. Es gibt dafür keine Entschuldigung. Ohne Brandmauer steht bald das Land in Flammen.

Aus guten Gründen ist die Gesellschaft der Bundesrepublik für alles Militärische schwer zu begeistern. In den Familienfotoalben finden sich noch die Aufnahmen junger Männer, die im Zweiten Weltkrieg den sogenannten Heldentod fanden. Derzeit versuchen die Nachgeborenen, noch mehr über die Taten ihrer Vorfahren herauszufinden – die Portale zur NSDAP-Parteimitgliedschaft werden stark genutzt.

Zugleich ist die Präsenz von Menschen in Uniform in der Öffentlichkeit viel alltäglicher geworden. Neulich belauschte ich drei Offiziersanwärterinnen im Zug, die sich ganz entspannt über ihre Familienplanung und Verhütungsmethoden unterhielten. Und während ich in meiner eigenen Jugend Gruppen von Soldaten in der Bahn mied, bin ich ihnen heute vor allem dankbar. Es tut sich also etwas in Bezug auf den Stellenwert der Armee in unserer Gesellschaft – Trump und Putin sorgen für einen verteidigungspolitischen Turbo. Nur der Diskurs darüber hängt hinterher.

Stephan Anpalagan nimmt sich des Themas nun auf einer persönlichen Ebene an: Einst hat er den Wehrdienst an der Waffe verweigert, heute würde er das nicht mehr tun. Seine Begründung und die Reflexion über die wichtigsten Wegmarken dieser Geschichte ergeben ein spannendes, gut lesbares Sachbuch. Dabei wird wieder klar, dass nur Bücher diese Form der materialreichen Erörterung bieten, das eigene Denken anregen und durchaus auch herausfordern können. Anpalagan kommt dabei ohne vorhersehbare Stellungnahmen aus – man bleibt bis zum Schluss überrascht und inspiriert

Vor einigen Tagen war ich mit meinem Freund Tanjev Schultz essen, und wir gerieten über einen alten Film ins Schwärmen: „The Big Lebowski" von den Coen-Brüdern. Tanjev ist unter anderem ein großer Kenner der USA und verfolgt als Professor für Journalismus die gesellschaftlichen Entwicklungen ganz genau. Er wies mich darauf hin, wie sehr „Lebowski" – ein Film aus dem ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert – schon viele Entwicklungen unserer Gegenwart ankündigt: die Geburt der Maga-Bewegung aus dem Geist der Bowling-Center, die krummen Geschäfte der Superreichen und schließlich die Rückkehr des Nihilismus in Gestalt einer Peter-Thiel-Parodie avant la lettre. Sehr, sehr lustig ist der Film allerdings auch noch – hier gibt es ihn derzeit zu sehen:

https://www.zdf.de/play/filme/the-big-lebowski-movie-100/page-video-artede-the-big-lebowski-100 (Si apre in una nuova finestra)

Zum Grillen ist es zu nass, aber lange in der Küche stehen möchte man in dieser Jahreszeit auch nicht. Zugleich sind überall tolle Beeren und anderes Obst erhältlich – eine perfekte Konstellation für eine saarländische Innovation: den Beeren-Schmarrn.

Der besondere Charme des Trios von HaH ergibt sich für mich durch die Figur des Michel. Er macht seine Kommentare, war immer schon da und hält jede Szene zusammen, ohne bloßer Statist oder gar deren Protagonist zu sein. In der Sendung schneidet er Äpfel und macht Witze. Im Saarland gibt es eigentlich keine Feier, keine Besprechung, überhaupt keine soziale Zusammenkunft außerhalb der eigenen vier Wände ohne so jemanden – oft genug übrigens auch innerhalb: Solche regelmäßigen, ja ewigen Besucher, die in gutwilliger Zwecklosigkeit vorbei kamen und blieben, bevölkerten das Wohnzimmer meiner Kindheit. Michel ist gar kein Koch, sondern heißt nur so: Michael Koch war in den siebziger Jahren Fußballspieler beim 1. FC Homburg.

So jemand täte auch den politischen Talksendungen gut: sitzt in der Runde, macht ab und zu einen Spruch und kühlt insgesamt die Gemüter durch nahezu asiatische Gelassenheit und alteuropäische Beständigkeit. Ohne Huddel, definitiv.

https://www.ardmediathek.de/video/mit-herz-am-herd/beeren-schmarrn-mit-beschwipstem-apfelkompott/sr/Y3JpZDovL3NyLW9ubGluZS5kZS9NSEFIXzE0MjAyMw (Si apre in una nuova finestra)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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