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Ich war im Schnee…

… und hoffentlich, hoffentlich hattest du auch tolle Wochen. Mir haben nach Arbeitsmarathon, zwei Kindern mit Grippe, den Wahlen und den allgemeinen IchverstehdieWeltnichtmehrs die Ferien sehr geholfen. Erstens, weil wir als Familie mehr gemeinsam gemacht haben als in den letzten ca. fünf Urlauben davor (vor allem gelacht). Zweitens, weil mir ein großer Wunsch erfüllt wurde. Drittens habe ich eine Erkenntnis gewonnen, bin aber von einer konkreten Lösung weiter weg als Friedrich Merz von Regierungskompetenz. Naja. Hier kommen mein Newsletter und ein großer, in raschelndem Zellophan verpackter Korb liebster Grüße für dich.

Deine Rike

Gelesen: Wackelkontakt von Wolf Haas

(Si apre in una nuova finestra)

Das grandiose Cover erstmal! Denkt man zuerst, das Buch muss ja mit Strom zu tun haben, stimmt das zwar, aber es sieht bestimmt auch so aus, weil Wolf Haas die Leser*innenhirne bis zur Bewegungsunschärfe durchschüttelt. Es geht um einen Trauerredner, der in seiner Küche auf einen Elektriker wartet und dabei ein Buch über einen Ex-Mafioso im Zeugenschutzprogramm liest, der ein Buch über einen Trauerredner liest, der auf einen Elektriker wartet. Meisterhaft geplottet, superst geschrieben: Der Mafioso ist unnahbar nüchtern und der Trauerredner ist herrlich stieselig und heisst mit voller Absicht wie M.C. Escher, weil immer irgendwo, wo es gar nicht geht, eine Treppe kommt, auf der die Handlung steht und ruft: HAHA, hast du nur gedacht, jetzt geht’s nämlich ganz woanders lang, und zwar hier. Ich empfehle sehr!

Wackelkontakt von Wolf Haas. Erschienen bei Hanser. 25 Euro.

Gelesen: So geht schlafen, kleiner Wombat von Rasmus Engler, Deniz Jaspersen und Mareike Engelke

(Si apre in una nuova finestra)

Mein Sohn hatte mal einen Freund, der fand, dass er alles am besten kann. Als es mir mal reichte mit der Angeberei, habe ich mich irgendwie hingestellt und dann zu ihm gesagt: “Guck doch mal, wie gut ich rumstehen kann. Ich kann das am besten von allen.” Statt es endlich selbst zu merken, antwortete der Freund “Gar nicht, ICH kann das am besten!” und stellte sich genauso hin wie ich, nur dass er dabei ein bisschen triumphierend hin und her wackelte. Wer sich im Gegensatz zu dieser kleinen Dickhose jederzeit hinstellen und sagten könnte: “Guckt mal, wie gut ich illustrieren kann. Ich kann das am besten von allen!”, ist Mareike Engelke. Das weiß ich so genau, weil ich Augen habe und wir auch schon ein Buch zusammen gemacht haben. (Si apre in una nuova finestra)

Die Geschichte von dem Freund ist mir eingefallen, weil es im von ihr illustrierten und von Rasmus Engler & Deniz Jespersen geschriebenen Buch auch ums Vorzeigen geht. Hier wird es zum Glück nicht zum Angeben, sondern als Schlafvermeidungstaktik eingesetzt. Der kleine Wombat soll schlafen, will aber nicht, lieber will er dem großen Wombat noch zeigen, wie rennen, springen, rollen, drehen und fliegen geht. Der große Wombat guckt sich das alles geduldig, liebevoll und beeindruckt an, bis er am Ende noch eine Sache gezeigt kriegt, die ich nicht spoilern will, die sich aber vielleicht auf Hafen reimt.

Das Buch ist ein soooo süßer illustratorischer Abenteuerspielplatz, und bei der Geschichte rufen Vorlesende wie Kinder höchstwahrscheinlich unisono: “Ich erkenne mich ja voll wieder!”. Auf jeder Seite gibt es Süßigkeiten von den Wombats zu entdecken und am Ende sind alle – was für diese Geschichte natürlich sehr gut ist – herrlich müde. Außer der oben erwähnte Freund, der ärgert sich, weil der kleine Wombat einfach der beste ist.

So geht schlafen, kleiner Wombat von Rasmus Engler, Deniz Jaspersen und Mareike Engelke. Erschienen bei mairisch. 18 Euro. Danke für das Rezensionsexemplar ❤️

Gelesen: Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes und Luz

(Si apre in una nuova finestra)

Am Anfang waren drei Romanteile von Virginie Despentes. Sehr grob umrissen geht es um den Ex-Coolen VERNON SUBUTEX, der einen Plattenladen mit der dazugehörigen Arroganz und dem passenden teils prominenten Freundeskreis hatte. Irgendwann lief es nicht mehr, er wurde obdachlos, schlug sich in Paris durch und scharte irgendwann jesusmäßig einen illustren Kreis an Menschen um sich und legte so magisch auf, dass die von ihnen veranstalteten Partys krass wie Drogen waren.

So, und jetzt musst du nur noch den sowieso schon hart strapazierten Regler von Bunt, Durcheinander und Krass auf Anschlag drehen und du hast die Graphic Novel. Mal hatte ich mir das im Roman genauso vorgestellt und gleich wieder das Romanlesegefühl, mal fand ich den Comic toller, weil die Bilder so viel Tempo und Wumms und Tiefe haben - und manchmal hatte ich das Gefühl, auf einer Party neben way zu coolen Leuten zu stehen und begeistert zu nicken, während ich unauffällig versuche, hinterherzukommen. Was für ein pickepackevoller Trip. Und wer gern mal behauptet, Comics seien doch so schnell ausgelesen, kann hier auf 368 Seiten merken, dass er sich sowas von geschnitten hat.

Vernon Subutex Teil Zwei von Virginie Despentes und Luz. Übersetzt von Lilian Pithan. Erschienen bei Reproduktion. 44 Euro. Danke für das Rezensionsexemplar 💛🩷💙

Gesehen, und zwar in echt: Polarlichter!!!!!

Weil sogar das Wort Kurzurlaub für unseren Trip nach Norwegen eine Übertreibung gewesen wäre, hatten wir nur einen Abend, um zu sehen, wovon ich sonst nur geträumt hatte. Spoiler: es geht geklappt. Falls du also am 12. März 2025 das Glück vermisst hast, das war bei uns. Wir sind mit der Seilbahn (Fjellheisen) auf den Hausberg (Storsteinen) von Tromsø gefahren und es war ALLES VOLLER POLARLICHTER. Und manchmal, wenn man sich etwas schon ganz lange wünscht und es in Erfüllung geht, ist die Frage, warum man das nochmal wollte, plötzlich größer als die Freude. Aber als ich da oben mit gefrorenem und vom Wind verschobenen Gesicht stand und auf diesen unwirklichen Himmel guckte, war ich so glücklich, dass ich geschluchzt habe. Mit glücklichen Tränen kann ich also diesen Punkt meiner Bucketlist abhaken und in meinem Herzen abspeichern, dass Polarlichter mich auf eine sehr beruhigende Art demütig machen.

Trampeltier Mensch: Meint, mit einem Herzen gegen ein Naturphänomen anstinken zu können.

Geguckt: Der karierte Ninja

In einer Spielzeugfabrik in Thailand näht ein Kind aus Versehen aus dem Kaschmirschal des fiesen Oberbosses eine Ninjapuppe. Dieser erschlägt ihn, woraufhin ein Ninjageist in die Puppe karniert (heißt das so? Ist aber eh lustig, weil der Ninja ja kariert ist) und über Umwege an einen dänischen Jungen gerät. Der braucht Hilfe beim Coolsein für seinen Schwarm, der Ninja braucht Hilfe beim finden des fiesen Oberbosses für Rache. Beides klappt. Das ist zusammengefasst der Plot, der, wie du wahrscheinlich auch gerade findest, zusammen mit dem Zeichentrick-Look nicht das Beste an diesem Film sind. Das sind die groben Witze und Aktionen in einem der erfolgreichsten dänischen Film überhaupt. So hart, so explizit, dass Disney sich sofort den Mund mit Seife auswaschen und freiwillig 1000mal “Ich darf in einem Kinderfilm nicht erklären, wie man Drogen kauft” (oder viele andere Sätze) schreiben würde. Der Film hier ist nichts für die, die ihre Kinder von heftiger Handlung und derbem Humor fernhalten wollen, aber wir mussten sehr lachen und uns die Hände vor den Mund schlagen und rufen: Das haben die jetzt nicht wirklich gemacht. Aber wie gut DASS sie es gemacht haben (im Gegensatz zur Fortsetzung, aber das nur am Rand).

Habe ich Instagram vermisst?

Ich finde es immer besser, kein Insta mehr zu haben. Aber manchmal sehe ich ein Schild und dann fällt mir ein Witz ein, der geht so:

Gemacht: Stimmungssticker

Die sind für mich und für alle, die auch denken, ihre Gefühle stimmen nicht. Erhältlich im kunst kiosk shop in St. Pauli (Si apre in una nuova finestra) und, wenn es die Nachfrage hergibt, bald in meinem ko-fi-shop.

Weißt du, was auch ok ist? Mich zu unterstützen (das muss ich mir selber auch immer wieder sagen). Wenn dir also gefällt, was du liest, dann kannst du mich mit einer kleinen Spende unterstützen. An dieser Stelle DANKE an alle, die das schon gemacht haben. Das fühlt sich toll an.

(Si apre in una nuova finestra)
Hier klicken zum Ko-fi spendieren

Kolumne

Ohne Tür läuft’s auch für die mittelalte Frau

Wenn mein Mann und ich zusammen laufen, dann ist das schön, aber auch schwierig. Wir haben nicht dasselbe Tempo, er ist ca. einen halben Mensch größer als ich, und weil ich versuche, im Gleichschritt mit ihm zu laufen, atme ich sonderbar und werde hektisch. Dass ich das erst heute auf unser Leben übertrage, spricht nicht gerade für meine kognitiven Fähigkeiten. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich erst letzte Woche bildlich vor mir gesehen habe, wie sich eine Tür vor mir schloss. Aber von Anfang an.

Kinder zu haben, war unsere beste Idee. Nichts macht mich so glücklich, wie wenn wir zu viert zusammen sind und nichts zwischen uns passt. Wenn ich sehen kann, wie großartig die beiden sind. Dass sie so lustig und gut sind und sich genau dafür geliebt fühlen, wer sie sind. Und wenn mein Mann sagt, dass das überwiegend mein Verdienst ist, macht es die Situation auch nicht schlimmer. Und ja, ich habe wirklich die Hauptarbeit geleistet bei den beiden. Aber gibt es dafür eine Beförderung, eine Gehaltserhöhung oder einen Aufsichtsratsposten? Gibt es gesellschaftliche Anerkennung oder eine stattliche Rente? Pfff. Das einzige, was es gibt, ist ist Hornhaut auf den Schenkeln des Patriarchats, weil es die Fragen echt witzig findet.

Ich habe also neben meinem Privatvergnügen, für neue, fitte Gesellschaftsmitglieder zu sorgen, parallel Erwerbsarbeit geleistet und obendrauf Bücher geschrieben und rezensiert. Und ich habe ganz oft zu meinen Freund*innen gesagt, dass wir uns unbedingt mal wieder treffen müssen und es manchmal sogar geschafft. Die letzten 16 Jahre waren eigentlich immer zu viel und ich war nirgendwo ganz da. Das einzige, was ich zu 100% geschafft habe, waren zwei Burnouts mit Schlafstörungen, fiesen Ängsten und das ist genauso kacke wie es sich liest. Diese vollgestopfte Phase in der Lebensmitte wird, wie ich in einem SZ-Interview mit der Psychologin Andrea M. Freund gelesen habe, auch Crunch Time genannt, die “…Haupverkehrszeit, in der alles - Kind, Karriere, Liebe, Freundschaft - gleichzeitig stattfindet und praktisch alle damit hadern.” (Si apre in una nuova finestra) Hadern. Burnout kriegen. Einfach immer weitermachen und so tun, als ginge das mit links. Alle machen es anders, so gut wie immer ist es scheisse.

In meiner Crunch Time habe ich mich also überwiegend für die Kinder entschieden. Meine Begründung klingt, als müsse ich als Tradwife zurück zu Instagram, aber ich habe einen Ehevertrag, eine private Altersvorsorge, einen Beruf und mag und bin einfach gut im Kümmern. Außerdem merke ich immer mehr, wie begrenzt die Zeit mit den Kindern ist, weil sie jetzt schon weniger kuscheln wollen oder am Tag häufiger ihre Zimmertür abschließen als Worte zu sprechen, dabei haben sie gerade noch inbrünstig “Herr Feuerwehrmann Sam” gesungen oder sich einen ‘Raucherdackel’ gewünscht. Alles ging und geht so rasend schnell. Beruflich übrigens auch, weshalb ich jetzt endlich zur Tür komme.

Mein Mann war im Urlaub einen Tag allein Skifahren. Ich habe ihn abgeholt und war dabei schlecht gelaunt, weil ich mich verfahren hatte. Er frotzelte sowas wie: “Na, schlechte Laune, weil ich einen guten Tag hatte?”, und ich dachte: “Geht’s? Ich sorge schon seit 16 Jahren dafür, dass IHR gute Tage haben könnt, du blöder Sack.” Das stimmt natürlich nicht so und klingt falsch, weil wir uns die Familienaufgaben gerecht und gemeinschaftlich teilen, aber weil ich eben mehr fürs Kümmern zuständig bin, stimmt es irgendwie auch doch. Ich hab immer zuerst die Kinder im Kopf, denke über sie nach und für sie voraus. Weil ich das Familienbackup im Krankheits- und Ferienfall bin, kann mein Mann so frei arbeiten. Dafür habe ich Anfragen abgelehnt, Kontakte einschlafen lassen, Verabredungen abgesagt und vieles andere auch nicht gemacht. Das war all die Jahre eine Entscheidung, aber als mein Mann diesen Satz sagte, fühlte es sich plötzlich an wie eine Konsequenz. Ich werde dieses Jahr 50, aus “Das mache ich einfach, wenn die Kinder größer sind” ist “Zu spät, du bist alt und hast die letzten Jahre einfach zu wenig gerissen!” geworden, und dass die Hormone mich inzwischen herumschubsen wie ein Schulhofbully, hilft mir auch nicht. Vor meinem inneren Auge schloss sich die Tür der ewigen Jugend und der unbegrenzten Möglichkeiten langsam vor meiner Nase. Kein schönes Gefühl.

Auch nicht schön: Selbst ohne Tür wüsste ich gerade gar nicht, was ich wollen könnte, vor lauter Crunch Time habe ich ich mich und meine Wünsche nämlich ganz vergessen. Heute beim Laufen ist mir bildlich bzw. sportlich klargeworden, dass ich seit 16 Jahren versuche, gleichzeitig mit allen zu laufen, ob sie nun schneller oder größer sind, hüpfen oder im Zickzack rennen oder mir Knüppel zwischen die Beine werfen. Ich war immer bemüht, mich anzupassen, Schritt zu halten, und habe nicht gemerkt, dass mir mein Atem, mein Rhythmus und mein Vertrauen verloren gegangen sind.

Und jetzt? Ist für ein Ende eines Textes nicht so toll, aber ich weiß es gerade auch nicht. Ich weiss, dass ich meine Entscheidung nicht bereue und dass sie sie sich wie eine Konsequenz anfühlt ist genauso konstruiert wie die o.g. Tür:

Zeit + Patriarchat + Stigma = für Frauen meistens Minus. Und weil sich gesellschaftspolitisch an dieser zermürbenden Gleichzeitigkeit der Lebensmitte nichts ändern wird, wünsche ich an dieser Stelle zuallererst uns uns (meistens) Frauen privat, dass wir uns im diesem Chaos nicht vergessen. Dass wir uns ehrlich erzählen, wie es uns geht - und dass wir uns viel weniger gefallen lassen.

Ich werde erstmal versuchen, der Tür und Sätzen wie “Warum hast du denn nicht…?”, “Dafür ist es zu spät” und “Uff, du wirst jetzt nicht nur gesiezt, sondern auch noch Dame genannt” keine Beachtung mehr zu schenken, sondern in die Hände zu klatschen und freier loszulaufen. Und wenn ich meinen Rhythmus und mein Vertrauen zurückhabe, weiss ich hoffentlich auch wieder, wohin.