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Über Krämpfe und kleine Haie

Der venezianische Kulturkrampf (Si apre in una nuova finestra) geht in die zweite Runde: Obwohl sich Bürgermeister, Kulturminister, Intendant und die gesamte rechte Presse wie ein Mann vor die Dirigentin Beatrice Venezi (Si apre in una nuova finestra) geworfen haben, um ihre Berufung zur Musikdirektorin der Fenice zu verteidigen, hat Venezi keine Geringere als die Anwältin Giulia Bongiorno (Si apre in una nuova finestra) beauftragt, rechtliche Schritte zu prüfen, um gegen diejenigen vorzugehen, “die nicht gezögert haben, schwerwiegende Unwahrheiten über mich zu verbreiten“.

Unklar ist allerdings, was damit gemeint ist. Abgesehen von vielen italienischen Orchestern, die sich mit dem Orchester der Fenice solidarisch erklärt haben, meldeten sich auch namhafte Dirigenten zu Wort, die Venezi nahelegten, von der Ernennung zur Musikdirektorin der Fenice zurückzutreten. Darunter Fabio Luisi (Si apre in una nuova finestra), der sie als unreif erklärte (Si apre in una nuova finestra), da sie auf rudimentäre Weise gestikuliere oder Vittorio Parisi, ihr einstiger Lehrer am Mailänder Konservatorium. Er bedauerte (Si apre in una nuova finestra), dass Venezi in einigen Interviews behauptet hatte, als Frau am Konservatorium Verdi in Mailand diskriminiert worden zu sein: Sie habe sogar Möglichkeiten bekommen, die anderen verwehrt blieben. Später hätten sich ihr zudem Chancen geboten, die anderen Studenten oder jungen Dirigenten aus naheliegenden politischen Gründen nicht offen standen: “Sie hätte eine gute künstlerische Karriere machen können, aber vor allem seit sie Beraterin des Kulturministeriums wurde, erlebte sie einen kometenhaften Aufstieg. Viele luden sie plötzlich in ihre Theater ein, vielleicht weil sie davon ausgingen, dass Venezis Position ihnen Türen öffnen könnte.« In musikalisch anspruchsvolleren Ländern würde kein Dirigent ohne die einstimmige Zustimmung der Orchestermusiker berufen - in Italien indes betrachte man Orchestermusiker wie Hilfsarbeiter.

Die Wahl von Giulia Bongiorno als Verteidigerin ist kein Zufall: Sie gilt mittlerweile als Standardverteidigerin der rechten politischen Klasse Italiens: Berühmt wurde sie dadurch, Giulio Andreotti gegen den Vorwurf der Mafia-Unterstützung verteidigt zu haben - der im Übrigen von diesem Vorwurf keineswegs freigesprochen, sondern verurteilt wurde: Seine Unterstützung der Mafia gilt als nachgewiesen bis zum Jahr 1980, danach nicht mehr: ein typisch italienisches Urteil, mit dem die Richter es allen Recht machen - und niemandem weh tun wollten.

Danach trat Bongiorno ins Parlament ein, wo sie alle Parteien des rechten Lagers durchlaufen hat: von Alleanza Nazionale bis zur Lega. Interessenkonflikte sind in Italien ja unbekannt, folglich wird es hier als ganz normal betrachtet, dass eine Parlamentarierin als Strafverteidigerin nicht nur den damaligen Innenminister und Legachef Salvini gegen den Vorwurf verteidigt, Migranten auf dem NGO-Schiff „Open Arms“ unrechtmäßig festgehalten (Si apre in una nuova finestra) zu haben, sondern auch die italienische Regierung gegen den internationalen Strafgerichtshof (Si apre in una nuova finestra), nachdem die Meloni-Regierung einen libyschen Folterknecht nicht dem Internationalen Strafgerichtshof auslieferte, sondern ihn im Staatsflugzeug wieder in seine Heimat eskortierte.

Und weil Giulia Bongiorno auch noch zusammen mit Michelle Hunziker eine Stiftung gegen Gewalt gegen Frauen gegründet hat, schien niemand besser als sie geeignet zu sein, Venezi zu verteidigen: „Stoppt die Hasskampagne“, tönte Bongiorno denn auch sofort und prompt war nicht mehr von Venezis mangelnden Qualitäten als Dirigentin die Rede, sondern nur noch davon, als Frau diskriminiert zu werden.

Die Stiftung “Doppia Difesa”, die von Giulia Bongiorno mit Michelle Hunziker zusammen gegründet wurde, sei übrigens gemäß eines Gerichtsurteils (Si apre in una nuova finestra) nie wirklich «funktionsfähig» gewesen, überdies soll der Verein angeblich Spenden nicht korrekt gesammelt und verteilt haben. Und das sollte in dem deutschsprachigen Wikipedia-Artikel vielleicht auch mal nachgetragen werden.

In Italien riefen die Gewerkschaften am Freitag zum Generalstreik auf - im ganzen Land gingen Tausende von Menschen auf die Straße, um Solidarität mit der Gaza-Flotille (Si apre in una nuova finestra) zu demonstrieren, gestern in Rom sollen es sogar eine Million gewesen sein. Tatsächlich gehen zum ersten Mal seit Jahren so viele Italiener auf die Straße. Wohl nicht nur aus Solidarität mit Gaza und um berechtigterweise gegen die dort begangenen Verbrechen zu protestieren, sondern auch, um Distanz zur Regierung Meloni zu bezeugen. Eine Distanz, die sich bislang allein darin ausdrückte, Wahlen fernzubleiben (bei den Regionalwahlen in den Marken gaben nur 40 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab). Der italienischen Opposition ist noch nicht viel eingefallen, um als Alternative zu Meloni zu überzeugen.

Währenddessen in Venedig der kleinen Stadt im Wasser - da tauchten mal wieder Delfine (Si apre in una nuova finestra) auf, im Markusbecken und in der Lagune:

https://www.nuovavenezia.it/regione/delfino-venezia-san-marco-bacino-vvy90yd6 (Si apre in una nuova finestra)

Als Kind des Ruhrgebiets, aufgewachsen am Ufer eines kleinen Flusses, der ungerührt zum Abwässerkanal pervertiert und heute renaturiert (Si apre in una nuova finestra)wurde - bin ich immer skeptisch, ob in dieser von Motorbooten, Fähren, Kreuzfahrtschiffen und Yachten durchpflügten Lagune überhaupt irgendwas überleben kann. Tatsächlich tauchen hier nicht nur Delfine immer wieder auf (der letzte profitierte vom Generalstreik am Freitag: Das Markusbecken war ruhig wie nie, weil weder Vaporetti noch Lastkähne unterwegs waren), sondern auch Haifische : Okay, hier ein kleiner, der von einem unserer Enkel geangelt - und sofort wieder ins Wasser zurückgeworfen wurde.

Es ist ein sogenannter cagnoletto, grauer Glatthai (Si apre in una nuova finestra) - den man gelegentlich auch auf dem Rialtomarkt kaufen kann. Dessen Fleisch angeblich vor allem von Kindern geschätzt werde, weil er so wenig nach Fisch schmecke. Und dessen Haut, wenn der Hai größer ist, rau wie Schmirgelpapier ist. In Venedig gibt es gleich zwei Gassen, die nach ihm benannt sind, eine mit einem T Calle del Cagnoleto und die andere mit zwei T Calle del Cagnoletto.

Hier ist inzwischen auch der Herbst eingebrochen, mit Regen, Hochwasser (Mose ist aktiviert) und Sturmwinden, was das Geschäft der Gondelserenaden aber nicht beeinträchtigt. Leider.

https://www.youtube.com/shorts/L2z5ey3Ukug (Si apre in una nuova finestra)

Aus Venedig grüßt Sie unverdrossen, Ihre Petra Reski

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