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So klingst du wie die Hosts von This American Life 

Die kurze Geschichte des Storytelling-Podcasts geht so:

Am Anfang war Ira Glass.

Er startet 1995 mit This American Life (Si apre in una nuova finestra) eine Radio-Show, in der vieles so gar nicht nach Radio klingt. Vor allem nicht: er selbst.

Wer damals Freitagabend durch die Sender zappt, hört bei WBEZ Chicago auf einmal keinen aufgedrehten Moderator, sondern irgendwie…einen echten Menschen?

Bis heute zeichnet das den erfolgreichsten Storytelling-Podcast der Welt aus: Er klingt nicht, als ob die Hosts ein Skript vorlesen (was sie tun), sondern als ob da eine echte Person mit einem reden würde. 

Blöd nur, dass das verdammt schwierig ist. Nach sich selbst zu klingen.

Wir haben deswegen bei jemandem nachgefragt, die bei This American Life dafür sorgt, dass die Hosts im Studio die “beste, authentische Version ihrer selbst” sein können: Phia Bennin

Sie hat uns 10 Tipps verraten, wie man vor dem Mic performt. 

PS:  Wenn ihr gut erzählte Dokus mögt, müsst ihr unbedingt Doklove abonnieren! (Si apre in una nuova finestra) Nico Wildschutz empfiehlt in seinem Newsletter alle zwei Wochen eine Doku, die etwas Besonderes hat. Egal, ob es eine Kurz-Doku über Unwetter im ländlichen Frankreich ist oder die vierteilige Serie über Trumps Machtübernahme. 

Benedikt Dietsch ist freier Journalist und Teil des Podcast-Teams des BR (u.a. “Wild Wild Web”, “Nicht mehr mein Land”). Zusammen mit Ali Gutsfeld berät er Podcasts und gibt Workshops. (Si apre in una nuova finestra)

Kurz & knapp

🎯 Wofür? Damit Moderationen natürlich klingen und die Geschichte so erzählt wird, wie sie es verdient. Und die Erzähler*in die beste, authentische Version ihrer selbst sein kann.

⚙️ Wie? Schaffe zuerst eine Wohlfühl-Atmosphäre im Studio. Dann holst du die Erzähler*in mit ein paar Tricks aus dem Vorlese-Modus. Und wenn es immer noch nicht sitzt, arbeitet ihr euch Absatz für Absatz vor. 

Merken: Erinnere die Erzähler*in immer daran: Du hast eine gute Geschichte! Hab Spaß beim Erzählen!

10 Tipps für die perfekte Podcast-Aufnahme

1. Schaffe einen Safespace

Wer eine Geschichte erzählt, macht sich verletzlich. Gib der Erzähler*in ein Gefühl von Sicherheit. Erinnere sie daran, dass sie eine interessante Geschichte zu erzählen hat. (Ein paar Snacks helfen auch!)

2. Respektiere Morgenmuffel

Nimm zu der Tageszeit auf, zu der die Erzähler*in die meiste Energie hat. Für viele ist das der Vormittag. Da ist die Stimme oft frischer, die Konzentration höher und die Geduld größer. Für Morgenmuffel kann die beste Zeit abends sein. Dann nimm abends auf.

3. Nimm im Stehen auf

Wer im Stehen spricht, klingt selbstbewusster. (Wer schon mal ein unangenehmes Telefonat führen musste, kennt das vielleicht.)

4. Stell dir die Szene vor

Klingt eine Szene nicht lebendig, liegt es oft daran, dass die Person sie gerade nicht vor sich sieht. Lass sie kurz in den Moment zurückgehen und wirklich überlegen: Wo war ich, was habe ich gesehen, was habe ich gemacht? (Oder auch: Wo war die Protagonist*in, was macht sie?) Dann kommen Emotionen und Details meistens von allein.

5. Leg Abschnitte fest

Vereinbart vor jedem Take, wieviel die Erzähler*in vorlesen soll. Das nimmt Druck raus und verhindert, dass man ständig mitten im Fluss unterbricht. Phia empfiehlt ein bis zwei Absätze pro Take.

6. Stell eine Frage

Wenn die Erzähler*in in einen monotonen Vorlese-Modus verfällt, hilft es oft, eine Frage zu stellen, die auf den nächsten Abschnitt abzielt. Wenn also im Skript steht: Robert ging an diesem Tag zu Fuß zur Arbeit. Frag sowas wie: Wie hat Roberts Morgen angefangen? Oft erzählt die Person dann ganz automatisch wieder viel natürlicher.

7. Leg das Skript weg

Wenn es sich festgefahren anfühlt, legt das Skript kurz weg. Lass die Person die Geschichte einfach aus dem Kopf erzählen, so wie sie sie einer Freund*in erzählen würde.

8. Nachmachen lassen

Manchmal hängt man an einer Stelle fest: Es will einfach nicht so klingen, wie es klingen sollte. Wenn gar nichts mehr funktioniert, mach es einfach vor. Lies die Stelle so vor und schau, ob die Erzähler*in das nachmachen kann.

9. Sei nicht perfektionistisch!

Du kannst niemanden endlos besser machen, indem du immer noch einen Take verlangst. Irgendwann ist die Energie weg. Phia versucht, Aufnahme-Sessions unter anderthalb Stunden zu halten.

10. Nimm immer zwei Takes auf

Nehmt niemals nur einen Take auf, selbst wenn er super war. Better safe than sorry!

Lass uns gemeinsam was starten! Wir geben Workshops, begleiten Produktionen dramaturgisch und haben Bock auf neue Formate. Schreib uns gerne (Si apre in una nuova finestra).

Werkstattgespräch 

Phia Bennin war leitende Produzentin von Reply All. Seit 2023 ist sie Redakteurin bei einem der erfolgreichsten Podcasts überhaupt: This American Life (Si apre in una nuova finestra).


Phia, wie klingt der perfekte Host?

Ich glaube, das hängt total vom Podcast ab. Je nach Format willst du etwas anderes. Aber für mich ist das Ziel meistens, dass alle wie die interessanteste Version ihres echten Selbst klingen, also eine wache, begeisterte Version. Weil man Podcasts ja hört, um einem Menschen zuzuhören, der wirklich da ist. Nicht, um einen Talking Head zu hören. Und deshalb beginnt meine Arbeit für mich immer damit, es der Person so komfortabel wie möglich zu machen. 

Wie machst du das?

Ich erinnere die Hosts ständig daran, dass ihre Geschichte interessant ist. Weil sie das selbst oft nicht mehr fühlen. Du hast das Ding gefühlt 17.000 Mal umgeschrieben, allen davon erzählt, das Tape geschnitten, innerlich bist du schon durch damit. Ich sag der Person dann oft: Du erzählst das gerade jemandem, der die Geschichte noch nie gehört hat. Das ist eine gute Geschichte. Vergiss das nicht.

Wie entscheidest du, welcher Take gut ist – und welcher nicht?

Die Aufnahme sollte packend und verständlich sein, klar. Es ist aber auch viel Bauchgefühl…das klingt jetzt vielleicht etwas komisch, aber: Wenn jemand richtig gut spricht, reagiert mein Körper manchmal wie bei Musik. Da ist so ein Fluss drin, so eine Energie. Ich merke das einfach.

Aber man muss auch vorankommen. Wenn jemand bei jedem Take wieder neue Anweisungen bekommt, ist irgendwann die Energie weg. Dann wird es nicht besser. 

Wie oft unterbrichst du beim Aufnehmen?

Ich versuche, das zu reduzieren, indem wir vorher festlegen, wie viel wir lesen. Also: Dieser Absatz. Oder die nächsten zwei. Wenn es beim zweiten Mal immer noch nicht gut ist, unterbreche ich, aber vorsichtig. Ich sage: Du klingst super, aber eine Sache sollten wir ändern. Laut Lesen macht verletzlich. Du willst Leute ermutigen und gleichzeitig davor schützen, dass sie am Ende schlecht klingen.