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No 19 | Dein Adventskalender für solidarische Resilienz in belastenden Zeiten

Liebe Leser*innen,

an Tag 19 geht es um ein Thema, das mir vielleicht wenig überraschend sehr am Herzen liegt: Unser Umgang mit Fakten.

Oft heißt es, wir würden in einem postfaktischen Zeitalter leben. Ob das wirklich so ist, ist eine spannende Frage. So oder so lässt sich festhalten, dass Fakten global enorm unter Druck stehen. Eine gemeinsame Grundlage für Wahrheit und Fakten ist aber grundlegend für die Demokratie. Wenn nichts mehr wahr ist, ist alles beliebig.

Werde Fakten-Checker*in

Vielleicht kennst Du das auch selber: Du scrollst durch die Timeline, alle paar Sekunden kommt ein neues Video mit einer anderen Thematik. Bevor Du überhaupt überlegen kannst, ob das alles so seine Richtigkeit hat, geht es schon wieder um etwas völlig anderes. Allein durch die enorme Menge an Daten, die wir jeden Tag präsentiert bekommen, ist es herausfordernd, die Qualität der jeweiligen Informationen einzuordnen. Laut dem Wissenschaftsformat Quarks (Si apre in una nuova finestra) hat ein Bauer im Mittelalter in seinem ganzen Leben so viele Informationen erhalten wie wir an einem einzigen Tag.

Wenn die Menge oder Geschwindigkeit von Informationen unsere Verarbeitungsfähigkeit übersteigt, spricht man in der Psychologie von Information Overload. Die Theorie geht davon aus, dass das Arbeitsgedächtnis nur begrenzte Kapazitäten hat. Werden diese überschritten, sinken Aufmerksamkeit, Entscheidungsqualität und Lernfähigkeit messbar. Empirische Studien (Si apre in una nuova finestra) zeigen, dass diese Informationsüberflutung mit höherem Stress, Entscheidungsvermeidung und Fehleranfälligkeit einhergeht, insbesondere in digitalen Umgebungen mit permanenten Benachrichtigungen.

Die Menge an Daten wirkt sich also allein darauf aus, wie gut wir Informationen einordnen können. Das wissen auch autoritäre Akteure und Verbreiter von Desinformation: Flood the Zone with Shit ist dort ein gängiges Prinzip. Es geht nicht nur darum, falsche Informationen zu verbreiten, sondern widersprüchliche Inhalte, so dass Menschen irgendwann gar nicht mehr wissen, was richtig ist und resignieren.

Das russische Propaganda-Modell wird deswegen auch "Firehose of Falsehood" (Si apre in una nuova finestra)genannt. Inhalte werden a) schnell über b) verschiedene Kanäle c) immer wieder wiederholt. Hier werden gängige psychologische Mechanismen genutzt, um Demokratien zu schwächen. Der erste Eindruck ist oft wichtig bei der Meinungsbildung. Schnelle Informationen können Menschen überzeugen oder verunsichern. Wenn wir Informationen dann noch aus verschiedenen Quellen hören, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass wir sie glauben. Die wiederholte Konfrontation mit einer Aussage erhöht zusätzlich die Wahrscheinlichkeit , dass man sie als wahr akzeptiert. Das nennt sich illusorischer Wahrheitseffekt.

Wenn wir irgendwann nicht mehr wissen, was wahr oder falsch ist, kann das uns individuell belasten. Das kann kann dann Stress, Unsicherheit oder Überforderung erzeugen. Diese Belastung wirkt sich sowohl auf unsere Gefühle als auch auf unsere Entscheidungen aus. Gesellschaftlich wird es immer schwerer, Themen zu verhandeln und konstruktive Entscheidungen zu treffen.

🦖 Deine Übung für Heute

Nimm Dir einen Moment Zeit, komme zur Ruhe. Mach Dir vielleicht eine Tasse Tee oder dein Lieblingssnack - und mache folgende Übung:

✏️ Schreibe auf, wann du zuletzt unsicher warst, ob eine Information stimmt.

Überlege Dir: Welche Gefühle hast du dabei erlebt? Welche Rolle haben andere gespielt, die die Information verbreitet haben? Welche Strategien haben dir geholfen, die Situation zu bewältigen?Schreibe dir dann deine Top-5-Strategien auf, die dir helfen, wenn die Informationslage unsicher ist.

Mehr zum Thema

Beim Online-Spiel Get Bad News (Si apre in una nuova finestra)wirst du selbst zur Fake-News-Schleuder. Du kannst so lernen, welche Mechanismen genutzt werden, um Menschen zu desinformieren. Das Spiel ist empirisch getestet und für eine Zielgruppe ab 14 Jahren.

Ich wünsche Dir viel Spaß mit dem Kalender,

Pia Lamberty

Hintergrundinfos
Hintergrund: Was ist ein Resilienz-Adventskalender für belastende Zeiten?

Die Welt ist im Wandel – und das in einer Geschwindigkeit, die viele Menschen überfordert. Gewohnte Sicherheiten brechen weg, die psychischen Belastungen nehmen zu. Verschiedene Studien zeigen, dass globale Krisen erhebliche psychische Auswirkungen haben und viele an ihre Belastungsgrenze bringen.

Viele Menschen fühlen sich aufgrund der Krisenpermanenz und zunehmenden Bedrohungslage machtlos – doch sie sind es nicht. Menschen können die Welt verändern und haben mehr Einflussmöglichkeiten als ihnen bewusst wird. Um sich zu engagieren, benötigt es aber mentale Kapazitäten und Skills, um mit Stress umzugehen. Denn: Wer keine Ressourcen übrig hat, wird sich wahrscheinlich weniger einbringen können.

Anleitung: Wie funktioniert der Adventskalender?

Dieser Adventskalender hat 24 kleine Übungen, damit Du deine Resilienz jeden Tag ein bisschen stärken kannst. Jeden Tag geht es um ein anderes Thema, um besser durch turbulente Zeiten zu navigieren.

Du kannst die Ergebnisse deiner Übungen gerne aufschreiben und immer wieder mal anschauen. Das funktioniert in der Notizen-App in deinem Handy. Oder du bastelst dir ein kleines Resilienz-Tagebuch. Jede Übung dauert nicht mehr als 15 Minuten.

Es ist auch nicht schlimm, wenn Du nicht alles schaffst oder Du Übungen nicht magst. Das Ganze soll dich stärken und kein weiterer Stresspunkt werden.

Wenn Du aktuell in Psychotherapie bist, besprich vorher mit deinem bzw. deiner Therapeut*in, ob Du aktuell solche Übungen machen solltest.

Ist Resilienz nicht nur so ein komischer Internet-Trend?

Jein. Der Begriff wird gerade auf Social Media oder bei manchen Feel-Good-Seiten ganz schön überstrapaziert und oft sehr individualistisch betrachtet. Trotzdem beschreibt er eine reale Fähigkeit: gut mit Belastungen umgehen zu können. Und diese Kompetenz brauchen wir leider gerade recht häufig. Resilienz hat natürlich auch seine Grenzen. Es ist keine Superkraft, die plötzlich alles gut macht. Dennoch ist es wichtig, um belastende Phasen besser zu überstehen.

Falls Du mich noch nicht kennst:

Ich bin Dr. Pia Lamberty und Psychologin. Mein Studium der Psychologie habe ich an der FernUniversität Hagen und der Universität Köln (Schwerpunkt Social Cognition und Medienpsychologie) absolviert. An verschiedenen Universitäten – in Köln, Mainz, Brüssel und Beer Sheva – habe ich mich intensiv mit Verschwörungsglauben beschäftigt. Darüber hinaus habe ich auch zu Erinnerungskultur, Antisemitismus und allgemeinen Vorurteilen geforscht. Wer sich für meine Forschung interessiert, kann gerne bei Google Scholar (Si apre in una nuova finestra) vorbei schauen.

Im Jahr 2020 habe ich gemeinsam mit Katharina Nocun mein erstes Buch veröffentlich - “Fake Facts - Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen” -, das in der Coronapandemie zum Bestellter wurde. Ein Jahr später, 2021, erschien dann “True Facts - Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft” und 2023 der nächste Besteller: “Gefährlicher Glaube - Die radikale Welt der Esoterik”. Im Jahr 2021 habe ich mit anderen dann CeMAS (Si apre in una nuova finestra)- Center für Monitoring, Analayse und Strategie gegründet und war dort bis Oktober 2025 aktiv.

Promoviert habe ich an der Sozial- und Rechtspsychologie der Universität Mainz - zur Rolle von Verschwörungserzählungen im Kontext von Gesundheitsthemen. Daneben habe ich mich durch die Deutsche Psychologenakademie zur Notfallpsychologin (Si apre in una nuova finestra)weiterbilden lassen.

Mehr über mich findest Du auf meiner neuen Homepage.

Argomento ResilienzAdventskalender

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