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Turku nach Stockholm? Da kommt was auf mich zu.

 »Kannste mal einen Sizilientörn übernehmen? Palermo, Äolische Inseln und zurück?« 

»Klar mach ich.«

»Hast Zeit für eine Woche Korfu?«

»Okay. Da war ich auch schon unterwegs.«

»Der Crew hat es gut gefallen mit Dir letzten Sommer. Hast Zeit für einen neuen Törn?«

Mein Leben füllte sich mit Seemeilen. Immer wieder andere Schiffe, nette Leute, neue Segelreviere. So ging das eine ganze Weile. Bis eines schönen Sommertages mitten zwischen den Inseln Dalmatiens mal wieder mein Telefon dudelte.

»Hey Skipper, Du bist mir empfohlen worden. Könntest Du eine Überführung machen?«

Diese Stimme kannte ich nicht.

»Ja, sicher. Was, wie und wo?«

»Eine größere Ketsch von Turku nach Stockholm. Hast zwei Wochen Zeit, solange brauchst aber gar nicht.«

»Von wo?«

»Turku.«

Die Frage »Wo is‘n das?« lag mir schon auf der Zunge. Ich hatte damals keine Ahnung von Turku. Für mich klang es deshalb nach einer weiten Segelreise und das war genau das Richtige für mich. Also unterdrückte ich meine Unkenntnis.

»Okay, wenn Du mir den Flug zahlst, kein Problem.«

»Gut. Ich melde mich morgen nochmal.«

Das tat er auch. Mit einer Absage. Die Tour habe nun ein anderer übernommen. »Aber wir sollten uns unbedingt mal kennenlernen. Ich habe noch mehr solche Törns vor.«

Genau, das fand ich auch. Wer solche Aufträge zu vergeben hat, war interessant für mich.

Wochen später in Bayern am Ostufer des Starnberger Sees saßen wir uns gegenüber. Ein sportlicher Typ, volles Blondhaar, tiefliegende blaue Augen paar Jahre jünger als ich. Ein hübsches altes Häuschen im schattigen Wald nah am Ufer. Nicht direkt seins, aber Eigentum der Familie. Er sei Sportmediziner auf dem Weg zur Habilitation. Deshalb fehle ihm die Zeit längere Seereisen zu unternehmen. Aber er habe eine Segelexpedition nach Spitzbergen organisiert und durchgezogen. Mit einer Ketsch aus Stahl, die er dafür gechartert habe. Gäbe auch einen TV-Film darüber. »Guck mal.«

Er schiebt die Videokassette in den Rekorder und los geht’s. Segeln im Eis. Eine elegante Ketsch in voller Fahrt, Gischt fliegt, Crew im gelben Ölzeug bis zur Nase zu, wirbelt an den Winschen im Manöver. Schiff landet in einer der Südbuchten auf Spitzbergen, Teil der Crew steigt aus, macht sich durch Eis und Schnee über Berg und Fels auf den Weg nach Norden über die Insel. Schiff läuft mit der Restcrew wieder aus, segelt um das Eiland herum, läuft im Norden in eine Bucht, nimmt die Alpinisten wieder auf, segelt zurück nach Norwegen. Schöne Bilder aus der Kälte.

»Das Schiff hab ich jetzt gekauft für mein Unternehmen SEA and MOUNTAIN. Grundgedanke: Mit dem Segelschiff zum Bergsteigen. Meine zweite Leidenschaft.«

»Ah, klingt interessant. Und wie läuft das?«

»Es gibt einen Etappenplan. Der führt rund um den Nordatlantik. Etappen von jeweils drei Wochen. Wir sind etwa ein Dutzend Skipper. Jeder verpflichtet sich pro Jahr mindestens eine Etappe mit eigener Crew das Schiff zu übernehmen.«

»Das klingt gut. Und wie viel?«

»Die DAISY, so heißt das Schiff ist etwas über achtzehn Meter lang. Es gibt zwölf Kojen. Du kannst also locker acht Leute mitnehmen. Der Skipper zahlt jeweils 2.250 Euro pro Woche. Was er der Crew berechnet, ist seine Sache. Für Versicherung und Reparaturen komme ich auf.«

»Moment, also wenn ich sechs Leute mitnehme, von denen jeder 500 Euro pro Woche…«

»Genau. So kann das laufen.«

»Okay. Was ist die nächste freie Etappe?«

»Moment…. Nächstes Jahr im April von Dartmouth nach Inverness. Im übernächsten Jahr wäre dann noch die Etappe von Miami nach New York frei. Du müsstest nur hier den Skippervertrag unterschreiben, dann bist Du mit von der Partie.«

Konnte das wahr sein?

Das klang wie ein Märchen in meinen Ohren. Echte Seereisen unternehmen in Regionen, wo es eher wenig Charterverkehr gibt. Mein Herzchen hüpfte. Dartmouth – Inverness, das musste doch durch diesen Kanal gehen in Schottland, genau den Kaledonischen Kanal. Loch Ness! Neunundzwanzig Schleusen. Die Hebriden! Miami, New York! Welch ein Abenteuer! Endlich mal in die weite Welt hinaussegeln.

»Aber wir sollten uns vorher noch etwas näher kennenlernen. Musst ja mit dem Schiff vertraut werden.«

»Klar. Wie und wo?«

»Im März segle ich die DAISY von Laboe nach Dartmouth, wo Du sie übernimmst. Könntest in Laboe an Bord kommen und paar Tage mitsegeln, vielleicht bis Terschelling und das Schiff kennenlernen.«

»Prima. So machen wir das.«

»Im Herbst veranstalten wir immer ein Skippertreffen in München. Da besprechen wir den nächsten Etappenplan und was es am Schiff so Neues gibt.«

»Klingt nach guter Organisation. Prima.«

Nun brauchte ich eine Crew.

Erst mal die Strecke in der Karte anschauen. Darmouth in Cornwall. Wie kommt man denn dorthin? Dann um Lands End herum, an den Scillys vorbei durch die Irische See, nach Dublin rein und weiter nach Schottland rauf. Isle of Man, Hebriden, Kaledonischer Kanal. Mein lieber Scholli, das nenn ich mal Seefahrt.

Vorsichtige Anfrage bei meinen Adria-Seglern. Lust auf Irische See und Schottland? Im April?

Brrr. Drei Wochen? Viel zu lang.

Die Zeit lief. Das hat sie mal so an sich. Ich brauchte eine Crew. Internet war noch in den Kinderschuhen. Also Zeitungsanzeigen. »Drei Wochen Segelreise mit 18-m-Ketsch Cornwall – Schottland. Vorher Crew-Treffen. Telefonnummer.«

Im Herbst fuhr ich zum Skippertreffen nach München. Es fanden sich weit mehr als zwölf Leute ein. Etliche jünger als ich, manche älter. Einige kannten das Schiff, die Stahlketsch DAISY offenbar bereits. Und die sorgten für einen ordentlichen Dämpfer meiner Begeisterung.

Es wurde über technische Probleme gesprochen. Der Generator, die Heizung. Die Propellersteuerung. Die was?

»Das Schiff verfügt über einen Verstellpropeller, praktisch kein Getriebe zum Umschalten.«

»Und funktioniert?«

»Ja meistens schon.«

Und die Frischwasserversorgung. Alles in der
Achterlast untergebracht. »Alles bisschen kompliziert und verbaut.« Der Typ war Mediziner, wie der Schiffseigner. Der wies darauf hin, dass es auf jedem Schiff mal Probleme zu lösen gäbe und er für Reparaturen ja aufkomme.  Das hörte sich wiederum richtig gut an und sollte auch beruhigend klingen. Ich versuchte das Projekt als Herausforderung zu sehen.

Ein anderes Problem reichte tiefer in das System: Mitsegler finden. »Wer geht schon drei Wochen auf Segelreise? Und so weit vom Schuss wie etwa von Halifax zu den Azoren? Meine Freunde machen das einmal und das war‘s dann auch.« So lautete die Klage.

Mein Einwand: »Dann müsst Ihr halt neue Mitsegler anwerben,« stieß auf breite und lebhafte Ablehnung.

»Mit Fremden segeln? Drei Wochen lang? Bin doch kein Therapeut.«

»Na ja, wenn du vor der Reise ein paar Stunden mit dem zusammenhockst, ist er ja kein Fremder mehr.«

»Nee so schnell geht das nicht.«

Selbst der Eigner pflichtete dem bei: »Will doch meinen Urlaub nicht mit irgendwelchen Fremden verbringen.«

Sonderbar.

Meine Zeitungsanzeigen funktionierten jedenfalls. Für einen Freitag im Januar setzte ich das erste Crew-Treffen an. Ich suchte dafür einen soliden Gasthof etwas außerhalb Münchens aus mit S-Bahn- und Autobahnanschluss. Hab vergessen, wie viele Interessenten sich telefonisch gemeldet hatten.

Es erschienen zehn Menschen. Echt sympathische Leute. Seglerinnen und Segler halt. Heike war die erste. Eine hübsche große Dame Anfang der vierzig, schlank, halblanges dunkelblondes Haar.

»Grüß Dich, bist Du der Skipper?«

Der Ton verriet es: Eine Münchnerin. Walter, ein stattlicher Herr im Ruhestand war aus Saarbrücken angereist und hatte sich samt Ehefrau in dem Gasthof eingemietet. Hans-Peter, groß, sportliche Figur Ende Vierzig auch aus München, Wolfgang im gleichen Alter aus Stuttgart, Albrecht, ein großer Kerl an die Fünfzig aus München, Udo, ein quirliger untersetzter Rentner etwas über Sechzig, Sylvia, schlanke kleine energische Dame mit schwarzem Pagenkopf, aus Nürnberg, Angela, ein sportlich ambitioniertes Mädel dunkelblond, Anfang der Vierzig, Christian, leicht korpulent etwas behäbig mit Ende der Dreißig der Jüngste und Horst, Ende Vierzig ein sportlich großer Kerl auch aus der Umgebung von München. Hartmut, ein weiterer Interessent aus München, war dienstlich verhindert, wollte sich aber unbedingt mit mir treffen.

Es entwickelte sich ein sehr lebhafter Abend. Alle sprühten vor Segelbegeisterung und Lust auf Abenteuer auf dem Meer. Udo blätterte alle seine Segellizenzen auf den Tisch. Walter gab zu bedenken, er sei zwar nicht mehr sehr gut zu Fuß aber eine Rolle als Stewart unter Deck würde er gern übernehmen. Einige erzählten von Segelerfahrungen bei Adria-Reisen. Hans-Peter war vor allem an Schottland interessiert, ebenso Sylvia, die gerne als Köchin fungieren wollte, was ihrer Leidenschaft entspreche. Die anderen wollten einfach lang auf dem Meer segeln. Einige konnten oder wollten noch nicht fest zusagen.

Am Ende fanden sich fünf, die ganz sicher mitkommen wollten. Wir vereinbarten ein weiteres Treffen, um uns besser kennen zu lernen. Dort könnten auch Hartmut und eventuelle weitere Interessenten teilnehmen.

Mit dieser Gewissheit sah ich dem Probetörn auf der DAISY mit dem Eigner und Initiator des ganzen Unternehmens entgegen.

Laboe im März.

Damals besaßen Cornelia und ich ein kleines Häuschen mitten im schönen Eckernförde, ihrem Quasi-Heimatort. Ich hatte das Haus vermietet und etwas erweitern lassen. So waren die Mieter, ein jüngeres Paar mit kleiner Tochter, zu lieben Freunden geworden.

Meine Bindung an dieses malerische Städtchen an der Ostsee war gefühlsmäßig viel älterer Natur. In diesem Leben hatten sich Freundschaften und schließlich familiäre Bande ergeben. Deshalb lag es nahe, meine Reise nach Laboe mit einem Besuch in Eckernförde zu verbinden. Die Mieter-Freunde boten an, mich nach Laboe zu kutschieren. So kam ich an einem sonnigen Frühlingsmorgen im Hafen unter dem Marine-Ehrenmal an.

Und da lag die DAISY. Backbord längsseits festgemacht im Fischereihafen, Bug zum Land.

Ich musste schlucken.

Diese eleganten Linien des weiß lackierten Rumpfes! Vom nahezu horizontalen Bugspriet schwang das Deck leicht abwärts, um zum Achterschiff hin wieder leicht anzusteigen. Der Bugspriet wurde von einem starren Wasserstag verstärkt. Starke Teak-Scheuerleiste mit Messingschiene drauf. Flacher Decksaufbau begann knapp achterlich des Großmastes, Unter dem Großbaum das Mittelcockpit mit blitzendem Edelstahl-Targabügel. Achterlich des Besanmastes unter dem Besanbaum das Steuercockpit mit silbern glänzendem Chromsteuerrad und der Kompass-Säule zwischen den beiden Teakbänken. Schräges Yachtheck mit kleiner Plattform drüber, an der das Besan-Achterstag angeschlagen war. Unter der Plattform ein starres, starkes Wasserstag. An den beiden Masten die Salings jeweils aus doppelten chromblitzenden Stahlrohren mit gut vier Zentimetern Durchmesser.

Mir stockte tatsächlich ein wenig der Atem vor dieser soliden Eleganz wie sie in der Frühlingsonne vor mir lag.

Der Eigner begrüßte mich und stellte mir die Crew vor: Eine junge Frau in den Dreißigern, ein etwa gleichaltriger Mann, ein weiterer junger Kerl um die Zwanzig und die betagte Mutter des Eigners.

In Anbetracht der Jahreszeit hatte ich den Eigner schon in der Vorbereitung der Reise gefragt, ob Schlafsack oder Decken mitzubringen wären. Er hatte versichert, es seien ausreichend Decken an Bord. Nun zeigte er mir meine Koje im Durchgang zwischen Messe und Achterschiff. Es gab dort eine blanke Matratze. Auf meine Frage nach einer Decke, brachte er nach einigem Suchen einen dünnen Matratzenschoner.

»Dein Ernst?«

»Geht schon. So kalt wird’s schon nicht.«

Die Crew war noch eine Stunde mit Proviant besorgen beschäftigt. Ich konnte mich derweil im Schiff umsehen. Der große Salon mit altrosafarbenen alkantaraüberzogenen Polstern halb um den viereckigen Tisch, die lange weiße Pantryzeile an Steuerbord mit echten Steinfließen in freundlichem Sonnengelb an der langen Wand, der weiße Kühlschrank, der am Ende auf der Arbeitsfläche stand, der breite Niedergang aus dem Salon hinauf ins Mittelcockpit, die beiden Nasszellen mit elektrischen WCs, eine im Achterschiff und eine im Vorschiff. Achtern an der Steuerbordseite die Navigation neben der großen Schalttafel mit integriertem Radarschirm.

Für die Navigation fand sich auf dem Kartentisch ein GPS, das die aktuelle Position, den Kurs und die Fahrt über Grund anzeigte. Im Flur neben der Navi einen Schrank mit einem etwa einen Meter hohen Stapel gefalteter Seekarten. Daneben einen Schrank mit der kompletten Elektrik und einen weiteren zum Aufhängen von Klamotten des Skippers.

Aus diesem Flur führt ein Niedergang zum Achtercockpit hinaus. Vom Navigationsplatz im Achterschiff aus ergab sich bei offenen Türen ein beeindruckender Blick bis ins Vorschiff. Insgesamt zählte ich neun massive Mahagonitüren mit Rundbögen. Auch die Bordwand war durchgehend mit massivem Mahagoni verkleidet. Im Achterschiff gab es eine hohe, dick gedämmte Holztür zum Motorraum. Als drinnen die achtzig Zentimeter lange Leuchtstoffröhre aufflammte, glänzte mir der blitzsauber maisgelb lackierte Motor entgegen, ein Ford-Lehmann-Sechszylinder Diesel.

Dieses Schiff nahm mich gefangen. Es machte einen starken, soliden Eindruck und verband Gemütlichkeit mit Sportlichkeit und Eleganz. Die Idee seines Erbauers und ersten Eigners sei gewesen, eine große Swan zu segeln, so um die 60 Fuß, aber nicht aus Kunststoff wie die originalen Boote der finnischen Werft, sondern eine aus Stahl. Das erzählte mir der gegenwärtige Eigner. Der dänische Geschäftsmann habe den dänischen Konstrukteur Arne Borghegn beauftragt, ihm sein Traumschiff zu zeichnen. Das Ergebnis wurde die DAISY. Zusammengeschweißt und ausgerüstet von einer Schlosserei namens Blacksmith auf Fünen.

Ich stellte meine Reisetasche ans Fußende meiner Koje. Bis nach Terschelling in den Niederlanden sollte ich an Bord bleiben. Meine Rolle sollte die des Co-Skippers sein.  Für mich die erste Segelreise in Gezeitengewässern.

Spannend.

Kurz vor Mittag waren Schiff und Crew klar zum Ablegen. Die Sonne wärmte schon etwas, eine leichte Brise zog über die dunkelblaue Kieler Förde. Die elegante DAISY war zwischen zwei Schiffen festgemacht. Achteraus lag ein mittelgroßer Fischkutter, vor dem Bug ein etwas kleinerer. Auf dem achteren Kutter fiel mir ein Auspuffrohr ins Auge, das über dessen Bordwand nach steuerbord hinausreichte. Da musste die DAISY klar vorbei, und zwar in Achterausfahrt. Ich nahm deshalb eine Leine, um eine Vorspring zu legen zum Eindampfen, um das Heck klar und sicher von diesem Kutter freizubekommen.

Der Eigner startete die Maschine. Er bemerkte mich mit der Leine und rief mir zu, das brauche er nicht. Okay, dachte ich, bin ja mal gespannt, wie er das Schiff da raus kriegt. Leinen los! Aha, er arbeitete mit dem Radeffekt. Nach dem Einkuppeln schwenkte das Heck tatsächlich von der Pier weg. Aber nur ein wenig. Und dann noch ein wenig. Jetzt drehte er den Propeller auf achteraus und das Schiff glitt ins Hafenbecken hinaus, sehr dicht an diesem Kutter entlang und mein Herz wollte schon… Die vierzehn Millimeter starken Wanten der DAISY verfehlten dieses Auspuffrohr nur um Zentimeter. Glück gehabt. Nicht meine Art von Seemannschaft.

Er drehte das Boot um, bis der Bug zur Ausfahrt wies. Wir holten die Fender über die Reling an Deck. Drüben in Holtenau werden wir sie ohnehin wieder gebrauchen beim Festmachen, um die Kanalgebühr zu entrichten. Aber die drei Meilen konnten wir auch segeln. Also Groß rauf und Genua raus. Gute Übung. Erhebendes Gefühl, dieses Schiff segelnd zu erleben. Gelassen zieht die DAISY über die Kieler Förde, am Leuchtturm Friedrichsort vorbei. Eine Wende und schon bergen wir die Segel wieder.

Klar zum Anlegen in der Schleusenkammer. Das gestaltet sich etwas schwierig. Der Eigner kämpft mit dem Heck. Es will nicht an die Planken ran, um die Leine rüberzulegen. Endlich klappt es.

Der Eigner springt an Land, bezahlt im Büro, kommt zurück und meine erste Durchquerung des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Kanals beginnt. Vorbei an der schwarzen Marmortafel, auf der Cornelias Urgroßvater verewigt ist: Mit Kaiser Wilhelm II., Otto von Bismarck ist dort auch der Name Hermann Heinrich Dahlström eingemeißelt.

Der Kanal war die Idee des Hamburger Unternehmers. Er hatte ihn seit 1880 geplant, seine Finanzierung ausgetüftelt und beim Reichskanzler und dem Kaiser durchgesetzt. 1887 wurde mit dem Bau begonnen, 1895 fand die feierliche Eröffnung statt.

Dahlströms Tochter Else ehelichte am 25. November 1903 den Kieler Ingenieur und Unternehmer Hans Adolf Neufeldt, den Gründer von HAGENUK. Er wurde Cornelias Opa und Urgroßvater unserer drei Kinder. 1995 zur 100-Jahrfeier des Kanals, bekam meine Familie deshalb eine Einladung zur Jubiläumsfahrt durch den Kiel-Kanal. 52 Nautische Meilen von Holtenau bis Brunsbüttel an der Elbe. Ich war verhindert.

Aber jetzt ging’s los. Natürlich Motorfahrt. Acht Knoten machte die DAISY. Der Autopilot ist im Kanal nicht zu gebrauchen. Am frühen Abend erreichen wir die Tanke vor Brunsbüttel, vor dem westlichen Ende des Kanals. Es findet sich eine hölzerne Pier zum Festmachen. Die jungen Leute bereiten ein Abendessen. Auch die Seniorin, die Mutter es Eigners hilft mit. Es wird eine kühle Nacht unter dem dünnen Matratzenschoner.

Tags drauf passieren wir die Schleuse Brunsbüttel. Der Crew ist ein Mangel an Proviant aufgefallen. Also steuern wir Cuxhaven an. Die fünfzehn Meilen über die Elbe sind schnell geschafft. Das Anlegemanöver gestaltet sich wieder etwas langwierig. Offenbar war es nicht so einfach, dieses Boot steuerbordlängsseits an die Hafenmauer zu bringen. Es herrschte ablaufendes Wasser schon ziemlich fortgeschritten, fast Niedrigwasser, aber in der Wand dort sind Leitern eingelassen, über die man auf die Straße hinaufklettern kann.

Nach knapp einer Stunde war der Einkauf erledigt. Ablegen. Radeffekt funktioniert nicht nach backbord, die Schraube dreht rechtsrum und zwar immer. Also abstoßen und vorwärts weg. Irgendwie klappte es. Raus auf die Elbe gerade noch vor Flut. Vorbei an Kugelbake fand sich ein Nordnordwest.

Segel setzen. Der Wind bringt die DAISY flott an Neuwerk vorbei, das an backbord bleibt. Wir bleiben außerhalb der Schifffahrtstraße und segeln bei fast Halbwind mit gutem Speed nach Westen. An die hundert Nautische Meilen liegen vor uns bis Terschelling. Es ist trocken, ein sonniger Frühlingstag auf der Nordsee.

Die Crew bereitet ein Mittagessen. An der langen Pantryzeile können drei Leute gleichzeitig arbeiten. Die Benutzung des großen weißen Kühlschanks bedarf etwas Geschick bei der gegenwärtigen leichten Lage nach backbord: Das Teil öffnet genau dahin, nach backbord.

»Da würde sich doch eine Muldenkühlbox anbieten,« bemerke ich zum Eigner.

»Hab ich auch schon dran gedacht. Ist aber viel zu teuer. Würde fast fünftausend Euro kosten.«

»Huch, das ist freilich viel.«

Wieder hinauf ins Mittelcockpit, Ausguck. Dort gibt es eine Windschutzscheibe. Der Raum zwischen Windschutzscheibe und Targabügel ist offen. Das heißt, es gäbe schon eine Sprayhoud mit Reißverschluss entlang der Windschutzscheibe. Die Sprayhoud aber ist zurückgeschlagen und am Targabügel festgebändselt. So pfeift es über die festen Scheiben und unter dem Edelstahlbügel durch. Im März auf der Nordsee nicht wirklich kuschelig. Den Vorschlag, die Sprayhoud zu schließen, weist der Skipper und Eigner zurück: »Das wäre doch unsportlich.«

Das Mittagessen wird also im wärmeren Salon eingenommen. Als noch ein paar Wolken aufziehen, wird ein dickerer Pullover nötig unter der Ölzeugjacke.

Immer noch flott bei solidem Halbwind unterwegs, segelt die DAISY in die Abenddämmerung. Weit im Norden ziehen Frachter wie an einer Perlenkette in der Schifffahrtsstraße von West nach Ost in die Deutsche Bucht.

»Übernimmst du ab 20 Uhr?« fragt mich der Eigner.

»Ja klar, mach ich.«

Das Schiff läuft unter Genua und Groß gesteuert vom Autopiloten. Mein Platz als Skipper und Steuermann ist das Achtercockpit unter dem Besanbaum. Dort sind in der Wand unterhalb des Besan-Mastfußes auf einer schwarzen Tafel die Instrumente eingebaut: Das Panel des Autopiloten, das Echolot, die Geschwindigkeitsanzeige durch‘s Wasser, die Ruderstandsanzeige, die Drehzahlanzeige. Eine Windanzeige gibt es nicht, dafür im Besantopp eine beleuchtete Windex, also einen Verklicker, einen Windpfeil mit roten Luv- und Lee-Marken.

Auf den Bänken rund um das Ruderrad sitzt man kommod auf Teakholz. Rechts neben der Steuersäule, also an steuerbord, sind an der Wand die beiden großen Hebel für die Maschinen- und Schraubensteuerung angebracht. Die Propellerflügel können über die Wellenhydraulik stufenlos verdreht werden. Sehr praktisch, weil damit auch der Speed reguliert werden kann. Die Drehung reicht bis in Segelstellung, so dass die drei Flügel flach zur Fahrtrichtung stehen und kaum Widerstand im Wasser leisten.

Der zweite Hebel regelt die Drehzahl der Maschine. Die Kupplung wird elektrisch betätigt. Der Schaltknopf dafür befindet sich am Armaturenbrett, etwa anderthalb Meter vor dem Steuerrad. Unerreichbar für den Rudergänger. Bei Manövern muss dort ein weiteres Crewmitglied sitzen, um die Kupplung zu betätigen, also Propellerwelle von der Maschine zu trennen. Sehr seltsam.

An steuerbord neben dem Fuß des Besanmastes gibt es ein Schiebeluk aus dickem Plexiglas über dem Niedergang. Der führt ins Achterschiff hinunter zu Navigation, Motorraum, Bad und Skipperkabine.  

Heroben im Achtercockpit ist man vollständig dem Wetter ausgesetzt. Freie Sicht über den Bug hat nur, wer sich auf die Bank hinter dem Ruderrad stellt. Dennoch empfinde ich den Platz als sicher und einigermaßen komfortabel. Das liegt daran, dass sich zwischen Süll und Reling auf jeder Seite jeweils drei der langen Fender verstauen lassen. Komfortabel wie zwei Sofas. Achteraus erstreckt sich die kleine Heckplattform mit dem Anschlag des Besanachterstages.

Souverän pflügt die DAISY durch eine kleine See, deren Kämme an ihrem Stahlrumpf zu weißem Schaum zerplatzen. Der Wind legt etwas zu, damit auch der Speed und die Krängung nach backbord. Das Mädel und einer der Burschen sitzen vorn im Mittelcockpit. Unvermittelt taucht der Skipper und Eigner im Achtercockpit auf.

»Wir müssen eine Halse fahren. Da hinten kommt ein größeres Schiff auf.«

»Ja, ist was Größeres ein Segler,« sag ich. Ich hatte die Höhe der Toplampe dieses Aufkommers geschätzt. Er zeigte uns rot. Also seine Backbordlampe.

»Dem sollten wir ausweichen, der kommt zu dicht!«

Es ist immer so eine Sache auf einem Boot dem Skipper zu widersprechen. Für mich war klar, dass diese erheblich größere Segelyacht uns an steuerbord in gutem Abstand überholen würde.

»Wir brauchen doch nur bisschen abfallen.«

»Das reicht nicht. Wir müssen halsen.«

»Na gut.«

Also Großschot dicht holen, Winschkurbel der Genua umsetzen. Der Skipper machte das und ich stand am Ruder.

»Klar zur Halse!«

»Ist klar,« antwortet er und ich dreh das Ruder zum Anschlag. Die DAISY schwingt rauschend und gurgelnd herum. Aber er hat die Schot nicht unter Kontrolle. Die riesige Genua wird nach vorn geweht um das Vorstag rum. Nun holt er die Schot dicht und das Segel bildet ein sogenanntes Stundenglas: Ein Bauch oben und ein Bauch unten. Er zieht und zerrt an den Schoten, aber es lässt sich nichts ändern.

»Achtung,« sage ich, »wir gehen wieder auf den alten Bug, dann klärt sich das von selbst.«

Das Schiff hat noch Fahrt genug, um dem Ruder zu folgen. Die Genua wird wieder auf die Backbordseite geblasen. Er holt die Backbordschot dicht und das Boot nimmt wieder Fahrt auf. Indessen zieht der große Segler weit ab an steuerbord vorbei.

»Schau mal, der zeigt uns doch seine rote Lampe,« sag ich.

»Ja sorry. Ich kann doch nachts keine Farben unterscheiden.« 

»Echt jetzt?« Das versetzt meinem Zutrauen den nächsten Riss. Normalerweise bekommt ein Mensch mit Rot-Grün-Schwäche überhaupt keine Segellizenz. Wäre einfach zu gefährlich.

Der Skipper zog sich wieder zurück in seine Kabine im Achterschiff. Ich führte das Schiff noch bis Mitternacht. Einer der Burschen und der Skipper übernahmen die Wache. Gerade hatte ich mich in meiner Koje mit dem Matratzenschoner einigermaßen zugedeckt und ins Leesegel nach backbord gelegt, da ließ mich ein Scheppern, Krachen, Plumpsen und Klirren zusammenzucken.

Kam aus dem Salon.  Ich rappelte mich wieder hoch und peilte nach vorn. Die Tür zu Salon und Pantry war offen. Und ebenso die Tür des großen weißen Kühlschranks. Dessen gesamter Inhalt kugelte auf dem Salonboden herum mit einer klaren Richtung: Nach backbord. Die Seniorin stand daneben und ihr Sohn krabbelte zu ihren Füßen auf dem Boden und sammelte das ganze Zeugs wieder ein. Einiges war wohl zu Bruch gegangen.

Sehr sonderbar. Dennoch fand ich etwas Schlaf. Der Wind blieb uns treu bis zur Einsteuerung in das Wattenmeer zwischen den niederländischen Inseln. Wir folgten der Fahrrinne nach West-Terschelling. Segel bergen.

Einsteuern in den Hafen von Terschelling. Dieser besteht aus zwei Teilen. Dem Kommerziellen Hafen für Fähren und Frachter und einem Yachthafen. Wusste ich nicht. Wir bereiteten die DAISY zum Längsseitsanlegen vor: Fender raus, Leinen klar.

Der Skipper steuert den kommerziellen Hafen an. Die Piers waren leer. Kein Schiff, kein Mensch. Das Anlegen gelingt diesmal auf Anhieb. Kaum sind die Leinen fest, kommt ein untersetzter Mann in Jeans, Karohemd und Schiffermütze auf einem Fahrrad herangeradelt. Er bleibt neben der DAISY stehen, nimmt die Pfeife aus dem Mund, stellt einen Fuß auf den Boden und betrachtet das Schiff.  Der Skipper wendet sich ihm zu und sagt: »Good morning.«

Der Mann nickt und erwidert den Gruß.

»Why do you berth here? Over there we have a nice marina for yachts«

Darauf der Skipper: »Because the ship is so big. I think over there we find no space enough...«

»No. Not any problem. In these times of year, the marina is pretty empty. This part here is for cargoships.«

»I will have a look.«

Der Skipper springt an Land und läuft zum Yachthafen hinüber. Wir klaren das Schiff auf. Ich packe meine Sachen, soll ja hier von Bord gehen und meine Heimreise antreten. Was mir sehr gelegen kommt.

Der Skipper kehrt zurück an Bord, gibt Anweisung zum Ablegen. »Da drüben können wir auch längsseits gehen.«

Okay. Maschinenstart, Leinen los. Der Wind hilft beim Ablegen. Der Skipper steuert die DAISY in den Yachthafen. Gähnende Leere. In der Saison legen die Yachten dort wohl mit Bug oder Heck an, um Platz zu sparen. Die hölzernen Dalben weisen darauf hin. Jetzt steuert er einen Längsseits-Platz an. Er gibt mir die Anweisung, mit der Heckleine auf den Steg zu gehen. Ich steh mit der Leine in der Hand in der offenen Relingspforte. Noch drei Meter zum Steg, noch zwei Meter.

»Jetzt spring!«

»Sorry, das ist mir zu weit. Komm näher ran.«

Er bringt das Schiff nicht näher an den Steg. Stattdessen verlässt er das Ruder und macht einen gewaltigen Satz auf den Steg. Hat Glück, dass die Planken dort drüben nicht feucht sind.

»Jetzt wirf!«

Er fängt die Leine auf und legt sie um den Poller. Wir ziehen das Schiff nah an den Steg, so dass auch die alte Dame bequem und sicher an Land kommt.

Mit meinem Rucksack auf dem Buckel verabschiede ich mich von allen. Und vom Skipper.

»Wir sehen uns in Dartmouth!«

»So machen wir das. Ich komme zu acht!«

»Echt jetzt, mit acht Leuten?«

»Ja. Sieben und ich.«

»Okay, die DAISY wird in der Darthaven-Marina in Kingswear gegenüber von Dartmouth liegen.«

»Wir werden sie finden. Gute Reise!«

Nun brauchte ich die Fähre von West-Terschelling nach Harlingen hinüber, um mit dem Zug nach Amsterdam zu kommen. Tochter Christiane absolvierte dort gerade ein Berufspraxisjahr im Rahmen ihres Touristik-Studiums. Ich wollte sie besuchen, hatte sie lange nicht gesehen. Mit ihr in Amsterdam. Ein schönes Erlebnis.

Danach ging es über Bremen, Hamburg und Kiel zurück nach Eckernförde zu meinem Auto.

Gemischte Gefühle waberten mir durch den Kopf. Was für ein großartiges Schiff! Mit seinen Eigenheiten strahlt es einen besonderen Charakter aus. Alles an ihm ist stark, hochdimensioniert. Segeln in Gezeitengewässern! Werde ich mit Schiff und Crew klarkommen?

 Deine Reaktion auf diese Geschichte würde mich interessieren und sehr freuen. Vielen Dank!

 

© 2025 Hermann Engl 04711 Almerimar

www.hermann-engl.de

Argomento Komm an Bord!

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