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Tränen auf Isla Mujeres

Es ist stockfinster, die Tageshitze längst verflogen. So fällt es uns auf den siebzehn Kilometern vom International Aeropuerto José Martí bis zur Marina Hemingway leichter, mit den tropischen Konditionen klarzukommen. Wir haben Februar und vor ein paar Stunden einen typisch oberbayerischen Winter hinter uns gelassen. Mein erster Landurlaub seit fast einem Jahr ist zu Ende.

In den vergangenen drei Wochen segelte der frühere Eigner der DAISY mein Schiff von Jamaika nach Havanna. Per SMS hatte er mitgeteilt, dass er sie im zweiten Becken der weitläufigen Marina festgemacht habe.

Das Taxi hält vor der pompösen hellblau und weiß gestrichenen Hafenpforte. Ich reiche dem Chauffeur 45 CUCs, das Äquivalent zu ebenso vielen US-Dollars. Fidel und sein damaliger Finanzminister Ché wollten das so: Keine US-Dollars auf Kuba aber ihren Wert.

Das Marinagebäude im modernistisch schwungvollen Betonstil der 50er Jahre ist beleuchtet und besetzt.

»Buenvenido en Marina Hemingway.«

Ausweise vorlegen, Schiffsname, Flagge des Schiffs?

Cornelia und ich laufen mit unserem Gepäck in das weitgehend dunkle Hafengelände. Es gibt vier Becken. Jedes dreißig Meter breit und rund achthundert Meter lang. Sparsame Beleuchtung. Wir tasten uns langsam vor, hart am Rand des zweiten Beckens. Manche Betonplatten der Piers sind brüchig. Eine Taschenlampe wäre zu empfehlen gewesen. Auch an den Kästen der Stromversorgung hat der Zahn der Zeit heftig genagt.

Der Yachthafen war 1953 als Barlovento-Marina begonnen worden. Fertigstellung 1957. Zwei Jahre später wurde er nach dem Sieg der Revolution verstaatlicht und umgetauft. Ernest Hemingway hat immerhin zwanzig Jahre in Havanna gelebt, vor der Revolution. Er besaß selbst eine Yacht und hat mit ihr Reisen in der Karibik unternommen. 

Die Schiffe liegen alle längsseits vertäut. Das siebte oder achte Boot trägt zwei Masten. Na klar, das ist sie.

Weiß lackiert, die sanft geschwungene Linie vom horizontalen Bug nach mittschiffs und von dort wieder leicht ansteigend zum Heck. Das starre weißlackierte Wasserstag am Bug, der weiße Container der Rettungsinsel vor dem Großmastfuß, der flache Decksaufbau mit dem blauen Streifen, die breiten Windschutzscheiben vor dem stahlglänzenden Targabügel über dem Mittelcockpit, das blitzende Ruderrad im Achtercockpit. Mein Schiff. Achtzehn Meter lang, knapp fünf breit, da liegt sie dunkel im Schimmer der Hafenfunzeln.

In Montegobay, Jamaika, habe ich sie verlassen. Dort habe ich eine neue Crew aufgegabelt. Zwei junge Menschen, Andrew und Jenny. Sie möchten jetzt von Havanna bis Mexico dabei sein. Morgen wollen sie eintreffen.

Nun bin ich wieder daheim. Alle Luken sind geschlossen alles finster, niemand da. Komisch. Habe meine Ankunft per SMS angekündigt.

Da liegt meine  Ketsch DAISY längseits festgemacht in der Marina Hemingway bei Havanna auf Kuba.
Da liegt meine Ketsch DAISY in der Marina Hemingway bei Havanna auf Kuba.

Klar habe ich meine Zweitschlüssel bei mir. Das Schiebeluk im Achtercockpit aufschließen, vertikales Luk rausnehmen und runtersteigen. Der Geruch ist in Ordnung. Licht an. Die Skipperkabine ist belegt, niemand da, der Salon mit der langen Pantryzeile bewohnt, aber aufgeräumt. Fertig gepacktes Gepäck liegt auf den Bänken. Sehr schön. Der frühere Eigner hat zwei Crewmitglieder mitgebracht. Diese bewohnen offenbar die Mittelkabine. Alle drei werden morgen abreisen.

Wir stellen unsere Taschen ins Vorschiff. Dort gibt es noch zwei Kabinen mit Etagenkojen aus Mahagoni. Nach der langen Reise knurrt der Magen. Wir finden was Essbares: Pasta und Thunfisch in Dosen. Der Unterschied zu einem Charterboot. In meinem Zuhause sind Grundnahrungsmittel immer verfügbar. Das Zubereiten geht schnell. 

Fast ist die Mahlzeit beendet als von draußen Stimmen zu hören sind.

»Da ist Licht an.«

»Der ist schon da.«

Jemand betritt des Schiff. Der Voreigner und seine Crew, ein junger Mann und seine Freundin, kommen in den Salon.

»Was machst Du denn da? Das ist nicht abgemacht. Das geht gar nicht!«

Der wird richtig laut.

»Moment mal. Ihr reist morgen ab und wir kommen heute. So ist es vereinbart. Ich hab Dir eine SMS geschickt, mit meiner Ankunftszeit.«

»SMS? Ich lese doch keine SMS!«

»Komm lass es. Geh schlafen. Morgen geht Euer Flieger.«

Was ist das für ein Typ? Sportmediziner, promoviert. Zehn Jahre jünger als ich. Ich bin fassungslos. Es wäre eine Schiffsübergabe angesagt. Innerhalb von drei Wochen kann viel passieren an Bord. Wäre wichtig zu wissen. Die Crew verzieht sich in ihre Kabine. Wir auch.

Nachtruhe.

Am Morgen kommt es doch zu einem sachlichen Gespräch. Der Voreigner erzählt von Problemen mit dem Generator. Die externe Kühlwasserpumpe habe nicht funtktioniert. Kann behoben werden, denke ich. Wir verabschieden die Drei. Sie nehmen ihr Gepäck auf und verlassen das Schiff.

Neben der Kühlwasserpumpe des Generators treibt mich eine andere Frage um: Seekarten von der Mexikanischen Küste, den ganzen Golf bis zur US-Küste. Konnte ich in Deutschland nicht beschaffen. Hoffte auf die große und traditionsreiche Hafenstadt Havanna. Wir kommen am Marina-Oficina vorbei.

»Moment, ich muss mal schnell was fragen.«

Cornelia wartet vor der Tür. Drinnen hinter der Theke eine gertenschlanke junge Dame in grüner Uniform. Kaffeebraun, makellos, schwarzes Haar, dunkle Augen. Und diese Lippen!

Erstmal tief durchatmen.

»I am looking for maps. Mapas para navegar.«

Diese Wimpern. Garantiert nicht angeklebt.

»Hay una tienda en la barria de puerto de Habana. Mira aquí esta la dirección.  Librería Fayad Hamis, Calle Osbispo, posiblamente también en Antigua Havana.«

Sie notierte die Adressen auf einem Zettel.

»Muchas gracias.«

»Und, erfolgreich?«

»Schauen wir mal. Zumindest zwei Adressen in der Stadt.«

Cornelia und ich finden ein Taxi. Ein dunkelgrüner uralter Chevrolet mit nicht enden wollender Motorhaube und diesem beinah barocken Kühlgrill aus den vierziger Jahren. Als Kind fand ich so ein Modell mal unterm Weihnachtsbaum. In Blau aus Blech, mit Kabelantrieb und Lenkung zum Hinterherlaufen. Und jetzt sitz ich drin! Die Fahrt geht an der Küste entlang und biegt dann in die prächtige Innenstadt ab in den breiten Paseo de Marti.

Typisch spanische Stadtanlage. Sie wurde paar Jahre nach dem Kolumbus hier aufgekreuzt war gegründet. Offiziell 1519 und zwar auf Veranlassung von Karl V. Der war gerade 19 Jahre alt und König von Spanien und dem Heiligen römischen Reich. Aber erst 1592 ernannte sein Nachfolger, König Philipp II. von Spanien Havanna zur Hauptstadt Kubas. Praktischer Stützpunkt für das weitere Vordringen der Europäer nach Westen.

Wir gelangen in das Hafenviertel. Der Chauffeur hält vor der Buchhandlung, die angeblich auch Seekarten im Angebot hat. Wir steigen aus.

Drinnen eine magere Dame mit grauer Lockenwolke, Brille. Kann ich hier Englisch erwarten?

»You offer maps for navigation at sea?«

Ein fragender Blick.

»Lo siento..«

Da muss Cornelia helfen.

»Tiene usted mapas para navegar en el mar?«

»Para navegar? Si si.«

Die Dame führt uns zu einer Tischkommode, zieht eine große Schublade auf. Da sind Seekarten drin! Seekarten von Kuba. Ostteil, Nordküste, Westteil, Santiago de Cuba, Südteil.

»Mapa de Mexico? Yucatan? Golfo des Mexico?«

»Lo siento no. Solo Isla Cuba.«

»Que mal suerte. Gracias.«

Pech gehabt.

Die zweite Adresse. Wir fragen uns durch. Auf dem Weg gibt es viel Musik. Flotte Rhythmen von Gitarren und Flöten. Dann stehen wir vor dem Geschäft. Es handelt sich um einen Laden direkt am Hafenbecken, einen Laden, den ich für ein Antiquariat halten würde. Spezialgebiet Seefahrt. Bücher, Bilder, alte Positionslampen, Kerzenleuchter, Zirkel, eine historische Peilscheibe. Ein Senor, der die Revolution überlebt hat.

»Tiene usted mapas para navegar en el mar?«

»Si si. Alli.«

Ein uralter dunkler Schrank, wieder eine Schublade. Karten von Kuba. Alle Küstenabschnitte.

»Mexico?«

»Lo siento…«

»Was machen wir jetzt?«

»Nachdenken. Vielleicht findet sich noch eine Möglichlichkeit.«

Wir schlendern durch weitere Straßen, in denen sich spanische Barockfassaden aneinanderreihen. Manche bunt und sauber herausgeputzt, viele dem Verfall nahe. Erinnern an die alte DDR.

In einer von Touristen heftig belebten Calle spricht uns ein kaffeebrauner Senor an. Sicher Mitte der Fünfzig, graumeliertes Haar, schwarzer Schnurrbart, dunkler Anzug mit weißem Hemd samt Krawatte.

»Darf ich Sie in unsere Bar einladen? Wir haben sehr interessante Angebote an Rum und Zigarren.« Einwandfreies Deutsch mit sächsischem Tonfall. Moment mal, wir sind auf Kuba und nicht in Dresden.

»Danke, das klingt verlockend. Wo ist die Bar denn?«

»Da drüben, bitte sehr.«

»Sie sprechen sehr gut Deutsch.«

»Hab ich in Leipzig gelernt. Habe dort Maschinenbau studiert.«

»Das finde ich ja gut. Und jetzt hier in Kuba?«

»Leider keine Arbeit für Ingenieure. Bin jetzt Direktor dieser Bar dort.«

Ein sehr malerischer Laden, stilvoll eingerichtet, dunkles Holz viele Spiegel. Eine unüberschaubare Menge an Rumsorten in verschnörkelten Regalen. Blankpolierte Holzkistchen und edle Schatullen mit erlesenen Zigarren.

Der Bardirektor leitet uns an einen Angestellten weiter. Der junge Mann öffnet einige der Schatullen. Duftwolken aus einer Welt aus Tabak. Kindheit poppt auf in meinem Kopf. Mein Vater hatte das Elternhaus mit Zigarrenrauch erfüllt, Tag für Tag, all die knapp zwanzig Jahre, die ich dort verbracht hatte.

Und jetzt? Ich habe dem Tabak längst entsagt. Und für Rum war der Tag noch zu jung.

»Muchas gracias, quizas mas tarde.«

Wir kommen an einem Supermarkt vorbei. Moderner Laden. Große Schaufenster. Drinnen Regalreihen und diese voll mit buntem Zeugs. Sieht nach großem Sortiment aus, von draußen.

Ein paar Meter weiter bietet ein Café schattige Plätze in einem Innenhof an kleinen grünlackierten eisernen Rundtischchen. Eine Tasse Kaffee, ein Stück Pastel für jeden.

Am Nebentisch sitzt ein junges Paar. Eine zierliche Schönheit mit dunklem Teint, lange schwarze Mähne, ein kräftiger Kerl. Die Frau umsorgt ein Baby im Arm. Ein ziemlich neuer Mensch, keinen Monat alt, meine ich. Cornelia meint zwei mindestens. Wir haben selber drei Kinder großgezogen. Ist schon eine Weile her. Die fünf Enkel waren auch mal so klein.

»Que lindo, que dulce.«

Cornelia spricht besser spanisch.

»Gracia, muchas gracias.«

Die Mama gibt dem Kleinen die Brust. Was für ein Bild in diesem lauschigen Café mit den alten Palmen und den tropischen Topfpflanzen im Hintergrund.

Die junge Frau sieht uns mit einem unglaublichen Augenaufschlag offen an. Eine Karibikschönheit.

»Tenemos un problema.«

»Que problema?«

»No leche para el niño. Esta es no suficiente.«

»Pero allí en el supermercado?«

»Was ist los? Was sagt sie?«

»Sie hat zu wenig Milch.«

»Bettelei?«

»Weiß nicht. Sie tut mir leid. Zu wenig Milch ist gar nicht gut.«

»Vielleicht haben sie einfach kein Geld. Ich geh rüber in den Supermarkt.«

Die Regale sind wirklich voll. Putzmittel für Bad, Küche, Kosmetik, Duschgels. Reihenweise Rumflaschen, Zigarren für Touris, Seifen. Plastikspielzeug, Bürsten, Besen, Kaffee.

An der Fleischtheke hinter Glas ein angeschnittener gekochter Hinterschinken, vier Paar dunkle Würste, eine Art Salami. Eine rundliche Dame mit weißem Papierhütchen im schwarzen Haar putzt die Arbeitsfläche mit Hingabe.

»Lo siento, perdoname.«

»Di me.«

»Leche, milk, I need milk, leche.«

»Leche? Oh. Si. Quizas próxima semana.«

»No leche?«

»No hoy no. Quizas próxima semana.«

»Gracias.«

Zurück im Café. El nino quäkt verhalten im Arm der schönen jungen Mama.

»Es gibt keine Milch. Erst nächste Woche, vielleicht.«

»So wird es wohl auch in der DDR gewesen sein.«

»Bescheuerte Planwirtschaft.«

»Hay no leche, verdad?«

»Lo siento no.«

Wir wollen weiter, bezahlen. Ich kann nicht anders und drück dem Papa einen zehn CUC-Schein in die Hand.

»Proxima semana, supermercado.« Ich deute auf den Laden. Ich weiß noch nicht, dass das eben ein halbes durchschnittliches Monatseinkommen war. Er bedankt sich jedenfalls sehr herzlich.

Ein paar Ecken weiter. Souvenirläden mit Bildern von Fidel Castro und Ché Guevara, Erinnerungen an José Martí, dem literarischen Freiheitskämpfer Kubas im 19. Jahrhundert. Ein Schwarzweißfoto taucht immer wieder auf: Ernest Hemingway mit Fidel Castro. Immer dasselbe Motiv. Castro in seiner Revolutionsuniform, Hemingway eher beiläufig distanziert. Lässt vermuten, dass es nicht so viele Begegnungen gab.

Hemingway hat ein Jahr nach der Revolution das Land verlassen. Es heißt, er habe seine wunderschöne und geliebte Finca La Vigía vor den Toren Havannas dem Staat geschenkt. Andere Varianten das Anwesen loszuwerden, dürften schwierig geworden sein. Die Kommunisten haben Privatbesitz weitgehend abgeschafft. Zwanzig Jahre hatte er dort verbracht. Er ging nach Ketchum in Idaho, USA. War schwer krank. Er hat sich dort am 2. Juli 1961 erschossen, neunzehn Tage vor seinem 62. Geburtstag. 

Noch ein paar Meter weiter und wir stehen vor der Bar La Floridita. Das war eine Weile sowas wie Hemingways  zweites Wohnzimmer hier in Havanna. Die Stammkneipe des Nobelpreisträgers. Der Staat hat dafür gesorgt, dass die Erinnerung daran nicht untergeht. Als lebensgroße Bronzeplastik lehnt Ernesto dort lässig in der Ecke an der Theke.

Jetzt muss natürlich ein Daiquiry her, egal wem und was die Stunde schlägt. Hat den Vorteil, dass die feine Bude noch nicht restlos voll ist. Die Ober im schwarzen Smoking mit Fliege oder schwarzer Weste. Gutes Gefühl im Kometenschweif des großen Autors. Man kann ihm den Arm um die Schulter legen.

Der Daiquiri! Soll Hemingways bevorzugter Drink gewesen sein. Das leere Glas schreit eigentlich nach einem nächsten. Wir wollen aber noch mehr sehen. Und Hunger meldet sich.

Ein Stück Richtung Handelshafen findet sich ein günstigeres Restaurant. Dort begegnet uns die Musikalität der Kubaner sehr direkt. Zwei Gitarren, ein Banjo, Männer in den Vierzigern fangen uns ohne Umschweife am Tisch mit ihren poetischen Melodien und Rhythmen ein. Sie machen das perfekt. So leicht, so schwungvoll mitreißend, und traurig. »Y tu querida presencia, comandante Ché Guevara…« natürlich »Guajira Guantanamera.« Ich bin hingerissen.

Die drei grinsen fröhlich. Der erste Gitarrist, offenbar der Chef, pechschwarzes Haar, ebensolcher Schnurbart, fummelt eine CD aus der Tasche. Bunte Bilder zeigen die Truppe vorn drauf und hinten die Titelliste. Muss ich haben. Zehn CUCs. Kann ja nicht wissen, dass diese Rhythmen jahrzehntelang bei mir an Bord bleiben werden. Gute Investition.

Mein Telefon dudelt.

»Hi Hermann, captain!« Ach der Andrew!

»Hi Drew, where are you?«

»At the airport. We just arrived.«

»Nice. We are in the city of Havanna. We will return to the ship. Marina Hemingway. At the bassin two.«

»Okay, thanks. See you soon.«

»Sie sind da. Andrew und Jenny. Sind am Flughafen.«

»La cuenta por favor.«

Wieder ein Oldtimer-Taxi.

Wir sind früher als Andrew und Jenny auf der DAISY. Die beiden wollen uns bis Isla Mujeres in Mexiko begleiten.

In Montegobay waren sie zum ersten Mal an Bord gewesen. An der blitzenden Theke im noblen Yachtclub von Montegobay hatte er mich angesprochen. Etwa Mitte zwanzig, sportlich kräftiger Typ, mittelblondes gewelltes Haar, blaue Augen, paar Zentimeter kleiner als ich. Eine dunkeläugige schmale junge Dame mit mehr als schulterlangem schwarzen Haar hockte neben ihm.

»You are the captain of the DAISY right?«

Weiß der Geier, woher er das wusste.

»Yes. That’s right.«

»My name is Andrew. And this is Jenny.«

»Nice to meet you. My name is Hermann.«

»We are looking for an opportunity to sail a bit.« 

Gut. Wir segelten eine Woche zusammen nach Negril in Westjamaika und wieder zurück. Sie stammt aus Rumänien und arbeitet als Programmiererin auf Jamaika. Drew kommt aus Pennsylvania. Hat als Student ein Jahr im Peace-Corps als Entwicklungshelfer auf Jamaika gearbeitet.

Der kurze Törn hat den beiden gut gefallen und der Bordkasse auch. Ich lernte den schönsten Strand kennen, den ich je gesehen habe: Die Westküste Jamaikas. Und einige der Buchten auf dem Weg dorthin in Westjamaika. Herrlich. Außerdem schwamm mir Maria zu vor dem weißen Strand von Negril. Ehemalige Pädagogin aus Oberbayern. Fabelhafte Person. Eine andere Geschichte. 

Zurück in Montegobay fragte Drew, ob sie nochmal mitsegeln dürften.

Havanna - Mexiko war noch frei und weiter über den Golf von Mexiko bis New Orleans. Erst dort wird mich eine neue Crew erwarten.

»Oh, we have only one week and the money, you know…«

»Yes, I understand. Okay till Isla Mujeres?«

Es war abgemacht. Sie würden in drei Wochen nach Havanna kommen, um mit mir und Cornelia nach Mexiko zu segeln. Ausflüge auf Yukatan sollten die Reise abrunden.

Jetzt sind sie da. Die paar Tage in Jamaika werden wieder lebendig. Ein gutes Team.

»Take your cabin in the front again.«

»We like to see the city too.«

»Of course let’s take a taxi if you are ready.«

Die jungen Leute richten sich ein. Cornelia erholt sich von der Rumlatscherei in der Stadt.

Mich plagt immer noch eine Sorge: Seekarten von der mexikanischen Küste! Also lauf ich das Hafenbecken Nummer zwei entlang. Es findet sich eine ganze Reihe Yachten mit den Stars and Stripes am Heck. Erstaunlich, wo doch die USA offiziell fast sowas wie eine Kontaktsperre gegen Kuba erlassen haben. Soll ich noch kennenlernen.

Auf den Booten sind jetzt keine Menschen zu sehen. Bis ich vor einem großen weißen Katamaran stehe. USA-Flagge am Heck. Ein Kerl mit Preisboxerfigur an die zwei Meter hoch, sehr kurz geschorenes blondes Haar verblasste vielleicht rosa gewesene Bermudashorts, hellgrünes T-Shirt. Er spritzt gerade den landseitigen Rumpf ab.

»Hello!«

»Hello, How are you?«

»Fine. Nice ship. You ‘ll stay long here?«

»Some days I think.«

»Arrived from the states directly?«

»No. Dom Rep. But from Texas, originally. Where you from?««

»I sailed over from Europe. I am German.«

Er dreht den Wasserstrahl an der Spritzdüse ab.

»Germany! Thats far. Nice to meet you. My name is Jeff.«

»Nice to meet you Jeff. My name is Hermann. I have a little problem.«

»Can I help?«

»I am looking for maps of Mexico. I thought…«

»Turn off the tap please, and come on board.«

Der Wasserhahn ist ein uraltes Schraubmodell. Aber funktioniert.

»Come on board!«

Schon steh ich an Deck. Kräftiger Handschlag. Er erklärt, dass er schon einige Karten von der westlichen Karibik an Bord habe. Aber er könne sie nicht aus der Hand geben. Aber ich könnte sie ja fotografieren. Was für eine geniale Idee. Ich habe einen Drucker an Bord.

»I am back in a minute.«

Mit meiner Digitalkamera einer ziemlich neuen Canon EOS 250 kehre ich zurück.

Ein tolles Gerät dieser Kat. Jeff lädt mich in den Salon ein. Ein richtiger Schreibtisch als Navigationszentrale. Er sei schon etliche Jahre in der Karibik unterwegs. Boote kaufen und verkaufen sei sein Job. Er klappt den Navitisch auf.  Da liegt ein dicker Stapel Seekarten.

»What do you like? Coast of Mexico?«

»Yes, Yucatan, Isla Mujeres, Coast of Louisiana, New Orleans and Mississippi.«

Er entdeckt meine noch immer sehr deutlich sichtbare Naht an meinem rechten Unterarm.

»What happens to you?«

»Pirates. A machete.«

»Where?«

»Chateaubelair, St. Vincent.«

»Oh, I know. I am sorry. Caribean is dangerous.«

Er findet eine Karte von Yucatan mit Isla Mujeres. Ich fotografiere die Karte.

»I had some meetings with pirates too. Not funny.« Er findet eine Karte von der Küste zwischen Louisiana und Mississippi. Die Kamera klickt.

»Since the first attack I have eleven guns with me.«

»What? Eleven guns?«

»Yes I don’t have time to go in the kitchen, you know. To save my live I had to shoot five people.« Er klappt den Navitisch zu.

»Five?«

Vor Venezuela hätte sich ein Fischerkahn seinem Schiff genähert. Außerhalb der Hoheitsgewässer, hohe See. Er habe das Fernglas benutzt. Drei Männer an Bord des Kahns und er allein auf seinem Kat. Sie hätten Langwaffen rausgekramt, Flinten, Gewehre. Er sei in Deckung geblieben und habe sie angeschrien: »Stay away!« Aber sie hätten weiter direkt auf ihn zugehalten. Da habe er erst in die Luft geschossen. Das habe die aber nicht beeindruckt. Sie wollten ganz offenbar seinen Kat entern. Da habe er gezielt geschossen. Die drei seien in ihren Kahn gestürzt und er habe seine Fahrt unbehelligt fortgesetzt.

»You know. On high sea it is dangerous. There is no police, no law.«

»And the other two?«

»A different case. In the waters of Honduras. Again fishermen.«

Diesmal seien es zwei Typen gewesen. Wieder mit Gewehren bewaffnet. Auch sie hätten auf die Warnung nicht reagiert. Als sie regungslos in ihrem Kahn lagen, habe er die Küstenwache von Honduras verständigt. Ziemlich bald sei ein Küstenwachboot aufgekreuzt, sei längsseits an den Kat gekommen. Die Beamten hätten den Fischerkahn untersucht, den Tod der beiden festgestellt. Sie hätten ein kurzes Protokoll geschrieben, das er unterzeichnet habe. Sie hätten eine Gebühr von fünfzig Dollar kassiert und seien mit dem Kahn im Schlepp Richtung Küste zurückgedampft.

»Therefore, I have eleven guns on my boat one in every corner.«

Freilich nicht hier im Hafen. Da müssen alle Waffen abgegeben werden. Man bekommt sie bei der Ausklarierung wieder. Aber das soll ich erst später rauskriegen.

»Thanks a lot Jeff! I will buy a gun too!«

Es funktioniert prima. Zurück an Bord übertrage ich die Bilddateien aus der Kamera auf den Laptop, formatiere sie und druck sie auf dem kleinen Printer aus. DIN A4 und in Farbe. Natürlich mehrerer Blätter, um die ganze Region zu überblicken. Was brauchst du mehr?

Spanischer Barock und Klassizismus im turbulenten Zentrum von Havanna auf Kuba.
Spanischer Barock und Klassizismus im turbulenten Zentrum von Havanna auf Kuba.

Ein lebhafter bunter Abend in Havanna. Wir finden ein Lokal mit Flamencobühne. Knallvoll der Laden. Kein Wunder. Der Tanz der jungen Leute in spanischen roten und gelben, violetten und blauen enganliegenden Flamencotrachten verzaubert, die Rhythmen gehen ans Herz. Kastagnetten und harte Schuhabsätze, elegante Disziplin. Feuer und Flamme.

Der Tag der Abfahrt. Die Kühlwasserpumpe des Generators läuft wieder. Es war die Stromversorgung. Um elf finde ich den Dockmaster. Er organisiert das Auslaufen. Erst kommen zwei Beamte der Immigration an Bord. Crewliste schreiben, Despacho ausstellen. Das Dokument, das bestätigt, dass wir Kuba verlassen.  Danach kontrollieren zwei Zollbeamte das Schiff. Nicht, dass irgendeine unverzollte Zigarre herumliegt! Oder eine Flasche Rum? Nichts dergleichen. Dann die Polizei. Könnte sich ja ein Kubaner oder eine Kubanerin illegal aus dem Staub machen.

Es wird viertelnachzwei bis zum Motorstart.

Ablegen.

Ein Glück, dass die Crew sich schon auskennt an Bord. Andrew und Jenny holen die Leinen ein.  Ich muss DAISY umdrehen in dem kanalähnlichen Hafenbecken. Dreißig Meter reichen, um ein achtzehneinhalb Meter langes Schiff umzudrehen. Bei Seitenwind aus Ost. Sie dreht schön auf der Stelle um den gemäßigten Kurzkiel.

Raus aus dem Hafen.

Draußen an der Ansteuerungstonne, in den Wind drehen und Großsegel und Besan hochkurbeln.  Ein Meter Welle, drei bis vier Beaufort aus Nordost. Die Welle geht gegen den Strom, das macht sie steil. Hier läuft der Golfstrom aus dem Golf von Mexico. Gegen den wollen wir nach Westen segeln.

Das wird ein Vorwindkurs mit drei Segel. Wir brauchen einen Windeinfall von weniger als hundertzwanzig Grad. Das klappt bei einem Kurs von zweihundertsechzig Grad. Aus der Pantry liefern Drew und Jenny Krautsalat mit Schinken und Knoblauchbrot. Cornelia legt sich in die Koje. Der Seegang.

Um zehn vor drei stell ich die Maschine ab. Die Fahrt durchs Wasser sieht klasse aus. DAISY rauscht mit der Welle durch die tiefblaue Karibik, schleudert die weißen Seen zur Seite. Nur der Blick auf das GPS in der Navi unten ernüchtert stark: Gerade mal viereinhalb Knoten über Grund kommen wir nach Westen voran. Da fehlen einfach die zwei Knoten, die uns der Strom klaut.

Hat der Nordostpassat hier einen neuen Tarifvertrag? Keine Nachtarbeit mehr? Kurz vor Sonnenuntergang stellt der Wind jedenfalls die Arbeit ein. Nichts mehr los. Nur noch Strom in die falsche Richtung. Genua weg, den Sechszylinder starten. Aus der Pantry kommen Gemüsesuppe mit Nudeln und Reis und scharfer Chorizo. Die Wacheinteilung wird verwirklicht. Dafür sind wir im Grunde zu zweit. Andrew und ich. Er wacht mit Jenny zusammen, ich allein.

Wir müssen uns weiter von der Achse des Stroms entfernen. Mit einem Kurs von zweihundertfünfzig Grad sollten wir weiter vom Zentrum wegkommen. Unser Brummbär mit seinen hundertdreißig Pferdestärken schafft bald fünfkommasechs Knoten. Als wir das erreichen, ist es halbvier in der Nacht.

Es weht ein Lüftchen aus Südwest. Nach dem Frühstück sieht es wieder anders aus. Süd mit drei Beaufort. Genua raus. Um zehn kann der Ford wieder schlafen. Kurs zweihundertsechsundvierzig Grad mit vier Knoten über Grund. Der liebe Südwind hält nur bis zwei nachmittags.

Genua weg, Maschine an.

Die brummt bis acht abends. Davor gibt es Pasta mit Thunfischsoße und Salat. Mit etwas Weißwein, Frischkäse und viel Pfeffer und Salz. Das kann der Skipper am besten. Der Wind kommt nun aus Nord und nimmt zu. Die DAISY rauscht kraftvoll durch die Finsternis. Einen Windmesser gibt es nicht an Bord. Die Kämme draußen aber werden immer weißer.

Vormittags um zehn reißt es rundumher die Gischt von den Kämmen. Ein satter Sturm. Wir reffen, das Groß ins dritte Reff, die Genua auf weniger als ein Drittel. Das Reffen geht nicht ohne Segelknallen. Für eine Segellatte wird es zu viel: Sie bricht in zwei Teile. Besan ist ganz weg.

Wind und Seegang kommen von steuerbord. Das GPS in der Navi zeigt schwarz auf weiß zehn Knoten Speed over Ground, Kurs zweihundertdreißig Grad. Es geht nach Mexico hinunter.

Die dreißig Tonnen der DAISY wiegen sich gelassen und deutlich nach backbord gekrängt im aufgewühlten Meer. Bugseen fliegen in die schwarze Nacht, die Böen lassen die Wanten pfeifen. Keine Sterne am Himmel. Finsternis rundumher, nur die Positionslampen beleuchten ein paar Meter Meer, das Kielwasser weiß und am Bug sprühen grüne und rote Funken.

Argomento Macheten und Kanonen

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