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Newsletter ZEHN

Ein kleines Jubiläum: schon die zehnte Ausgabe meines Newsletters in deinem Postfach. Und das Jahr ist auch schon zu Ende. Seit ungefähr 2020 habe ich ja das Gefühl - es wird jedes Jahr schlimmer. Also global betrachtet. Weiß jetzt nicht, ob 2025 furchtbarer ist als 2024. Geil war es jedenfalls nicht. Trump ist Trump. Putin ist Putin. Die Rechtsextremen sind trotz aller Warnungen weiter auf dem Vormarsch. Die Klimakrise interessiert auch niemanden mehr so richtig. Jedenfalls niemanden, der in der Regierung sitzt. Wie wird 2026? Wird Jens Spahn Kanzler von Gnaden der AFD? Wird die Demokratie in den USA endgültig begraben? Schaffe ich mir wieder eine Katze an?

Ich dachte, es ist mal Zeit für eine kleine Pause. Über Weihnachten hat man ja ohnehin andere Dinge zu tun als Newsletter zu lesen. Essen und Geschenke auspacken und Darts-WM gucken. Dafür gibt es heute besonders viel zu lesen. Der nächste Newsletter kommt am 12. Januar.

Außerdem möchte ich nochmal erwähnen: Der Newsletter ist und bleibt umsonst. Man kann mich aber unterstützen, für nur 5 € im Monat, und zwar in dem man Mitglied wird…

WAS IST NEU?

Oder: Was ist alt?

In nächster Zeit feiere ich gleich zwei Jubiläen. 20 Jahre Lesedüne nächste Woche. Wirklich - 2005 gründeten wir unsere Lesebühne. Die immer noch monatlich in Berlin im SO36 stattfindet. Es ist krass. 2005… YouTube ging in diesem Jahr online. Die SPD VERLOR mit über 34 Prozent die Bundestagswahl und Angela Merkel wurde Bundeskanzlerin. Trump heiratete Melania. Ein Bayer wurde Pabst. Das erfolgreichste Lied 2005 war Schnappi, das Krokodil.

Außerdem feiere ich noch mein eigenes Jubiläum. Seit 10 Jahren stehe (oder eher: sitze) ich mit Soloprogrammen auf der Bühne und fahre durch die Republik, um überall, wo sie mich haben wollen (und auch da, wo sie mich nicht wollen) meine Geschichten vorzulesen. Neulich bin ich in drei Tagen insgesamt 24 Stunden Bahn gefahren. Es ist nicht immer schön. Am 19. Februar feiere ich das gebührlich. (Si apre in una nuova finestra) Das Bahnfahren und das Auftreten. Mit Überraschungsgast. Und natürlich im SO36 in Kreuzberg.

Alt und neu. So wie Weihnachten. Kenn ich, hab ich schon ein paar Mal gefeiert… mit kleinem Kind ist das jedoch inzwischen was Anderes. Mein Sohn freut sich wirklich sehr auf Weihnachen. Also natürlich auf die Geschenke. Aber auch über Lichterketten, vor allem die neonblaue, blinkende unseres Nachbars. Neulich schlug er mir vor einen riesigen aufblasbaren Schneemann zu kaufen, der bei REWE im Eingangsbereich steht. Leider unverkäuflich, meinte die nette Mitarbeiterhin. Also dann doch sieben Schokoweihnachtsmänner wie sonst. Er mag wirklich alles an Weihnachten. Weihnachtsbaumkugeln müssen glitzern und Sterne in allen Farben blinken. Heimlich isst er die Schokolade aus meinem Adventskalender. Und ist sich keiner Schuld bewusst. Irgendwann müssen wir mal anfangen mit diesem “Erziehen”. Muss mal googeln wie das geht.

DIE TELEFONATE

1

Meine Mutter ruft aus meiner Heimatstadt Freiburg an.

„Ich wollte nochmal die Geschenke für Weihnachten besprechen, Sebastian.“

„Aber dann ist es ja gar keine Überraschung mehr!“, rufe ich.

„Sohn, seit 20 Jahren überweisen wir dir am 23.12. dein Weihnachtsgeschenk. Was soll daran eine Überraschung sein?

„Die Summe. Ich dachte, dieses Jahr wäre mal Zeit für einen Inflationsausgleich.“

„Wie bitte?“, ruft mein Vater von hinten.

„Lebensmittel sind in den letzten Jahren um 30 Prozent teurer geworden. Und Energiepreise und Mieten erst. Da müssen auch die Weihnachtsgeschenke angepasst werden.“

„Für uns ist genauso alles teurer geworden!“, sagt meine Mutter.

„Naja, eure Generation hat ohne Rücksicht die Natur ausgebeutet und die natürlichen Ressourcen fast aufgebraucht. Auch ein Grund, warum alles teurer geworden ist. Da wäre es mal an der Zeit, etwas zurückzugeben.“

„Wir fliegen aber nicht für einen zweitägigen Städtetrip nach Amsterdam und kaufen auch nicht alle zwei Jahre ein neues iPhone und einen neuen Computer wie der Herr Sohn.“

„Ich brauche das für meinen Beruf!“, rufe ich.

„Du brauchst das hier für deinen Beruf. Die Elterntelefonate. Was du sonst noch schreibst, interessiert eh keinen.“

„Das ist gemein! Vergesst nicht, liebe Eltern, dass Weihnachten das Fest der Liebe ist.“

„Na dann kriegst du dieses Jahr ganz viel Liebe“, ruft mein Vater und legt auf.

2

Die Kita meines Sohnes ruft an.

„Herr Lehmann", sagt die Erzieherin, „ich wollte mit Ihnen über ihren Beitrag im Kita-Chat reden.“

„Über welchen?“, frage ich. „Den, wo ich dafür plädiere den Kindern statt Fleisch lieber Süßigkeiten zu geben.“

„Den kenn ich ja noch gar nicht...“

„Ja, der ist neu. Hat schon 634 Antworten.“

„Schön. Nein, den davor“, sagt die Erzieherin.

„Ach Sie meinen den hier: Heute beim Abholen haben Marcus und mein Sohn mit einer Spielzeug-Teekanne aus Holz auf mich geschossen. Das fand ich traurig. Ich würde deswegen anregen, dass die Kita richtige Waffen anschafft.“

„Herr Lehmann, das kann nicht Ihr Ernst sein!“

„Es gibt da wirklich tolle Sachen für Kinder“, lasse ich mich nicht beirren. „Kleine Kalaschnikows und SWAT-Sturmgewehre. Und sogar Scharfschütz-Gewehre, um die Kita-Freunde von hinten  umzunieten."

"Das kommt auf keinen Fall in unsere Kita!“

„Unsere Söhne sollen doch wieder zur Bundeswehr. Darauf muss man sie doch vorbereiten. Und für Mädchen ist auch gesorgt: Ich hab ein Polizei-Kostüm mit Minirock, Handschellen und Schlagstock gefunden.“

„Das ist ja furchtbar!“

„Ich habe als Kind auch nur Krieg gespielt. Und geschadet hat es mir nicht.“

„Männer, die sagen, dass ihnen etwas Schlimmes nicht geschadet hat, haben meistens einen Schaden2, sagt die Erzieherin. „Sie sind dafür das beste Beispiel.“

„Letztes Jahr wurde in der Kita ein Kaufladen mit Kasse und Spielzeug-Geld angeschafft. Sogar Karten-Zahlung ist möglich. Es ist also okay, den Kindern den Kapitalismus beizubringen. Aber wie schützt sich der Kapitalismus vor Eindringlingen? Waffen! Frontex verteidigt die EU-Außengrenzen nicht mit Spielzeug-Teekannen.“

„Ich verstehe, Herr Lehmann. Das soll Satire sein. Sie wollen die Doppelmoral der westlichen Welt entlarven. Ich frage mich nur, ob unser Kita-Chat dafür der richtige Ort ist."

„Satire klingt gut“, sage ich. „Darauf bin ich gar nicht gekommen. Dann schicke ich die ganzen Waffen wieder zurück an Amazon. Und schreibe in den Chat, dass es nur eine Satire-Aktion war.“

„Und das mit dem Fleisch auch, oder?“

„Warum? Haben Sie schon von den schrecklichen Bedingungen in der Massentierhaltung gehört? Davon gibt es auch schöne Videos. Die könnte man in der Kita mal zeigen. So ein Bolzenschussgerät, das den Kopf eines kleinen Kalbs...“

Aber die Erzieherin hat schon aufgelegt.

3

Meine Mutter ruft aus meiner Heimatstadt Freiburg an.

„Und was macht ihr dieses Jahr an Silvester?“

„Jetzt fragt schon meine Mutter diese schlimmste aller Fragen“, rufe ich. „Ich hasse Silvester! Das ist ein Tag wie jeder anderer. Außerdem wird es jedes Jahr sowieso immer schlimmer!“

„Du bist also auf keine coole Silvester-Party eingeladen, Sebastian?“

„Nee, leider nicht.“

„Dein Vater und ich feiern Silvester ja dieses Jahr auf einem Schloss in Frankreich, mit 17-Gänge-Menü und Champagner-Tasting. Hat uns dein Bruder zu Weihnachten geschenkt.“

„Schön.“ Ich nehme ein Schluck alkoholfreien Rotkäpchen-Sekt und spucke ihn sofort wieder aus. „Ich bin gerne hier“, sage ich. „In Berlin ist Silvester immer ruhig und entspannt.“ Ich muss kurz weinen. „Letztes Jahr explodierte der erste Böller in meinem Briefkasten am 27.12. um 7 Uhr morgens - der letzte am 31. Juli um 3 Uhr nachts. Dazwischen brannte dreimal unser Dach und eine Kugelbombe verwüstete den Vorgarten. Das 10 Meter tiefe Loch ist jetzt ein kleiner See.“

„Ach, Sebastian. Das tut mir leid. Ich würde gerne noch weiter mit dir plaudern, aber jetzt kommt die Limousine, die uns zum Schloss fährt. Schönes Neues!“

Sie legt auf. In diesem Moment explodiert auf der Straße mein Auto.

SONGS FOR THE LEFTOVERS - Lieder, die ich gerade höre.

Thorsten Nagelschmidt & Lambert (feat. Sofia Portanet): Nie wieder Weihnachten (Si apre in una nuova finestra)

Thorsten Nagelschmidt ist eigentlich Sänger der Band Muff Potter und Schriftsteller. 2020 hat er ein hervorragendes Buch über (prekäre) Arbeiter*innen geschrieben. Sein neues Buch handelt von Weihnachten, seine wiederkehrende Depression im Vorfeld des Festes und einen Ausweg daraus. Nagelschmidt plant, über Weihnachten wegzufahren, nach Cran Ganaria, um in knapp zwei Wochen die komplette Serie „The Sopranos“ anzuschauen. Das Buch habe ich noch nicht gelesen weil es darin auch darum geht, warum Seriengucken nicht gut ist - und ich liebe Seriengucken. Ich sollte hier dringend auch mal die besten Serien empfehlen. Aber ich bin gerade etwas hinterher… Ich hoffe, ich kann über Weihnachten aufholen. Gerade habe ich „Pluribus“ auf Apple+ angefangen. Die neue Serie des Masterminds hinter „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“. Die fand ich beide grandios. „Pluribus“ ist so wahnsinnig abgefahren und verrückt und lustig und traurig und teuer - ich kann gar nicht glauben, dass Apple das produziert und durchwinkt. Dass sowas geht: Deswegen liebe ich Serien. Aber es geht hier ja um Nagelschmidt. Zum Buch hat er auch eine Spoken-Word-Platte veröffentlicht, zusammen mit dem Produzenten und Pianisten Lambert. Und die macht Spaß, Nagelschmidt rezitiert aus seinem Buch, dazu gibt‘s Beats und eingängige Refrains. Die sind lustig und manchmal kriegt er mich, weil ich jetzt auch nicht gerade Weihnachtsfan bin. Wird - wie gesagt - besser, jetzt mit Kind. Ich find‘s trotzdem noch schwierig. Ich mag einfach keinen Ausnahmezustand. Lieber sind mir die Tage zwischen Weihnachten und Silvester. Zwischen den Jahren, wie es so schön heißt. Diese gespannte Ruhe. Die leere Stadt. Die Dunkelheit. Manchmal klingt Nagelschmidts Musik ein wenig wie die Band Die goldenen Zitronen. Aber das ist ja eine gute Referenz. Aber nie wieder Weihnachten? Auch kein Ausweg.

BUCHEMPFEHLUNG

Sven Nordquist: Petterson kriegt Weihnachtsbesuch

Mal ein Kinderbuch! Die Geschichten um den frechen Kater Findus und den kautzigen Bauern Petterson sind bei meinem Sohn schon länger sehr beliebt. Das finde ich gut, denn ich mag die Bilderbücher auch. Sie sind nie kitschig und erzählen auf lustige Weise vom Zusammenleben mit einem kleinen Kind. Denn Findus ist natürlich der Sohn und der alte Petterson der liebende Vater, der alles für sein verzogenes Kater-Kind machen würde. Macht er auch. Einmal baut er ihm sogar eine Rakete, mit der Findus zum Mond (hinter dem Schuppen) fliegt, um dort die Mondhühner zu besuchen und zu picknicken. Das Weihnachtsbuch mag ich besonders. Unaufgeregt erzählt es davon, dass wir nicht allein sind in dieser Welt. Nicht mehr und nicht weniger. Und vielleicht ist ja genau das die frohe Botschaft von diesem anstrengenden Weihnachten. Fände ich jedenfalls schön.

WAS STEHT AN?

Am 22. Januar hat meine neues Programm Kleinere Katastrophen Premiere in Karlsruhe. Danach geht‘s damit auf Tour. Alle Termine auf www.sebastianlehmann.net (Si apre in una nuova finestra).

VIELEN DANK FÜRS LESEN.

Hab schöne Feiertage! Wir hören uns im nächsten Jahr. Bleib gesund.

Dein Sebastian.

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