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Daniel Wagner: »Trocken«: Leseprobe + Verlosung

Wir verlosen wieder ein Buch! 🎉 Diesmal Daniel Wagners Memoir Trocken. Wie ihr am Gewinnspiel teilnehmen könnt, lest ihr am Ende des Newsletters.

Als du mich zu einem letzten Gespräch gebeten hast, war ich betrunken.

Bei deiner letzten, so tröstenden Umarmung war ich betrunken.

Deine letzten Worte hast du an mein betrunkenes Ich gerichtet.

Ich war jedes verdammte Mal betrunken, als wir uns in deinem Sterbejahr sahen.

Ich war bei jedem Lächeln betrunken, ich war bei jeder Träne betrunken.

Ich war betrunken, als du gestorben bist, und ich war betrunken, als du beerdigt wurdest.

Es tut mir unendlich leid, Mama.

Dei Bua ist jetzt trocken.

Sucht

Gib mir irgendwas, egal was, das mich flüchten lässt, und ich gehöre dir.

Mit ungefähr sechs Jahren lernte ich Rollschuh fahren. Ordentlich versorgt mit Knie- und Ellbogenschonern. Das Rollschuhfahren an sich wusste mich nicht zu überzeugen. Mir gefiel es nicht, andauernd hinzufallen, und ich sah prinzipiell kein Problem im klassischen Zu-Fuß-Gehen. Ich konnte das erst seit ein paar Jahren und mir wollte die Notwendigkeit von herausfordernden Schuhen nicht einleuchten. Egal, denn was ich mochte, war das erleichternde Gefühl, meine Gelenke von den beklemmenden Schonern zu befreien. Ich liebte es. Ich liebte es so sehr, dass ich weiterhin Rollschuh fahren wollte, einzig aus dem Grund, dieses Gefühl wieder zu bekommen. Aber das reichte mir nicht. Ich fing an, mir einfach so Knie- und Ellbogenschoner anzulegen und mich möglichst lange damit, einmal über Nacht, zu malträtieren, um das selige Gefühl der Befreiung zu erfahren. Meine Eltern meinten irgendwann, dass ich es damit übertreibe, also begann ich meine Schoner heimlich, unter der Kleidung, zu tragen. Ich weiß noch, wie ich mich im Kasten in meinem Kinderzimmer versteckte und die Schoner dort abnahm. Zum Teil aus Scham, aber auch, weil ich allein sein wollte, mit mir und dem Moment. Diese fünf Sekunden nach dem Abnehmen, diese Handvoll Augenblicke der Freiheit und des Glücks, waren es mir wert, über mehrere Stunden zu leiden. Denn es war unangenehm. Es war heiß und es juckte und ich konnte meine Arme und Beine kaum bewegen. Aber das war es mir wert. Und im Wesentlichen beschreibt, was ich da erlebt habe, das Wesen einer Sucht. Sich selbst zu opfern, um sich lebendig zu fühlen.

Flüssig | Eins

Villach, 2017

Die Welt hat mich ausgekotzt und ich hab ihr die Haare gehalten.

Mit diesem Gedanken öffne ich schwerfällig meine verklebten Augen. Es ist irgendein beschissener Tag irgendeines beschissenen Wintermonats. Schmatzend versuche ich Speichel in meinem Mund zu produzieren. Da ist nichts als Dürre und Sehnsucht. Sehnsucht nach Flüssigkeit. Mein Körper fühlt sich völlig zerstört an. Ich nehme Schmerzen in so gut wie jedem Körperteil wahr und eine beklemmende Unruhe kommt in mir auf. Eine Unruhe, die mir quer durch mein Innerstes brüllt, dass ich flüchten muss. Diese abscheuliche Unruhe ist der letzte Antrieb, der mir geblieben ist. In meinem Bett schlafe ich seit Wochen nicht mehr. Vor mir, am Wohnzimmertisch, stehen ein Wasserglas und meine Sicherheitsbierflasche. Zur Hälfte ausgetrunken und raumtemperiert. Ich nehme einen Schluck vom Bier. Es würgt und es schüttelt mich. Ich nehme drei weitere Schlucke, halte kurz inne und nichts passiert. Die Unruhe, die mich geweckt hat, legt sich wieder schlafen und ich stehe auf. Von Schwindelanfällen geplagt, torkle ich in die Küche und zünde mir noch auf dem Weg eine Zigarette an. Das Bier nehme ich mit. Mein erster bewusster Blick richtet sich auf die Uhr am Backrohr in der Hoffnung, ausreichend geschlafen zu haben. Fuck.

Es ist fünf Uhr morgens. Dürften nicht mehr als zwei, vielleicht drei Stunden gewesen sein. Ich öffne frustriert das Fenster und rauche in den jungfräulichen Himmel. Auf dem Fensterbrett steht noch eines der Biere, die ich am Vortag an allen möglichen Plätzen in und außerhalb meiner Wohnung platziert oder versteckt habe. Die meisten davon sind offen und angetrunken. In diesem Bier ist vielleicht noch ein Drittel übrig. Ohne irgendeinen Zweifel greife ich zur Flasche und trinke sie aus. Ich muss mich konzentrieren, um den Inhalt in mir zu behalten, und versuche die Würgereflexe wegzuatmen. Es gelingt mir fürs Erste und das Wissen, zumindest ein wenig Alkohol in mir zu haben, beruhigt mich. Aber mit dem nächsten Zug an meiner Zigarette überfällt mich der morgendliche Hustenanfall. Es ist ein schwerer Husten, tief aus meinem geschundenen Körper, der sich gegen all das Gift zu wehren versucht, das ich ihm zufüge. Ich muss die Zigarette abtöten und beuge mich über das Waschbecken. Es würgt mich und es beutelt mich und ich ringe nach Luft, als ob ich unter Wasser getaucht würde. Ich bekomme Angst und möchte sofort etwas trinken, aber ich gehöre gerade dem Waschbecken. Ich umklammere es wie eine Geliebte und breche all das Schlechte dieser Welt aus mir heraus. Einem minutenlangen Kampf ausgesetzt, den ich verliere, sobald ich mich wehre, harre ich unter Krämpfen und Atemnot aus, bis es irgendwann endlich endet.

Es gelingt mir, mich aufzurichten, und ich spüle meinen Mund aus. Bloß um ihn im nächsten Moment wieder mit Alkohol zu füllen. Ich schwanke zum Kühlschrank, in dem drei offene Bierflaschen stehen. Die „Biere vom Vortag“. Die stehen da immer drin und sie gehen niemals aus. Ist ein Bier leer, wird eine neue Flasche geöffnet, angetrunken und mit der leeren ausgetauscht. Dieses System garantiert mir, dass ich immer wieder Schlucke nehmen kann, ohne Spuren zu hinterlassen. Unter Zeitdruck fülle ich, was ich getrunken habe, mit Wasser nach.

Ich nehme das Bier mit dem wenigsten Inhalt und trinke es aus. Es würgt mich kurz, aber ich behalte die Fassung und schlichte ein neues nach. Jetzt nehme ich das Bier mit dem meisten Inhalt, stelle mich wieder ans Fenster und zünde mir eine Zigarette an. Ich rülpse, schnaufe durch und versuche so gut ich kann in der Realität anzukommen. Mein Blick fällt auf meine Hand und ich sehe, wie sie zittert. Es ist zwar arschkalt, aber ich kenne dieses Zittern und es hat nichts mit der Temperatur zu tun. Hallo Suchtdruck, du einzige Konstante in meinem Leben. Während ich das Bier in immer größeren Schlucken trinke, gehe ich in meinem Kopf durch, wie viel Alkohol in der Wohnung ist. Sechs geschlossene und drei offene Biere im Kühlschrank, fünf in der Kiste, das da, nein, das nicht, zwei am Balkon in der Kiste, im Schlafzimmer ein paar Dosen, in der Abstellkammer zwei Liter Rotwein und eine angetrunkene 1,5-Liter-Flasche, im Rucksack eine Flasche Weißwein und natürlich die harten Getränke zur Not.

Ich komme zu dem Schluss, es sei zu wenig. In mir machen sich Angst und Überforderung breit, da ich mich jetzt mit einem Einkauf konfrontiert sehe. Gerade habe ich absolut keine Ahnung, wie ich das bewältigen soll, und ich fange an, panisch zu werden. Vom bloßen Gedanken daran beginnt mein Herz zu rasen und ich kann nur trinken, um mich zu beruhigen. Ich versuche mir gut zuzureden und gehe im Geist den Einkauf durch. Neben dem Leeren meines Bieres hilft mir der Gedanke, eine Flasche Rotwein in ein Tetrapak Multivitaminsaft umzufüllen und mitzunehmen. Das ist der Plan.

Während die Übergänge zwischen den Zigaretten beinahe nahtlos und die Gedanken in meinem Kopf immer lauter werden, setze ich mich an den Tisch und schalte den Fernseher an. Fuck. Noch zwanzig Minuten, bis meine Morgensendung losgeht. Zwanzig Minuten sind verdammt lange in einer Welt, deren Raum- und Zeitgefüge an einem Alkoholpegel hängen. Ich werde nervös und starre abwechselnd in den Fernseher und auf die Uhr an der Wand, während meine Gedanken beginnen, ihren eigenen Film zu drehen. Die Möglichkeiten eines neuen Tages sind Finger, die auf einen zeigen.

Ich brauche Rotwein.

Trocken (Si apre in una nuova finestra) ist bei Kremayr und Scheriau erschienen. Wenn ihr es gewinnen wollt, schreibt eine Mail mit dem Betreff Trocken an hallo@sodaklub.com (Si apre in una nuova finestra) Viel Glück!
··· Bitte beachtet, dass nicht-EU-Länder von der Teilnahme ausgeschlossen sind! ···

SodaKlub Live

16. Mai in Dresden (Infos folgen)

9. August in München auf dem OAMN-Sommerkongress (Si apre in una nuova finestra)

Mika Döring Live

3. April in Bielefeld, Vortrag im Rahmen des CRA-Kongress (Si apre in una nuova finestra)

24. April Online Talk zu ADHS & Sucht (Infos folgen)

Mia Gatow Live

29. April 19:30 Lesung in Hamburg: Cantina Fux+Ganz, 14 Euro

Argomento Bi-Weekly

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