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Kann man vom Internet nüchtern werden?

Mika macht weiter mit ihrem Digitalen Detox und denkt dafür jetzt obsessiv über das Internet nach. In diesem Text beantwortet sie die Frage aus dem Titel zwar nicht, aber ihr könnt trotzdem eine Mitgliedschaft abschließen und uns damit unterstützen.

Kann man vom Internet nüchtern werden?

Ich habe das Internet immer sehr geliebt. Das ist vielleicht eine bescheuerte Aussage, aber ich erinnere mich noch gut an meine kindliche Faszination, als ich zum ersten Mal in meinem Leben online war. Ich erinnere mich an die hart umkämpfte Zeit, die ich als Teenager dort verbringen durfte. Die Trennung von Internet und Telefonleitung erschien mir ähnlich revolutionär wie die Erfindung des Feuers; meine Freundinnen mit einem eigenen Computer wie die glücklichsten Menschen der Welt. In meiner langweiligen und behüteten Kleinstadtidylle machte das Internet meine Welt größer, weil ich dort mit interessanten Leuten die wirklich wichtigen Themen diskutieren konnte – vor allem Klassenkampf, Musik und psychische Probleme. Es erlaubte mir, mich auszuprobieren, eine andere Seite an mir zu entdecken und mich gleichzeitig vor dem, was in meiner direkten körperlichen Umgebung war, und ganz besonders vor mir selbst, zu verstecken.

Das Internet war für mich immer beides: Möglichkeit und Flucht. Ein Ort, um mich Menschen zu zeigen, und ein Ort, um mich vor ihnen zu verstecken.

Später schrieb ich meine ersten Texte ins Internet hinein und bekam Anerkennung dafür von Menschen, die ich nicht kannte. Wenn ich Probleme hatte, fragte ich Google nach der besten Lösung, und wenn mir langweilig war, suchte ich nach neuen Serien. Als die Zeit von Social Media begann, schaute ich begeistert zu, wie Menschen ohne nennenswerte Kontakte ihr Publikum fanden, und war dankbar, dass ich völlig kostenlos an ihren Ideen und Leben teilhaben konnte. Ich startete kleine Passion-Projects, wie zum Beispiel einen Web-Comic oder einen Account für die Persiflage von spirituellen Sinnsprüchen.

Scheinbar gibt es die Facebook Seite noch. Sie hat 15 Follower und ist über eine Dekade alt.

Hin und wieder schrieb ich geistreiche Kommentare. Einmal zitierte die New York Times einen Kommentar von mir. Auf dem Facebook-Account war die Frage gestellt worden, welches Buch uns mit uns selbst konfrontiert hätte, und ich hatte kommentiert: »Ulysses made me question my ability to read.« Clever. Und ein bisschen peinlich, wie genau ich das noch weiß. 

Im Internet fand ich mich selbst oft klüger, schlagfertiger und witziger. Ich bildete mir ein, ich hätte dort eine Coolness, die im echten Leben niemand haben kann, der einen Körper hat und findet, dass er die Arme irgendwie komisch hält. Es war leichter für mich, feministische Texte zu schreiben, als mit meinem schrecklichen Boyfriend schlusszumachen. Es war leichter für mich, einen Podcast über meine Alkoholabhängigkeit zu starten, als in eine Selbsthilfegruppe zu gehen. 

Wesen der Sucht

Es ist ja immer ein bisschen esoterisch, darüber herumzuphilosophieren, was das Wesen der Sucht ist. Sucht ist für unterschiedliche Menschen Unterschiedliches. Aber für mich – und darum geht es hier ja – ist es die Dringlichkeit, mit der ich mich aus meinem Leben, Körper oder Geist verabschieden will. Dieser Versuch, die menschliche Erfahrung zu umgehen und für dieses spezielle Jetzt nicht anwesend zu sein.

Das ist an sich natürlich absolut menschlich und kein gesondertes Problem der Suchtkranken. Jede:r hat ein Ding, um sich vorübergehend das Präsens zu verlassen – manche mehr, manche weniger. Es wäre zudem auch völlig absurd zu verlangen, immer für alles präsent zu sein. Wir sind ja nicht der Dalai Lama, und selbst der will wahrscheinlich hin und wieder »CSI: Miami« gucken, um den Kopf auszumachen. Aber ich habe genügend Erfahrung im Verschwinden, um sagen zu können: Größere Phasen von Abwesenheit bleiben nicht ohne Konsequenzen.

Natürlich war Alkohol in meinem Leben ungleich zerstörerischer als das Internet. Und doch haben beide gemeinsam, dass ich durch mein Verschwinden in ihnen einen großen Haufen an toter Zeit erzeugt haben – also Zeit, die ich zwar irgendwie rumgekriegt habe, in der ich aber weder Erfahrungen gemacht, noch mich entspannt habe. Und so wie es beim Alkohol nur an der Oberfläche um Trinkmengen, Leberwerte und Katertage geht, ist das eigentliche Problem mit dem Internet nicht die Screentime. Es ist all das, wovon man gar nicht merkt, dass man es nicht erlebt, der diffuse Schmerz, das eigene Leben zu verpassen. Das ist es, was beim Nüchternwerden so richtig kickt. Das ist es, wovon die meisten Leute überrascht sind: dass das Weglassen des Drinks auch Erfahrungen bereichert, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie damit zusammenhängen. 

Und deshalb frag ich mich – bei aller Liebe – kann man vom Internet nüchtern werden?

Und zum Abschluss noch ein Gif aus dem stillgelegten Webcomic-Projekt

Argomento Bi-Weekly

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