Das Auf-der-richtigen-Seite-Stehen als Gefühlsware im Kapitalismus
Von Jean-Philippe Kindler
Liebe Steady-SupporterInnen, anbei findet ihr den gesamten Umfang meines Essays, welches ich geschrieben habe, weil ich für den WORTMELDUNGEN-Literaturpreis vorgeschlagen wurde. Ich wünsche viel Freude beim Lesen.
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Als mein Vater im April 2024 starb, zerfressen vom Krebs, der innerhalb weniger Wochen von der Blase in Leber, Magen und Knochen geklettert war, hat es keine Woche gedauert, bis aus meiner Trauer Content wurde. Das Video, was ich über den Tod meines Vaters aufnahm, und bei Instagram hochlud, hat bis heute mehrere Millionen Aufrufe erzielt.
Ich erzähle, dass er so früh nicht hätte sterben müssen. Ich erzähle von medizinischen Fehlern im Krankenhaus, ich erzähle, mit einem Stabmikro in der Hand, von den Zuständen im Gesundheitssystem. Ich erzähle, dass die Heilung manch einer Krankheit sich betriebswirtschaftlich eher lohnt als die Heilung einer anderen Krankheit. Ich erzähle, dass die Gesundheit des Menschen keine Ware sein darf – und habe Recht.
Beinahe anderthalb Jahre später frage ich mich, ob meine Trauer Ware sein darf. Genauer: Ob ich möchte, dass meine Trauer Ware ist. Denn das ist sie, seit dieses Video existiert. Durch die Aufmerksamkeit, die dieses Statement bekommen hat, habe ich Tickets für meine Veranstaltungen verkauft, Menschen sind auf Merchandise-Produkte meinerseits aufmerksam geworden, und die Zahl derer, die mich und das mit Freundinnen und Freunden gegründete Medienkollektiv „Studio Rot“ unterstützen, ist auch wegen dieses Videos massiv gestiegen.
„Danke für dein Statement.“
Das ist bis heute der häufigste Kommentar unter dem Video. „Danke für dein Statement“. Ich habe lange darüber nachgedacht, was Menschen damit meinen. Es war wichtig für mich, das zu verstehen, da meine Bekanntheit auf der Veröffentlichung exakt solcher Statement-Videos basiert.
Das Statement ist purer Selbstbezug. Mit dieser Annahme beginne ich den Text. Mit der Annahme, dass das Statement nichts anderes will als die Moralität desjenigen zu vertexten, der es herausgibt. Es ist eine Gefühlsware[1] (Si apre in una nuova finestra) der Influencerinnen und politischen Aktivisten, für die Gutherzigkeit und politische Reinlichkeit zu einer wichtigen Währung geworden ist, wenn es darum geht, das (vermeintlich) politische Selbst öffentlichkeitswirksam zu kuratieren. Und was das für eine Ausstellung ist: Das bin Ich. Das bin Ich, wie ich gegen das bin, was im Kongo passiert. Das bin ich, wie ich gegen das bin, was Trump macht. Das bin Ich, wie ich mich solidarisiere, das bin Ich für die Freiheit für alle Unterdrückten dieser Welt.
Warencharakter hat die politische Selbstverortung via Statement deswegen, weil sich aus der Validierung derselben digitales Kapital erzeugen lässt. Ich weiß, wovon ich spreche, so bin ich mir doch recht sicher, dass auch meine Bekanntheit im Internet weniger darauf basiert, meinen Humor besonders gut in Reels und TikToks zu transportieren, das war meine Stärke tatsächlich nie. Viel mehr konnte ich meinen Followern deutlich machen, dass ich, vermeintlich, ein moralisch integrer Mensch bin, der sich für Geschwächte einsetzt. Auch ich habe mich mit Menschen solidarisiert, die ich wenig bis gar nicht zu Gesicht bekam: Das Publikum meiner Liveshows setzt sich bis heute fast ausschließlich aus jungen AkademikerInnen zusammen. Tatsächlich war dies Anlass genug, um diesen Text zu formulieren, so drängt sich doch in Zeiten der digitalen Massenverbreitung politischer Statements die Frage, inwiefern diejenigen, mit denen sich solidarisiert wird, dadurch diskursiv anwesender sind. Mein Eindruck ist ein Gegenteiliger.