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Trendlinien statt Schlagzeilen

Willkommen im Newsletter der Superredaktion – die (fast) monatliche Ration konstruktive Perspektiven, positive Botschaften und konkrete Anpackmaterialien für Menschen mit Lust auf Zukunft.

Heute: Medien. Wie die Welt uns erzählt wird, was wir dadurch übersehen, was das für unsere Handlungsfähigkeit als Gesellschaft bedeutet, gefolgt vom Fallbeispiel Rechtsextremismus – und einer konkreten Projektempfehlung, die deine Unterstützung gebrauchen kann: PRÜF (Si apre in una nuova finestra). (Wer direkt wissen will, was es damit auf sich hat, darf gern gleich runterscrollen bis zum Ende)

Warum Rechtsextremismus und nichts mit Klima, wir sind doch sonst immer Klima? 

Weil alle, die es heute mit Klima-, Arten-, Natur- und Menschenschutz ernst meinen, es auch mit dem Demokratieschutz ernst meinen müssen, denn ohne letzteres ist das erste nicht zu haben.

Aber bevor wir anfangen mit dem Ernst meinen: Wie immer eine Handvoll gute Nachrichten.

Inhalt

  • Froher werden. Die guten Nachrichten

    • UK wieder Pionier

    • Verbrenner-Aus-Aus-Aus

    • Klimakonferenz in Belém: Frust im auf der großen Bühne, Erfolge auf den Fluren

  • Trendlinien statt Schlagzeilen. Das Thema des Monats

    • Die Welt ist schlimm. Die Welt ist viel besser. Die Welt kann viel besser sein.

    • Fallbeispiel 1: Bedrohungen für die körperliche Unversehrtheit

    • Fallbeispiel 2: Bedrohungen für die Börse

    • Bad News Bias

    • Die Welt ist viel besser

    • Hoffnung macht erfolgreich

    • Fallbeispiel 3: Vier Millionen Menschen

    • Der Protest hat nicht genug bewirkt. Der Protest hat gewirkt. Protest kann noch viel besser wirken.

  • Lösung sein. Handreichungen fürs Selbermachen

Froher werden.
Die guten Nachrichten

UK wieder Pionier

Erst haben sie quasi Kohle erfunden, dann haben sie als erster großer Player ihr letztes Kohlekraftwerk dichtgemacht (Si apre in una nuova finestra), jetzt werden sie die größte Volkswirtschaft, die offiziell aus der Förderung von Gas und Öl aussteigt: Die Regierung Großbritanniens hat bestätigt (Si apre in una nuova finestra), dass sie keine weiteren Lizenzen für die Erschließung neuer Gas- und Ölfelder ausgeben wird. Ein echter Meilenstein für Klima, Artenvielfalt, Meeres- und Menschenschutz. 

Verbrenner-Aus-Aus-Aus

Eigentlich ein Thema für einen eigenen Newsletter: 2025 wird aller Voraussicht nach das Jahr des Verbrenner-Aus-Aus. Die EU diskutiert (Si apre in una nuova finestra) dank großem Einsatz vor allem aus Deutschland, ob unter anderem “hocheffiziente” Verbrenner nun auch nach 2035 weiter zugelassen werden können sollen (was “hocheffiziente” Verbrenner sein sollen, weiß offenbar auch die Bundesregierung nicht, wie man in diesem (Si apre in una nuova finestra) schönen Stück Realsatire beobachten kann). 

Das ist rückwärtsgewandt und überaus ärgerlich – aber letzten Endes ein Kampf gegen Windmühlen: Trotz aller Bemühungen der hiesigen fossilen Autolobby ist der Kipppunkt längst erreicht. Weltweit sind erstmals ein Viertel aller Neuzulassungen elektrisch.

Diagramm: Zunahme von Verkäufen elektrischer vs fossiler Pkws. (Si apre in una nuova finestra)

Sogar in der Ukraine entscheiden sich immer mehr Menschen für E-Autos, trotz durch den Krieg bedingte regelmäßiger Stromausfälle, oder gerade deshalb: In einem solchen Fall den eigenen Haushalt mit Strom aus dem Auto zu versorgen, ist billiger und verlässlicher als ein Dieselgenerator. 

In Deutschland wurden aller Verunsicherung zum Trotz 2025 mehr neue E-Autos angemeldet als je zuvor, und mit der Ankunft des bidirektionalen Ladens, mit dem Strom aus dem Netz im Auto gespeichert und später zu höheren Preisen wieder abgegeben werden kann, und der kurz bevorstehenden Preisgleichheit zwischen elektrisch und fossil ist der gordische Knoten auch bei uns mit großer Wahrscheinlichkeit bald zerschlagen. Dies und mehr in einem überaus erfreulichen Überblickstext hier (Si apre in una nuova finestra).

(Übrigens, Fun Fact: Ein Auto, das mit tierischen Fetten betrieben wird, benötigt jährlich die Fettmenge (Si apre in una nuova finestra) von 120 Schweinen. Auch so kann man offenbarFortschritt denken! Aber sollte man?)

Klimakonferenz in Belém: Frust im auf der großen Bühne, Erfolge auf den Fluren

Auf der großen Bühne blieb die COP30 in Belém dank der Blockadehaltung von Petrostaaten und fossiler Lobby weit hinter ihren Möglichkeiten zurück, der Beschlusstext blieb lauwarm (Si apre in una nuova finestra)

Und doch – an den großen Verhandlungen vorbei und zwischen ihnen hindurch sind durchaus respektable Ergebnisse (Si apre in una nuova finestra) zustandegekommen, unter anderem: Zugesagte Milliarden für Wälder und Landrechte von Indigenen; die Ankündigung (Si apre in una nuova finestra) Brasiliens, seine kompletten Küstengewässer bis 2030 unter nachhaltiges Management zu stellen, im Ausmaß weltweit beispiellos; und ein neues Bündnis von inzwischen über 80 Staaten (Si apre in una nuova finestra), darunter fast alle EU-Staaten, viele Inselstaaten, Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Australien und weitere, die den Ausstieg aus den Fossilen gemeinsam außerhalb des konsens-gelähmten UN-Prozesses konkretisieren und vorantreiben wollen. Dafür planen sie im April eine eigene Konferenz – eine Entwicklung, von der sich einige (Si apre in una nuova finestra) eine große Sogwirkung (Si apre in una nuova finestra) erhoffen.

Wäre ein gemeinsamer Beschluss aller Mitgliedsstaaten über den Ausstieg mehr als an der Zeit gewesen? Definitiv. 

Oder eine solide Finanzierung von Klima-Anpassungsmaßnahmen in armen Ländern, die für die Krise kaum verantwortlich sind, aber am meisten unter ihren Folgen leiden werden? Auf jeden Fall! 

Aber hat die Welt einen beträchtlichen Schritt nach vorn gemacht, den es ohne die Konferenz so nicht gegeben hätte? Unbedingt.

Trendlinien statt Schlagzeilen
Das Thema des Monats

  • Medien verzerren die Welt systematisch Richtung Negativität: Berichte über Mord, Terror, Krieg sind stark überrepräsentiert, während langfristige Fortschritte untergehen 

  • Objektive Trenddaten zeigen Verbesserungen in vielen wichtigen Bereichen, bei uns und in der Welt

  • Hoffnung und Selbstwirksamkeit sind zentral: ein realistischer, hoffnungsvoller Blick stärkt die Handlungsfähigkeit.

  • Fallbeispiel: Die Protestwelle gegen die rechtsextreme Agenda war erfolgreicher, als es heute in der Berichterstattung den Anschein hat

Das Jahr geht zuende, und wenn du denkst: Alles wird immer schlimmer, dann bist du damit ganz bestimmt nicht alleine. Ukraine, Gaza, Sudan, bei uns der Rechtsextremismus im Aufwind und keine (?) Lösung in Sicht. Nichts davon kann und darf man kleinreden. 

Trotzdem möchten wir dir folgendes Angebot machen: Wir tragen ein bisschen zusammen, wo die Dinge besser stehen, als du wahrscheinlich denkst, warum du davon nicht weißt, warum das wichtig ist, und was du tun kannst, um sie besser zu machen. Du musst im Gegenzug nur lesen, und idealerweise selber ein bisschen Kraft daraus schöpfen und anderen davon erzählen. Wenn das für dich wie eine faire Arbeitsteilung klingt: Herzlich willkommen.

Zur Einstimmung ein Mantra. Wiederhole es jeden Tag, wenn schlechte Nachrichten dich erdrücken. Also uns hilft’s.

Die Welt ist schlimm. Die Welt ist viel besser. Die Welt kann viel besser sein. 

Venn Diagramm: The world is awful. The world is much better. The world can be much better. All three statements are true at the same time. (Si apre in una nuova finestra)
Quelle: Max Roser (2022), Our World in Data

Diese drei Aussagen stehen nicht im Widerspruch zueinander, sie sind alle drei zugleich wahr. Niemandem ist geholfen, wenn wir bei der ersten Feststellung stehenbleiben. Auch die anderen beiden Wahrheiten jederzeit präsent zu haben, bedeutet, eine bessere Welt für erreichbar zu halten und den Einsatz dafür die Mühe wert. Es wird uns schwerer gemacht, als es sein müsste.

Fallbeispiel 1: Bedrohungen für die körperliche Unversehrtheit

Our World in Data, eine an die Oxford University angebundene Datenplattform, hat die tatsächliche Häufigkeit von Todesursachen mit der Häufigkeit der Berichterstattung von Todesursachen in US-Medien ins Verhältnis gesetzt (Si apre in una nuova finestra). Selbstverständlich sind Mord und Terrorismus spannender als Herzkrankheiten und Krebs, und es ist nachvollziehbar und wahrscheinlich unvermeidlich, dass wir mehr über erstere sprechen als über letztere. 

Aber wenn sich das gesellschaftliche Bedrohungsempfinden der Menschen vor allem an dem ausrichtet, was sie in den Nachrichten hören und sehen, kann es keine supergute Idee sein, dass 56 Prozent der Tode, aber nur 7 Prozent der Berichterstattung über Tode auf Krebs und Herzkrankheiten entfallen, und weniger als 1 Prozent der Tode, aber 43 Prozent der berichteten Tode auf Morde zurückgehen. Von Terrorismus ganz zu schweigen, der in der US-Berichterstattung um einen sagenhaften Faktor von über 18.000 überrepräsentiert ist.

Diagramm: Über- bzw. Unterrepräsentation von Todesursachen in der US-Berichterstattung (Si apre in una nuova finestra)
Our Wold in Data: Does the news reflect what we die from?

Fallbeispiel 2: Bedrohungen für die Börse

Wenn du der Berichterstattung über die Bewegungen des deutschen Aktienindex im heute journal – dem meistgesehenen Nachrichtenmagazin im deutschen Fernsehen – von 2017 bis 2024 aufmerksam gefolgt bist, dann weißt du, dass der DAX mit jeder Meldung um durchschnittlich 10 Punkte gesunken ist. 

Typisch! Die Wirtschaft! Sie geht, wohin, na den Bach runter natürlich.

Was du dann aber nicht weißt: An den Börsentagen ohne Meldung im heute journal, und das sind die meisten, ist der Index gestiegen (Si apre in una nuova finestra), und zwar in Summe deutlich mehr als die vom ZDF berichteten Verluste: Während der reale DAX in diesem Zeitraum von 11.481 auf 16.000 Punkte stieg, fiel sein fiktives, vom ZDF berichtetes Pendant auf 5.845. Das ist ein berichteter Rückgang von acht Prozent pro Jahr, dem ein tatsächlicher Gesamtzuwachs von jährlich sieben Prozent gegenübersteht.

Bad News Bias

Das alles sind anschauliche Beispielel für einen stark verbreiteten Bias im Journalismus, also eine Verzerrung der Berichterstattung – und zwar zugunsten schlechter und aufregender Nachrichten. Die Zunahme dieser Verzerrung ist für die letzten Jahren zumindest für englischsprachige Medien weltweit vielfach dokumentiert und nachgewiesen (Si apre in una nuova finestra).

Weite Teile unserer Welt betrachten wir lediglich durch die Brille der Berichterstattung, wie sollten wir auch anders, wir sind darauf angewiesen. Und wenn diese Brille derart düster getönt ist, macht sie es uns sehr schwer, die Welt so zu sehen, wie sie ist: 

Oft schlimm, ja. Aber viel weniger hoffnungslos, als du denkst, und immer in Bewegung, und sehr viel besser, als sie mal war. 

Die Welt ist viel besser

In 23 von 27 Gallup-Umfragen seit 1993 hat eine Mehrheit der US-Teilnehmenden angegeben (Si apre in una nuova finestra), dass die Kriminalität gegenüber dem Vorjahr zugenommen hat. Tatsächlich ist sie stark gefallen (Si apre in una nuova finestra). Für Deutschland kann man ähnliches konstatieren: Die Zahl der Gewaltdelikte ist 2007 deutlich größer gewesen als heute, aber das Bedrohungsempfinden (Si apre in una nuova finestra) ist groß wie nie, und für einen Zusammenhang zwischen Migration und erhöhter Kriminalität, der hier oft genannt wird, fehlt es sowohl bei uns als auch anderswo an Evidenz (Si apre in una nuova finestra).

Und Krebs, eine der tatsächlich häufigsten Todesursachen, von der man aber nur wenig liest und hört? Heute sterben in den USA nur noch ein Sechstel (Si apre in una nuova finestra) so viele Kinder an Krebs wie noch vor 70 Jahren; seit den 1990ern sinkt (Si apre in una nuova finestra) auch die Sterberate bei Erwachsenen stark. Auch Tode durch Herzkrankheiten sind weltweit deutlich rückläufig (Si apre in una nuova finestra)

Und Malaria, eine Krankheit, an der über tausende von Jahren unzählige Menschen gestorben sind, inzwischen jedes Jahr über eine halbe Million, davon eine überwältigende Mehrheit Kinder unter fünf Jahren in afrikanischen Ländern südlich der Sahara? Malaria ist im Begriff, durch den großflächigen Einsatz revolutionärer neuer Impfstoffe (Si apre in una nuova finestra) besiegt zu werden. 500 Millionen geimpfte Kinder allein in 2024, das sind geschätzte 9 Millionen gerettete Leben, und es werden jeden Tag mehr, ein gigantischer Durchbruch in der menschlichen Entwicklung.

Die Chance ist hoch, dass du von diesen Dingen nicht oder kaum gelesen hast. 

Ergo: Wir hören zu viel über Mord und Totschlag, und zu wenig über riesige Fortschritte in Bereichen, die gesellschaftlich eigentlich wesentlich relevanter sind. 

Ein hervorragender Lackmus-Test für diesen Befund, den du gut im Selbstversuch durchführen kannst: Frage beliebige Menschen aus deinem Umfeld, oder an der Supermarktkasse, oder in der Sauna, oder im Zug, oder von einer Bühne herunter: 

Was denkst du, wie groß im letzten Jahr der Anteil erneuerbarer Energien an den weltweit neu gebauten Kraftwerkskapazitäten war?

Wir haben es inzwischen sehr oft ausprobiert. Sie werden zwei Prozent sagen, oder fünf, oder auch mal in den ganz optimistischen Fällen zwanzig. 

Die tatsächliche Zahl lautet 92,5 Prozent. 

Diagramm: Verlauf des Zubaus neuer Kraftwerkskapazitäten pro Jahr, erneuerbar vs fossil (Si apre in una nuova finestra)
IRENA Renewable Capacity Highlights (2025)

Es ist eine der wichtigsten und aussagekräftigsten Zahlen (Si apre in una nuova finestra), die es derzeit auf der Welt so gibt, mit weitreichenden Implikationen, und kaum jemand kennt sie.

Hoffnung macht erfolgreich

Unser Weltbild ist zu weiten Teilen Ergebnis dieser Verzerrung. 

Davon bekommen wir als Gesellschaft nicht nur schlechtere Laune als nötig, und das wäre ja schon ärgerlich genug. Eine kürzlich erschienene große Studie (Si apre in una nuova finestra) aus Australien fand darüber hinaus heraus: 

“Hoffnung haben” ist womöglich ein größerer Faktor für Lebensglück, beruflichen Erfolg und Gesundheit ist als alle anderen Eigenschaften, die man bisher dazu untersucht hat. 

Mit anderen Worten: Der Konsum zu vieler schlechter Nachrichten könnte sogar deiner Karriere im Weg stehen!

Und damit nicht genug: Damit Menschen sich für etwas einsetzen können, brauchen sie das Gefühl, etwas bewirken zu können. Werden aber Missstände als allgegenwärtig und erdrückend wahrgenommen, dann raubt uns das die Kraft, an ihnen etwas zu ändern – eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wir werden durch zu viele schlechte Nachrichten schlechter darin, uns an den Stellen zu engagieren, an denen wir die Welt tatsächlich besser machen und so für gute Nachrichten sorgen könnten.

Fallbeispiel 3: Vier Millionen Menschen

Bitte behalte die beschriebenen Erwägungen über Verzerrungen in der Berichterstattung im Hinterkopf, wenn wir dir jetzt etwas sagen, zu dem dein Gehirn vielleicht gleich denken möchte: Das glaub ich nicht.

Die große rechtsextreme Partei in Deutschland hat 2024 massiv an Zuspruch eingebüßt. Und zwar auch, weil Protest wirkt.

Im Nachgang der von Correctiv veröffentlichten Recherchen (Si apre in una nuova finestra) zum Potsdamer Geheimtreffen gingen über vier Millionen Menschen (Si apre in una nuova finestra) auf die Straße, um gegen die rechtsextreme Agenda zu demonstrieren – eine der größten Protestwellen in der Geschichte der BRD. 

Ein-Jahr-später-Bilanzen fallen ernüchtert (Si apre in una nuova finestra) aus, weil Veränderungen auf der politischen Ebene ausblieben, der Grundtenor ist: War ja wohl leider irgendwie alles umsonst. War es nicht.

Es wird viel gesprochen darüber, dass die Zustimmungwerte für die rechtsextreme Partei heute auf einem Höchststand sind. Wie sehr die Zeit davor allerdings der extremen Rechten ins Kontor geschlagen hat, lesen wir viel zu wenig: 

Infolge der Enthüllungen und Proteste fielen die Zustimmungswerte (Si apre in una nuova finestra) der Partei bis Ende 2024 deutlich - je nach Umfrage von etwa 22 bis auf etwa 16 Prozent. Eine Studie (Si apre in una nuova finestra) zeigt, dass die Rechtsextremen in Wahlen dort, wo Proteste stattfanden, auch ganz konkret an den Urnen Stimmen einbüßten. Und bis heute werden die tatsächlichen Wahlergebnisse in den Regionen dem Höhenflug der theoretischen Umfragewerte in vielen Fällen nicht (Si apre in una nuova finestra) gerecht. 

Der Protest hat nicht genug bewirkt. Der Protest hat gewirkt. Protest kann noch viel besser wirken.

Und damit kommen wir zum Praxisteil dieser Newsletter-Veranstaltung: Wie nehmen wir als Zivilgesellschaft, die gern möchte, dass unsere Demokratie demokratisch bleibt, das Momentum aus dem letzten Jahr wieder auf? 

Die Menschen, die zu Millionen auf den Straßen waren, sind ja alle noch da, sie mögen die freiheitliche demokratische Grundordnung auch immer noch gern. Wahrscheinlich sind sie frustriert, weil man ihnen, siehe oben, erzählt, dass ihr Einsatz nichts gebracht hat (was nicht stimmt) oder mehr hätte bringen können (was vermutlich richtig ist). 

Wenn man wissen möchte, wie wir von hier aus weitermachen sollen, lohnt sich also die Frage: Wie vermittelt man denen, die damals auf der Straße waren, dass die Bewegung wirksamer war, als sie sich anfühlt? Und dann: Wann und wie funktioniert Protest eigentlich am besten, was kann man anders und besser machen?

Herausgegriffen aus der Bewegungsforschung seien folgende wichtige Aspekte, mit dem Hinweis, dass es sich hierbei um keine klare Checkliste mit Erfolgsgarantie handelt, sondern um ein komplexes Feld, in dem noch eine Menge mehr Faktoren (Si apre in una nuova finestra) eine Rolle spielen.

  • Wenig überraschend: Wenn große Massen mobilisiert werden, sind die Chancen auf Erfolg deutlich größer. Vielleicht aber doch überraschend, dass es dazu eine konkrete Zahl (Si apre in una nuova finestra) gibt, die sich schon eine ganze Weile hält: Offenbar liegt eine kritische Schwelle bei 3,5 Prozent einer Bevölkerung. In der Vergangenheit ist kaum eine gewaltfreie Protestbewegung, die diesen Grad der Mobilisierung erreichte, erfolglos geblieben. Nun stammt diese Zahl aus Forschung, die sich explizit mit Bewegungen befasst, die nicht Reformen fordern, sondern den Umsturz einer Regierung; die Übertragung auf weniger radikale Protestformen wird von den Forschenden selbst deutlich kritisiert. Andererseits: Vier Millionen Menschen auf den Straßen bei einer Bevölkerung von gut 80 Millionen sind fast 5 Prozent, deutlich mehr als 3,5. In der Sparte Mobilisierung für Demokratie und Freiheit steht also da draußen ein mächtiges Potential für Veränderung zur Verfügung, das derzeit vielleicht bloß wieder ein wenig im Dornröschenschlaf liegt. Es braucht lediglich einen charmanten Frosch, um es wachzuküssen. (Ja, mit Märchen kennen wir uns sehr gut aus).

  • Woran es aber den Protesten im letzten Jahr gemangelt hat, um noch wirkungsvoller zu sein: Klare, erreichbare, konsensfähige Forderungen schaffen interne Einigkeit, erleichtern die Strategieplanung, machen Fortschritte messbar und verbessern die öffentliche Kommunikation. 

  • Der dritte Punkt: Dauerhaftigkeit. Veränderung braucht langen Atem. Bewegungen, die über einen längeren Zeitraum aktiv und sichtbar bleiben, halten ihre Forderungen im gesellschaftlichen Diskurs präsent, normalisieren sie und bauen so größeren politischen Druck auf; sie haben mehr Zeit, Menschen zu erreichen und zu aktivieren; sie haben größere Chancen, zur Stelle zu sein, wenn sich günstige gesellschaftliche oder politische Momente ergeben, um diese gezielt zu nutzen; sie können besser lernen, sich anpassen und professionalisieren.

Wir brauchen also eine neue, mitreißende Bewegung, die die Millionen engagierter Menschen im Land wieder in die gefühlte Selbstwirksamkeit bringt, klare Forderungen hat und große Ausdauer.

Lösung sein.
Handreichungen fürs Selbermachen

Nico Semsrott: So gewinnen wir gegen Rechtsextreme (Si apre in una nuova finestra)
"Es ist gegen die Grundidee von Deutschland, auf eine Prüfung, die theoretisch möglich ist, zu verzichten" – Nico Semsrott

"Es ist gegen die Grundidee von Deutschland, auf eine Prüfung, die theoretisch möglich ist, zu verzichten" – Nico Semsrott

Die neue Initiative PRÜF (Si apre in una nuova finestra) (Prüfung rettet übrigens Freiheit), gegründet von Satiriker und Ex-EU-Parlamentarier Nico Semsrott (Si apre in una nuova finestra), hat genau eine Forderung, nämlich:

Alle Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall oder gesichert rechtsextrem eingestuft werden, sollen durch das Bundesverfassungsgericht überprüft werden.

Das ist nicht nur eine sehr klare Forderung, sondern auch eine, gegen die sich aus (fast) keinem politischen Lager heraus gut argumentieren lässt, insbesondere in einem Land, in dem die sachgerechte Prüfung von allen möglichen Sachen ganz tief in die kulturelle DNA eingeschrieben ist.

Das zentrale Mittel, um diese Forderung durchzusetzen, sind regelmäßige Prüf-Demos – jeden Monat, immer am zweiten Samstag, nach und nach in allen Landeshauptstädten. Das Konzept ist: Marathon, kein Sprint.

Die Auftaktdemo (Si apre in una nuova finestra) im November in Hamburg versammelte aus dem Stand 5700 Menschen. Der Superredaktion liegen exklusiv die Ergebnisse eines Feedback-Fragebogens vor, den 1110 Teilnehmende live während der Veranstaltung beantwortet haben. 1083 (98 Prozent) von ihnen möchten auf jeden Fall beim nächsten Mal wiederkommen. Einer (0 Prozent) nicht.

Potential für massenweise Mobilisierung, Langfristigkeit, Klarheit der Forderung – hier kann PRÜF einen Haken machen. Dazu kommt noch ein weiteres, von der Bewegungsforschung bisher vernachlässigtes Kriterium, eine wahnwitzige Idee: 

Was, wenn Demos Spaß machen würden und man nicht nur aus bürgerlichem Pflichtgefühl hingehen müsste? 

Semsrott versteht etwas von Entertainment und hat viele andere Kulturmenschen um sich geschart, die alle wissen, wie man es im Zusammenspiel von Bühne und Publikum schön miteinander haben kann. Wie sich das auswirkt, kann man sich auf dem Insta–Kanal (Si apre in una nuova finestra) der Initiative ansehen. Oder besser noch: Auf der nächsten Demo. Make Democracy fun again!

Nämlich morgen, Samstag, 13. Dezember um 14 Uhr. 

Zum zweiten Mal in Hamburg auf dem Stephansplatz, und parallel erstmals in München auf dem Geschwister-Scholl-Platz.

Wir glauben, PRÜF könnte genau der charmante Frosch sein, den wir jetzt brauchen. 

Und die zweite Demo ist lange nicht die letzte, und Landeshauptstädte gibt es nicht nur zwei, und zweite Samstage auch noch einige. Es ist also noch viel zu tun. 

Die Superredaktion möchte eine offizielle Empfehlung aussprechen: Wenn du eine beliebige Kombination von Reichweite, Humor, Unterhaltungswert, Geld, Zeit, Einsatzbereitschaft zur Verfügung hast und sie möglichst wirkungsvoll für die Stärkung von Demokratie und Freiheit einsetzen möchtest, dann ist unserer Einschätzung nach PRÜF die bestmögliche Anlaufstelle, die wir gerade haben. Viele Kolleginnen und Kollegen aus Musik, Film, Theater, Lustigkeit und anderen Sektoren sind schon mit im Boot. 

Wende dich vertrauensvoll an kontakt@pruef-demos.de (Si apre in una nuova finestra), wenn du auch ins Boot möchtest, es ist noch Platz.

Und damit schließen wir den vorletzten Schrieb des Jahres – und versprechen eine Good-News-Sonderedition für die Zeit zwischen den Jahren, um die 2025er Bilanz noch ein bisschen zu schönen und dann vielleicht etwas beschwingter in Richtung 2026 zu rutschen.

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