Die Schriftstellerin und Meditationslehrerin Margrit Irgang beantwortet den Taktvoll-Fragebogen.

Margrit Irgang lebt als Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Meditationslehrerin in der Nähe von Freiburg im Breisgau. Zu ihren Werken gehören Romane, Erzählungen, ein Kinderbuch, Gedichte, Essays und „Bücher über das Leben im Geiste des Zen“, wie sie auf ihrer Webseite (Si apre in una nuova finestra) schreibt. Seit über 40 Jahren praktiziert sie Zen.
Neben ihren schriftstellerischen Aktivitäten gibt sie in Süddeutschland und Österreich Seminare zu Themen wie „Die innere Freiheit finden“, „Die schöpferische Kraft erwecken“ oder „Das Leben – ein Pilgerweg“.
In ihrem Blog „Die Poesie des Augenblicks“ (Si apre in una nuova finestra) lässt Margrit Irgang die Leser:innen auf bezaubernde Art und Weise teilhaben an ihrem weisen Blick auf unsere Welt. Auch in den Antworten im Taktvoll-Fragebogen erfahren wir mehr über ihre Herzenshaltung: „Lass los, was nicht zu halten ist, nimm an, was immer da kommt.“
1. Lerche oder Eule?
Lerche. Das ist praktisch, denn im Meditations-Retreat muss man früh aufstehen.
2. Was gehört für Sie unbedingt zu einem guten Start in den Tag?
Vor dem Aufstehen fünf Minuten im Bett, in denen ich mir klarmache: Gestern ist vorbei. Dies ist ein neuer Tag mit neuen Überraschungen. Ich bin gespannt, was er mir bringen wird und wie ich darauf antworten werde.
3. Pflegen Sie eine spirituelle Praxis?
Nach vierzig Jahren Zen-Praxis, in denen ich abends und oft auch am Morgen Zazen auf dem Kissen gesessen habe, ist inzwischen eher mein Alltag mein Meditationsraum. Ich bemühe mich, alles, was in mir und um mich herum geschieht, mit Interesse und ohne vorgefasste Meinung bewusst wahrzunehmen und möglichst klug und schöpferisch damit umzugehen.
4. Wie bereiten Sie sich auf ein besonderes Ereignis vor (einen Wettkampf, ein Konzert, ein schwieriges Gespräch ..)?
Mein Geist malt sich gern allerlei mögliche Szenarien und Hindernisse aus, aber irgendwann beruhigt er sich auch wieder und mein Vertrauen kommt zurück. Ich muss nur im entscheidenden Moment präsent sein mit weit offenen Sinnen, dann werde ich wissen, was ich zu tun habe.
Deshalb: Kurz vor dem Ereignis das Ereignis vergessen und eine Gehmeditation machen. Schritt vor Schritt setzen und bewusst atmen. Dafür braucht man keinen Wald, das geht auch auf dem Bahnsteig oder im Wohnzimmer.
5. Was bringt Sie aus dem Takt?
Überraschungsbesuch in meiner Schreibzeit. Wenn ich um achtzehn Uhr für ein Seminar in Salzburg sein muss und mir die DB-App um fünfzehn Uhr mitteilt: „Sie werden Ihren Anschluss in München nicht erreichen.“
6. Welche Jahreszeit mögen Sie besonders? Warum?
Trockene Wärme ohne Schwüle, also Sommer. Mein Körper beginnt sich erst wohlzufühlen so ab 24 Grad.
7. Schreiben Sie Tagebuch?
Als Kind habe ich das getan. Aber inzwischen schreibe ich Bücher und einen Blog im Internet (Si apre in una nuova finestra). Das reicht.
8. Welche Rituale ihrer Kindheit praktizieren Sie heute noch, evtl. jetzt mit den eigenen Kindern?
Ich hatte keine Rituale.
9. Tanzen Sie?
Nein. Aber ich singe im Chor. Manchmal auch Tanzlieder.
10. Sie kommen nach einem anstrengenden Tag nach Hause, welche Musik hören Sie?
Erst mal gar keine, weil ich die innere Stille wiederherstellen muss. Wenn das nicht funktioniert: Gerne was von Ludovico Einaudi.
11. Ein freier Tag liegt vor Ihnen, was machen Sie am liebsten?
Einfach nur „sein“. Nichts Besonderes tun. Dem Licht dabei zusehen, wie es sich verändert, den Alltagsgeräuschen der anderen nachlauschen, einen Raum der inneren und äußeren Stille aufbauen.
12. Welche Rhythmen in der Natur begeistern Sie?
Wenn ich im März ein winziges Samenkorn in einen Blumentopf auf meinem Balkon stecke und im April kommt da so ein grüner Zipfel raus, der sich im Mai zu einer riesigen Blume entfaltet. Immer wieder ein Wunder.
13. Wie sehen kleine Atempausen in Ihrem Alltag aus?
Eine Kurzversion von Nummer 11. Alternativ: Eine Tasse sehr guten grünen Tee zubereiten und trinken. Zehn Minuten, ohne über irgendetwas nachzudenken. Nur schnuppern, nur genießen.
14. Zeitung lesen: Papier oder digital?
Digital. Aber kurz und wenig. Ich muss nicht über jeden Horror in der Welt informiert sein.
15. Urlaub: immer das gleiche Ziel oder jedes Mal Neues entdecken?
Ich sitze im Allgemeinen sieben Tage in der Woche jeden Vormittag (Si apre in una nuova finestra) bis zwölf am Schreibtisch. Deshalb bitte etwas noch nie Gesehenes! Inspirationen sind Nahrung für mich; ich brauche nicht mehr als drei Tage Augen- und Ohrenfutter, um für Wochen genährt zu sein.
16. Wie wichtig sind Ihnen gemeinsame Mahlzeiten mit dem Partner/Partnerin, der Familie?
Ich lebe allein und bin es gewohnt, in Stille zu essen. In Meditations-Retreats wird ohnehin geschwiegen. Deshalb verwirren mich Tischgespräche, wenn ich mal in solche gerate. Ich kann entweder sprechen oder essen, beides gleichzeitig geht nicht. Aber wenn ich eine Familie hätte, die sich um einen großen Tisch versammelt, würde ich das sicher anders empfinden.
17. Partnerschaft, Ihre Erfahrung: „Gegensätze ziehen sich an“ oder „Gleich und gleich gesellt sich gern?“
Ich bin harmoniesüchtig und sehne mich immer nach dem Gleichklang. Aber zu viel Ähnlichkeit wird leicht langweilig. Eine Prise Gegensatz als Würze ist ganz gut.
18. Lesen Sie vor dem Einschlafen? Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?
Ich lese jeweils mindestens fünf Bücher gleichzeitig, aber nie im Bett. Ich finde, man sollte sich einem Buch respektvoll widmen, nicht im Schlafanzug. Sehr geliebt im Moment: „Anam Cara. Das Buch der keltischen Weisheit“ des wunderbaren und leider verstorbenen irischen Dichters und Priesters John O’Donohue und eine dicke Monographie über das Werk der spirituellen Heilerin und Künstlerin Emma Kunz.
19. Gibt es eine Zahl, die eine besondere Bedeutung in Ihrem Leben hat?
Die 4 und die 8.
20. Welche Rituale oder Rhythmen sind Ihnen unangenehm?
Ich bin in einer Kleinstadt in Bayern aufgewachsen. Dort fand jedes Jahr eine Fronleichnams-Prozession statt, für die vorher tonnenweise Blumen aller Art geköpft und auf die Straße gestreut wurden. Über diese Blüten gingen der Priester, die Ministranten und ein großer Zug von Gläubigen achtlos hinweg. Hinterher kam die Straßenreinigung und entsorgte die geknickten, zerbrochenen, sterbenden Lebewesen auf der Müllhalde.
21. Was fällt Ihnen zum Begriff „taktvoll“ ein?
Ein Mensch, der spürt, was in einem anderen vorgeht, und den persönlichen geistigen und körperlichen Raum des anderen nicht verletzt durch Handlungen, Worte oder auch nur in Gedanken. Es ist beglückend, einem solchen Menschen zu begegnen.
https://steady.page/de/taktvoll/posts/0727e0df-480c-47c4-9190-54ba05c85aea (Si apre in una nuova finestra)Gefällt dir, was du hier liest? Dann leite diesen Text gerne an deine Kolleg:innen oder Freund:innen weiter. Danke, dass du hilfst, mehr Rhythmus in die Welt zu bringen!
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