TV-KRITIK (Si apre in una nuova finestra)
Ungewissheit ist ein unschöner bis entsetzlicher Zustand (Si apre in una nuova finestra), unstete Gefühlswelten nahezu ohne Ausnahme inklusive (vermutlich mit Ausnahme von „lebenserfahrenen“ Berufs-Zynikern). Wer auf Beurteilung einer Arbeit, laaaaange auf die Fortsetzung einer Serie wartet (Hey, Netflix & Stranger Things!), als junger Mensch einer (ermutigenden) Zukunft harrt (Si apre in una nuova finestra) oder im Krankenhaus hockt: Mensch kennt das.

Noch schlimmer dürfte es sein, wenn es sich um Verbrechen (vor allem von nebenan) handelt. Kürzlich befassten sich die Journalistinnen Paulina Krasa und Laura Wohlers in Folge 221 Das Rätsel von Drage ihres empfehlenswerten Podcasts mit „Bubble-Fame“ Mordlust – Verbrechen und ihre Hintergründe mit einem Fall, in dem es darum ging, dass eine erwachsene Tochter keine Gewissheit um das Ableben naher Verwandter hat. Bis heute nicht. Eine fundierte Vermutung kann zwar angestellt werden, doch Gewissheit gibt es noch immer keine. Spannend, menschlich, tragisch (zu finden u. a. auf RTL+ (Si apre in una nuova finestra)).

Ähnlich ergeht es Anna Reiter (Maren Eggert) im zweiten neuen Cold-Case-Tatort-Fall aus Frankfurt am Main: Vor sechs Jahren verschwanden die dreijährige Viktoria Reiter (Rosa Wirtz) und ihr Vater Julian (Christoph Pütthoff) spurlos. Als die Ermittlungen nach einem Jahr ohne Ergebnisse blieben, wurde der Fall mit Verdacht auf erweiterten Suizid zu den Altfällen gelegt. Doch Viktorias Mutter, Anna, zweifelt an dieser Theorie – und sucht Jahre später noch unermüdlich nach ihrem Kind. Als sie in ihrer Verzweiflung einen Aufruf auf Social Media startet und eine Belohnung für jeden noch so kleinen Hinweis auf Viktorias Verbleib in Aussicht stellt, überschlagen sich die Ereignisse: Ein obdachloser Mann behauptet, Viktoria lebe noch und bittet Anna um ein Treffen (und das Geld).
„Eine Mutter sucht ihr Kind. Seit sechs Jahren sucht sie ihr Kind. Was sie braucht, ist Klarheit und Gewissheit. Schickst du sie nach Hause, wenn sie mit einem neuen Ansatz kommt?“
Melika Foroutan als Maryam Azadi im Tatort: Licht
Maryam Azadi (Melika Foroutan, Die Kaiserin), die damals als Kommissarin bei der Vermisstenstelle (Si apre in una nuova finestra) ermittelt hat, hat den Fall mit in ihr Kelleratelier der vermeintlich Vergessenen genommen. Als Anna sie kontaktiert, besteht die ebenfalls noch am Fall knabbernde Ermittlerin darauf, selber zum Treffen zu gehen. Dieses verläuft ergebnislos. Kurz darauf verschwindet Anna, der Obdachlose wird tot, vermutlich ermordet, aufgefunden – und die Mutter zur Hauptverdächtigen in einem Mordfall. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Hamza Kulina (Edin Hasanovic, Spieleabend), der sich zeitgleich durch eine interne Ermittlung schlägt, führt Maryam die Ermittlungen fort.

Nach einem stimmungsvoll düsteren, ungeklärten Todesfall in Dunkelheit hat Senad Halilbašić (Der Greif, Der Pass – Staffel 3) auch für den zweiten Fall Licht das Drehbuch des neuen, teils undurchschaubaren Teams verfasst. Unter der Regie von Rick Ostermann (Verfilmung von Dirk Kurbjuweits Das Haus, Der Gejagte – Im Netz der Camorra) changiert das Duo zwischen Hoffnung und Zweifel, professionellem Engagement und persönlichem Eifer. Hamza schaut erneut mit einigem Erstaunen auf die Beflissenheit seiner Kollegin Maryam. Immer im Hinterkopf das interne Ermittlungsverfahren, in dem er hofft, freigesprochen zu werden. (Und so die Altfall-Abteilung womöglich bereits wieder zu verlassen...)

Der Tatort: Licht, der dankenswerterweise sehr kurz nach dem dunklen Auftakt läuft, ist ein emotional mitreißender, sehr spannender Film, der neben allzu Menschlichem noch das Unmenschliche von „starke[n] Führungspersönlichkeiten, falsche[n] Hoffnungserweckungen und das Ausnutzen von abgehängten Mitgliedern der Gesellschaft“ in Form einer Licht-Sekte thematisiert. Dies nicht als Hütchenspielertrick, sondern ganz organisch und glaubwürdig in die stringente Handlung einbezogen.

Zudem sieht der Fall erneut wirklich toll aus (DoP: Philipp Sichler). Dies nicht nur in dieser, von Regisseur Ostermann beschriebenen Szene:
„Ein Beispiel dafür ist die Sequenz am Ufer des Mains, in der wir vom Verschwinden des Vaters und des Kindes erzählen. Diese Szene ist als ungeschnittene Plansequenz inszeniert – wir befinden uns gleichzeitig mit den Ermittlern im Hier und Jetzt, und doch öffnet sich vor ihren Augen (und den Augen des Zuschauers) die Vergangenheit. Wir sehen, was damals passiert sein könnte, ohne dass es einen klaren Schnitt zwischen den Zeitebenen gibt. Mit ein paar filmischen „Tricks“ und einem ausgeklügelten Kamerakonzept konnten wir diesen Moment so gestalten, dass sich beide Zeitebenen organisch ineinander verschränken. So entsteht ein filmischer Raum, in dem Erinnerung, Wahrheit und Wahrnehmung ineinanderfließen.“
Einer der vielen eindrücklichen Momente dieses starken Sonntags-Krimis, der auch für Nicht-Tatort-Gucker*innen eine absolute Empfehlung ist.
AS (mit Pressematerial)
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Das Erste zeigt den Tatort: Licht am Sonntag, 30. November 2025, um 20:15 Uhr, one um 21:45 Uhr; anschließend ist der Film für zwölf Monate in der ARD-Mediathek verfügbar (Si apre in una nuova finestra).
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/7023315f-3fd5-455f-89ac-a93d4c9feedd (Si apre in una nuova finestra)