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Französische Unflätigkeiten

Logo »TITANIC-Wochenrückblick. Der endgültige Newsletter«

Liebe Leser*innen,

Iran hier, USA dort. Zurzeit schauen Politik und Medien vor allem ins Ausland, um herauszufinden, wieso der Sprit plötzlich so teuer ist. Von Fernreisen wagt man bei diesen Preisen kaum zu träumen. Und auch wenn es gerade in schwierigen Zeiten gilt, die deutsche Luftfahrtindustrie zu stützen, dürfen wir auch den heimischen Tourismussektor nicht aus den Augen verlieren. Diese Orte können Ihre Unterstützung jetzt gut gebrauchen:

Eine schnurgerade Wasserstraße durch eine flache, grüne Landschaft.

Geradlinigkeit trifft landschaftliche Monotonie: Bei einer dreiwöchigen Cruise auf dem Mittellandkanal begegnen Ihnen garantiert keine Boote voller angeschwipster Mosel-Senioren.

Verlassene Tankstelle. Heruntergekommene Häuser im Hintergrund.

Entdecken Sie die weitgehend ungenutzten Attrappenbauten auf Nordrhein-Westfalens größtem Militärgelände, dem Truppenübungsplatz Senne. Weiße Fahne und Gehörschutz nicht vergessen!

Autobahnkreuz aus der Vogelperspektive. Ringsherum Felder und in der Nähe eine Kleinstadt.

Adrenalin pur bei gleichzeitiger Abgeschiedenheit: Wildcampen im Autobahnkreuz Holz ist ein echter Geheimtipp. Besuchen Sie außerdem den nahe gelegenen Tagebau Garzweiler oder wandeln Sie auf den Spuren von Polit-Ikone Annette Schavan in ihrem Geburtsort Jüchen.

Sehr trister Bahnnhof. Eine Frau sitzt allein auf einer Bank und wartet auf ihren Zug.

Hier hält sich niemand freiwillig auf: Der Hauptbahnhof Ludwigshafen bietet absolute Entschleunigungsgarantie. Nur selten begegnen Sie einem Verirrten, der seit Tagen den Wiener Feinbäcker in der Eingangshalle sucht.

Sehr baufällige Villa im Wald.

Sie wollen erstklassigen Service ohne Massenabfertigung? Dann buchen Sie eine Suite im zugig-rustikalen Schloss Heinrichshöh in Thüringen. Lernen Sie den netten Hotelbesitzer und seine Frau kennen und erfahren Sie, warum Deutschland nach wie vor ein besetztes Land ist.

Ein Feldweg. Links daneben stehen Strommasten, rechts ist ein grünes Feld.

Während der Deister (höchste Erhebung: 405 m ü. NHN) von zahlreichen Wandergruppen heimgesucht wird, ist das Deister-Vorland noch ein echtes Kleinod für Niedersachsen-Fans. Lassen Sie von Bad Nenndorf und Nienstädt aus den Blick über den Kamm des beinahe als Mittelgebirge geltenden Hügelzugs schweifen.

Maschine in einer Industriehalle. In durchsichtigen Behältern befindet sich eine streuartige Substanz.

Auch für Bildung ist gesorgt: Bei der Paniermehlfabrik-Werksführung in Traunstein genießen Sie garantiert Einzelbetreuung. Freuen Sie sich auf die kostenlose Verköstigung!

Mit rot-weißem Flatterband abgesperrtes Seeufer beii blauem Himmel und Sonnenschein.

Ein Bilderbuch-Gewässer wie der Bugasee in Kassel wird doch von Badegästen nur so überrannt? Nicht, wenn es wie jeden Sommer umkippt! Bringen Sie ausreichend juckreizlindernde Cremes mit und dem Badespaß steht nichts im Weg.

(Si apre in una nuova finestra)

Seinen Urlaub streichen musste dieses Jahr der neue Hoffnungsträger der FDP: Fürs Faulenzen sei gerade schlicht keine Zeit. Parteiintern wird der »alte Rumpimmel« wegen seiner ambitionierten Ziele bereits als zukünftiger Kanzler gehandelt:

Wolfgang Kubicki hält ein volles Bierglas in der Hand und prostet jemandem zu, der nicht im Bild ist. Er lächelt. 

Text: Kubicki für FDP-Vorsitz. "Ich knacke die Fünf-Promille-Hürde!"

Während Wolfgang Kubicki der (noch) lebende Beweis dafür ist, dass man auch im Rentenalter Höchstleistungen vollbringen kann, versuchen andere, sich als »arbeitsunfähig« aus der Verantwortung zu stehlen. Die GKV-Finanzkommission hat nun Vorschläge gemacht, um diesem Treiben zumindest etwas Einhalt zu gebieten. So könnte die gestaffelte Arbeitsunfähigkeit funktionieren:

Alter Mann in einem Krankenhausbett.

100 Prozent: Der Arbeitnehmer liegt im Koma, mehrere Organe müssen ersetzt werden. Aktive Arbeit ist unzumutbar, nicht jedoch passive wie die Bereitstellung als Aktenablage oder das Antauen von Tiefkühlkost in der Betriebsküche.

75 Prozent: Eine schwere Krebserkrankung muss kein Grund sein, der Arbeit fernzubleiben. Wer sich nur zu ¾ des Tages von der Chemotherapie übergibt, hat noch ¼, um leichte Arbeit wie Korrespondenz oder Kreativaufgaben zu erledigen.

50 Prozent: Hohes Fieber, Entzündungen, multiple Frakturen – mit solchen Wehwehchen versorgen Eltern wie selbstverständlich ihre Kinder, warum sollten Sie sich nicht genauso engagiert um Ihre Arbeit kümmern können? Es gibt jedoch einen Anspruch auf Home-Office, wenn Ansteckungsgefahr besteht.

25 Prozent: Bandscheibenvorfall, der Kiefer eitert, der Blinddarm muss raus – irgendwas ist immer. Unter der Voraussetzung, dass versäumte Arbeit nachgeholt wird, darf eine Mittagspause gemacht werden, um Arzt- oder OP-Termine wahrzunehmen. Eine Ausrede für schlechte Performance ist das nicht.

10 Prozent: Arbeitnehmer sind durchschnittlich zu 15 Prozent in irgendeiner Weise krank. Eine Arbeitsunfähigkeit von 10 Prozent bedeutet also eine Leistungsfähigkeit von 5 Prozent über dem Durchschnitt. Mehrarbeit darf zugemutet, nicht jedoch abgelehnt werden.

7 Prozent: Es wurde eine schwere Depression diagnostiziert, ein Schizophrenieschub hat eingesetzt, und morgen kommt der Weihnachtsmann. Sogenannte psychische Störungen sind oft unerkannte Superkräfte, die präziseres und kreativeres Arbeiten ermöglichen. S. a. Rainman mit Dustin Hoffman. Wer eine solche Krankschreibung einreicht, möchte eigentlich nur kostenlose Überstunden machen.

0,1 Prozent: Regelschmerzen, Endometriose, Schwangerschaft. Frauen verlangen oft nach einer Extrawurst – zur symbolischen Anerkennung ihrer Andersartigkeit wurde eine Spezialkategorie eingeführt, die keine Auswirkung auf den Betrieb hat und trotzdem auf Papier gedruckt werden kann. Ab dem dritten Tag wird der Lohn trotzdem auf 60 Prozent reduziert.

Haben Sie schon mal einen Arbeitsunfähigen mit trockener Haut gesehen? Die Antwort lautet vermutlich nein, denn diese Menschen haben viel Zeit, sich um sich selbst und ihre dermatologische Gesundheit zu kümmern. Eine Frechheit, die gefährliche Ausmaße annehmen kann:

Gezeichneter Cartoon. Ein Mann und eine Frau liegen im Bett. Das ganze Schlafzimmer steht unter Wasser. Die Möbel und Personen treiben im Wasser. 
Der Mann fragt die Frau: "Hast du eine neue Feuchtigkeitscreme?"

In Situationen wie dieser helfen derbe Beleidigungen, um der anderen Person klarzumachen, dass sie einen Fehler gemacht hat. Problematisch wird es, wenn Ihr Gegenüber eine andere Sprache spricht und die Hälfte bei der Übersetzung verloren geht. Vor einem ähnlichen Problem stehen deutsche Medien, weiß Kolumnist Torsten Gaitzsch:

Torsten Gaitzsch trinkt eine Tasse Kaffee und schaut in die Kamera

Heute: Wie der Schnabel gewachsen ist

SMS vom Ziegelwagner-Michi: »Immerhin dafür ist Trump gut: dass man in einem FAZ-Seite-1-Kommentar von Berthold Kohler mal das Wort ›verfickt‹ lesen darf.« Fürwahr! Da konnte sich der feine Herr Herausgeber für einen Moment nicht bändigen. Drei Tage vorher hatte sein Blatt den Truth-Social-Auswurf des Präsidenten noch verhalten mit »Öffnet die verdammte Straße« übersetzt, wie auch bspw. N-tv, der Tagesspiegel, die Bild und die Rheinische Post. Der Rolling Stone gab die »Fuckin’ Strait« etwas mutiger als »F-ckin’ Straße« wieder, allein der Online-Spiegel wählte die unzensierte Kohler-Version. Die »crazy bastards«, an welche das Trump’sche Posting adressiert war, kamen im deutschen Raum wahlweise als »verrückte Mistkerle« oder »verrückte Bastarde« weg. Gesiezt wurden sie nach keiner Lesart.

Angesichts fremdsprachiger Pejorative und Flüche steht die Journaille regelmäßig vor einem Dilemma: Einerseits soll möglichst exakt zitiert werden, andererseits möchte man übelste Hatespeech nicht auch noch reproduzieren. Noch vertrackter wird’s bei französischen Unflätigkeiten, scheint mir. Ende letzten Jahres hatte sich Brigitte Macron, die Frau des Staatspräsidenten, am Rande einer Theaterveranstaltung abfällig über Feministinnen geäußert: Sie bezeichnete diese als »sales connes«. »Im Deutschen sind mehrere Übersetzungen des Ausdrucks möglich«, informierte der Tagesspiegel später, »von ›dreckige Idiotinnen‹ bis ›ätzende Nervtanten‹. Manche Nachrichtenagenturen übersetzten den Ausdruck auch mit ›dreckige Schlampen‹ ins Deutsche. ›Con‹ ist eine in Frankreich häufig gebrauchte Beleidigung wie ›Arschloch‹ oder ›Blödmann‹.« Nun, ich erinnere mich, dass mein Taschenwörterbuch aus Schulzeiten für con sogar ein noch vulgäreres, mit F beginnendes Synonym vorschlug, aber das hat sich dann doch kein deutschsprachiges Medium getraut. »Dumme Kühe« hieß es beim Stern und in der Süddeutschen (die aber auch die Alternative »verdammte Idiotinnen« anbot), »dumme Schlampen« bei T-online.de (Si apre in una nuova finestra), »Dreckschlampen« in mehreren Schweizer Zeitungen; »dämliche Idiotinnen« resp. »blöde Idiotinnen« schrieben leicht redundant der Freitag bzw. das Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Berliner Morgenpost behauptete, einige deutsche Medien hätten die Übersetzungen »Vollidiotinnen« oder »dreckige Miststücke« bevorzugt, ohne diese jedoch zu benennen.

Welche Lehre ziehen wir daraus? Jedenfalls keine translationswissenschaftliche. Aber gut zu wissen, dass solche verbalen Ausfälle weder Mme. Macrons noch Mr. Trumps Karriere zu schaden vermögen. Bloody cunts!

Verabschiedet sich und wünscht ein gut informiertes Wochenende:

Ihre TITANIC-Redaktion

TITANIC empfiehlt:

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