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Klopause im Kanzleramt

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Liebe Leser*innen,

in den letzten Tagen konnte man neue Verhaltensweisen bei Friedrich Merz beobachten: Die Klopausen des Kanzlers haben gestern die Dreiviertelstundenmarke geknackt, Merz fragt Linnemann ständig aus, wer aus der Fraktion gerade auf ihn steht, und Beamt*innen, die mit einem Stapel Akten das Kanzlerbüro betreten, kriegen von Merz’ Sicherheitsleuten einen Gehfehler verpasst. Die Hauptstadtpresse ist sich einig: Merz hat keine Lust mehr auf seinen Job. Zum Glück ist der Kanzler auch für andere Stellen qualifiziert:

Fotomontage: Friedrich Merz trägt einen schwarzen Turban und winkt jemandem, der außerhalb des Bildes steht, zu. Dazu der Text: "Wertkonservativ, miserable Umfrageergebnisse, unbeliebt bei Frauen: Hat ER das Zeug zum Mullah?"
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Während Merz davon träumt, Amt und Land hinter sich zu lassen und sich am Kaspischen Meer zu sonnen, ist der Arbeitseifer der Bundeswehr allein auf einer Mission um den Faktor 1,15 gestiegen:

Zwei Screenshots: "Bundeswehr in Grönland: 13 Soldaten auf heikler Mission" und "Grönland: Die 15 Soldaten ziehen schon wieder aus Grönland ab"

Die Bundeswehr ist von ihrem Wochenendtrip in den nördlichen Polarkreis wieder heimgekehrt. Aber: Wie konnten 13 ins Feld ziehen und 15 zurückkommen? Vier gute Gründe:

  1. Zahlen bis 20 sind erst Teil der gehobenen Offizierslaufbahn. Ordnungsgemäßes Durchzählen stellt die achtköpfige Truppe immer wieder vor ernsthafte Herausforderungen

  2. Aufgrund mangelhafter langer Unterwäsche musste die Kompanie der Kälte anders trotzen und jetzt die Konsequenzen tragen (Stichwort »Doppel-Bumms«)

  3. Royalistisch, adretter schwarzer Mantel, beißender Fischgeruch – die Bundeswehr hat aus Versehen zwei Kaiserpinguine eingesammelt

  4. Die deutsche Exerzierstrecke kreuzte die Jogging-Route der Nazi-Ferienkolonie »Frisch auf Nord-Neuschwabenland e. V.«. Aus Gewohnheit sind zwei Bewohner*innen einfach mitmarschiert

  5. John Doe und Jane Roe waren wirklich schon die ganze Zeit dabei, sie haben sich in keinster Weise erst später eingeschlichen. Großes Geheimagenten-Ehrenwort!

In Preußen hätte es so ein Chaos nicht gegeben! Dessen Geist wird jetzt von der Bundesregierung heraufbeschworen:

Kaiser Wilhelm II. in Militäruniform, dazu der Text: "Nach Trumps Handelsdrohung: Deutschland reagiert mit Hohenzollern".
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Doch nicht nur in diesem Bereich bedient sich das Kabinett preußischer Ideen, auch an anderer Stelle versucht es mit allen Mitteln, die preußischen Tugenden durchzusetzen:

Diese Anreize plant die Bundesregierung, damit mehr Menschen krank zur Arbeit gehen:

  • Netflix wird erst nach acht Stunden Lohnarbeit freigeschaltet

  • Wer nie gefehlt hat, bekommt bei der Pensionierung ein Dankschreiben von Friedrich Merz (maschinell erstellt) 

  • Am Arbeitsplatz werden kostenlos Amphetamine verteilt

  • Bei weniger als einem Fehltag pro Jahr deinstalliert die Bundesregierung ihre Spionagesoftware von den Geräten des Arbeitnehmers

  • Ein Krankheitsprüfer des Kanzleramtes kontrolliert stündlich die Temperatur – auch bei Knochenbrüchen 

  • Wer trotz nachgewiesener Erkrankung arbeiten geht, bekommt einen Rabattgutschein für ein (günstiges) Bestattungsinstitut

  • Krankengeld wird ausschließlich als Sakrament gewährt, und zwar in Kombination mit der letzten Ölung (Zusatzleistung der Kassen)

Die letzte Ölung erhalten die Menschen in Deutschland im Schnitt immer später und könnten deshalb, wenn es nach der Bundesregierung ginge, noch etwas mit dem Renteneintritt warten (im Idealfall bis zwei Wochen vor dem Tod):

von Kuhlenbeck gezeichneter Cartoon: Ein alter Mann mit Gehstock und langem weißem Bart sitzt in einer Arztpraxis und schaut erwartungsvoll den Arzt an. Dieser schaut sich gerade die Akte des Patienten an und verkündet: "Es tut mir leid, aber Sie haben nur noch 50 Jahre zu leben."

Dieser Patient hätte seine Lebenserwartung um 20 Jahre gesteigert, hätte er nicht jeden Tag www.welt.de in den Browser getippt. Diesen Fehler wird Wochenrückblick-Kolumnist Torsten Gaitzsch nicht (mehr) passieren:

Torsten Gaitzsch trinkt eine Tasse Kaffee und schaut in die Kamera

Heute: Mental Care, digital

Es gibt auch noch süße Meldungen. »Trumps Häschen sind jetzt auch in Maine im Einsatz« – awwww! Quatsch, da stand natürlich nicht »Häschen«, sondern »Häscher«, es ging um die ICE-Monster, die nun im Neuenglandstaat ihr Unwesen treiben. Ich hatte die Schlagzeile auch exakt so gelesen, wünschte mir aber, ich hätte mich verlesen.

Sich verlesen kann heilsam sein, noch heilsamer wäre es sicherlich, gänzlich auf Nachrichten zu verzichten. Doch erstens müsste man sich dann – zu Recht – den Vorwurf des tödlichen Wegschauens, den sich nur von den Zeitläuften Unbetroffene leisten können, gefallen lassen, zweitens darf ich für meinen Teil gar nicht ignorieren, was da draußen so passiert, denn »am Ende des Tages« bin ich Journalist. Steht zumindest auf meiner Steuererklärung.

Eins immerhin gönne ich mir seit dem Neujahrstag, es ist sozusagen mein Seelenpflegevorsatz für 2026: Ich will mich für die nächsten zwölf Monate, vielleicht sogar darüber hinaus, von Welt online fernhalten. Ob die Webpräsenz des Springerblatts sich überhaupt noch Welt online nennt, weiß ich gar nicht, kümmert mich auch nicht. In meinen Browser werde ich jedenfalls nie wieder, inschallah, die Zeichenfolge w-w-w-Punkt-w-e-l-t-Punkt-d-e eintippen. Mir ist’s dort einfach zu doof: die plumpe Stimmungsmache, das durchschaubare Aufwiegeln des rechten Mobs, die verschmockten Kolumnen, die hirnrissigen Analysen. Alle paar Monate gibt es mal einen interessanten Artikel über Archäologie, aber an Futter aus diesem Bereich werde ich schon über andere Wege gelangen.

Trotzdem ermuntere ich (auch im Namen der verantwortlichen Redakteurin Laura Brinkmann) unsere freien Autorinnen und Autoren, weiterhin bei der Online-Welt vorbeizusurfen und regelmäßig »Briefe an die Leser« an dieses Medium einzusenden.

Verabschiedet sich und wünscht ein gut informiertes Wochenende:

Ihre TITANIC-Redaktion

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