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RUN DMC (16/50)

Zeit für was Neues, liebe Koapier-Community!

Heute präsentierte ich keine Cover-Version, sondern eine musikalische Kopie - vorgeschlagen von Georg Fischer. Ich hatte ja zu Beginn angekündigt, dass es im ersten Teil dieses Newsletters (kopiert) stets um eine ebensolche musikalische Kopie gehen wird. Und dass ich im zweiten Teil (kapiert) - im besten Fall dazu passend - einen Aspekt der Kopierkompetenz ergänze.

In den vergangenen Wochen hat sich dabei eine Art Vorbild-Kopie eingeschlichen: Da andere zuvor Coverversionen beschrieben hatte, folgten auch wieder Coverversionen. Georg durchbricht dieses Muster heute und stellt uns den RUN DMC-Schriftzug vor, der nicht selten in direktem Zusammenhang mit dem Adjektiv ikonisch beschrieben wird (es geht um die weißen Versalien auf schwarzem Grund, die von zwei roten Linien oben und unten eingeschlossen sind).

Für mich ist dies ein willkommener Anlass zur Forderung: Wir müssen Originalität lernen! Was ich damit meine, steht ganz am Ende.

Eine originelle Lektüre wünscht

Dirk

RUN DMC Logo

Das RUN DMC-Logo - vorgeschlagen von Georg Fischer (Si apre in una nuova finestra). Er studierte Technik- und Wissenschaftssoziologie an der TU Berlin. In seiner Doktorarbeit untersuchte er den Zusammenhang zwischen dem deutschen Urheberrecht und der Kreativität in der Sample-basierten Musikkultur. Zu seinen Forschungsinteressen zählen die Medienbranche, das Urheberrecht, Verwertungsgesellschaften, Creative Commons, das wissenschaftliche Publizieren, die Open-Access-Bewegung sowie qualitative und historische Forschungsmethoden. Er veröffentlicht wissenschaftliche und journalistische Beiträge sowie Blogbeiträge.

Sie sind gnadenlos. Hat man sie einmal entdeckt, sieht man die Kopien überall. Man kann ihnen nicht entkommen. Sie sind auf Straßenlaternen und Kneipenklos gestickert, als Reklame verarbeitet, auf T-Shirts gedruckt, im Logo des Handwerkbetriebs um die Ecke, im Fußballstadion und natürlich im Internet.

Es gibt sie in allen möglichen Farben, klassischerweise aber in Schwarz, Weiß, Rot (zugegeben, eine recht martialische Farbkombination). Auch die Form ist stabil: oben ein Balken, unten ein Balken, dazwischen sechs Buchstaben (mehr oder weniger).

Das Logo der Band RUN DMC gehört zu den sichtbarsten Memes, die man sich im öffentlichen Raum der westlichen Popkultur so vorstellen kann. Der memetische Erfolg beruht auf einfacher Gestaltung. Das Ding ist so simpel, dass es keinen Urheberrechtsschutz (Si apre in una nuova finestra) auf das Logo gibt (wohl aber einen markenrechtlichen Schutz (Si apre in una nuova finestra), aber das ist eine andere Diskussion).

Viele Menschen erkennen zwar das Gestaltungsmuster in den Varianten wieder – wissen aber nicht, dass das Logo ursprünglich 1986 von der Designerin Stephanie Nash für RUN DMC (Si apre in una nuova finestra) kreiert wurde. Oder sollte man besser von einem Schriftzug sprechen?

Es gibt die konformen Varianten, die das Gestaltungsmuster des Originals exakt wiederholen, in Form, Farbe und Schrift. Oft fehlen dabei die Vokale, denn sechs Buchstaben sind ja nicht so viele – und es gibt die nonkonformen Varianten, denen das Schema zu eng ist, die daraus ausbrechen, etwa einen Balken anbauen (oder weglassen) oder ähnliches. 

Vielfältig ist auch die politische Vereinnahmung: über die Lager hinweg, von ganz links bis ganz rechts. Durch Weglassung von Buchstaben lassen sich die Botschaften verschlüsseln. Zur Wahrheit gehört auch: Über das Logo tragen Nazis verfassungsfeindliche Gedanken in die Öffentlichkeit. 

In einem mehrjährigen Akt der Obsession haben Lorenz Grünewald-Schukalla und ich gut 800 Varianten gesammelt und auf einem Tumblr verbloggt (Si apre in una nuova finestra) (in unserer Sammlung hatten wir auch einen „Giftschrank“ mit diversen unappetitlichen Exemplaren). 

2024 haben wir den Tumblr dann einschlafen lassen, die Daten sind aber archiviert (Si apre in una nuova finestra). 2017 interviewte (Si apre in una nuova finestra) uns Dirk, 2019 trugen wir auf der Re:Publica (Si apre in una nuova finestra) dazu vor, hier (Si apre in una nuova finestra) und da (Si apre in una nuova finestra) publizierten wir in wissenschaftlichen Blättern.

Eine Sache kapieren wir immer noch nicht: Wer kennt das Original, orientiert sich beim Kopieren bewusst daran, spielt das memetische Spiel willentlich mit? Und wer nicht? Aber vielleicht muss das auch nicht endgültig beantwortet werden. Solange es was zu rätseln gibt, bleibt die Spannung erhalten. 

Originalität

(E4) Die Popularität des Gegensatzpaars von Original und Kopie liegt in der Einfachheit. Der Gegensatz sortiert und verleiht Klarheit - gerade da, wo vieles vielleicht gar nicht so klar ist (siehe Mehrdeutigkeits-Folge aus der vergangenen Woche (Si apre in una nuova finestra)).

Am Beispiel der RUN DMC-Referenzen kann man aber wunderbar illustrieren, dass dieser einfache Gegensatz so nicht existiert. Es ist nicht einzig die Vorlage gut und alle Vervielfältigungen schlecht. Vielmehr kann man erkennen, manche sind richtig gut und andere eher langweilig. Woran das liegt? An der Originalität!

Ich finde den Begriff stärker als jeden Aura-Versuch. Denn auch Kopien können Originalität aufweisen - RUN DMC zeigt: sogar außerordentlich viel. Deshalb glaube ich, dass wir im Sinne eine zukunftsgewandten Kopierkompetenz zu einem skalierten Begriff des Originals kommen müssen: Wir müssen Originalität lernen! Und das bezieht sich weniger aufs Produzieren als aufs Konsumieren von Kunst. Erkenntnis findet sich weniger im Gegensatz Original vs. Kopie, sondern viel mehr in der Originalität jeden Werks.

Schon im Lob der Kopie (Si apre in una nuova finestra) habe ich deshalb vorgeschlagen,…

dass man sich von der einfachen Unterscheidung, die nur ein ja oder nein kennt, verabschiedet. Es geht nicht mehr um die klare Trennung zwischen Original und Kopie, sie ist zu einem fließenden Übergang geworden, den man nur mit einer skalierten Beurteilung zu fassen bekommt. An Stelle von einfachen Schwarz-Weiß-Entscheidungen treten Steigerungsformen und Abstufungen, die sich am Grad der Originalität orientieren. Man sollte also von eher schwachen und eher starken Originalen sprechen – je nach dem, wie eng sich ein Werk an seine Quellen und Vorgänger anlehnt, wie kreativ der Üertrag auf einen neuen Kontext ist und wie originell die Bezugswelten sind, die dadurch eröffnetwerden. Dieses veränderte Verständnis der Originalität schlage ich auch deshalb vor, weil dadurch die Bezüge, Anleihen und Referenzen eine Berücksichtigung finden können, auf die im Prozess des Schaffens zurückgegriffen werden.

Antje Schomaker hat Wir sind Helden gecovert - aber leider nur auf Instagram (Si apre in una nuova finestra). Vielleicht wird der Song noch einzeln veröffentlicht?