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VAMOS SCHATZI!

#13 / Die Suse-Ausgabe

Zicklein, Zicklein - eine Woche auf der Ziegenfarm

Katrin, Hofhündin Alma und ich

Bevor es losgeht, ein Hinweis in ureigenster Sache. Beim Produzieren des Bonus-Podcasts ein paar Tage nach dem Ziegenabenteuer war ich überrascht über meine Veränderung; war mir beim täglichen Aufnehmen der Tagebucheinträge gar nicht aufgefallen. Hajo war ganz baff und hat gestaunt: “Das ist ja eine total spannende Entwicklung!” Ich will nicht spoilern, nur so viel: Meine Sicht hat sich in den sieben Tagen komplett gedreht, obwohl die Umstände unverändert geblieben sind.

Aber hört selbst.

Herzlichst, Suse

Hola ihr Lieben!

während Hajo anderthalb Stunden von mir entfernt in seiner Cabaña schreibt, mache ich Heu und stehe knie­tief in den Ziegen.

Willkommen auf den Praderas del Sur – den südlichen Weiden – bei Katrin Runge, ihrem Mann Ziley Mora, 35 Ziegen, 10 Gänsen, 4 Katzen, 4 Truthühnern, 3 Enten, sehr vielen Hühnern, 3 Hähnen und Alma, einer weißen Hündin, die den ganzen Laden schmeißt. Dazu chilenische Ibisse, Caracaras mit Nachwuchs und ein Fuchs mit Hühnerhunger.

  1. Gezogen

Die Bayerin Katrin kam vor 35 Jahren von Günzburg nach Chile, um Spanisch zu lernen und blieb der Liebe wegen.

Erste Ziegenherde: in den Bergen, auf 2000 Meter Höhe, kein Strom, Käse per Pferd ins Dorf, die Tochter noch ein Säugling. „Meinen sicherheitsliebenden Eltern habe ich verschwiegen, wie ich hier lebe. Die hätten einen Schock bekommen“, sagt sie.

Ziegenfarm auf 2000 Metern Höhe in den Bergen bei Santiago de Chile.

Mit ihrem zweiten Mann, dem Philosophen, Ethnographen und Schriftsteller Ziley Mora Penrós, lebt sie heute auf einer Farm, die seit 25 Jahren ihr gehört und auf der sie ihre drei Kinder alleine großgezogen hat. Ihr Mann schreibt Bücher und gibt Online-Kurse zu therapeutischem Schreiben. Außerdem ist er Experte für Kultur und Kosmologie der chilenischen Mapuche.

Mein Interview mit Katrin könnt ihr im MutMachPodcast hören.  

  1. Gekäst

Katrin macht auf ihrer Farm seit 25 Jahren Ziegenkäse – Hartkäse, Ricotta, cremigen Weichkäse. Aber letzterer ist in Chile ein Ladenhüter. Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich, gilt eben auch in Chile. Mir hat’s geschmeckt, vor allem auf Katrins Sauerteigbrot.

Rechts sieht man die Ziegen, die gerade gefüttert und später maschinell gemolken werden.
  1. Gestärkt

Stadtpflanze trifft Heuboden. Körperlich war die Woche ein Brett.

Ziegen sind Genies, wenn es um das Nutzen kleinster Schlupflöcher geht. Sie beobachten sehr genau und flitzen im unbeobachteten Moment durch die geöffnete Tür in den Stall, um als erste am Futter zu sein.

  1. Gemindfuckt

Was ist eine Psychologin, die manchmal mit sich selbst struggelt? Empathisch – weil sie weiß, wie sich ein Mindfuck anfühlt. Meiner startete, als Hajo mich abgesetzt hatte und ich allein in meinem Zimmer saß: 3x3 Meter Wellblech, Zugluft, Abwasserrohr defekt, Klo draußen, Regen angesagt. Und ich dachte nur: Warum tue ich mir das an. Kopfkino in seiner ganzen Pracht: Erkältung, dann Bronchitis, wieder Krankenhaus - ich frönte meinem Opferdasein!

Für junge Menschen sicherlich kein Problem. Für Oldie-Volunteers gewöhnungsbedürftig.
  1. Gestaunt

Die Truthühner haben mich geflasht. Ein Hahn, eine Henne, zwei Jungvögel – aus nächster Nähe beobachtet. Echte Südamerikaner, denn Truthühner sind Ureinwohner, von Indigenen domestiziert, später von den Konquistadoren nach Europa verschifft und bei uns seitdem als Pute bekannt. Ihr nackter Hals erinnert an Geier – ist aber reine Optik. Truthühner gehören zu den Hühnervögeln, Neuweltgeier sind genetisch näher an Störchen dran. Die Natur erfindet denselben Look einfach zweimal. Das nennt sich konvergente Evolution.

Truthahn
Truthahngeier
  1. Gelernt

Konvergente Evolution, den Begriff kannte ich nicht. Damit ist das Phänomen gemeint, wenn völlig unterschiedliche, nicht verwandte Tiergruppen unabhängig voneinander sehr ähnliche Merkmale oder Körperformen entwickeln – weil sie in ähnlichen Umweltbedingungen leben und ähnliche Probleme lösen müssen. Die Natur erfindet also dieselbe beste Lösung mehrfach.

Warum passiert das?

Weil die physikalischen und biologischen Bedingungen auf der Erde überall ähnliche Herausforderungen stellen. Wer im Wasser schnell schwimmen will, braucht eine bestimmte Form. Wer Aas frisst und dabei Bakterien ausgesetzt ist, profitiert von einem nackten Kopf, der sich leichter reinigen lässt – so wie bei Geiern. Die natürliche Selektion belohnt die nützliche Eigenschaft, egal bei welchem Tier sie zufällig durch Mutation entsteht. Gewissermaßen das Gegenteil von gemeinsamer Abstammung: Nicht "ähnlich, weil verwandt", sondern "ähnlich und nicht verwandt".

👉 Hinter der Paywall gibt es diesmal eine Bonusfolge über meine Erlebnisse auf der Ziegenfarm.

Die Woche dort war körperlich anstrengend und gleichzeitig unglaublich erdend. Wenn Du Dich fragst, warum ich nichts über die Käseherstellung schreibe: Weil es keine gab. Katrin stillt die Ziegen gerade ab, damit sie nach vier Jahren mal wieder ihre Kinder in Deutschland besuchen kann. Ich bin schon sehr gespannt, wie sie ihre alte Heimat wahrnimmt.

Herzliche Grüße, hab einen guten Wochenstart,

Deine Suse

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Argomento Vamos Schatzi!

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