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Jobkraftmangel

Ein Maskenkopf im grotesken Stil des 16. Jahrhunderts mit pflanzliche Formen, die ein verzerrtes Gesicht formen. (Abre numa nova janela)
Quelle: Frans Huys und Cornelis Floris, Untitled Image (1555), Public Domain Image Archive. (Bearbeitet)

Du fühlst dich immateriell, digital, rein geistig. Leib und Seele sind getrennt durch die Tastatur. Was du produzierst sind Ar­ran­ge­ments von Ziffern, die in Symbole übersetzt werden. Ihre Interpretation obliegt erst dir und dann anderen. Die Informationen bewirken Bewegungen. Kommunikation findet statt. Soziale Beziehungen verändern sich. Zahlen in der Buchhaltung steigen und fallen. Es entstehen neue Bedeutungen oder sie verschieben sich. Die Gespräche, die du führst, werden unverständlicher. Das Büro verliert seine Farbe. Die Fantasie entzieht sich deiner Zukunft. Du begibst dich auf die Jobsuche.

Dein Lebenslauf ist eine Identitätskrise. Kannst du etwas oder hast du etwas getan? Wenn nichts ist, was nennst du Potenzial? Wenn was ist, wie verpackst du es? Es fällt dir am leichtesten, über das Geschäft zu sprechen, wenn es nicht geschäftlich ist. Jetzt bist du das Geschäft, deine eigene Marke. Du zweifelst an der Idee der Authentizität. Du kommst dir künstlich vor. Wie viele Masken hast du?

Profilierung. Mit wenig Kontext lässt sich wenig verkaufen. Du interessierst dich nur für das, was du nicht zeigen kannst. Auf der anderen Seite erzählen sie dir nur das, was sie gut dastehen lässt, aber nicht was sie verstecken. Die Jobanzeigen können fast nicht anders, als konventionell zu sein.

Du warst noch nie auf Dating‑Apps, aber so muss sich „Swipen“ anfühlen. Sadomasochistische Sprache: „Wir bieten“, „Wir verlangen“ (das schreiben sie so nicht), „Deine Aufgaben“. Dein Schreiben ist Switch – Top und Bottom. Du sollst selbstständig Probleme lösen und gehorchen, agieren und gleichzeitig „in deiner Rolle“ reagieren; Teamarbeit.

Vom Urlaub brauchst du Urlaub, die Jobsuche ist Arbeit für Arbeit.

Jobs in der Wissensarbeit sind schlecht definiert. Deine Erfahrungen scheinen dir singulär. Du lachst über die Beschreibungen möglicher Arbeitsrealitäten. Sie wissen nicht, was sie wollen, wie du nicht weißt, was du willst. Abgesehen von einer Zahl und der Vermeidung einer sozialen Hölle.

Einsortiert vollziehst du das Ritual des ersten Eindrucks. Mehrmals. Vor dir sind keine Menschen, die dich länger beobachten und du auch nicht sie. Gedankenexperimente spielen sich in euren Köpfen ab. Es ist Ethnografie in der Fantasie, also keine.

So divers sind wir Menschen, dass wir uns auf eine einheitliche Suche nach Monokulturen geeinigt haben.

Tien

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