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Vom Skripten, Stimmen und Oversharen

Foto: Silke Kiefer

Ich bin krank. So richtig fett erkältet mit hartnäckiger Bronchitis und Kehlkopfentzündung. Und da jeder Infekt als chronisch kranke Person noch einmal ein anderer Schnack ist, übe ich mich darin, mich zu schonen. Auch wenn mir das noch immer ungeheuer schwerfällt.

Deshalb gibt es in dieser Woche keinen frischen Kolumnentext, sondern einen, der schon etwas älter und im Februar dieses Jahres entstanden sind. Ich habe ihn einige Tage vor Beginn meiner Autismus-Diagnostik niedergeschrieben und mich bewusst dafür entschieden, ihn heute so roh und ungefiltert zu lassen, wie er damals aus mir herausgeflossen sind.

Der folgende Text ist also vor dem Hintergrund entstanden, mir selbst Entlastung in meinen Sorgen und Ängsten, die ich vor der Diagnostik hatte, zu schenken, meine Gedanken zu sortieren und mich selbst zu validieren. Dabei hilft mir schreiben häufig sehr. Die folgenden Zeilen waren also ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht. Ich schildere darin insbesondere Erfahrungen, die sich seit meiner Kindheit wie ein roter Faden durch mein Leben ziehen.

Ich weiß, dass hier einige neurodivergente Menschen mitlesen – und vielleicht sind meine einigermaßen unsortierten Gedanken ja etwas, worin ihr euch heute wiederfinden könnt. ❤️

Im Gespräch mit der Therapeutin, die im Mai 2024 ein ADHS-Assessment mit mir durchgeführt hat, wurde am Ende deutlich, dass wahrscheinlich keine reine ADHS vorliegt. Sie war sich sicher, dass u. a. ein gutes, gelerntes Masking dazu geführt hat, dass ich einige ADHS-Symptome im Alltag gut kompensieren kann. Für andere Faktoren, wie etwa meine Vorliebe für Analysen, Strukturen und Pläne – und meinen Drang, mich möglichst daran zu halten, sowie meine Frustration, wenn Pläne durchkreuzt werden oder sich verändern und darüber, wenn ich mich selbst nicht an sie halten kann – zog sie in Betracht, dass ich mich möglicherweise zusätzlich auf dem Autismus Spektrum bewegen könnte.

Zugegeben: Hätte ich mich selbst einordnen müssen, wäre ich wahrscheinlich auch eher darauf gekommen als auf ADHS, denn:

Ich führe nahezu nie ein Gespräch, ohne es vorher im Kopf zu skripten – vor allem nicht mit Menschen, die ich nicht kenne. Schon gar nicht am Telefon. Immer wieder habe ich Zettel mit Stichworten und Formulierungen vor mir liegen, wenn ich bei fremden Personen anrufe. Oder wenn ich einen Termin beim Arzt ausmachen muss. Warum geht das in den meisten Fällen eigentlich immer noch nicht online? Überhaupt vermeide ich es, wenn es irgendwie möglich ist, mit Fremden zu telefonieren.

Ich fühle mich in sozialen Interaktionen konstant beobachtet und bewertet. Ich frage mich immer, ob ich mich gerade „normal“ und „angemessen“ verhalte, ob meine Mimik sitzt, wie meine Körperhaltung ist, ob ich zu viel/wenig oder zu laut rede.

Ich overshare ständig. Ich weiß nicht, was angemessen ist in Bezug darauf, wem ich was und wie viel davon erzähle. Je unsicherer ich mich fühle, umso mehr teile ich von mir, auch wenn das paradox erscheint. (Edit: Vielleicht hat mein Hang zum Oversharen zu dieser Kolumne beigetragen… 🤷‍♀️)

Ich schäme mich gleichzeitig für alles und für nichts.

Ich wiederhole in meinem Kopf nicht nur einzelne Sätze aus Liedern, sondern auch gesprochene Sätze – manchmal untermale ich sie mit Rhythmen, was eine Form der Echolalie ist.

Stimming betreibe ich schon immer auf unterschiedlichste, meist eher heimliche Arten, kann es erst jetzt aber so benennen: Ich habe an meinen Haaren gelutscht und gekaut, als sie mir als Kind noch bis zur Hüfte reichten. Meine Nagelhaut an beiden Daumen ist vom Knibbeln so verhornt, dass sie nie wieder normale Haut werden wird. Ich trete im Stehen von Fuß zu Fuß. Ich rolle meine Zehen ein und knacke mit den Zehen. Das Einrollen meiner Zehen hat meinen Eltern (und mir) in meiner Kindheit regelmäßig Schwierigkeiten beim Schuhkauf bereitet, weil es so unbemerkt geschah. Das Innere meiner Wangen hat kleine Narben vom vielen Daraufrumkauen.

Ich fürchte mich fast vor Augenkontakt mit fremden Menschen. Ja, ich kann ihn in vertrauter Umgebung gut halten, aber er ist mir bei fremden Personen oft sehr unangenehm – vor allem mit Männern. Wenn ich selbst spreche, sehe ich lieber in die Luft oder in den leeren Raum, um mich besser zu konzentrieren. Generell begleiten mich häufig Ängste und Unsicherheiten.

Soziale Interaktion erschöpft mich, ich habe mich in den seltensten Fällen Freundeskreisen vollständig zugehörig gefühlt – aber immer extrem viel gegeben, um gemocht zu werden. Die Menschen, die mich wirklich nahe kennenlernten und schon lange begleiten, sind selbst entweder neurodivergent oder sie haben mich nach einiger Zeit verwundert gefragt, warum ich so komisch sei. Sie dachten, ich sei voller Selbstbewusstsein, bis ihnen auffiel, dass ich eigentlich ziemlich unsicher bin.

Planänderungen machen mich mindestens nervös. Wenn ich besonders gestresst bin sogar manchmal so sehr, dass ich wegen den geringsten Kleinigkeiten zu weinen beginne. Oder wirklich zornig werde. Oder beides – und mich dann natürlich dafür schäme. Ich brauche Zeit, um mich auf die Änderung einzustellen, einen neuen Ablaufplan zu erstellen und ihn mindestens drei Mal im Kopf durchzugehen. Das kann ggf. sehr schnell gehen – aber wird mir die Möglichkeit dazu genommen, wird der Stress, der daraus resultiert, mich länger begleiten.

Ich hasse bestimmte Geräusche (vor allem Kaugeräusche) und kann sie körperlich nicht ertragen, sie fügen mir Schmerzen zu und bringen mich an die Grenzen meines Verstandes.

Mir ist es fast immer zu laut, zu hell, zu kalt, zu warm. Ich habe selten eine normale Körpertemperatur.

Ich bin schnell überreizt.

Ich denke meist zwölf Gedanken parallel, meine Gedanken rasen.

Ich bin sowohl hypo- als auch hyperempathisch.

Wenn ich von Gedanken, Reizen und Gefühlen überlastet bin, heule und schreie ich, werde im schlimmsten Fall jähzornig. Jahrelang habe ich das für Panikattacken gehalten, heute weiß ich, dass es Meltdowns sind. Meltdowns, die zwar selten auftreten – aber jedes Mal begleitet werden von einer tiefen Scham.

Zu sprechen ist mir bei Überlastung zu viel, angesprochen zu werden erst recht. Ich kann sehr gut und sehr gerne viel Zeit mit mir alleine oder in Stille neben meinem Partner verbringen. Parallel Play beruhigt mich, aber bitte sprich mich nicht dabei an. Ich bin unglaublich wissenshungrig und vergesse im Hyperfokus alles um mich herum.

Ja, ich könnte mir vorstellen, dass ich auf dem Spektrum sein könnte.

Vier Herzen in meiner Brust. Mindestens.

Also habe ich auch hier beschlossen, mich beraten zu lassen und ggf. eine Diagnostik aufzunehmen. Mein erstes Gespräch im Sommer 2024 mit der spezialisierten Therapeutin, die ich dafür kontaktiert habe, verlief sehr angenehm. Sie hat mir viele Fragen gestellt, um abzuklären, ob eine Diagnostik überhaupt Sinn macht. Am Ende des Gesprächs sagte sie: „Frau Müller, was ich Ihnen jetzt schon bestätigen kann, ist, dass Sie in jedem Fall neurodivergent sind. Ich vermute AuDHS in Kombination mit einer Hochbegabung. Das würde erkläen, warum sie so viel kompensieren können.“ Sie unterstrich, dass es sich nur um einen Verdacht handele und dass wir die Diagnostik mit etlichen Fragebögen, Befragungen meines Umfelds und Verhaltensbeobachtungen gemeinsam durchlaufen würden. Nervös – und irgendwie erleichtert – willigte ein. Insgesamt drei Diagnose- und Besprechungstermine würden folgen.

Dieses Vorgespräch ist nun ein halbes Jahr her und in wenigen Tagen steht das erste der drei folgenden Diagnosegespräche an. (Anmerkung: Das war im Februar/März 2025) Ich werden von Tag zu Tag nervöser. Ein Teil von mir fiebert den Gesprächen entgegen, um endlich Klarheit zu gewinnen. Ein Teil ist sich schon sicher, dass am Ende eine Diagnose rauskommen wird. Schließlich habe ich vor und nach dem Erstgespräch wochen- und monatelang recherchiert. Dann ist da noch der Teil, der sich so sehr Bestätigung und Erleichterung wünscht. Er wünscht sich eine Erklärung dafür, warum ich bin, wie ich bin und warum mir so viele Dinge bei noch so starker Anstrengung so schwerfallen.

Und schließlich gibt es noch den Anteil, der den Rest der Party fertigmacht: „Wozu brauchst du eine Diagnose? Denkst du wirklich, das steht dir zu? Anderen geht es viel schlechter als dir. Die Diagnosekapazitäten sind eh so stark beschränkt, warum blockierst du sie jetzt auch noch? Wenn du eine Diagnose bekommst, dann nur, weil du dafür zahlst. Das wird eh nicht stimmen.“ Diese Stimme macht mich fertig. Und je näher die Diagnostik rückt, umso lauter wird sie. Mittlerweile kann ich die Spannung kaum noch aushalten. Ich habe Angst, keine Diagnose zu bekommen. Das scheint absurd zu sein, denn wer wünscht sich schon eine Diagnose – und dann noch eine, von der wir wissen, wie viel Unverständnis in der Gesellschaft herrscht, wie groß die Einschränkungen sind und wie wenig Verständnis und Bereitschaft es für mögliche Anpassungs- und Unterstützungsbedarfe gibt.

Nun, Menschen, die sich Klarheit wünschen, sind es, die sich eine solche Diagnose wünschen. Die sich ihr Leben lang missverstanden und nicht zugehörig fühlen. Die unglaubliche Kraftanstrengungen erbringen, um Freundschaften und Beziehungen aufzubauen und zu erhalten – und denen es am Ende vielleicht doch nicht gelingt. Die überfordert und überreizt sind von einer Welt, die für neurotypische Gehirne und auf Leistungsfähigkeit ausgelegt ist. Die sich seit Kindheitstagen fragen, was zur Hölle eigentlich falsch mit ihnen ist. Es sind Menschen, die sich eine Bestätigung dafür wünschen, dass sie nicht falsch sind und sie nichts dafür können, dass sie sind, wie sie sind. Die sich Erleichterung und Entlastung wünschen, selbst, wenn das nur durch eine Diagnose möglich ist.

Mittlerweile liegen die Diagnosegespräche bereits neun Monate zurück, den Text habe ich Anfang des Jahres geschrieben, jetzt ist es Dezember. Seit neun Monaten weiß ich mit Sicherheit, dass ich autistisch bin. Und seit neun Monaten denke ich im Wechsel: „Na klar, jetzt ergibt  alles einen Sinn“, und: „Quatsch, das kann doch nicht sein.“ Wann immer ich Letzteres denke, nehme ich mir den Text oben vor, lese ihn in Ruhe durch – und erinnere mich daran, dass ich mich und all meine Erfahrungen ernst nehmen darf, denn sie sind und waren da. Schon immer.

Übrigens: Die Therapeutin, die ASS bei mir festgestellt hat, hat nach der umfangreichen Diagnostik bezweifelt, dass überhaupt eine ADHS bei mir vorliegt. Sichergestellt oder ausgeschlossen werden kann das jedoch nur mit einem entsprechenden Diagnoseprozess, der nach wie vor aussteht – und von dem ich aber immer noch nicht weiß, ob ich mich ihm überhaupt noch unterziehen möchte. Das sei hier jedoch der Vollständigkeit halber sowie zur Verdeutlichung, wie schwierig Differenzialdiagnostik sein kann und wie sehr sich verschiedene Neurodivergenzen überschneiden können, angeführt.

Tópico Neurodivergenz

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