Saltar para o conteúdo principal

#16: Zwischen Anpfiff und Alarm: Europas Fußball vor der WM im MAGA-Land

Foto von Christian Lue auf Unsplash

In weniger als einem halben Jahr soll die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 beginnen – doch schon jetzt steht das Turnier im Schatten geopolitischer Spannungen. Drohungen, Proteste und ein möglicher Boykott werfen Fragen auf, die weit über den Sport hinausgehen.

(Lesezeit etwa 18 Minuten)

In etwas weniger als fünf Monaten beginnt am 11. Juni die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko. Bei einem Blick auf das Land von Präsident Donald Trump scheint es, als verginge die Zeit schneller als sonst. Allein in den vergangenen drei Wochen passierte so viel wie früher in einem Jahr. Und nichts davon ist positiv.

Die völkerrechtswidrige Gefangennahme des venezolanischen Staatspräsidenten Nicolás Maduro in Caracas. Die Ermordung von Renée Good in Minneapolis durch einen ICE-Beamten. Trumps offene Drohung, Grönland zu annektieren. Es ist schwierig, mit den außen- und innenpolitischen Geschehnissen Schritt zu halten. Jeden Tag passiert etwas Neues, etwas Schlimmes.

Dass im kommenden Sommer eine sportliche Großveranstaltung mit europäischer und deutscher Beteiligung in den USA stattfinden soll, ist grotesk. Die Frage ist, wie lange die EU und Deutschland sich das weiter aus ihrer bequemen Komfortzone anschauen, ohne selbst aktiv zu werden. Und über allem schwebt die Frage: Wie realistisch ist ein Boykott der Weltmeisterschaft als Ganzes oder nur der Spiele in den USA? Wird der europäische Fußball hier ein Zeichen setzen?

Die Ausgangslage

Die vergangenen Tage haben gezeigt, dass es offenbar schon dienlich ist, die Daumenschrauben gegenüber den USA und ihrem Präsidenten anzuziehen – und selbst zu drohen.

Tagelang hatte Trump darüber gesprochen, Grönland mit einem militärischen Angriff annektieren zu wollen. Am vergangenen Mittwoch (21. Januar) wiederholte er vor der Weltöffentlichkeit sein Bestreben, den autonomen Bestandteil von NATO-Mitglied Dänemark besitzen zu wollen.

Zwar betonte Trump, er werde keine Gewalt anwenden, obwohl er das mit den US-Streitkräften könne – und deswegen wäre es ratsam, wenn Grönland zu den USA gehören würde, damit Trump es für seine “strategische Schlüsselposition” nutzen könne. Wenn nicht militärisch, dann eben auf andere Weise: Trump will Grönland, das wurde sehr deutlich.

Die EU prüfte eine Vergeltungsmaßnahme, etwa Importe aus den USA mit hohen Zöllen zu versehen. Eine Summe von 93 Milliarden Euro stand im Raum. Zudem sollte der Zugang zum europäischen Binnenmarkt für amerikanische Unternehmen erschwert werden. Über diese Optionen diskutierten EU-Botschafter am vergangenen Sonntag (18. Januar) der vergangenen Woche, und damit schon vor Trumps geplanter Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos. EU-Ratspräsident António Costa hatte verlauten lassen, die EU sei geeint “in der Unterstützung und Solidarität mit Dänemark und Grönland”.

Auf diese Drohungen und Trumps einmal mehr wirre Rede folgte am Donnerstag (22. Januar) eine vage Vereinbarung, die Trump mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte getroffen habe, in der es um die Sicherheit in der Arktis gehen solle. Rutte hat keine territoriale Mandatskompetenz in Dänemark.

Wegen dieser Vereinbarung, so kündigte Trump an, werde er auch keine zusätzlichen Zölle auf Produkte aus den Ländern erheben, die sich nach Einladung Dänemarks an militärischen Übungen auf Grönland beteiligt hatten – darunter Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Alle drei sind WM-Teilnehmer.

Grönland als Katalysator

Monatelang hatten die europäischen Staatschefs und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versucht, Trump milde zu stimmen, ihn zu umschmeicheln und zu umgarnen. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte Trump zum Beispiel im vergangenen Sommer eine Geburtsurkunde von dessen Großvater aus Deutschland mitgebracht. Aus Großbritannien erreichte den US-Präsidenten eine Einladung zum Staatsbesuch – von King Charles höchstpersönlich.

Trotzdem akzeptierte Europa erstmal ein katastrophales Handelsabkommen und ließ sich von Trump an der Nase herumführen. Trump empfing Russlands Machthaber und Kriegsherrn Wladimir Putin in Alaska, während er die militärische Unterstützung für die Ukraine verringerte und undefinierte Sicherheitsgarantien für das angegriffene Land in Aussicht stellte. Trumps außenpolitische Strategie besteht in erster Linie darin, im eigenen Interesse die regelbasierte internationale Ordnung zu zerstören.

In diesen Tagen scheint sich jedoch auf europäischer Seite etwas zu verändern: Als es um Grönland ging, zeigte Europa Rückgrat und solidarisierte sich. Die militärische Übung auf Grönland, mögliche Vergeltungsmaßnahmen im Rahmen von Gegenzöllen: Auf einmal passierten Dinge, die nicht unbedingt zu erwarten gewesen waren. Die Lehre daraus: Wer standhaft bleibt, erreicht mehr.

Vielleicht hat das Führungspersonal des europäischen Fußballs von dieser Erkenntnis etwas mitbekommen. Das würde bedeuten, dass sich in den Verbandszentralen die Entscheidungsträger mittlerweile etwas intensiver mit der Frage auseinandersetzen, wie viel sie tolerieren wollen, wenn sie ihre Männer-Nationalmannschaften im Sommer zur Weltmeisterschaft in die USA entsenden. Das Problem daran ist allerdings, dass die Fußballverbände im Schlepptau der Regierung im eigenen Land handeln und nur in den allerwenigsten Fällen eigenmächtig Stellung beziehen.

Fußball als Druckmittel

Der europäische Umgang mit Trumps Grönland-Plänen taugt als Blaupause dessen, was die hiesigen Nationalverbände als Machtzentrum des Weltfußballs ebenfalls tun könnten: Dem amerikanischen Autokraten die Stirn bieten. Dass eine solche Entwicklung nicht gänzlich undenkbar ist, thematisierte der britische Journalist Miguel Delaney vergangenen Mittwoch (21. Januar) für den Independent (Abre numa nova janela):

“Hochrangige Funktionäre an der Spitze von Fifa und Uefa sind ‘sehr besorgt’ über die möglichen Auswirkungen des Interesses der Vereinigten Staaten an Grönland auf die Weltmeisterschaft und den Fußball insgesamt, sagen mit der Sache vertraute Quellen, während die Fußballverbände versuchen, sich in einer diplomatischen Krise zurechtzufinden.”

Deswegen sei es am Montag der vergangenen Woche (19. Januar), schreibt Nick Ames für den Guardian (Abre numa nova janela), bei einem Treffen von 20 Fußballverbänden in Budapest zu Gesprächen über die Grönland-Krise gekommen. Anlass war der 125. Geburtstag des ungarischen Fußballverbandes.

“Einige hochrangige Funktionäre sind der Ansicht, dass eine militärische Aggression zur Einnahme Grönlands – die Trump nicht ausgeschlossen hat – der Auslöser für einen von der Uefa angeführten Boykott oder andere weitreichende Protestmaßnahmen gegen die US-Regierung wäre. (…) Es besteht Einigkeit darüber, dass dies ein entscheidender Moment für die Sicherheit Europas und seine weitere Zukunft ist. Die Mehrheit der Fußballverbände dürfte sich an den Reaktionen ihrer jeweiligen Regierungen auf die Entwicklungen rund um Grönland orientieren, auch wenn einige Quellen darüber nachgedacht haben, wie ein proaktiveres Vorgehen aussehen könnte. Es scheint, sollte einer der größeren Verbände des Kontinents Stellung beziehen, dass andere folgen würden.”

Eine zentrale Figur könnte Fifa-Präsident Gianni Infantino sein, der sich aber in der Vergangenheit schon vor US-Präsident Trump in den Staub geworfen hatte. Spätestens mit der Verleihung des sogenannten “Friedenspreises” an Trump hatte die Fifa ihre politische Neutralität (Abre numa nova janela) aufgegeben.

Denn auch in Davos zeigte sich Infantino von seiner altbekannten Seite: Er war dabei, als der von Trump erfundene “Friedensrat” ins Leben gerufen wurde. Das nächste Prestigeprojekt des US-Präsidenten entstehe im “Geiste des Friedens”, schrieb Infantino huldigend auf Instagram. Von ihm ist, das wissen wir, nichts mehr zu erwarten. Deswegen sollten sich die Verbände nicht auf ihren Boss verlassen. Vor dieser intensiven Verbindung zwischen Infantino und Trump darf der europäische Fußball nicht die Augen verschließen.

Gianni Infantino auf Instagram

Und deshalb mehrten sich in dieser Woche erste zaghafte Stimmen, um zumindest einen Boykott der WM im Sommer zu diskutieren. Den Erstaufschlag machte Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, noch in der Debatte um Grönland. Dem Springer-Verlag erklärte er:

“Eine Turnierabsage käme allenfalls als ultima ratio in Betracht, um Präsident Trump in der Grönlandfrage zur Vernunft zu bringen.”

Trump habe bereits deutlich gemacht, dass die WM einen “hohen Stellenwert” für ihn habe.

In die gleiche Kerbe schlug mit Roderich Kiesewetter (ebenfalls CDU, tritt als Sicherheitspolitiker auf) ein weiteres Mitglied der Koalitionsfraktion. Im Interview mit der Augsburger Allgemeinen sagte er:

“Wenn Trump seine Ankündigungen und Drohungen in Bezug auf Grönland umsetzt und einen Handelskrieg mit der EU anzettelt, ist für mich kaum vorstellbar, dass europäische Länder an der Fußball-WM teilnehmen.(…) Es muss klar sein, dass damit die transatlantische Partnerschaft mit den USA am Ende wäre. Eine Boykott-Ankündigung für die WM kann nur eine symbolische Maßnahme sein.”

Aus der SPD äußerte sich mit Aydan Özoğuz die Vorsitzende des Sportausschusses zum Thema (Augsburger Allgemeine (Abre numa nova janela)).

“Unter welchen Bedingungen diese Spiele angepfiffen werden sollen, ist völlig unklar. Was bei einer Einreise in die USA mit Fans passieren kann, ebenfalls.”

Ralf Stegner, auch Teil der SPD-Fraktion, zeigte sich zurückhaltender (Süddeutsche Zeitung (Abre numa nova janela)).

“Was Boykottdrohungen im Sport angeht, bin ich generell skeptisch. Man bestraft damit die Fans und die Sportler, der Nutzen ist fragwürdig.”

Adis Ahmetović, außenpolitischer Sprecher der SPD, widersprach seinen Parteifreunden vehement (stern (Abre numa nova janela)).

“Einen WM-Boykott halte ich für unsinnig.”

Als Vertreter Deutschlands solle die DFB-Elf um den Titel spielen.

“Daneben müssen wir die Chance ergreifen, am Rande des Turniers neue Partnerschaften mit politischen Akteuren und der Zivilgesellschaft in D.C. zu knüpfen.”

Mit Christiane Schenderlein (Staatsministerin Sport (Abre numa nova janela), angesiedelt im Kanzleramt) äußerte sich erstmals ein Regierungsmitglied dazu – und verwies im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP auf die Autonomie des Sports.

“Entscheidungen über Teilnahme oder Boykott von Sportgroßveranstaltungen liegen ausschließlich bei den zuständigen Sportverbänden, nicht bei der Politik.”

Entscheidungen von dieser Tragweite müssten von den führenden Verbänden, in diesem Fall DFB und Fifa, getroffen werden.

“Diese Einschätzung wird die Bundesregierung akzeptieren.”

CDU-Familienministerin Karin Prien hingegen bezeichnete einen WM-Boykott in einem ntv-Podcast als “"symbolische Kraftmeierei”, Europa solle andere Instrumente in Erwägung ziehen und sich “nicht in Symbolik” verlieren.

Boris Mijatovic von der grünen Opposition sprach im stern über die Gefahr für Fans, die für die Unterstützung ihrer Mannschaft in die USA reisen würden.

“Es ist für Fans nicht sicher zu dieser Weltmeisterschaft zu reisen. Ich kann jedem Fan nur dazu raten, die WM-Spiele in den USA zu boykottieren.”

Trump habe die USA “systematisch zu einem Polizeistaat” umgeformt. Sollte sich daran nichts ändern, müsse die Bundesregierung “zu einem diplomatischen Boykott der WM-Spiele in den USA aufrufen”.

Die ehemalige Außenpolitikerin Annalena Baerbock (Grüne) sagte ntv im Rahmen des Weltwirtschaftsforums in Davos:

“Es ist egal, ob es um internationale Politik, um Wirtschaft oder um Sport geht. Wenn man nicht eine Grundform von Regeln hat, an die sich alle halten, dann funktioniert einfach eine Fußball-Weltmeisterschaft nicht, (...) dann ist man raus.”

In anderen europäischen Ländern nimmt die Diskussion auch an Fahrt auf. Eine Petition (Abre numa nova janela) in den Niederlanden, die den nationalen Fußballverband dazu bringen soll, die Entsendung der Nationalmannschaft zu annullieren, hat bereits die Unterschriften von fast 150.000 Menschen eingesammelt. Eine Gruppe von englischen LGBTQ-Fans hat ihre Reise zur WM aus Sicherheitsgründen bereits abgesagt (Abre numa nova janela).

Der Konservative Simon Hoare, Parlamentsmitglied im Vereinigten Königreich, beteiligte sich an der Diskussion um Grönland und betonte:

“Während all das also weiterläuft, müssen wir versuchen herauszufinden, was diesen Mann antreibt. Er ist dünnhäutig, er hat ein großes Ego und er mag es nicht, bloßgestellt zu werden. Sollte der Staatsbesuch in diesem Jahr stattfinden? Sollten Fußballmannschaften bei der Weltmeisterschaft in amerikanischen Stadien spielen? Das sind Dinge, die den Präsidenten im eigenen Land in Verlegenheit bringen würden. Jetzt müssen wir Feuer mit Feuer bekämpfen.”

Der französische Parlamentsabgeordnete Eric Coquerel (La France Insoumise) schrieb auf X:

“Ernsthaft: Kann man sich vorstellen, eine Fußball-Weltmeisterschaft in einem Land auszutragen, das seine ‘Nachbarn’ angreift, mit der Invasion Grönlands droht, das Völkerrecht zerstört, die UN sabotieren will, im eigenen Land eine faschistische und rassistische Miliz etabliert, die Opposition angreift, Fans aus rund einem Dutzend Ländern von dem Turnier ausschließt, plant, jedes LGBT-Symbol aus den Stadien zu verbannen, usw.”

Sportministerin Marina Ferrari reagierte darauf ähnlich reserviert wie ihre Kollegin Schenderlein in Deutschland.

“Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es vonseiten unseres Ministeriums keinen Willen zu einem Boykott dieses großen, mit Spannung erwarteten Wettbewerbs. Ich will allerdings nicht vorwegnehmen, was sich noch entwickeln könnte, habe aber auch Stimmen aus bestimmten politischen Lagern gehört, die sich entsprechend geäußert haben. Mir ist wichtig, dass Sport und Politik getrennt werden. Die Fußball-Weltmeisterschaft ist ein äußerst bedeutender Moment für alle Sportfans.”

Auch Dänemark, am meisten betroffen von Trumps Plänen einer Annexion Grönlands, wolle nicht zu einem Boykott aufrufen. Das erklärte Mogens Jensen, Sozialdemokrat und Sprecher für Sport, der Deutschen Welle (Abre numa nova janela).

“Meine Partei und ich persönlich sind der Ansicht, dass dies eines der letzten Mittel ist, zu denen man greifen sollte.”

Eine Diskussion sei aber unumgänglich, falls Trump doch zu konkreten Maßnahmen greifen sollte.

Die genannten Zitate sind ein erster Überblick über die Standpunkte unterschiedlicher europäischer Parteien und Regierungen, sie ließe sich wohl endlos weiterführen. Zum Abschluss: Besonders bemerkenswert ist eine Stellungnahme aus Österreich, angefragt hatte die Nachrichtenagentur APA.

Die Antwort sah vor, “dass man sich vehement gegen eine Politisierung von Kunst und Kultur, Musik oder Sport ausspreche und entschieden gegen eine Cancel Culture eintrete.” Das ging allerdings deutlich am Thema vorbei.

Eine neue Dynamik entstand, als mit Oke Göttlich (Vereinspräsident des FC St. Pauli) ein DFB-Vizepräsident der Hamburger Morgenpost (Abre numa nova janela) ein Interview gab, das schnell auch ein internationales Publikum erreichte.

“Ich frage mich wirklich, wann der Zeitpunkt ist, darüber (gemeint ist der Boykott, Anm. d. Verf.)konkret nachzudenken und zu reden. Und für mich ist dieser Zeitpunkt definitiv gekommen. (…) Das Leben eines Profifußballers ist nicht größer als das Leben von sehr vielen Menschen in verschiedenen Regionen, die derzeit von dem WM-Gastgeber direkt oder indirekt angegriffen oder bedroht werden. (…) Wir verlernen es als Organisationen und Gesellschaft gerade, Tabus und Grenzen zu setzen und Werte zu verteidigen. Tabus sind ein wesentlicher Bestandteil von Haltung. Ist das Tabu erreicht, wenn jemand droht? Ist das Tabu erreicht, wenn jemand angreift? Wenn Menschen sterben? Ich wüsste gern von Donald Trump, wo sein Tabu erreicht ist, und ich wüsste es gern von Bernd Neuendorf und von Gianni Infantino.”

Denn auch deutsche Fans, die die Nationalmannschaft begleiten, müssen in die USA einreisen. Doch dort herrschen seit Trumps zweitem Amtsantritt extreme Regeln, die bereits zu einem Rückgang an der Zahl von einreisenden Personen geführt haben. Der Visa-Prozess wurde erschwert, vor der Einreise finden Social-Media-Screenings über die Aktivitäten in den letzten fünf Jahren statt, DNA-Proben können genommen werden. Die Auswirkungen auf die Kontrolle und Überwachung von Medienschaffenden, die über die WM berichten wollen, sind noch nicht genau bekannt.

Risiken für Fans

Dieser Text versteht Boykott nicht als symbolischen Akt, sondern als präventive Schutzmaßnahme gegen reale politische und sicherheitsrelevante Risiken – erst sekundär als Druckmittel.

Bisher ging es nur um Regierungen und um Sportverbände. Die Weltmeisterschaft findet aber nur mit Menschen statt, die in die USA einreisen wollen. Und da endet die Verantwortung eben nicht bei Funktionären. Die Äußerungen von Politiker*innen sind etwas anderes als konkrete, materielle oder tatsächliche Konsequenzen für Staatsbürger*innen.

Solange Boykott nur als Symbol gedacht wird, wirkt er beliebig. Sobald er als Schutzmaßnahme für reale Menschen verstanden wird, wird er zwingend.

Seit ziemlich genau einem Jahr terrorisiert Trumps paramilitärische Eingreiftruppe Immigration and Customs Enforcement (ICE) das Land. Stephen Miller, Berater von Präsident Trump, gilt als Architekt der extremen Abschiebepolitik und Ideengeber des Playbooks “Project 2025”. Er beschrieb das geplante Vorgehen schon im Wahlkampf konkret: “Amerika ist für Amerikaner und nur Amerikaner”. Alle anderen müssen raus. Remigration in der rechtsextremen Praxis.

Insbesondere in den sogenannten Sanctuary Cities, die die Zusammenarbeit mit der Regierung in Sachen Immigrationsgesetze ablehnen, ist ICE aktiv. Dazu gehören beispielsweise New York, Minneapolis, Chicago und Los Angeles. Vermummte, anonyme Einheiten fahren in nicht gekennzeichneten Fahrzeugen, sind mit militärischer Kampfausrüstung ausgestattet. Ihr mittlerweile bekanntester Kommandant ist Gregory Bovino, der sich an nationalsozialistischer öffentlicher Erscheinung (Abre numa nova janela) orientiert.

Die Tötung von Renée Good durch einen ICE-Agenten am 7. Januar löste massiven zivilgesellschaftlichen und rechtlichen Widerstand in Minneapolis (Abre numa nova janela) und den USA aus.

Die ICE-Einsatzkräfte durchsuchen Schulen, Kirchen und Krankenhäuser, um vorrangig lateinamerikanisch aussehende (!), junge Männer (auch mit amerikanischem Pass) in Gefangenenlager zu stecken. Das Transactional Records Access Clearinghouse (TRAC (Abre numa nova janela)) berichtet über diese Praktik und sammelt Zahlen. Ende November 2025 waren mehr als 65.000 Personen in Gewahrsam von ICE. Fast 75 Prozent davon waren nicht vorbestraft. Mehr als 180.000 Familien und Personen stehen unter Überwachung.

Mehr als 90.000 Festnahmen gab es in den elf Austragungsorten der Fußball-WM in den USA, darunter eine im Rahmen eines Spiels bei der Klub-Weltmeisterschaft der Fifa im vergangenen Sommer (Abre numa nova janela). Familien werden auseinandergerissen, Menschen ohne rechtsstaatliche Grundlage inhaftiert.

Aus den obigen Zitaten geht hervor, dass die Diskussion auf Seiten der Fußballfunktionäre im Hintergrund geführt wird. Politiker*innen unterschiedlicher Parteien in mehreren Ländern sprechen über das Thema in der Öffentlichkeit, das sind aber nach heutigem Stand eher Stellungnahmen als konkrete Handlungsvorschläge. Das Agieren im transatlantischen Verhältnis ist kompliziert, Bundeskanzler Friedrich Merz tut sich darin schwer, Trump öffentlich zu kritisieren.

Dass die EU nicht vorschnell handelt, liegt an der komplexen Entscheidungsfindung in der Staatengemeinschaft. Das ist nachvollziehbar und gut so. Doch wenn es hart auf hart kommen sollte: Die EU kann auf eigener Gesetzesgrundlage (Anti-Coercion Instrument, ACI) tiefgreifende Handelsbarrieren gegen ein Land verhängen, das sich Europa gegenüber aggressiv verhält. Das 2025 mit den USA getroffene Handelsabkommen kann die EU verwerfen. Europäische Länder können Kapital aus den USA entziehen. Die EU kann Forscher*innen, Intellektuelle und Bürger*innen aus den USA abwerben.

Und nicht zuletzt: Europäische Nationalmannschaften können ihre Teilnahme an der WM in den USA absagen. Der wirtschaftliche Schaden für die USA ließe sich nicht bemessen, eine gewisse Symbolik einer solchen Handlung nicht abstreiten. Doch auch hier gibt es verschiedene Szenarien: Regierungsvertreter können ihre Teilnahme absagen, während die Mannschaften dennoch spielen. Ein Teil-Boykott wie eine Verlegung der Spiele nach Kanada und Mexiko müsste von der Fifa angeleitet werden.

Wahrscheinlich ist, dass viele Diskussionen und Wortmeldungen folgen werden, auch von Regierungsmitgliedern. Die bisher sehr devote Haltung der Bundesregierung gegen die USA verdeutlicht aber, dass konkrete Handlungen nur dann stattfinden, wenn es gar keine andere Möglichkeit gibt und der öffentliche Druck zu groß wird. Denn bisher spricht die Bundesregierung, aber handelt nicht.

Es ist entscheidend, Trump die Grenzen aufzuzeigen und nicht weiter zuzulassen, dass er sie weiter überschreitet. Das “When you’re a star, they let you do it (Abre numa nova janela)” muss ein Ende haben. Dass er vermeintlich von militärischer Aggression gegen Grönland abgesehen hat, ist noch keine politische Kehrtwende, sondern ein zwischenzeitliches Manöver. Ständig und zu jeder Zeit kann etwas Neues von Trump in Gang getreten werden.

Die kritischen Momente für die europäische Sicherheit werden nicht durch die Fußball-WM im Sommer beendet sein. Denn wer in Europa bisher nicht von Rechtsextremen regiert wird, soll laut dem Nationalen Sicherheitsplan von Trump auf diesen Weg gebracht werden. Vielleicht sollte jemand das nochmal Gianni Infantino ins Ohr flüstern.

Und wie sähe es dann aus, wenn bei einem möglichen Achtelfinale zwischen Frankreich und Deutschland in Philadelphia am 4. Juli, ausgerechnet am 250. Unabhängigkeitstag der USA, Emmanuel Macron und Friedrich Merz als führende Staatschefs Europas betreten klatschend auf der Bühne sitzen, während nur einige Kilometer entfernt Jagd auf Menschen gemacht wird, Trump mit der nächsten imperialistischen Maßnahme droht und die Werte der Europäischen Union, also Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, mit Füßen getreten werden?

Deswegen sollten europäische Mannschaften in diesem Sommer nichts mit den Füßen treten, schon gar keinen Ball in den USA.

Dir hat dieser Text gefallen? Dann teile ihn mit deinen Leuten oder abonniere den Newsletter!

Für die Recherche und das Verfassen des Textes habe ich etwa zwei Tage Arbeit investiert. Du kannst das mit einer Mitgliedschaft (Abre numa nova janela)unterstützen oder mir einen Çay spendieren (Abre numa nova janela). Danke!

Tópico Alle Ausgaben von B-Note

0 comentários

Gostaria de ser o primeiro a escrever um comentário?
Torne-se membro de B-Note: Der Newsletter über Sportpolitik e comece a conversa.
Torne-se membro