
Wer Sport von Politik trennen will, verkennt, dass Großereignisse wie die Fußball-WM längst Teil geopolitischer Strategie sind. Die Frage ist nicht, ob Deutschland politisch reagieren sollte – sondern wann.
München: Donald Trumps Untertanen haben es schon wieder getan. Dieses Mal war der Ton weicher, beinahe versöhnlich. Kein offener Affront, keine Provokation wie noch 2025. Und genau das machte die Rede gefährlicher. Das Schlimme dieses Mal: Europas Publikum fiel darauf herein. Viele waren dankbar, diesmal nicht wieder verbal verprügelt worden zu sein Deswegen auch stehende Ovationen.
Einige der Zuhörenden bezeichneten es als “ausgezeichnet” und “ermutigend”. Doch bei genauerem Hinhören ließ sich erkennen: US-Außenminister Marco Rubio hat Europa bei seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz keineswegs wieder die Hand gereicht oder um Verzeihung für die Entgleisungen der jüngeren Vergangenheit gebeten. Zwischen den Zeilen ließ sich heraushören: Entweder ihr seid bei unserem Weg dabei oder ihr seid raus und bekommt es zu spüren.
Eine Kampfansage, nur etwas lieber im Ton. Rechte Nationalisten dürften sich gefreut haben, weil Rubio in keinem einzigen Wort die Europäische Union erwähnte, weder als Partner noch als geopolitischen Akteur. Rubios anschließende Reise in die Slowakei und nach Ungarn sprach Bände – beide Nationen untergraben regelmäßig die europäische Idee der Zusammenarbeit und Demokratie. White Supremacy, aber nett verpackt.
Wie die europäische und auch die deutsche Politik die Rede aufnahmen, ist leider wie so oft beunruhigend. Entweder sind es Naivität oder Ahnungslosigkeit, oder noch schlimmer: ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Vereinigten Staaten von Donald Trump.
Washington: Die Parallelarmee ICE (Immigration and Customs Enforcement) hat im vergangenen Jahr 379.000 Personen in den USA festgenommen. Von der Größenordnung in Bezug auf die Einwohnerzahl in etwa die Stadt Bochum. Mit 8.400 sind mehr als zwei Prozent der Festgenommenen mutmaßliche Gangmitglieder oder Terroristen. Das berichtete Todd Lyons, der amtierende ICE-Direktor, in der vergangenen Woche bei einer Kongress-Anhörung.
Im Sommer, wenn in den USA, Kanada und Mexiko die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wird, werde seine Einsatztruppe eine “Schlüsselrolle im Sicherheitsapparat” sein, ergänzte Lyons. Das Ziel sei es, allen Personen, die die Spiele besuchten, “ein sicheres Event zu ermöglichen”. Für all diejenigen Personen, die direkt oder indirekt vom brutalen und menschenfeindlichen Vorgehen betroffen sind, muss das wie Hohn geklungen haben. Schätzungen zufolge werden etwa zehn Millionen Menschen in den elf Gastgeberorten der WM erwartet. Trumps Häscher werden ebenfalls dort sein.
Die migrationsfeindliche Politik, die sich das Weiße Haus auf die Fahnen geschrieben hat, ist daher wohl auch Teil des “Sports Diplomacy Playbook”, über das im Januar Politico (Abre numa nova janela) berichtet hatte. Darin ist aufgeführt, wie die USA Mega-Events wie die Fußball-WM und die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles vorbereiten und durchführen sollen.
Mit einem Mix aus Soft Power und monetären Interessen sollen Trumps Diplomaten das “Sportjahrzehnt” angehen – untermauert von Trumps “Sozialpolitik”. Sport-Events in den USA sollen die amerikanische “Marke” bekannter gemacht werden, heißt es im Playbook.
Wenn die Fifa-Karawane nach dem WM-Finale weiterzieht, geht es in den USA direkt damit weiter, die eigene sportpolitische Agenda an die grundlegende Ideologie anzuknüpfen. Das Recht des Stärkeren, vulgo des weißen Nationalisten, ist dafür der Startpunkt. Die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles werfen bereits ihre Schatten voraus und es ist fraglich, ob in Europa schon etwas voraussehender darüber nachgedacht wird, eine gemeinschaftliche Linie an den Start zu bringen.
Die Debatte um einen Boykott der Fußball-WM war zuletzt so schnell hochgekocht wie Milch in einem Kochtopf, der auf der höchsten Stufe erhitzt wird. Spitzenpolitiker nahmen sie allerdings, um im Bild zu bleiben, sehr schnell wieder vom Herd. Im Westen daher nichts Neues, mit dem Reizthema Fußball soll der “transatlantische Partner” bloß nicht verärgert werden.
Berlin: Einige Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zeigen, wie sehr in der Hauptstadt versucht wird, das Spiel zu beruhigen.
Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) sagte dem Springer-Verlag:
“Ich halte die Debatte wirklich für Quatsch und ich muss das auch so deutlich sagen. Ich finde, bei allen politischen Auseinandersetzungen, die man mit den USA hat, halte ich einen WM-Boykott für eine vollkommen falsche Debatte."
Innenminister Alexander Dobrindt im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland:
“Ich kann Forderungen nach einem Boykott der Fußball-WM nicht nachvollziehen. Ich habe nämlich noch sehr genau in Erinnerung, wie die Debatten um die Fußballweltmeisterschaft in Katar liefen, und habe schon damals die Meinung vertreten: Spielt Fußball und hört auf, zu versuchen, Politik zu machen. Das wäre auch mein Ratschlag für all diejenigen, die sich mit dem Thema jetzt beschäftigen.”
Er ergänzte allerdings, dass das Vorgehen von ICE “befremdlich” und in Deutschland “undenkbar” sei.
Annalena Baerbock (Grüne), ehemalige Außenministerin der Ampel und mittlerweile Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen, ebenfalls zitiert im Redaktionsnetzwerk Deutschland:
[Ich halte nichts davon, ] notwendige politische Debatten auf dem Rücken von Sportlerinnen und Sportlern auszutragen, die jahrelang auf eine Meisterschaft hingearbeitet haben.”
Der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer betonte, ein Boykott sei “nicht der richtige Weg”, denn:
“Politische Auseinandersetzungen sollte man auf politischer Ebene austragen und den Sport entsprechend den Sport sein lassen.”
Aydan Özoğuz (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, auf Anfrage des NDR:
“Es geht erstmal darum, zu klären: Können Fans ohne Probleme in die USA einreisen? Werden sie womöglich von der Straße weg inhaftiert? Das sind Dinge, die wir täglich sehen. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass es für alle eine Sicherheit gibt (…) Wenn man die Diskussion mit einem Boykott beginnt, macht man jedes Gespräch kaputt, und das wäre nicht gut.”
Auf sportpolitischer Ebene genügt ein Blick auf ein UEFA-Treffen in der vergangenen Woche. Die Verbandsvertreter trafen sich in Brüssel, eine Diskussion über einen WM-Boykott gab es nicht. FIFA-Präsident Gianni Infantino hatte ebenfalls einen Auftritt und durfte über die WM als “Symbol für Einheit und Solidarität” sprechen.
Für den deutschen Fußball sprach DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig im Rahmen eines Sportkongresses darüber.
“Ich würde mich sehr freuen, wenn wir aus den Händen von Herrn Trump den WM-Pokal bekommen würden und Weltmeister werden, um zu zeigen, wie stark die Mannschaft nicht nur auf dem Platz, sondern auch für das Einsetzen von Demokratie und auch anderen wichtigen Themen sich engagiert. (…) Das, was dort (Anm. d. Verf.: in den USA) im Innenverhältnis an menschenverachtenden Dingen getan wird, darüber brauchen wir nicht diskutieren, das kann niemandem gefallen. Aber es ist für uns aus der Ferne schwierig, zu innenpolitischen Themen Stellung zu beziehen. Es ist nun mal eine Demokratie. Wir sind da am Ende gut beraten, jetzt in der Phase ja tatsächlich auch mal innezuhalten und dann zu sehen, wie sich die weitere Entwicklung darstellt. Nur loszupoltern, das bringt jetzt nichts.”
Rettig hat durch seine neue Position im Maschinenraum des DFB eine bemerkenswerte Wandlung hingelegt, nachdem er im Vorfeld der WM 2022 in Katar als vehementer Kritiker an den Eigeninteressen der FIFA und dem Gastgeber am Golf geäußert hatte (mehr dazu bei der Frankfurter Rundschau (Abre numa nova janela)).
Der erste Satz aus dem Zitat, ausgesprochen vom DFB-Geschäftsführer, dürfte in Zukunft wie ein Mahnmal in die Geschichte eingehen. Was Trump und sein Gefolge zuhause und weltweit anrichten, ist maximal gefährlich – egal ob innen-, außen- oder klimapolitisch (Abre numa nova janela).
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Wir haben gerade erst Mitte Februar. Was bis zum ersten Spiel oder gar bis zum Finale der WM passieren wird, weiß niemand. Dass sich die Sache zum Guten wendet, ist ausgeschlossen. Rettigs Satz dürfte deshalb zurecht herausgekramt werden, selbst wenn die deutsche Nationalmannschaft nicht Weltmeister wird.
Bundesregierung, UEFA, DFB: Es ist offensichtlich, dass die Idee, die WM in welcher Form auch immer zu boykottieren, ruhen soll. Auffallend ist, dass die ehemaligen oder aktuellen Regierungsmitglieder von “politischen Auseinandersetzungen” und “Debatten” sprechen, wenn es in Anbetracht der gegenwärtigen Situation in den USA um einen möglichen WM-Boykott geht. Der Sport solle der Sport bleiben, so liest es sich heraus, Politik bleibe eben Politik – und in diesem Rahmen sollen Gespräche, Diskussionen, Auseinandersetzungen und Debatten stattfinden.
Die Frage ist allerdings, warum die Bundesregierung versucht, die sportpolitisch interessierte Öffentlichkeit damit zu sedieren. Dass politische Diskussionen mit den USA stattfinden, ist nur in Spurenelementen wahrnehmbar. Es ist einfach, den Sport auszublenden und darauf zu verweisen, dass man mit dem Orange-Weißen Haus immer und ohne Pause in Kontakt stehe – doch was ist die klare Entgegnung nach der Rede von Rubio in München?
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte vor Rubio auch seinen Auftritt gehabt, in seiner Rede war der Sauerländer deutlich auf Distanz zu den USA gegangen. Europa müsse sich aus der Abhängigkeit befreien und selbstständiger werden, sagte Merz. Die Erkenntnis, dass sich “zwischen Europa und den Vereinigten Staaten eine Kluft, ein tiefer Graben aufgetan” habe und der “Kulturkampf der MAGA-Bewegung nicht unserer” sei, ist alles andere als neu – nach mehr als einem Jahr in Trumps zweiter Amtszeit hat sie der Bundeskanzler aber zum ersten Mal ausgesprochen.
Einerseits: Dass klare Worte lange auf sich haben warten lassen, kann als diplomatische Taktik beurteilt werden. Andererseits: Was folgt, wenn die Bundesregierung weiterhin Augen und Ohren vor dem verschließt, was in den USA derzeit passiert? Die USA führen einen Angriff auf die europäische Demokratie und es ist entscheidend, dass Deutschland mit klarer Haltung auftritt und sich nicht wegduckt.
Die Süddeutsche Zeitung (Abre numa nova janela) hatte vor einigen Tagen einen Artikel veröffentlicht, in dem davon die Rede war, dass sich Deutschland derzeit “munitioniere”, um im nächsten Konflikt mit den USA nicht wieder mit leeren Händen dazustehen. Im Text heißt es: “Merz hat sich deshalb von seinen Beamten eine Liste erstellen lassen, die einmal aufzeigen soll, in welchen Bereichen nicht etwa Deutschland auf die USA, sondern die USA auf Deutschland angewiesen sind. Offenkundig will der Kanzler darüber im Bilde sein, welche Druckmittel ihm im Falle eines Kräftemessens zur Verfügung stünden.”
Von Industrieprodukten bis Medizintechnik – die Liste möglicher Druckmittel ist lang. Auch der Zugang zum europäischen Markt für US-Tech-Giganten sei eine Möglichkeit, schreiben die Autoren. Unrealistisch, dass das Thema Sport darin auch auftaucht.
Mailand: Bei den Olympischen Winterspielen in Italien haben Athletinnen und Athleten aus den USA ihre Stimme erhoben, um Trumps Politik in der Heimat zu kritisieren. Zum Beispiel Kelly Pannek, Eishockeyspielerin aus Minnesota, mit bewegter Stimme, noch vor Beginn der Spiele:
“Was mich am meisten mit Stolz erfüllt, ist, dass ich Zehntausende Menschen repräsentieren darf, die an einigen der kältesten Tage des Jahres auf die Straße gehen, um für ihre Überzeugungen einzustehen und zu kämpfen.”
Ein weiteres Beispiel: Chris Lillis, Ski-Freestyler.
“Ich bin untröstlich, wenn ich sehe, was in den USA passiert. Als Land müssen wir uns darauf konzentrieren, die Rechte aller zu respektieren und sicherzustellen, dass wir unsere Bürger sowie alle anderen mit Liebe und Respekt behandeln.”
Athlet*innen sind, anders als vom DFB behauptet, doch zu einer politischen Meinung fähig. Das gilt auch für Wladyslav Heraskewytsch, Skeletoni aus der Ukraine. Auf seinem Helm waren Porträts von 24 ukrainischen Athlet*innen, die im Krieg ihr Leben verloren hatten.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte den Helm für regelwidrig erklärt und Heraskewytsch daraufhin von den Wettbewerben ausgeschlossen. Was ihm aber gelungen war: Der grauenhafte Angriffskrieg, den Russland gegen die Ukraine führt, war auch bei Olympia ein großes Thema – obwohl das IOC gleichzeitig auch russische Athlet*innen zugelassen hatte.
Die Wintersportler*innen aus den USA und der Ukraine haben dazu beigetragen, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung der Gedanke verfestigt hat, dass der Sport trotz aller gegenteiligen Behauptungen sehr wohl eine politische Angelegenheit ist.
Was lernen wir aus den vergangenen Tagen? Bundesregierung und DFB erachten einen WM-Boykott als nicht zielführend, sie wollen Konflikte politisch austragen. Klar, ein Boykott wäre nichts weiter als Aktivismus, aber es ist gleichzeitig genauso falsch, alles, was Trump anrichtet, stoisch und kommentarlos hinzunehmen. Einige oben angeführte Zitate erwecken den Eindruck, als wäre es total sinnvoll, alles mit cooler Abgezocktheit zu kommentieren.
Es scheint dringend notwendig (und darauf kann offenbar nicht oft genug hingewiesen werden), dass sich Deutschland die Frage stellen muss, wann eine Grenze gezogen wird.
Welcher Übergriff, welche Grenzüberschreitung von Trump führt dazu, dass Deutschland sich aus dem Schatten der USA herauslöst? Und welche Konsequenzen hätte das für den Sport? Die Fußball-Weltmeisterschaft ist schon sehr bald. Ein Gewitter beginnt schon gleich. Das zweite ist mit den Olympischen Spielen in LA schon in der Ferne erkennbar.